Abbildung 11: Reise als Autotouristen über den Goldenen Ring, im Jahre 1982.
Ein letzter Weg war notwendig, nämlich der zur Notenbank. Drei unterschiedliche Währungen mussten eingetauscht und in bar mitgeführt werden: CSSR Kronen (100 Kcs – 33,16 M), Polnische Złoty (100 Zł – 12,99 M) und Sowjetische Rubel (100 Rbl – 320 M). Und man musste sich vor allem auch über die zu erwartenden Kosten informieren, im Schwerpunkt auf die Benzinpreise. Sie lagen im Jahre 1978 in der VR Polen, 94 Oktan, bei 18,00 Zł/l, in der CSSR, 96 Oktan, bei 7,50 Kcs/l und in der UdSSR, 95 Oktan, bei 0,20 Rbl/l.
Am Vorabend erreichte das Reisefieber seinen Höhepunkt. Noch bis zum gleichen Nachmittag hatten wir gearbeitet, denn wir mussten unsere Urlaubstage für die langen Fahrten bis auf die letzte Minute nutzen. Nun, zur Abreise, sollte die Spannung von uns abfallen, das aber war nicht so ganz einfach. In der letzten Nacht Ruhe zu finden, - unmöglich! Meist fuhren wir um Mitternacht oder wenig später los, einmal gar schon vorher, am späten Abend. Noch auf den Straßen der DDR und in Polen ließen wir uns viel Zeit, legten kürzere oder auch längere Ruhepausen ein, hielten an, um uns am Wegesrand einen Kaffee aufzubrühen oder gar, um eine oder zwei Stunden im Auto zu schlafen.
Einen Vorteil hatte die sehr frühzeitige und ausgedehnte Vorbereitungsetappe: Man war fast ein Jahr innerlich im Reisefieber und konnte sich ausführlich mit der Fahrtroute und den Etappenzielen auseinandersetzen. Ein knappes Jahr vor der jährlichen Autoreise wählten wir unseren Lesestoff gezielt nach dem Reiseprogramm aus. Dabei vertieften wir uns nicht nur in geografische Karten, Atlanten und Reiseführer der verschiedenen Verlage, sondern lasen historische Abhandlungen, Biografien und Reisebeschreibungen, unter anderem die Memoiren Katharina II., Alexander Dumas Bücher „Reise durch Russland“ und „Gefährliche Reise durch den wilden Kaukasus“ sowie Alexander Puschkins Werke „Der Gefangene im Kaukasus“ und „Die Fontäne von Bachtschissaraj“.
Während der Fahrten und Exkursionen erinnerten wir uns an das Eine und Andere, was wir in der Vorbereitung gelesen hatten, die Erläuterungen der Reiseführer ergänzten und erneuerten unsere Erinnerungen an das Gelesene. Renate hielt das aktuelle Erlebnis in Notizen und ich hielt es im Bilde fest. An unterschiedlichen Stätten und Orten stieß man oft auf die gleichen historischen Namen und Zusammenhänge, so zum Beispiel in Samarkand aber auch im tausende Kilometer entfernten Tbilissi auf Timur Leng, in Susdal, Wladimir, in Südrussland und Bachtschissaraj auf das Volk der Tataren. So bildete sich mit der Zeit ein zusammenhängender Überblick, gewissermaßen ein System von historischem Wissen.
Für die Zeit nach der Rückkehr hatten wir genügend Material für eine Auswertung der Reise. Hauptziel war jeweils ein etwa eineinhalbstündiger Bildervortrag. Nun, im Nachhinein, bei der Auswertung der Notizen und Ansicht der Bilder, wurde all das, was in den Wochen vorher auf uns eingestürmt war, in seinem Zusammenhang deutlich, alle die vielen Erlebnisse, Bilder, Ansichten, Aspekte, Betrachtungen und Erläuterungen.
Anreise und Grenzübergänge
Ende Juli 1978, bei unserer ersten Reise in den Kaukasus, starten wir um Mitternacht in Dresden und sind bereits um 1.40 Uhr am Grenzübergang in Görlitz. 50 km nach Wroclaw übermannt uns die Müdigkeit. Pausen sind unbedingt notwendig, das wissen wir von unserer Reise nach Bulgarien, als sich unsere Anspannung während der ersten Stunden in einem Unwetter freigesetzt hatte. Eine fünfwöchige Autofahrt mit einem Ehekrach zu beginnen, das konnte gefährlich werden.
Nach zwei Stunden Schlaf im Auto, am Wegesrand, setzen wir die Fahrt fort, und am frühen Morgen, als die Sonne über dem Horizont aufgestiegen ist, haben Renate und ich alle Gereiztheit überwunden. Wir erfreuen uns im Bewusstsein der vor uns liegenden wunderbaren Fahrt über die Höhen der Waldkarpaten, durch die unendlichen Steppengebiete der Ukraine, über die Weichsel, den Dnjepr, die Wolga, hin zum Kaukasus, nach Transkaukasien, zum Schwarzen Meer, zur Kaukasischen Riviera und auf die Krim.
Für die Anreise durch Polen, Tschechien und die Slowakei ist es gut, Freunde zu haben, bei denen man Station machen und übernachten kann. Dadurch ist es möglich, die Grenze bei Brest, Shaginia oder Ushgorod bereits in den frühen Morgenstunden zu passieren, und so erspart man sich eine Übernachtung in der Sowjetunion. Wir können uns Zeit lassen, uns auf die langen Fahrtstrecken in der Union vorbereiten und touristische Ziele besuchen, auf die wir uns in der Vorbereitung orientiert haben.
Abbildung 12: Die Tuchhallen am Krakauer Marktplatz.
Im Sommer 1977 hatten wir in den Masuren ein polnisches Ehepaar aus Katowice kennengelernt. Im Juli 1978, bei der ersten Anreise in die Sowjetunion, ist ihre Hochhauswohnung unser Ziel. Bereits gegen zehn Uhr sind wir dort, doch die Wohnungseigentümer treffen wir nicht an, sie befinden sich irgendwo im Urlaub. Eine Nachbarin überreicht uns die Schlüssel. Wir können uns eine Weile ausruhen und haben dann viel Zeit für den Besuch des weiträumigen Kulturparkes zwischen Katowice und Chorzów. Wir erkunden ihn, dahinschwebend in der Gondel einer Seilbahn, über gewaltige Dinosaurier aus Stahlbeton hinweg, mit dem Blick auf weite Blumenrabatten und einen ausgedehnten Gondelteich mit Wasserrutschbahn.
Bereits um neun Uhr am folgenden Tag erreichen wir Krakau. Auch hier haben wir genügend Zeit und Muße für einen ausgedehnten Spaziergang durch den Wawel, zu den Gebäuden der Universität, für den Besuch des Domes, der Palastkapelle und Königsgräber, der Marienkirche und des Glockenturmes.
Unangenehm ist, dass Renate und ich auf dem Platz vor den Tuchhallen alle paar Minuten, meist von jungen Männern, aber auch von jungen Frauen, angesprochen werden. Wir ignorieren die Versuche zum illegalen Geldtausch, weil uns die betrügerischen Manipulationen bekannt sind. Doch einem kleinen Burschen drücken wir einen Złoty für Taubenfutter in die Hand. Bevor wir unsere Fahrt am frühen Nachmittag in östliche Richtung fortsetzen, füttern wir noch fix die Krakauer Tauben auf dem Marktplatz, vor den Tuchhallen.
Abbildung 13: Kilometerlange Autoschlange am Grenzübergang Shaginia.
Unser nächstes Ziel ist Dukla, am Rande der Beskiden, 13 km entfernt vom Grenzübergang in die Slowakei. Am Rande der Straße dehnen sich kleine Felder, junge Mädchen hüten ihre Kühe, alte Omas versuchen als Tramper ein Fahrzeug anzuhalten, schwangere Frauen hocken an den Haustüren und neu erbaute Häuschen schmücken die Ortschaften.
Um 16.00 Uhr treffen wir in Dukla ein und finden auch gleich die uns von meinem Warschauer Freund Zbyschek angegebene Adresse. Ein polnisches Ehepaar, Zahnärzte, mit der Praxis im eigenen Haus, begrüßt uns in aller Herzlichkeit: „Die Freunde von Zbyschek sind auch unsere Freunde!“
Zbigniew hatte ich Mitte der 60er Jahre, während der Leipziger Messe, kennengelernt. Als Student der TU Dresden besserte ich in den Semesterferien bei Messetourist Leipzig mein Stipendium auf. Als ich meine Reisegruppe aus Polen am Bahnhof in Empfang nehmen wollte, kam mir ein junger Mann entgegen, etwa dreißig Jahre alt: „Guten Tag! Ich bin ihr polnischer Reiseleiter. In welcher Sprache wollen wir miteinander reden: Deutsch, Polnisch, Englisch oder Französisch?“
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