Wir stellen den Lada auf den abgeschlossenen Parkplatz und begeben uns mit den wichtigsten Utensilien für die Übernachtung in unser Hotelzimmer, in eines der oberen Geschosse. Das Zimmer mit Bad ist einfach eingerichtet und sauber. Was uns auffällt: Das Radio hat einen Wackelkontakt, sonst haben wir nichts zu bemängeln.
Es ist schon spät, doch Renate ist nicht kleinzukriegen: „Ich habe Hunger, wollen wir noch in den Shop, zu einem Imbiss?“
Wir finden auch gleich den winzigen Raum mit den Lebensmittelregalen. Und tatsächlich, hinter der Theke steht eine „Frau im Dienst“. Renate schaut sich um, entdeckt Brot, Sahne, Käse, Soleier und Krebsfleisch in der Dose. Ihr Blick bleibt bei den Champagnerflaschen hängen: „Was meinst Du, ist es uns die erste Nacht in einem ukrainischen Hotel wert, ein Glas Krimsekt zu trinken?“
So endet dieser erste Abend in der Sowjetunion für uns Dresdner Autotouristen mit einem kleinen Fest, bei ukrainischem Weißbrot, russischer Sahne, Krebsfleisch und Krimsekt. Und schon am nächsten Morgen geht die Reise nach der vorgegebenen Route weiter. Unser nächstes Ziel ist Kiew.
Vor uns liegt eine Strecke von 550 Kilometern, es ist 7.00 Uhr, als wir unser Auto starten. Die Fahrt führt uns auf einer breiten Autostraße über Rowno und Schytomyr in die Hauptstadt der Ukraine. Wir durchqueren weite fruchtbare Landstriche, nur wenige Wälder, unendliche Ebenen. Es ist ein warmer, sonniger Tag, und wir lassen uns viel Zeit.
Abbildung 18: Sophienkathedrale in Kiew.
Irgendwo, unterwegs, als wir eine kleine Brücke überqueren, biegen wir rechts ab und finden an einem kleinen Flüsschen einen Platz für den LADA. Das Wasser ist kristallklar, und die Einzelheiten des Grundes sind bis in eine Tiefe von mehr als eineinhalb Metern deutlich zu erkennen. Winzige Fischchen lassen sich in der Uferzone ausmachen, Gründlinge vor einem Teppich von grünen Ranken der Wasserpest, die sich im Spiel der Wellen leicht bewegen. Das saftige Grün einer bunten Wiese erstreckt sich bis zum Ufer des Flusses, wo in größeren Abständen kleine Büsche und eine Trauerweide, deren Zweige den Wasserspiegel fast berühren, ihren Platz gefunden haben.
Renate ist begeistert von so viel landschaftlicher Schönheit. Sie steht schweigend am Ufer, mit Tränen in den Augen. Nachdem sie aus ihrer andächtigen Stimmung aufgewacht ist, wendet sie sich mir zu und meint: „Hier bleiben wir eine Weile. Ich will ins Wasser, um zu baden!“
Sie zieht sich ihren Badeanzug an und steigt in den Fluss. Das Wasser reicht ihr bis zum Po, sie kann nur plantschen, aber nicht schwimmen. Ich prüfe die Temperatur mit der rechten Hand, und das Gefühl der Kälte lässt mich erzittern. Doch Renate meint nur: „Herrlich, dieses Wasser, klar und kühl!“
Als meine Liebste ihr Bad beendet hat, empfange ich sie mit einer Tasse heißem Kaffee, den ich inzwischen auf dem Reisekocher zubereitet habe. Wir hocken im Grase, am Ufer des Flusses und nehmen dieses Erlebnis als einen wundervollen Vorboten für all das, was wir noch auf unserer Reise erleben sollen.
Gegen Mittag erreichen wir Korez, eine Kleinstadt in der Ukraine. Am Marktplatz treffen wir auf eine Gaststätte, sie macht einen einladenden, sauberen Eindruck. Beide sind wir recht hungrig aber auch neugierig auf den ersten Besuch in einem einfachen nationalen Restaurant des Landes. Etwas Sorge haben Renate und ich, ob wir das Auto unbeaufsichtigt verlassen können. Zu viel hatte man uns davon erzählt, dass die Scheibenwischer gern abmontiert und gestohlen würden. Doch wir entschließen uns, den LADA vor dem Restaurant zu parken und die Gaststätte zu betreten. Unsere Mittagsmahlzeit ist ein ukrainischer Borschtsch und je eine Scheibe Weißbrot. Zweimal schaue ich nach unserem LADA, doch niemand kümmert sich um ihn. Er steht unberührt da, wie wir ihn verlassen haben.
Gegen 17.30 Uhr erreichen wir das Motel „Prolisok“, es liegt am westlichen Stadtrand von Kiew. Die Anmeldung vollzieht sich reibungslos. Wir erhalten unser Zimmer, machen uns frisch und begeben uns in die Gaststätte des Motels zum Abendessen. Alle Tische sind eingedeckt, die Gäste lassen sich an den Fingern einer Hand abzählen. Aus der Speisekarte, die uns der Kellner vorlegt, wählen wir Stör nach russischer Art: „Осетр русский стилъ!“ Und keinesfalls bedauern wir unsere Wahl. Es ist lecker, was uns der Kellner nach einer knappen halben Stunde serviert. Dazu trinken wir einen Schoppen Weißwein von der Krim.
Am nächsten Tag ist eine Stadtrundfahrt mit dem INTOURIST Reiseleiter im eigenen Fahrzeug gebucht. Meist haben wir das Glück, dass bei diesen Exkursionen der Reiseleiter im eigenen Auto, neben mir als Fahrer, seinen Platz einnimmt. Auch diesmal ist es so, doch hat er heute noch ein zweites Fahrzeug zu betreuen, das uns begleitet. Wir müssen also an den wichtigen Punkten der Stadt halten und in kleiner Gruppe seinen Erläuterungen lauschen. Die Gesamtstrecke, die wir bei unserer Stadtrundfahrt in Kiew bewältigen, sind 60 Kilometer, - teilweise bei einem chaotischen doch recht toleranten Stadtverkehr. Als störend empfinde ich die ständige Huperei der Fahrer auf den Straßen, schon beim geringsten Anlass.
Abbildung 19: Eingangstor zur Festung Brest-Litowsk.
Die Fahrt geht über die Magistrale, den „Krestschatik“, zum Höhlenkloster „Petscherska Lewra“ mit dem Besuch der Katakomben, zur alten Uspenski-Kathedrale, zur Sophienkathedrale mit ihrer wundervollen Wandmalerei, zum Goldenen Tor, zur Andreaskirche, zur Wladimir Kathedrale, zum Kunstmuseum, zum Dnjepr-Hügel, mit einem weiten Ausblick auf den gewaltigen Fluss, zur Roten Universität, den Denkmälern von Bogdan Chmelnezkyj und Taras Schevschenko sowie zum Heldenfriedhof. Hier erleben wir den Besuch eines Brautpaares mit seiner Hochzeitsgesellschaft, das seinen Blumenstrauß niederlegt. Alle paar Minuten wechseln sich die Paare ab, immer wieder steht eine neue Hochzeitsgesellschaft andächtig am Memorial.
Ende Juni 1979 starten Renate und ich zur Fahrt auf die Krim. Bei der Anreise bietet uns Zbyschek in seinem Warschauer Haus für eine Woche Unterkunft. Inzwischen ist er als Englischlehrer in der Erwachsenenbildung tätig. Einen besseren Stadtführer hätten wir nicht finden können. Mit ihm erkunden wir das Stadtzentrum, insbesondere den Warschauer Altmarkt, besuchen an einem sonnigen Sonntagvormittag ein unvergessliches Klavierkonzert im Łazenki-Park, fahren mit Zbyscheks winzigem Polski Fiat hinaus zum Palastmuseum Wilanów und in die Umgebung von Warschau.
Unsere eigentliche Reiseroute beginnt mit dem Grenzübergang Brest-Litowsk. Diesmal klappt alles schnell, reibungslos und ohne alle Probleme. Bereits früh um acht Uhr, nach zwei Stunden Fahrt, kommen wir am Übergang an und brauchen dem Grenzer nur die Papiere vorzuzeigen. Der schaut uns prüfend ins Gesicht und lässt uns weiterfahren. Wir verweilen noch einige Augenblicke bei den äußeren Festungsanlagen am Bug und befinden uns schon Minuten später auf der Weiterfahrt nach Minsk.
Für 1980 hatten wir schon im Vorjahr das Sonderprogramm für Mittelasien beantragt. Die Route mit dem Grenzübergang Shaginia war seit Monaten in unserer Hand, doch wenige Tage vor der Abreise erhielten wir vom Reisebüro der DDR eine Nachricht: Wir sollen durch die Tschechoslowakei und nicht durch Polen anreisen und uns am vorgesehenen Tag am Grenzübergang Ushgorod melden, dort würden wir die neue Route ausgehändigt bekommen. Der Grund für diese Umleitung war klar: In Polen war die freie Gewerkschaft Solidarność gegründet worden, die Danziger Werftarbeiter trugen Lech Wałęsa auf ihren Schultern. Es war der Aufstand ausgerufen worden und der Ausnahmezustand.
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