Er hob sein Glas, lächelte sie an und sagte sanft: „Was würde ich nur ohne dich machen?“
Das schöne war: Er würde es nie erfahren.
„Auf uns. Das ist der beste Todestag meines Lebens!“
Die nächsten 17 Jahre würden großartig werden – und nichts konnte das verhindern!
„Also, was haben wir da?“ fragte Captain Lee und beugte sich zu dem Bildschirm herunter.
„Das ist… etwas merkwürdig“, meinte der Navigator.
„Sonst hätten Sie mich doch wohl nicht bei meinem verdienten Schlaf gestört, oder?“
„Sie haben geschlafen, Sir?“
„Wie spät ist es, Pispers?“
„Drei Uhr morgens?!“
„Ja, da hab ich geschlafen. Also was ist so wichtig, dass es mitten in der Nacht meine Aufmerksamkeit erfordert?“
Was eine, zugegebenermaßen, recht altertümliche Redewendung war. Zumindest, wenn man sich auf einem Raumschiff befand. Denn um sie herum herrschte eigentlich ewige Nacht und auch die Einhaltung einer Art traditionellen Tag-Nacht-Rhythmusses war im Weltraum nur bedingt sinnvoll. Auf einem Planeten spielte sich das Meiste am Tage ab, das war man so gewöhnt. Aber wenn man mit einem Schiff zwischen den Sternen herumschipperte, dann wurden feste Uhrzeiten schlichterdings unmöglich. Es war… kompliziert.
Was zum Beispiel, wenn man Londons Hauptstadt besuchte?
Dort war es 15 Uhr Ortszeit.
Die Uhrzeit an Bord mochte aber 1 Uhr nachts sein. Dann hatte man schon Probleme mit der Zeitumstellung.
Flog man um 15 Uhr von dort ab mit 1 Uhr Schiffszeit, traf man vielleicht auf Oxford um 4 Uhr in der Nacht ein.
Aber an Bord war es dann 17 Uhr.
Zeit war relativ und sie wurde durch das Herumreisen durch den Raum noch weit relativer. Und Unfälle oder, was jedoch sehr selten vorkam, Angriffe von anderen Schiffen, würden sich auch nicht daran halten, welche Uhrzeit gerade auf dem Schiff herrschte, auf dem sie passierten. Tag und Nacht waren also reine Tradition, für eine Arbeit im Weltraum waren sie aber in der Tat eher hinderlich. Doch der Körper brauchte sie.
„Tut mir leid, Sir.“
„Na macht ja nichts. Also was haben Sie für mich?“
„Eine Sonne.“
„Hab schon mal eine gesehen.“
„Es ist mehr ihre Position als ihre…“
„Farbe?“ versuchte der Captain zu helfen.
„Zum Beispiel.“ Pispers lächelte aufgeregt und deutete auf den Bildschirm. „Sehen Sie, wir sind hier.“ Er gab ein paar Dinge ein und schon entstand auf der Brücke des Schiffes ein schönes Hologramm. Ihr Schiff befand sich am äußersten Rand der Galaxis. Oder vielmehr an einem davon. Die Galaxie war eine Spirale mit vielen Armen und sie hatten einen kleinen Abstecher an den Rand eines dieser Arme gemacht, um herauszufinden, ob es dort irgendetwas Interessantes gab. Bisher waren sie leer ausgegangen, aber das hatte sich möglicherweise gerade geändert. „Und die Sonne ist… hier.“ Der Navigator gab etwas ein und die Ansicht des Spiralarms verkleinerte sich. Sie wurde kleiner und kleiner und dann endlich erschien ein kleiner Punkt, irgendwo im Nichts.
„Was?“ zischte der Captain.
„Die Sonne liegt weit außerhalb unserer Galaxis“, erläuterte Pispers. „Irgendwo in der Leere zwischen den Galaxien.“
Lee starrte das Hologramm fasziniert an.
„Mitten im Nichts?“
„Mitten im Nichts, Sir“, lächelte der Navigator.
„Ist sie Teil unserer Galaxie?“
„Ich glaube nicht, Captain. Ich habe noch zu wenige Daten, um das mit Sicherheit sagen zu können, aber ich würde vermuten, sie ist Teil keiner Galaxie. Sie ist ganz für sich allein und bewegt sich in ihrer eigenen Bahn. Möglich, dass sie mal zu einer der Galaxien gehört hat und im Laufe der Jahrmilliarden abgedriftet ist. Aber im Moment…“
„…ist sie einsam da draußen.“
„Ja, Sir.“
Captain Lee lächelte. Das war tatsächlich eine interessante Entdeckung.
Im Laufe der nächsten Tage versuchte die Besatzung, so viele Informationen über die einsame Sonne zusammenzutragen, wie das von ihrer Position möglich war. Das Ergebnis war ein wenig unzufriedenstellend.
„Also, was haben wir?“
Pispers seufzte enttäuscht.
„Mehr nicht?“
„Nicht viel mehr, Sir“, murmelte er müde. Seit er die Sonne entdeckt hatte, hatte er wenig Zeit mit Schlafen verschwendet. Umso enttäuschter war er, dass sich ihr Wissen sehr in Grenzen hielt. „Die Sonne liegt in der Leere zwischen unserer und ein paar anderen Galaxien. Aber…“
„Aber was, Pispers?“
„Aber das hilft uns auch nicht besonders.“ Der Navigator zuckte die Schultern. „Sehen Sie, wenn sie weiter weg läge, quasi in der Mitte des Leerraums, dann wäre sie ein phantastischer Zwischenstopp. Man könnte dort einen Außenposten errichten und ihn als Sprungbrett in andere Galaxien benutzen.“
„Aber?“
„Von unserer jetzigen Position brauchen wir etwas über zwei Jahre, um die Sonne zu erreichen. Wenn wir mit höchster Geschwindigkeit fliegen.“
Zwei Jahre war eine lange Zeit – aber nicht lang genug, da hatte Pispers recht. Und damit waren nicht Lichtjahre gemeint, sondern ein vielfaches davon. Man war in der Lage, sich mit recht hohen Geschwindigkeiten zu bewegen, die die Lichtgeschwindigkeit vergleichsweise langsam wirken ließen – was sie, in galaktischen Dimensionen, auch war. Entfernungen, die über bestimmte Weiten hinausgingen, gab man daher nicht mehr in Lichtjahren an, sondern man berechnete die Reisezeit bei Höchstgeschwindigkeit, damit man eine ungefähre Vorstellung davon hatte, ob sich die Reise lohnen würde oder nicht. Wenn die Sonne also nur zwei Jahre von ihrer Galaxie entfernt war, brauchten sie immer noch ein paar Jahrzehnte, um die nächstgelegene Galaxie zu erreichen, bestenfalls. Wäre sie zehn Jahre entfernt gewesen, oder 20, dann hätte sie vielleicht einen Wert für sie gehabt. Aber so?
„Ja, da haben Sie recht, von dem Standpunkt ist sie für uns wertlos“, stimmte Lee zu. „Hat sie denn Planeten?“
„Es ist sehr schwierig, auf diese Entfernung Daten zu bekommen. Das, was wir ausgewertet haben, deutet darauf hin, dass es einen Planeten gibt.“
Immerhin etwas.
„Ich arbeite daran, seine Größe und Umlaufbahn zu berechnen.“
„Gut, machen Sie weiter damit.“
„Und dann, Sir? Legen wir es zu den Akten?“
„Oh nein, Pispers, Sie haben eine Sonne entdeckt und die sollte doch wohl nach ihrem Entdecker benannt werden, oder?“
Der Navigator wurde rot.
„Und da es im Moment unsere Aufgabe ist, herauszufinden, ob es hier draußen irgendwas gibt, werden wir der Sonne einen kleinen Besuch abstatten.“
„Was, Sir?“
„Okay, nicht wir direkt, die Admiralität wäre sicher ein bisschen ungehalten, wenn wir uns für vier Jahre vom Dienst verabschieden und einen kleinen Abstecher in die unendlichen Weiten der unendlichen Weiten machen. Aber wir werden eine Sonde da rausschicken. Wenn es wirklich einen Planeten gibt, dann wird irgendjemand wissen wollen, ob man ihn ausbeuten kann.“
Die nächsten Schritte stellten sich als überraschend kompliziert heraus.
„Wir schicken eine Sonde?“
„Dafür sind die Dinger ja da.“
„Wo ist dann das Problem?“
„Wofür die Dinger nicht da sind. Und das sind derart hohe Geschwindigkeiten.“
Eine gewöhnliche Sonde würde weit länger als die zwei Jahre brauchen, die ihr Schiff zu der einsamen Sonne unterwegs wäre. Prinzipiell war das egal, weil sie sich dort eh keine großen Entdeckungen erhofften, aber andererseits wollte man auch wissen, womit man es zu tun hatte und wenn man da mehr als zehn Jahre auf erste Informationen warten musste, war das ein bisschen deprimierend.
„Aber ich habe eine Idee“, lächelte der Captain.
„Und die wäre?“
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