Dieses Buch nun spielt in drei Zeitperioden... mit Ausflügen in andere. Das erste Buch deckt eine frühe Zeit ab, in der das Imperium noch recht jung ist, das zweite spielt etwa 200 Jahre später und das dritte spielt wiederum rund 200 Jahre später. Wobei im jeweils späteren Dinge aufgegriffen und ggf. weitergeführt werden, die in früheren passieren, alles hängt also miteinander zusammen, baut aufeinander auf und entwickelt sich weiter. Und hier und da gibt es einen Ausblick auf die Zukunft... die wir aus den „Legenden“ kennen.
Tatsächlich hatte ich zwischenzeitlich überlegt, ob ich „Abseits“ nicht in drei Bänden herausbringen sollte, da das dritte Buch mehr und mehr gewachsen ist und wenn ich wüsste, wer meine Leser sind, hätte ich sie gefragt, in welcher Weise es ihnen lieber gewesen wäre, aaaaaber Sie können sich selbst denken, wie dieser Satz zuende geht. So enthält dieser Band also Geschichten, die in den Jahren 2016, 2017 und 2018 entstanden sind.
Abschließend noch kurz zu dem, was Sie erwartet. Die „Legenden“ sind eine Art fließender Übergang zwischen Geschichtensammlung und Roman. Manches steht für sich allein, vieles baut aufeinander auf, gegen Ende fließt alles zusammen – und die Chronologie müssen Sie sich hinterher selbst ausrechnen. Bei „Vor dem Imperium“ gibt es drei Romane, die lose und extrem lose miteinander verknüpft sind – aber wenigstens sind sie chronologisch. Hier nun, im „Abseits“, haben wir etwas, das ich als eine Art literarische „Concept Art“ bezeichnen würde, wieder eine fließende Mischung aus Geschichtensammlung und Roman, bei denen viele gleichermaßen für sich selbst stehen wie auch Teil eines größeren Ganzen sind, Puzzlestücke, die am Ende ein größeres Bild in einem umfangreicheren Universum ergeben. Und es fließt etwas mehr Satire ein, als bei den andere beiden Büchern. So ist denn jeder Band anders und wenn Ihnen keiner davon gefällt, frage ich mich, warum Sie immer noch dieses Vorwort lesen!
Der Autor
Köln, Zentralplanet, 2016/2018 (n.E.)
Kleine Provinzen
Herzlichen Glückwunsch zum Todestag
Marnie küsste ihn auf die Wange.
„Der wievielte ist es noch mal?“ fragte sie.
„Mein 17.“, murrte Frank. „Oder ist es mein 16.?“
„Nein, wir haben letztes Jahr deinen 18. gefeiert, also ist heute dein 17.!“ Sie strahlte. „Du hast also noch ein Jahr mehr auf dem Buckel!“
„Na, wie ich mich da freue“, murmelte er. Die Kerzen auf der Torte stimmten nicht mit der Zahl seines Jahrestags überein, aber das störte ihn nicht weiter. Was ihn vielmehr störte war… Ja, was eigentlich?
In seiner Kindheit hatte er von einem merkwürdigen Brauch gehört, der in vielen Teilen des Imperiums noch immer praktiziert wurde und der aus der Frühgeschichte der Menschheit zu stammen schien. Und der, streng genommen, für ihn nie wirklich Sinn ergeben hatte. Da feierte man nämlich seinen „Geburtstag“, also den Tag, an dem man geboren worden war. Völliger Quatsch , hatte er schon als Kind gedacht, als er davon gehört hatte. Wo lag denn da der Sinn? Und vor allen Dingen, was konnte man denn dafür? Als hätte man selbst einen Beitrag dazu geleistet, geboren zu werden. Gut, an dem, was sie hier auf Oxford feierten, hatte man eigentlich auch keinen großen Anteil, aber irgendwie schien es doch vernünftiger zu sein, da es sich dabei immerhin um die Person drehte, um die es auch ging. Anders als bei diesem merkwürdigen Geburtstagsritual, denn da sollte man doch streng genommen nicht das Kind feiern, sondern die Mutter, die dieses Kind zur Welt gebracht hatte.
Möglicherweise war das der Grund gewesen, dass man, als man sich auf Oxford niederließ und eine Kolonie gründete, mit der Tradition brach und eine neue einführte. Da Oxford nach irgendeiner Schulstadt oder etwas ähnlichem benannt war, die Meinungen dazu gingen ein bisschen auseinander, da das Wissen über die Erde im Laufe des Imperiums bestenfalls schwammig geworden war, handelte es sich also um einen kleinen Außenposten, auf dem sich eine Vielzahl Wissenschaftler niedergelassen hatte. Und eine der Hauptrichtungen, die man hier verfolgte, war die Genetik. Die komplette Biologie des Menschen. Medizin, Vererbung, das ganze Programm. Man hatte mehr Geheimnisse über den menschlichen Körper entschlüsselt, als einem lieb sein konnte – und man hatte einen Weg gefunden, bestimmte Entwicklungen vorauszusagen. Oder eher vorauszuberechnen. Mit haargenauen Ergebnissen. Es gab Völker, zum Beispiel die immer ein wenig aufdringlich erscheinenden Schto, die den Oxforderianern unterstellten, sie hätten statt Biologie die Zeit studiert und heimlich eine Zeitmaschine entwickelt, die es ihnen ermöglichte, ihre „genauen Berechnungen“ zu machen. Doch so war es, ein wenig zum Unmut der Oxforderianer, die gerne einen Weg gefunden hätten, die Zeitmauer zu durchbrechen oder vielmehr einzureißen und sich damit neue Felder zu eröffnen, leider nicht. Sie waren hervorragende Wissenschaftler, aber eben nur Biologen und Genetiker. Und so war alles, was sie vollbrachten, eine Art genaue Karte eines menschlichen Lebens zu zeichnen. Nicht, welche Berufslaufbahn die betreffende Person einschlagen oder wen sie heiraten würde, aber doch, wann genau sie welche Krankheiten bekommen – und wann exakt sie sterben würde!
Am Anfang war man sich noch nicht ganz sicher gewesen. Hatte man wirklich das genaue Todesdatum des ersten Patienten bestimmt? Es schien so… unwahrscheinlich. Als gäbe es da nicht noch eine Menge anderer Faktoren. Wie zum Beispiel Krieg oder Streitereien, Ansteckung mit außerirdischen Geschlechtskrankheiten. Es gab immer Dinge, die einem die Statistik versauten. Doch nicht so auf Oxford. Der Planet lag ein wenig abgelegen, so wie eigentlich fast jeder Planet ein wenig abgelegen lag. Rege Zentren des Lebens, wo sich innerhalb weniger Lichtjahre gleich mehrere Planeten, die Leben beherbergen konnten, anhäuften, gab es nur wenige in der Galaxis. So musste man also immer Zeit investieren, selbst um seinen nächsten Nachbarn zu besuchen, und wenn das so war, überlegte man es sich zweimal, ob man ihm diesen Besuch auch wirklich abstatten sollte. So lag Oxford in der Ganges Provinz des Universums, der nächstgelegene Nachbar war ein Landwirtschaftsplanet mit kleiner Bevölkerung und wenig Reisedrang, dann gab es noch einen Schürfplaneten, auf dem man Metalle abbaute, um sie in die riesigen Schiffswerften von Dol Gulmur zu verschiffen und bis zur Hauptstadt der Provinz war es etwa 40 Lichtjahre hin, also auch da bestand wenig Aussicht auf einen Regen Verkehr. Das ermöglichte es Oxford, im Laufe der Jahre zu einem relativ in sich geschlossenen System zu werden, mit einer übersichtlichen Bevölkerung und wenig Einflüssen von außen. Was es den Wissenschaftlern wiederum ermöglichte, ebendiese ausbleibenden Einflüsse auszuschließen und zu dem Ergebnis zu kommen, dass ihre Ergebnisse vielleicht gar nicht so falsch waren.
Natürlich war Geduld einer der Hauptfaktoren, die zur Untermauerung dieser Theorie notwendig war. Aber die hatte man, und so sollte Dr. Wladimir Heinlein-Chow nie erfahren, dass er recht gehabt hatte – oder, er erfuhr es gewissermaßen „zwischen den Zeilen“. Als er auf seinem Sterbebett lag, um genau zu sein. Und zwar an dem Tag, für den er seinen Tod berechnet hatte. „Man wird mir nachsagen, ich habe Selbstmord begangen, um meine Theorie zu beweisen“, war der letzte Satz, den er hauchte, bevor er mit einem befriedigten Lächeln aus dieser Welt schritt. Womit er nicht ganz unrecht hatte, aber ein Team von Gerichtsmedizinern konnte keine Hilfsmittel in seinem Körper finden, die für den Tod verantwortlich gewesen sein könnten. Heinlein-Chow war eines natürlichen Todes gestorben – an genau dem Tag, für den er diesen Tod vorausgesagt hatte.
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