Auch diesmal wieder nähere ich mich rasch einem mit allerlei Eisenteilen beladenen Laster, der sich merkbar schwerfällig die ansteigende Straße aufwärts schleppt. Von oben ist noch kein Gegenverkehr in Sicht, und so überhole ich mit etwa 110 Stundenkilometern den hoch beladenen Straßenkreuzer.
Im Kopf immer noch das Bild eines von gewaltigen Druckpapierrollen plattgewalzten Lada, bin ich froh, wieder einmal so glatt vorbei- und davongekommen zu sein, als ich oben von einem GAI mit erhobener Kelle abgestoppt werde. Er hatte meinen Überholvorgang am Berg beobachtet, war aus seiner Kanzel gestiegen und erwartet nun den Verkehrssünder.
Was ich bisher auf den vielen tausend Kilometern sowjetischer Autostraßen erlebt und von den einheimischen Fahrgewohnheiten gelernt hatte, war Folgendes: "GAI" ist ein Zauberwort, es macht die wildesten Fahrer urplötzlich sanft und friedlich. Kaum erblicken sie in der Ferne, am Straßenrand, eine GAI-Hütte, schon drosseln sie ihre Geschwindigkeit und schlängeln sich in langsamer Kolonne am Hochstand vorbei. Dieser Respekt vor dem GAI ist auch mir gewissermaßen spontan und automatisch in Fleisch und Blut übergegangen. Ich bin also nun, während ich aussteige, innerlich gar nicht so locker und unbefangen, wie ich erscheinen mag.
Der GAI ist etwas überrascht vom deutschen Autokennzeichen am russischen Lada. Ich habe den Eindruck, dass sich in dieser Überraschung eine gewisse Spannung auflöst und zunehmender Freundlichkeit Platz macht. Ich hüte mich also, auf dieses Entgegenkommen nicht einzugehen. So bleibt es zum Glück bei einer Ermahnung, ohne dass ich zur Kasse gebeten werde. Das würde unserem knappen Vorrat an Rubeln sicher auch nicht gut bekommen.
Ich vermute, dieser uniformierte Vertreter der Sowjetmacht ist eher begierig zu erfahren, wer ihm da aus dem Lada entgegen kommt, als dass er seiner Dienstpflicht formal genügen möchte. So weist er mich auch nicht mit aller Strenge auf mein Vergehen, das Überholmanöver am Berg bei zu hoher Geschwindigkeit, hin, sondern ermahnt mich wohlwollend und gestenreich, - so, als wolle er sich mit mir in ein freundschaftliches Gespräch einlassen. Ich erspare mir also die schon zurechtgelegte selbstkritische und kleinlaute Entgegnung in lückenhaftem Russisch und beantworte seine aufgeräumten Fragen nach dem "Woher" und "Wohin".
Ganz aus dem Häuschen ist der Mann, als ich ihm eröffne, wir sind aus Dresden. "Ich habe in der Dresdner Division gedient", ruft er freudestrahlend, "am Weißen Hirsch war ich stationiert!"
Abbildung 5: Streckenübersicht der zugelassenen Routen für die Autotouristik in der damaligen Sowjetunion
Als wir uns verabschieden, lenkt er noch einmal meine Aufmerksamkeit auf ein gewaltiges Schild am Straßenrand: Ein Bild mit Kindern in Überlebensgröße ist zu erblicken, warnend ruft eines der Kinder: "Papa, bitte denk an uns!"
Beim Anblick der riesigen Hinweistafel fällt mir ein anderes Bildwerk ein, das wir erst vor wenigen Stunden passiert hatten. Da stand eine natürliche technische Skulptur am Rande der Straße, ein zertrümmerter Lada auf hohem eisernem Podest, darunter in fetten Buchstaben der Hinweis: "РЕЗУЛТАТ ПРЕВЫШЕНИЯ СКОРОСТИ И НАРУШЕНИЙ ПРАВИЛ ОБГОНА: УБИТО 4, РАНЕНО 2" - "Ergebnis überhöhter Geschwindigkeit und eines Verstoßes gegen die Überholvorschriften: 4 Tote, 2 Verletzte!" Drastischer und praxisbezogener kann man es einem Kraftfahrer am Straßenrand nicht deutlich machen, mit welchen Folgen er bei undiszipliniertem Fahren zu rechnen hat.
Standard- oder Sonderprogramm
Es war in der DDR nicht ganz so einfach, eine Urlaubsreise zu buchen, wie wir sie uns vorgestellt haben. Fast ein Jahr zuvor musste sie beim Reisebüro über die Gewerkschaftsleitung des Betriebes beantragt werden. Man schwankte über viele Monate in der Unsicherheit, ob der Bescheid positiv ausfallen würde. Vor den Reisen waren wir fast ein Jahr lang im Reisefieber, immer im Zwiespalt zwischen freudiger Erwartung und ärgerlichem Fatalismus. Und tastsächlich mussten wir es erleben, dass uns auch eine Reise abgeschlagen wurde.
Erst wenige Wochen war es 1986 her, dass wir wieder zu Hause angekommen waren, und schon lag vor uns das Formblatt eines Antrages mit der Überschrift: „Bestellung einer Sonderreise außerhalb des vorliegenden Standardprogramms“.
Bereits im Oktober mussten wir unser Vorhaben über die Gewerkschaft beim Dresdner Reisebüro anmelden. Nachdem man uns das Bestellformular übergeben hatte, sind wir am 20. November 1986 dabei, die neue Tour für den August 1987 zu beantragen, ein Dreivierteljahr vor Reisebeginn.
Abbildung 6: Übersicht des nicht genehmigten Streckenantrages 1987.
Seit langem haben wir es aufgegeben, uns über die endlosen Vorlaufzeiten zu wundern oder uns gar zu echauffieren. Wir trösten uns mit dem Gedanken, so hätten wir reichlich Gelegenheit, die Vorfreude auszukosten und unsere großartigen Erinnerungen mit dem zu Erwartenden zu verknüpfen. In den vorangegangenen Jahren legten wir in der Sowjetunion eine Strecke zurück, die nahezu einer Erdumrundung entspricht. Meist waren wir mit dem Auto unterwegs und hatten von den Zwischenstationen im Lande aus Abstecher mit Flugzeug, Schiff oder Eisenbahn unternommen. Nach der ersten großen Reise 1978 durch die unendliche Weite des Landes zog es uns immer wieder dorthin. Jährlich bis zu fünf Wochen tourten wir über die Landstraßen, doch am Ende zog es uns immer wieder mit aller Ungeduld heim. Jeder Reisende kennt das besondere Gefühl, wenn es nach vielen einzigartigen Erlebnissen wieder heimwärts geht.
Im Herbst 1987 sitzen wir wieder einmal vor den Antragsunterlagen des Reisebüros. Wo soll es hingehen? Aserbeidschan, Dagestan und das Kaspische Meer kennen wir noch nicht, und den Kaukasus wollen wir unbedingt noch einmal besuchen. Mit Begeisterung erinnern wir uns an die Tour von 1978. Acht Jahre sind seitdem vergangen, und wieder zieht es uns mit Macht zur grusinischen Heerstraße, über den Kreuzpass, nach Ossetien, in die Kolchis und zur Kaukasischen Riviera. Die Planung ist nicht kompliziert, wir müssen nur ein Sonderprogramm beantragen, das die Autotour über den Kaukasusring mit den Flugstrecken nach Baku und Machatschkala kombiniert.
Doch würde man uns die Reise genehmigen? Ich bin skeptisch, hatten wir doch schon in den vorangegangenen Jahren zweimal eine Absage bekommen. Die Gründe glaube ich zu ahnen: Es ist unsere Weigerung, die Kosten für eine durch das sowjetische Reisebüro INTOURIST verschuldete Abweichung von der vertraglich vereinbarten 82er Tour nachzuzahlen. Doch hoffen wir immer noch auf eine Zusage, immerhin hatten wir unseren Antrag über die Betriebsgewerkschaftsleitung der Arbeitsstelle an das Reisebüro weitergeleitet. Wir verweigern uns einfach dem Gedanken, dass wir ein Leben lang wegen eines begründeten Einspruches von allen Autoreisen durch die Union ausgeschlossen würden.
Ungeduldig warten wir auf Antwort. Monate vergehen, bis endlich gegen Anfang Februar ein angekreuzter Kartenvordruck im Briefkasten liegt: „Bestellung Sonderprogramm nicht möglich!“ Dazu keine Begründung, kein Bedauern, kein Ausweichangebot. Die Enttäuschung ist groß.
Abbildung 7: Absage des Reiseantrages 1987 durch das Reisebüro der DDR.
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