Frank dachte nach. Er wusste, wie er alt er war. Oder er konnte es zumindest ausrechnen. Er wusste, wann er geboren war, also… aber eigentlich spielte das keine Rolle. Wichtig war, wie lange ihm noch blieb. Und das waren 17 Jahre, auf den Tag genau. 17 Jahre, in denen er machen konnte, was er wollte.
Ein Grinsen umspielte seine Lippen. Es hatte durchaus auch eine Menge Vorteile, wenn man wusste, wie viel Zeit einem noch blieb. Man konnte sein Leben völlig anders gestalten. Der Tod war keine Unbekannte mehr, er war fester Bestandteil des Lebens, ein Zielpunkt, auf den man hinarbeiten konnte. Es gab keinen Grund mehr, sich jahrelang mit irgendwas herumzuschlagen, in dem Unwissen, wann das alles endlich vorbei sein würde. Man wusste, wann es vorbei sein würde. Und wenn man den Rest seines Lebens in Saus und Braus verbringen wollte, dann konnte man das tun, denn man wusste, wie lange der Spaß noch anhalten würde.
Auch die Marktwirtschafstabteilung hatte die Veränderung auf Oxford mit Freude aufgenommen. Ihr Plan, wenn sie denn einen gehabt hatte, war aufgegangen. Die Menschen feierten wieder – und nicht zu knapp. Was früher „mit steigendem Alter“ geheißen hätte, war heute ein „mit nahendem Tod“, oder, wie es in einer alten, leider nicht vergessenen Sprachform hieß: „Je oller je doller.“ Was bedeutete, dass man als junger Mensch stark feierte, weil man eben ein junger Mensch war und die feierten halt gerne – aber auch, je näher das Ende rückte. Hatte man auf anderen Welten des Imperiums mit steigendem Alter keine Lust mehr, seinen Jahrestag zu feiern, so war das auf Oxford anders. Man wusste, wie wenig Zeit einem noch blieb, also wollte man die voll auskosten. Je älter man wurde, und je näher man seinem Abtrittstermin kam, umso wilder wurden die Feiern. Fast so, als gäbe es kein morgen – was ja nur bedingt richtig war. Man wollte das Leben in vollen Zügen genießen – oder in den letzten Zügen. Fast schien es so, als gingen die Menschen auf Oxford leichter in den Tod als auf anderen Planeten, denn nur wenige verbrachten ihre letzten Stunden auf dem Sterbebett oder in irgendeinem Krankenhaus, viele gingen mit einem guten Gefühl – und einem relativ hohen Blutalkoholspiegel. Das Leben, so sagte man, wurde dadurch wertvoll, dass es endlich war – aber es wurde für die meisten leichter dadurch, dass sie genau wussten, wann dieses Ende kam.
Frank war eine der wenigen Ausnahmen. Er hatte als Kind die falschen Bücher gelesen und empfand den Tod als eine Gefahr. Während sich die anderen an ihrem Todestag ihres Lebens freuten, sah er nur die wenige Zeit, die ihm noch blieb. Es war eine tickende Uhr, deren Ticken er nicht aufhalten konnte. Er steckte in einer Falle, ohne Ausweg. Der Sensenmann wusste, wann er ihn abholen sollte und er würde da sein, soviel stand fest. Nichts konnte ihn aufhalten, nichts würde ihn aufhalten. Worin andere eine Chance sahen, war für Frank ein Gefängnis, ein Weg des Unausweichlichen, ein Schicksal, dem er nicht entkommen konnte.
„Wollen wir nun feiern oder nicht?“ wollte Marnie wissen und wedelte mit der Flasche.
Er hätte eine Antwort auf diese Frage gehabt. Oder… eine darauf, wie es war, dem Schicksal eins auszuwischen. Denn es war nicht ganz ohne Grund, dass er der Sache mit dem sicheren Tod ein wenig kritisch gegenüberstand. Sie hatten einen guten Freund gehabt, Ingmar Pudelowski. Der war ein fröhlicher Knabe gewesen. Hatte das Leben geliebt. Und hatte sich einen Scheiß um sein Todesdatum geschert.
„Ist doch super“, hatte er gesagt und breit gegrinst, „das macht das Leben doch viel einfacher!“
„Wieso?“ hatte Frank gefragt.
„Weil dir doch alles egal sein kann“, kam es grinsend zurück. „Okay, du solltest kein Russisch Roulette spielen oder so was, denn es ist ja nicht so, dass das Ende des Lebens mit einer Zeitmaschine bestimmt wurde… oder?“
„Nein, wurde es nicht.“
„Na also“, hatte er fröhlich gerufen, „dann ist das einzige, was wir nicht tun dürfen, irgendwelchen Scheiß zu machen, den wir nicht kontrollieren können. Ich meine, wenn ich dank einer Zeitmaschine wüsste, dass ich erst in 43 Jahren sterben würde“, Ingmar hatte gerade seinen 43. gefeiert, er hatte also noch eine Menge vor sich, „dann könnte ich mir die Pistole an den Kopf setzen oder ohne Raumanzug aus dem Orbit springen, und wir alle würden wissen, dass mir das nichts anhaben könnte.“ Er tippte sich an die Stirn, eine Geste, die er mal in einem alten Film gesehen hatte. „Aber ich bin ja nicht blöd. Also mach ich son Scheiß natürlich nicht. Aber alles andere“, er griff nach einer Flasche, „kann mir nichts anhaben! Und darauf trink ich.“
Sie stießen miteinander an und Ingmar verbrachte drei Jahre in einem alkoholisierten Rausch, bis er unerwartet eine Treppe herunterfiel. Er fiel in ein Koma, aus dem er nicht mehr erwachte. Man hielt seinen Körper noch 40 Jahre bis zu seinem Todestag am Leben, so sah es das Gesetz vor.
„Ob er sein Leben so genießt?“ murmelte Frank.
Marnie seufzte nur. Immer an Franks Todestag kam dasselbe Thema auf. Geistig tot, aber künstlich am Leben erhalten. Ihr System war eben nicht perfekt. Obwohl es, wie sie fand, so manchen Vorteil bot. Besonders für Liebende. Es gab sogar die entsprechenden Kennenlernpartys dafür. Dort lernte man nicht Leute im gleichen Alter wie man selbst war kennen, sondern Leute mit dem gleichen Todesjahr. Und wenn man sich in einen davon verliebte, dann wusste man, dass man wahrscheinlich bis ans Ende zusammen sein würde, weil man im gleichen Jahr starb. Natürlich hatte das auch schon zu sehr merkwürdigen Paarungen geführt, wenn der Bräutigam 40 Jahre älter war als die Braut – aber andererseits konnte man ihr dann nicht vorwerfen, dass sie ihn nur wegen seines Geldes heiratete. Wenn Geld in dieser Gesellschaft noch eine Rolle gespielt hätte.
Sie schniefte. Dies war auch immer einer der beiden Tage im Jahr, wenn sie sich eingestand, dass sie Frank etwas vorgelogen hatte. Sie hatte ihm immer das Gefühl gegeben, dass er weniger Jahre vor sich hatte als sie. Doch das stimmte nicht. Sie hatte über ihr Todesdatum gelogen. Doch irgendwann würde ihn ein weiterer Schlag treffen, der noch mehr zu seiner Deprimiertheit beitragen würde. Sie hatte ihm gesagt, sie wäre 21, aber in Wirklichkeit war sie 5. Sie würde also 12 Jahre vor ihm sterben – und sie wusste, dass ihm das sehr zu schaffen machen würde. Aber noch mehr würde es ihm zu schaffen machen, wenn sie es ihm früher gestehen und er die nächsten fünf Jahre daran knabbern musste. Ach, dachte sie manchmal, wenn es doch eine Medizin dagegen geben würde. Aber die gab es nicht. Es gab keine Heilung für den Tod. Er war die eine Konstante im Universum, die für alle galt.
„Na gut, feiern wir“, sagte Frank leise. Warum auch nicht? Er hatte noch 17 Jahre, die der Tod nicht an seine Tür klopfen würde, und wenn er sich nicht so blöde anstellen würde wie Ingmar, dann konnte er diese Zeit vielleicht auch genießen. Immerhin… Er sah Marnie an. Ja, immerhin hatte er eine schöne Frau an seiner Seite. Und er würde sie bis ans Ende lieben. Bis an sein Ende. Er würde sie nie verlieren, musste sich nie mit ihrem Verlust auseinandersetzen, musste sie nie betrauern. Es würde ihn zerstören, sie zu verlieren, das wusste er, denn sie war das einzige, das ihm ein bisschen Freude in sein Leben brachte – und Motivation, zu leben. Ohne sie hätte das alles noch weniger Sinn, als es ohnehin zu haben schien. Ohne sie… gab es keinen Grund mehr, zu leben.
Sie tat ihm ein bisschen leid, dass er vor ihr sterben und sie diesen Gefühlen aussetzen musste, aber vielleicht konnte er sie ja in 15 Jahren so schlecht behandeln, dass sie ihn hasste und sich von ihm trennte und dann konnte er in dem guten Gefühl sterben, ihr nicht weh getan zu haben. Zumindest nicht mit seinem Tod. Ja, gestand er sich ein, das war eine gute Idee. Ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. Das war es, das hatte er gebraucht: Ein Weg, wie er, einen Weg, warum er die nächsten 17 Jahre genießen konnte. Nun hatte er ihn gefunden. Das Lächeln wurde langsam breiter und Marnie sah ihn irritiert an. Ja, dachte er, das war der Knackpunkt gewesen, das Hindernis, aber jetzt hatte er das Problem gelöst. Er hatte einen Grund gefunden, warum er sein Leben von jetzt an wirklich genießen konnte, denn nun hatte er ein Ziel. Es war herrlich. Es war die Lösung. Es war perfekt. Kein Grund mehr, deprimiert zu sein.
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