1 ...7 8 9 11 12 13 ...37 Der Pfleger musste lächeln. Ja, dachte er, viele Horrorgeschichten verloren von ihrer Gruseligkeit, wenn man sich mal Gedanken über sie machte. Das Institut vor ihm mochte aussehen wie eine Anstalt aus einem alten Horrorfilm, aber es war nicht mehr als ein Krankenhaus, in dem man versuchte, kranke Menschen zu heilen. Und wenn man mit ihnen grausame Versuche unternehmen sollte, dann war immer noch er da, um das zu verhindern. Frohen Mutes stapfte er auf das Hauptportal zu.
„Sie wünschen?“ fragte ein Mann in einer weißen Jacke, nachdem sich die Tür mit einem leichten Quietschen geöffnet hatte.
„Ich bin Ihr neuer Pfleger“, sagte Huang und reichte dem anderen seine Unterlagen. Auf dessen Gesicht bildete sich ein Lächeln.
„Herr Björnson, schön, dass Sie da sind“, rief er erfreut, „wir haben Sie nicht vor morgen erwartet.“
„Ich dachte, wo ich schon mal da bin, mache ich mich gleich auf den Weg hierher.“
„Ach, wenn doch nur alle so wären. Dr. Feinstein, Leiter der Pathologie“, stellte sich der Doktor nun vor. „Es gibt leider nicht viele Leute, die bei uns arbeiten möchten.“
„Warum?“
„Es scheint ihnen unheimlich zu sein. Eine mysteriöse Krankheit. Ein Krankheitsbild, das seit Generationen ausgestorben zu sein schien. Und doch haben wir hier Fälle davon.“
„Und Sie wissen noch immer nicht, was die Ursache dafür ist?“
„Unsere Doktoren scheinen kurz davor zu sein, das Geheimnis entschlüsselt zu haben, aber kommen Sie doch herein!“
„Danke.“
Huang trat über die Türschwelle und Dr. Feinstein schloss die Tür hinter ihm. Und verschloss sie anschließend.
„Wir sind eine Hochsicherheitseinrichtung“, erklärte er, „unsere Patienten sind sehr gefährlich.“
„Für sich und andere“, lächelte der Pfleger.
„Merkwürdigerweise nur für andere. Als wüssten sie, wer einer der ihren ist.“
„Vielleicht haben sie ja eine Art mentale Verbindung zueinander“, schlug Huang vor. „Oder sie stehen alle unter dem Einfluss einer fremden Macht.“
„Wir haben das erwogen“, nickte der Arzt, „dass es vielleicht jemanden oder etwas gibt, der sie alle kontrolliert. Aber wir haben nichts gefunden, das diese These unterstützen würde. Ich bringe Sie zu Ihrem Zimmer.“
„Klasse.“ Huang schulterte seine Tasche und folgte dem Doktor. Es ging eine große Treppe hinauf und dann in einen abgetrennten Flügel des Hauses.
„Man hat sich beim Bau dieser Anstalt von alten Filmen beeinflussen lassen“, erklärte Feinstein. „Leider waren es, wie wir später erfahren haben, Filme, in denen solche Orte nicht so gut wegkamen.“
„Ah“, meinte der Pfleger nur. „Vielleicht waren die Architekten ja auch verrückt.“
„Oh, das waren sie“, nickte der Arzt. „Zwei davon befinden sich im Westflügel. Bei ihnen scheint die Krankheit nur später gekommen zu sein als bei den anderen. Und langsamer. Wir wissen noch immer nicht, warum.“
Sie kamen an einer vergitterten Tür vorbei und erreichten wenig später einen Korridor. Hier schienen die Unterkünfte des Personals untergebracht zu sein. Feinstein öffnete eine Tür, eine schrille Frauenstimme schrie, er schüttelte den Kopf, schloss die Tür wieder und ging zur nächsten. Als niemand schrie, trat er ein, sah sich um und nickte.
„Das ist Ihr Zimmer.“
„Sicher?“
„Ich glaube schon.“ Er sah auf seine Uhr. „In einer Stunde gibt es Abendessen. Wenn Sie sich vorher frisch machen möchten?“
„Gerne“, lächelte Huang.
„Wunderbar. Einfach die Haupttreppe hinunter und geradeaus durch die große Halle.“ Der Arzt nickte noch einmal, dann ging er hinaus.
Huang sah sich um. Das Zimmer war relativ groß, einfach eingerichtet und sauber. Es gab eine Tür, die in ein Badezimmer führte und einen Schrank. Er legte seine Sachen hinein, ging ins Bad und nahm eine ausgiebige Dusche.
Mit einem guten, sauberen Gefühl und einem fröhlichen Lächeln betrat Huang das Speisezimmer. Es waren nicht viele Personen anwesend, aber so, wie er das verstanden hatte, arbeiteten auch nicht viele Personen hier. Da waren ein junges Mädchen und ein junger Mann, beides Pfleger wie er, wie er annahm, obwohl sie fast ein bisschen zu jung dafür wirkten, ein Mann mittleren Alters und ein Herr, den man auf den ersten Blick für einen Offizier hätte halten können. Als Huang eintrat, erhob er sich und schritt auf den jungen Mann zu.
„Dr. Armin Guadalupe“, sagte er und streckte die Hand aus. „Sie müssen Börnsen sein. Dr. Feinstein lässt sich entschuldigen, er hat noch im Labor zu tun.“
„Ah“, antwortete Huang und ergriff die Hand, „sehr erfreut.“
„Ist das der Neue?“ jauchzte das Mädchen nun und sprang auf. Ihr Kollege folgte ihr weit weniger enthusiastisch.
„Sie sind Börnsen?“ rief sie. „Börnsen, ja?“
„Björnson“, korrigierte Huang und reichte ihr die Hand.
„Börnsen, ich bin Emilia.“ Ihr Kopf zuckte ein paar Mal in Richtung des jungen Mannes. „Und dieser Sauertopf hier ist Petrovic.“
Petrovic nickte kurz mit dem Kopf und ging dann wieder zurück zum Esstisch. Der Mann, der dort noch immer saß, hob nur kurz den Kopf, sah in ihre Richtung, und beschäftigte sich dann wieder mit seinem Essen und einem Computer.
„Ach komm, Linski, willst du unseren Gast denn nicht begrüßen?“
Linski winkte kurz, aber desinteressiert, und beugte sich wieder über seine Beschäftigungen.
„Wir sind alle ein bisschen überarbeitet“, rief das Mädchen. „Wir haben hier viel zu tun und das ist nicht so leicht wegzustecken für jeden. Manche vergraben sich in sich selbst.“
„Und andere?“
„Nehmen Drogen!“ schrie sie heraus und hüpfte zurück zum Tisch.
„Ist natürlich nur ein Scherz“, erklärte Dr. Guadalupe. Dann seufzte er. „Obwohl sie natürlich recht hat. Die Arbeit hier macht uns allen schwer zu schaffen. Und da wir nur so wenige sind, haben wir wenig Freizeit. Und wenig Möglichkeit, das, was wir hier erleben, zu verarbeiten.“
„Ah“, nickte Huang.
„Aber das merken Sie dann ja noch. Das Essen steht in der Küche. Wir haben eine Köchin, die das Essen für uns und die Patienten macht, wir bekommen also das gleiche, das sie bekommen.“
„Damit wir am eigenen Leibe erfahren, was wir diesen armen Schweinen antun“, murrte Petrovic in die Runde.
„Aber irgendwie ist es auch eine Qualitätskontrolle“, meinte Guadalupe nachdenklich. „Wenn wir uns schon darüber beschweren, wissen wir, dass wir es den Patienten nicht zumuten können.“
„Ha!“ rief Linski plötzlich.
„Dr. Linski scheint ein Haar in der Suppe gefunden zu haben“, kommentierte sein Kollege.
„Nein, aber ich habe einen Durchbruch gemacht.“ Er hielt seinen kleinen Computerschirm hoch, an dem er mit der einen Hand gearbeitet hatte, während er sich mit der anderen das Essen hineingeschaufelt hatte. „Ich glaube, ich habe eine Idee, woran es liegen könnte.“
„Das Essen?“ wollte Petrovic halbherzig wissen.
„Die Krankheit! Ich glaube, ich weiß… oder ich vermute… ich denke, ich habe definitiv eine Idee.“
„Lasst uns feiern!“ rief Emilia.
„Die wievielte Idee ist das schon diesen Monat?“
„Die 23.“
„Und den wievielten haben wir heute?“
„Den 2.?“
„Genau.“
„Also kein Feiern?“ schmollte das Mädchen enttäuscht.
„Nicht, bis er nicht mal was Handfestes hat.“
„Ich bin was Handfestes“, grinste sie. „Aber mich hat er noch nie gehabt.“
„Er hat auch so schon genug Probleme“, murmelte Petrovic und sah sie ein bisschen eifersüchtig an.
„Äh, guten Appetit“, meinte Guadalupe in Huangs Richtung und kehrte dann zu seinem Platz am Esstisch zurück.
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