Er wollte am Liebsten auf der Stelle wieder umkehren und den gesamten Weg, den er heute schon gegangen war, absuchen. Genau in diesem Moment läutete die Glocke zum Unterricht und er war gezwungen, seine Suche auf später zu verschieben.
Diesmal konnte es Maxl gar nicht erwarten, dass die Stunden bis Mittag endlich vergingen. Nur gut, dass der Unterricht an diesem Tag mehr einer Weihnachtsfeier glich - konzentrieren konnte er sich nämlich nach diesem Zwischenfall bestimmt nicht mehr. Immer wieder dachte er wehmütig an seine Wunschzettel und dass diese jetzt ganz bestimmt einsam und verlassen irgendwo in einer dunklen Ecke, wo sie niemand mehr im Leben finden würde, lagen.
Auch die selbst gebackenen Plätzchen und Lebkuchen, welche die Lehrerin heute verteilte, konnten ihn nicht aufheitern.
Als die Glocke endlich die lang ersehnte letzte Unterrichtsstunde beendete, stürzte der Junge Hals über Kopf aus der Schule. Er suchte alle Stellen des Weges, an denen er heute schon vorbeigekommen war, gründlich ab, doch sehr zu seinem Bedauern blieb der Wunschzettel unauffindbar.
Zu Hause angekommen, schüttete der Kleine seiner Mutter seinen ganzen Kummer und seine Befürchtungen über die wahrscheinlich ausfallende Bescherung aus.
Diese fing laut zu lachen an und nahm Maxl, dessen Augen tränengefüllt waren, ganz fest in die Arme.
»Ach mein kleines Dummerl Du!« , schmunzelte sie, während sie ihn an sich drückte. »Weihnachten fällt doch nicht aus, nur weil man seinen Wunschzettel verloren hat. Ich glaube, dass das Christkind auch so ganz genau weiß, was sich ein Junge in Deinem Alter wünscht und was gut für ihn ist! Meinst Du nicht?«
Das konnte sich der Kleine nun aber überhaupt nicht vorstellen und schüttelte ganz verzweifelt den Kopf. »Wie soll denn das Christkind wissen, was ich will, wenn es keinen Spickzettel von mir bekommt, wo alles draufsteht? Bei soviel Kindern auf dieser Welt kann es sich doch nicht alles merken, wer irgend etwas bei ihm per Wunsch bestellt hat und wer nicht. Ich glaube, das wird nichts mehr, vor allem, weil mein Spezl der Schorschi gemeint hat, dass die Abgabefrist vom Wunschzettel jetzt schon vorbei ist und das Christkind dieses Jahr keine Aufträge mehr annehmen kann. - Das wird dieses mal ganz schon fad unterm Weihnachtsbaum aussehen, weil wahrscheinlich gar nichts darunter liegen wird!«
Die Mutter musste laut auflachen und schüttelte vor Belustigung den Kopf.
Das konnte der Bub jetzt aber ganz und gar nicht verstehen, dass er in seinem Kummer auch noch ausgelacht wurde. Ganz verstohlen und traurig zog er sich in sein Zimmer zurück.
Die folgenden zwei Tage sah man den Jungen ganz missmutig in der Gegend rumhängen. Immer noch ging es ihm nicht aus dem Kopf, warum ausgerechnet er seinen Wunschzettel verloren hatte. Das seine Schultasche schon lange altersschwach war wusste er, aber dass ausgerechnet sein Wunschzettel, an dem er ganze 2 Wochen schwer daran gearbeitet hatte, diesem Zustand als erstes zum Opfer fiel, war schon ein schwerer Schlag. Einen Tag länger hätte der Ranzen doch schließlich auch noch halten können. Hätte er nur ein Schulbuch verloren, wäre es für den Jungen leicht zu verschmerzen gewesen - es gab schließlich noch mindestens 1000 andere davon. Aber das weltweit einzige Exemplar seines Wunschzettels kam für ihn schon fast einem Weltuntergang gleich. Jetzt musste er wieder ganze 12 Monate warten, bis er einen Neuen abgeben konnte. Von der vielen Schreibarbeit ganz zu schweigen.
Als er am Vorweihnachtsabend ins Bett hüpfte, schöpfte er - nach mindestens zwei dutzend Bestätigungen seiner Mutter, dass das Christkind ihn wegen des verloren gegangenen Wunschzettels bestimmt nicht vergessen würde - doch noch ein bisschen Hoffnung. Vielleicht, so dachte er bei sich, würde ja doch nicht alles ganz so schlimm werden, wie er erst befürchtet hatte.
Mit Gedanken an das Christkind und dem Wunschzettel schlief der Junge ein.
Im Traum erschien ihm der Schulweg wieder und er sah sich, wie er zum Himmel schauend auf dem schneeverwehten Weg dahin stapfte und ab und zu einen Schneeball warf. Als er begann, einen ziemlich großen Schneeball zu formen, riss plötzlich sein Schulranzen an der Unterseite auf und der Wunschzettel rutschte - wie zufällig - heraus auf die Straße.
Plötzlich erschien hinter ihm ein sich blitzschnell bückender Schatten, der das Schriftstück aufhob und so schnell, wie er gekommen war auch wieder unbemerkt und unerkannt verschwand. Nichtsahnend setzte der Junge seinen Schulweg unbeirrt fort.
Als Maxl am nächsten Morgen erwachte, war er ziemlich verunsichert. »War das alles nur ein Traum, oder hat sich das wirklich so zugetragen?« , fragte er sich leise. Dann könnte es ja durchaus sein, dass er den Zettel vielleicht gar nicht verloren hatte; der Schatten war vielleicht das Christkind und holte sich auf diesem Weg seinen Wunschzettel!
Aber so recht überzeugt war er davon nicht.
Am Weihnachtstag ging es bei Maxl recht hektisch zu und sein Traum war schnell wieder vergessen.
Gleich nach dem Frühstück musste er mit seinem Vater den Christbaum schmücken, die Krippe aufstellen, seiner Mutter beim Backen helfen und beim Metzger für den Abend noch ein paar Würste abholen. Ehe er sich versah, war es später Nachmittag und es wurde Zeit, sich für die Weihnachts-Kindermesse bereit zu machen.
Als Maxl und seine Eltern die kleine Dorfkirche betraten und die aufgebaute Krippe mit dem Jesuskind darin liegen sahen, kam dem Jungen schlagartig die Erinnerungen der letzten Tage wieder in den Sinn. Er stellte sich vor die liegende Heilandfigur und schaute es mit weit aufgerissenen Augen an. »Bitte« , flüsterte er der Figur flehend zu, »vergiss mich bei der Bescherung nicht, weil ich doch meinen Wunschzettel verloren habe! Bitte, bitte, bitte!«
Seine Eltern schauten sich an und schmunzelten vergnügt, als sie diese leisen Worte von Maxl hörten.
Die ganze Kindermesse über dachte der Kleine an nichts anderes mehr, als an seinen verloren gegangenen Wunschzettel und die Geschenke, die ihm wahrscheinlich dadurch entgehen würden.
Auf dem Heimweg begann es leicht zu schneien.
Kaum zu Hause angekommen, fanden die drei - ganz zur Überraschung von Maxl - die Türe zur Stube verschlossen vor.
» War das Christkind etwa doch da? «, fragte der Kleine ganz ungläubig. »Es hat doch meinen Wunschzettel gar nicht bekommen! - Oder vielleicht doch?«
Die Eltern zucken ihre Schultern. »Lassen wir uns einfach überraschen, wenn die Türe aufgeht! Aber das dauert ja eh noch eine Weile!«
Schlagartig war der Bub wieder ganz aufgeregt und voller Hoffnung. Konnte es sein, dass da vielleicht doch irgend etwas für ihn vom Christkind unter den Baum gelegt worden war?
Er fieberte ganz nervös der Stunde der Bescherung entgegen.
Endlich war es soweit. Im Radio erklang »Stille Nacht« und von irgendwo her hörte man eine Glocke läuten. Ganz neugierig drückte Maxl den Türgriff zur Stube herunter, um zu testen, ob die Türe nicht vielleicht doch schon aufgehen würde.
»Das Zimmer ist ja schon offen« , rief er aufgeregt, als sich diese einen Spalt breit bewegte. »Wir können endlich rein zum Schauen!«
Mit viel Elan öffnete er die Türe und blieb mit großen Augen wie angewurzelt stehen, als er die vielen Geschenke unter dem Christbaum erblickte.
»Da stehen ja Päckchen mit meinem Namen drauf!« , lachte er begeistert. »Dann hat mich das Christkind also doch nicht vergessen!«
Voller Freude stürzte er sich auf die Geschenke und begann mit dem Auspacken.
»Was soll ich denn damit anfangen?« , wunderte sich Maxl, als er das erste Paket öffnete und ein Abenteuerbuch herausholte. »Das habe ich mir ja gar nicht gewünscht!«
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