1 ...8 9 10 12 13 14 ...37 Der junge Pfleger ging in die angrenzende Küche, füllte sich einen Teller mit Eintopf und gesellte sich dann zu den am Tisch sitzenden. Guadalupe schien irgendwelche Probleme mit Insekten zu haben, denn ab und an schlug er um sich, um sie zu vertreiben. Linski widmete sich so sehr seinem Computer, dass er gar nicht mitkriegte, dass sein Teller seit einiger Zeit leer war und er sich nur noch leere Löffel in den Mund schob. Petrovic hielt den Blick gesenkt, aber hin und wieder, wenn er sich unbeobachtet glaubte, sah er zu Emilia hinüber und knurrte ein wenig. Lediglich Emilia war die Fleisch gewordene Freude. Sie plapperte und lachte fröhlich vor sich hin, nur in die Augen sah sie keinem der Anwesenden.
„Das ist natürlich alles schrecklich, was diese Leute erleiden mussten, aber auch, was sie getan haben, ich meine, Sie wissen doch, was sie getan haben, oder? Also vielleicht nicht bei jedem einzelnen, aber Sie sollten vorher mal in ihre Akten schauen, bevor sie sich mit ihnen einlassen, das kann nicht schaden, aber es macht einen auch traurig. Diese Leute waren mal normale Menschen wie Sie und ich und haben sich ihres Lebens gefreut auf diesem schönen Planeten und dann, Bumm, passiert was und alle verändern sich plötzlich, ohne, dass sie etwas dafür können, ich meine, es ist ja nicht so, als wäre es ihre Schuld.“
„ Könnten Sie vielleicht mal eine Minute still sein?“ schrie Dr. Linski unvermutet, dann schnaubte er, schnappte sich seinen Computer und verließ ohne eine weitere Bemerkung das Zimmer.
„Ja, vielleicht geh ich auch lieber“, stimmte Emilia ihm zu, „ich muss noch… in die Apotheke.“ Sprachs, sprang auf und lief hinaus.
„Ja“, sagte Petrovic nur und ging wortlos hinaus.
„Was?“ Dr. Guadalupe sah auf. „Oh, schon wieder?“ Er warf Huang einen Blick zu und zuckte mit den Schultern. „Das passiert öfter. Die Nerven liegen hier ein wenig blank. Vielleicht ändert sich das ja jetzt, wenn wir ein Paar Hände mehr haben, das uns die Arbeit abnimmt.“ Er erhob sich. „Ich muss noch mal ins Labor.“
„Ähm, die Patienten?“ wollte der junge Pfleger wissen.
„Ach ja, die. Habe ich Ihnen Ihre Sicherheitskarte gegeben?“
„Nein.“
Der Doktor kramte in den Taschen seines Kittels.
„Hier ist sie ja.“ Er stand auf und reichte sie Huang. „Damit kommen Sie in den Flügel mit den Patienten.“
„Darf ich da denn rein?“
„Aber natürlich, dafür sind Sie ja hier.“ Der Arzt lächelte. „Aber ihre Zellen… ihre Zimmer können Sie damit nicht öffnen. Das kann nur ein Arzt. Aus… Sicherheitsgründen.“
„Natürlich“, nickte Huang.
„Sehr schön.“ Der Doktor sah wieder auf seine Uhr. „Wir sehen uns dann morgen. Gute Nacht.“ Gedankenversunken ging er hinaus.
Huang beendete sein Mahl, brachte den Teller zurück in die Küche und sah sich dann in der großen Halle um. Irgendwie hatte er nicht das Gefühl, dass ihn jemand einarbeiten würde. Dazu schien es auch schlicht zu wenig Personal zu geben, vorausgesetzt, die Leute, die er bisher getroffen hatte, waren die einzigen Menschen, die hier arbeiteten. Eine Köchin musste es noch geben, aber die hatte für heute vermutlich schon Schluss gemacht.
Ein früherer Gedanke glimmte durch seinen Kopf. Experimente mit Patienten. Fast musste er lachen. Diese Leute wirkten nicht so, als würden sie mit Patienten experimentieren, also musste er sich da wohl keine Sorgen machen. Die Frage war, ob sie in der Lage waren, die Patienten gut zu behandeln oder ob sie sie vielleicht vernachlässigten? Nun, das ließ sich ja herausfinden. Er hatte viel über die merkwürdige Krankheit gelesen, die die Menschen von Rieka befallen hatte und er war neugierig, ob es wirklich so schlimm war, wie es in den Akten klang. Aber war er neugierig genug, dass er mit einer Beantwortung seiner Frage nicht bis zum Morgen warten konnte und jetzt, ohne jede Aufsicht oder Begleitung, in den Flügel mit den Patienten ging? Er war!
Wie ein Dieb sah er sich um, ob ihn auch niemand beobachtete, bevor er die Tür zum Patientenflügel öffnete. Seine Karte funktionierte, die schwere, vergitterte Tür ging auf. Schnell trat er hinein und schloss sie hinter sich. Dann kam ihm der Gedanke, ob er denn auch wieder herauskommen würde… aber neben der Tür befand sich ebenfalls ein E-Schloss, also musste er sich da wohl keine Sorgen machen. Langsam, vorsichtig, neugierig machte er ein paar Schritte in den Flügel. Es gab jede Menge Zimmer, Zellen, wie Dr. Guadalupe sie genannt hatte, nicht mit Türen, sondern mit Gittern verschlossen. Und in den Zellen befanden sich Menschen. Menschen… die gar nicht so verrückt wirkten, wie er gedacht hatte.
„Hallo?“ fragte ihn eine ruhige Stimme.
„Ja?“ fuhr er erschrocken zurück. Ein großer Mann stand am Gitter einer der Zellen und sah ihn an.
„Sind Sie… Björnson?“ fragte er.
„Was… woher?“
„Sie sind der neue Pfleger“, sagte der Mann nun.
„Aber… woher…“
„Ich habe Ihre Bewebung beantwortet.“ Der Mann sah Huang ruhig an. „Ich bin Dr. Linski!“
Huang musste schlucken. Das war…
„Ich weiß, Sie halten das für unmöglich“, nickte der Mann in der Zelle. „Und irgendwie ist es auch ein Klischee.“ Er lachte trocken. „Ich nehme an, Sie haben die Leute getroffen, die sich als Ärzte ausgeben?“
„Als Ärzte ausgeben?“ murmelte Huang zweifelnd.
„Ich fürchte, ja. Wir waren hier ein wenig überarbeitet und als wir einmal nicht richtig aufgepasst haben, weil wir übermüdet waren… haben ein paar der Patienten uns überwältigt. Und unsere Plätze eingenommen. Ich sagte ja, es ist ein Klischee.“ Er deutete auf die Zellen neben sich, in denen ein junges Mädchen, ein junger Mann und zwei reifere Herren erschienen. „Darf ich bekannt machen, Dr. Feinstein, Dr. Guadalupe, Pfleger Petrovic und unsere liebe Schwester Emilia.“
Huang sah zweifelnd von einem zum anderen. Das war…
„Ich weiß genau, was Sie jetzt denken.“ Der Mann in der Zelle seufzte müde. „Aber ist Ihnen das Verhalten dieser Menschen nicht selbst ein wenig merkwürdig vorgekommen?“
Wenn er ehrlich war…
„Ich bitte Sie, Björnson, sehen Sie sich die Akten an. Lesen Sie sie sich durch.“
„Und dann?“
„Dann überlegen wir, was wir als nächstes tun!“
Huang ging zurück in sein Zimmer. Das klang alles irgendwie… wahnsinnig! Aber das musste nicht heißen, dass es nicht wahr war. Vor allem, als er in den Akten auf vier Fälle stieß, auf die die Beschreibung der Leute, die ihn hier begrüßt hatten, nur zu gut zutraf. Und doch hatte er seine Zweifel…
Aber die waren zwei Tage später verschwunden. Die junge Krankenschwester hatte ihm eine kurze Einführung gegeben, während sie sich verschwörerisch zu ihm herüberbeugte, auf eine der Zellen zeigte und lasziv hauchte: „Vor dem müssen Sie sich in Acht nehmen, der frisst gern kleine Pfleger!“
Sie zeigte ihm, wo alles war und überließ es ihm dann, die Patienten mit Essen zu versorgen, während sie entschwand, wahrscheinlich in die Apotheke. Dem entspannten Zustand nach, in dem sie war, als er sie beim Mittagessen sah, war ihr Besuch dort ein voller Erfolg gewesen.
Dr. Linski bekleckerte seinen Computer mit Essen und schrie, dass er die Lösung gerade gelöscht hätte.
Dr. Guadalupe winkte nur ab und vertiefte sich in irgendwelchen Akten. Ein paar imaginäre Fliegen fielen seiner Hand zum Opfer.
Petrovic knurrte vor sich hin, als wäre er ein Hund, der gefüttert werden wollte. Emilia warf ihm ein Stück Fleisch hin und er verzehrte es wie ein hungriger Wolf.
Nur Dr. Feinstein ließ sich nicht blicken, wichtige Untersuchungen, angeblich.
„Früher“, rief Emilia, während sie sich vom Kronleuchter baumeln ließ, „gab es Schilder mit der Aufschrift: ‚Man muss nicht verrückt sein, um hier zu arbeiten, aber es hilft’.“ Sie lachte. „Man muss verrückt sein, um hier eingeliefert zu werden… aber das hilft nicht. Wir helfen. Wir helfen denen . Die sind total krank und kaputt und hinterrücks und gemein und lügen einem was vor und wir versuchen doch nur, ihnen zu helfen. Aber das kapieren die nicht, kapiern die einfach nicht, weil sie total irre sind und gemeingefährlich und wir sind ganz allein mit denen, weil uns niemand hilft. Niemand. Hilft. Uns. Nein! Aber jetzt bist du ja da, kleiner Börnsen, und jetzt wird alles guuuut und die Patienten werden alle heilllll und gesunnnnd und dann können wir nach Hause gehen und richtige Dinge tun.“
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