Abbildung 1: GAI-Posten an einer Autostraße in der Ukraine.
Von den sogenannten GAIs hatte man uns vor unseren ausgedehnten Fahrten durch die Sowjetunion unglaubliche Geschichten erzählt. Sie würden in ihren Kanzeln am Schreibtisch hocken, mit dem Feldstecher jedes sich nähernde ausländische Fahrzeug aufmerksam fixieren, dessen Kennzeichen notieren und dem nächsten Posten weitermelden. Auf den Fahrstrecken in der Sowjetunion haben wir sicher einige Hunderte von GAIs passiert, jedoch nie deutete ein Anzeichen darauf hin, dass uns eine außergewöhnliche Aufmerksamkeit geschenkt worden wäre. Wie in allen Berufsgruppen gab es auch unter ihnen solche, die schlafend am Schreibtisch ihrer Kanzel hockten, sich mit irgendjemandem unterhielten oder sich anderweitig beschäftigten. Natürlich erlebten wir auch solche, die ihre dienstlichen Obliegenheiten ernst nahmen, unsere Fahrt aufmerksam verfolgten und vielleicht auch das Kennzeichen notierten. Angehalten und kontrolliert wurden wir insgesamt nur zwei oder drei Mal, nur einmal hatten wir größere Schwierigkeiten.
Im Sommer 1982, unterwegs von Moskau nach Wladimir, wurden wir bei Elektrostal, noch im Moskauer Bezirk, von einem GAI-Posten gestoppt und kontrolliert. Unangenehm war das insofern, weil wir wenige Tage vor der Abreise auf unseren havarierten LADA hatten verzichten müssen. Er war noch in unseren Unterlagen vermerkt, doch wir fuhren einen geliehenen Moskvich. Dieser Widerspruch fiel natürlich dem kontrollierenden Offizier auf. Er begab sich mit den Unterlagen in seine Hütte und führte ein Telefongespräch, vermutlich mit der Grenzstation Brest. Dort hatte man bei der Einreise unsere Papiere kontrolliert und den Widerspruch in den Reiseunterlagen geklärt. Eine knappe halbe Stunde verging, bis wir den Posten verlassen und weiterfahren durften.
Abbildung 2: Landesmarke am ehemaligen Grenzübergang der Sowjetrepubliken Ukraine und Moldawien.
Die Verkehrspolizisten an den Überlandstraßen waren in Abständen von etwa zehn bis fünfzig Kilometern, in Hochständen am Straßenrand, stationiert, meist an Plätzen, die einen weiträumigen Überblick über den Straßenverlauf in beide Richtungen gestatteten. Mehrere zwei bis drei Meter hohe Pfeiler trugen eine geschlossene Kanzel, deren vorderer Teil, zur Straße hin, nach drei Seiten verglast war. Die hintere Kanzelhälfte bildete meist einen kleinen abgeschlossenen Raum. Die Bezeichnung für diese Ordnungshüter war übernommen von der Benennung ihrer übergeordneten staatlichen Einrichtung. GAI (ГАИ) war die Abkürzung der Staatlichen Autoinspektion, einem Organ des Ministeriums für Innere Angelegenheiten der Sowjetunion, das für die Sicherheit des Straßenverkehrs verantwortlich war.
Am Rande der Überlandstraßen in Russland sind GAI-Posten noch immer präsent, ebenso in der Ukraine und in Weißrussland. Hier blieb die alte Abkürzung "ГАИ" als Begriff ebenfalls erhalten. In Kasachstan wurde die Verkehrspolizei in eine "Reisepolizei" umgebildet. In den anderen ehemaligen Sowjetrepubliken, jetzt souveräne Staaten, existieren GAIs in der ehemaligen Form nicht mehr.
Anfang September 1980 führte unsere Fahrt einige Kilometer am Prut entlang. Etwa 40 Kilometer hinter Tschernowzy, in der Ukraine, wurde die Grenze zu Moldawien durch einen riesigen Schriftzug auf einem Betonsockel angekündigt. Unmittelbar rechts verlief in etwa 500 Metern die Grenze zu Rumänien. Hier, am Dreiländereck, hatte ein GAI-Posten seinen festen Platz.
Mir kam plötzlich eine ganz verrückte Idee: Wenn ich hier fotografieren wollte? Was würde geschehen? Noch nie hatte ich mich getraut, an einer GAI-Hütte anzuhalten und Bilder zu machen.
Etwa fünfhundert Meter, bevor wir die Kanzel erreichten, hielt ich am rechten Straßenrand, auf dem Sommerweg, an. Zu Renate gewandt, meinte ich: "Bitte steige doch mal kurz aus und laufe in Richtung GAI-Hütte, während ich hier ein oder zwei Bilder mache. Verwickle den Mann in ein Gespräch, meinetwegen frage ihn auch, ob wir ein Foto machen dürfen!"
Alles verlief wie vorausgesehen: Der Polizist kam Renate entgegen. Die beiden trafen sich auf halbem Wege und unterhielten sich, während ich die GAI-Station - etwas heimlich und verdeckt - fotografierte.
Abbildung 3: Achtunggebietendes Denkmal eines Autowracks am Straßenrand.
Und das waren Renates Worte, als sie zurückkam: "Also, wir sind hier an der rumänischen Grenze und dürfen auf keinen Fall fotografieren, meinte der GAI. Ansonsten war er sehr freundlich und zuvorkommend. Als ich ihm erzählte, wir würden noch bis Kiew fahren und dann nach Mittelasien fliegen, blieb ihm vor Erstaunen der Mund offen stehen. Voller Hochachtung wünschte er uns alles Glück dieser Welt für unsere Reise!"
Auf diese Weise kam ich in strengsten Sowjetzeiten zum Bild einer GAI-Station an einem ganz kritischen Standort, unmittelbar am Dreiländereck Ukraine-Moldawien-Rumänien. Ebenso zu einem Foto des Betonblocks mit der Kennzeichnung des Grenzüberganges von der Ukraine nach Moldawien.
Ein anderes Mal sind wir unterwegs auf der scheinbar ins Unendliche führenden dreispurigen Chaussee zwischen Charkow und Rostow/Don. Rechts und links der Straße, ungehindert von irgendwelchen Bäumen, breitet sich vor unseren Augen die unendliche Steppe des Donezk Gebietes aus. Schnurgerade aufgereihte Baumgürtel, als Schutz für den fruchtbaren Erdboden gegen die erodierenden Steppenwinde, unterbrechen die bis zum Horizont überschaubare Ebene. Ab und zu zweigt ein schmaler, ungepflasterter Fahrweg ab in die grenzenlose Weite, seltener eine roh betonierte Landstraße. Oft lassen sich diese Wege als schmale Streifen bis zu den weiß gekalkten Häusern und Ställen eines Dorfes verfolgen. Malerisch liegt es eingebettet zwischen den sanften Hügeln der Steppe.
Renate, auf dem Beifahrersitz, schaut mich so merkwürdig an. Ich kenne diesen Blick. Unwillkürlich kontrolliere ich den Tacho. Er zeigt mir eine Geschwindigkeit von 120 Kilometern in der Stunde. Das ist viel, - zu viel in der Sowjetunion.
Schon wenige Kilometer danach, kurz vor Artemowsk, nähere ich mich einem Lastkraftwagen, beladen mit allen möglichen und unmöglichen Gegenständen: Kisten, Rollen, Bretter, eiserne Kohleöfen und zerschlissenes Mobiliar. Auf der Ladefläche ein wüstes Durcheinander, kreuz und quer, ohne Ordnung, ohne Regeln, ohne Sicherheit, wie man das häufig auf den Überlandstraßen der Sowjetunion erlebt. Dabei ist der Anteil von Lastwagen im Vergleich zu den PKWs auf diesen Straßen besonders hoch.
Wieder einmal vernehme ich Renates schon oft wiederholten Seufzer: „Ich kann keine LKWs mehr sehen!“
Sie erinnert sich an einen fürchterlichen Unfall bei unserer ersten Einreise in die Sowjetunion. Damals war eine gewaltige Rolle Druckereipapier vor uns auf der Landstraße von der Ladefläche eines Hängers gepurzelt und hatte den Lada vor uns samt Fahrer und Beifahrer plattgewalzt. Seither habe ich mir angewöhnt, diese übel beladenen Lastwagen in rasendem Tempo zu überholen, mit einer Beschleunigung, die mein Fahrzeug gerade noch hergibt.
Abbildung 4: Autostraße und Landschaft zwischen Minsk und Smolensk.
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