Jetzt war das ganze System der DDR zusammengebrochen. Der "Klassenfeind" hatte die Regierung übernommen, überall waren jetzt "Demokratie" und "Freiheit" ausgebrochen. Sie lebten jetzt in einem Rechtsstaat. Was sollte aus einem Mann wie Dieter werden? War er denn wirklich schuldig? Er war doch erpresst worden und hatte sich nur für seine Familie anwerben lassen. Man sprach jetzt schon von einer neuen großen Behörde, die alle beschlagnahmten Stasiunterlagen auswerten sollte. In den Tagen der Wende hatten ja die Menschen an vielen Orten die Stasizentralen gestürmt und große Mengen an Akten und Unterlagen sichergestellt. Alles konnten die Stasimitarbeiter nicht mehr schreddern und selbst zerschnippelte Akten konnten wieder zusammengesetzt werden. Die neue wiedervereinigte Bundesrepublik war überwiegend der Meinung, dass die Stasivergangenheit aufgearbeitet werden müsste. Einige Stimmen meinten, dass man die schlimme Vergangenheit zu Gunsten eines Neuanfangs vergessen sollte. Aber diese Meinung konnte sich nicht durchsetzen. Zu schlimm waren die Wunden, die der Unrechtsstaat DDR vielen Mitbürgern zugefügt hatte und dieser Staat hatte zu viele willige Helfer, deren Schuld offengelegt werden musste.
Ralf meinte: „ich möchte wissen, ob einer meiner Freunde oder Arbeitskollegen mich an die Stasi verraten hat. Ich möchte auch den Umfang dieser Spitzelei kennen lernen und ob unser Staat wirklich, wie es heute in den Medien heißt, durch und durch ein Spitzelstaat war. Ich möchte auch wissen, ob die Leute an der Staatsspitze und an der Parteispitze die Idee des Sozialismus wirklich nur benutzt haben, um uns dumm zu halten und ob sie in Wirklichkeit nur der bolschewistischen Idee der Weltrevolution, also dem Weltmachtstreben Russlands gedient haben. Ich möchte auch wissen, ob sie selbst in Saus und Braus in diesem abgeschirmten Dorf mit Namen Wandlitz mit westlichem Luxus, den sie sich mit Devisen beschafft haben, ein Luxusleben geführt haben, während sie uns den genügsamen Sozialismus gepredigt haben ,uns erzählt haben, dass wir für eine bessere Welt auf vieles verzichten müssten."
„Ja, ich möchte das alles auch wissen", sagte Gerd, „ich möchte es wissen, obwohl damit für mich eine Welt zusammenbricht. Alles zusammenbricht, wofür wir seit unserer Kindheit gelebt haben, woran wir geglaubt haben. Was waren das doch für schöne Zeiten, als wir an eine bessere Welt geglaubt hatten, die durch den Sozialismus, durch unsere Anstrengungen entstehen würde. Was war das für ein schönes Gefühl, in dem Bewusstsein zu leben, dass wir auf der richtigen Seite stünden. Wir verzichteten gerne auf die sogenannten westlichen Freiheiten und den Überfluss. Wir wussten ja, dass das Alles mit dem Blut der unterdrückten Massen erkauft war, dass im Kapitalismus nur die reichen Ausbeuter gut lebten, während die Arbeiter-und Bauernklasse ein miserables Leben führen musste. Wir aber würden ihnen durch unseren Kampf die Freiheit vom Joch des Kapitalismus bringen.
Heute wird uns gesagt, dass der Sozialismus in Wahrheit ein Staatskapitalismus ist. Die Parteifunktionäre sind die Kapitalisten dieses Systems und ihre Hauptsorge ist es, das Volk immer dumm zu halten, dass es den Betrug an seinem Idealismus nicht merkt.
Und jetzt ist das ganze sozialistische System in sich zusammengebrochen, einfach deshalb, weil die sozialistischen Staaten pleite sind. Es ließ sich nicht mehr länger verheimlichen, dass die von den kapitalistischen Vorgängern in der Revolution übernommenen Produktionsmittel aufgebraucht sind. Der bescheidene Wohlstand in den sozialistischen Staaten war zum größten Teil nur geborgt. Die eigene Leistung war nicht ausreichend, den Verbrauch an Produktionsmitteln zu ersetzen und die übernommenen Fabriken und Maschinen zu erneuern. Die Produktivität im Sozialismus ist zu gering, weil der kapitalistische Anreiz für jeden Einzelnen fehlt, durch seine Leistung für sich etwas zu schaffen, für sich, nicht für die Gemeinschaft .Der Mensch ist so gebaut, da helfen die schönsten Parolen vom "Helden der Arbeit" und von der Planübererfüllung nichts. In der kapitalistischen Wirtschaft arbeitet jeder für sich selbst, trägt aber dadurch automatisch dazu bei, dass das „Bruttosozialprodukt" ein Maximum erreicht. Du siehst es ja an Amerika. Die USA sind die reichste Nation der Welt und durch ihren Reichtum allen sozialistischen Staaten auch militärisch überlegen. Gleichzeitig sind sie die kapitalistischste Gesellschaft. Ich weiß, diese Gesellschaft ist eine Ellenbogengesellschaft, aber ich bin mir sicher, dass der Durchschnittsamerikaner wesentlich glücklicher durchs Leben geht, als die Genossen im Sozialismus."
„ Mein lieber Mann“, meinte Ralf Baumann, „Du bist ja der reinste Philosoph. Du weißt, wie es in der Welt zugeht und machst Dir keine Illusionen. Kannst Du mir auch sagen, was das Alles für uns bedeutet? Was bedeutet das für mich? Du hast Glück, Du bist bei der Polizei gut aufgehoben und brauchst wahrscheinlich keine Angst zu haben, dass Du demnächst arbeitslos wirst. Bei mir ist das anders. Mein Betrieb wird demnächst privatisiert. Ein reicher Schweizer wird sich das ganze Unternehmen unter den Nagel reißen und ich bin sicher, dass eine ganze Menge Kollegen und Kolleginnen auf die Straße fliegen, "freisetzen" nennt man das heute."
„Nach meiner Philosophie, wie Du das nennst, musst Du versuchen, Dich in dem Unternehmen unentbehrlich zu machen und gute Kontakte zu dem neuen Boss anknüpfen. Ich weiß, dass Du ein Fachmann auf dem Gebiet der Buchhaltung bist. Solche Leute wie Dich wird auch der neue Eigentümer brauchen. Halte Augen und Ohren offen!"
Das hatte Ralf Baumann ohnehin vor. Er wusste, dass er sich im kapitalistischen Haifischbecken behaupten musste. Sie waren inzwischen vor dem Plattenbau angekommen, in dem er wohnte, sein Freund wohnte ganz in der Nähe. Sie wünschten sich „Gute Nacht" und schüttelten sich die Hand.
Erste Kontakte mit Wessis
Ralf Baumann erinnerte sich noch deutlich an seine ersten Kontakte mit den bis dahin unbekannten Wessis. Am 9.11.1989 war die Mauer gefallen. Auch er hatte das Wunder miterlebt. Man konnte die Staatsgrenze der DDR Richtung Westen passieren, ohne erschossen zu werden.
Die Volkspolizisten an der Grenze wusste nicht so recht, wie sie sich benehmen sollten, verlegen standen sie in kleinen Gruppen zusammen und sahen zu, wie die Bevölkerung des Arbeiter-und Bauernstaates im Trabi oder Wartburg winkend an ihnen vorbeifuhr und nach einigen Metern auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland von dem Klassenfeind jubelnd begrüßt wurde.
An einem der nächsten Tage war er mit seiner Frau und den Kindern nach Coburg gefahren und hatte dort sein Begrüssungsgeld, harte D-Mark, in Empfang genommen. Die Kinder bekamen ein Eis, die Frau ein Päckchen Kaffee und er kaufte sich ein paar westdeutsche Zeitschriften. Drei Kilo Bananen wurden mit nach Gera genommen.
In den nächsten Wochen kamen dann die Westdeutschen in ihren schicken Wagen, aßen in den Restaurants zu Mittag, tranken viel Bier und kauften kiloweise Zervelatwurst, die sie mitnahmen. Sie bezahlten mit Mark der DDR, die sie 20 zu eins gegen ihre DM getauscht hatten. Man konnte es ihnen nicht übel nehmen, dass sie die Situation ausnutzten. Andererseits war es für die Ossis, die Menschen aus der DDR, schon ein komisches Gefühl, all die wohlhabenden und gutgekleideten Leute um sich zu sehen, wenn man selbst aus dem armen Teil Deutschlands stammte. Sie waren offensichtlich die armen Verwandten. Ja, sie waren durch den Sozialismus betrogen worden. Was hätte er aus seinem Leben machen können, wenn er im Westen gelebt hätte. Er hatte ja die DDR in ihrer 40-jährigen Laufzeit miterlebt. Am Ende des 2. Weltkrieges war er 5 Jahre alt gewesen und er kannte nichts Anderes als die sozialistische Gesellschaft. Schon als Kind wurde ihm in der Schule und in der FDJ eingeredet, dass der Westen dekadent ist, dass die armen Menschen dort ausgebeutet würden und dass der scheinbare Wohlstand des Westens auf Sand gebaut sei. Der Sozialismus würde bald die vom Kapitalismus geknechteten Völker befreien. Mit diesem Bewusstsein hatte er die 40 Jahre in der DDR mit ihrer Mangelwirtschaft ertragen.
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