Für all das ist der Hauptbuchhalter verantwortlich. Da er aber in der sozialistischen Planwirtschaft und in einer Ein-Parteien- Diktatur den Kopf voll hat mit den Problemen der Planerfüllung und der Rechtfertigung gegenüber den Ministerien und der Partei, ist er in hohem Maße von seinem stellvertretenden Hauptbuchhalter abhängig, der sich im betrieblichen Rechnungswesen besser auskennt als er.
In einer marktwirtschaftlich orientierten Gesellschaftsordnung kommen die Zahlen, die von Buchhaltung und Kostenrechnung verarbeitet und auswertet werden, vom Markt. Das Unter-nehmen muss am freien Markt einkaufen und am freien Markt verkaufen. Der Jahresgewinn oder -verlust zeigt, wie erfolgreich das Management am Markt operiert hat. Ganz anders ist das in einer staatlich gelenkten, zentralen Planwirtschaft. Hier gibt es keinen Markt, der der Buchhaltung und der Kostenrechnung die Zahlen liefert. Die Zahlen, die im betrieblichen Rechnungswesen erfasst und verarbeitet werden, stammen aus den Plänen der Ministerien, es sind Planzahlen und Verrechnungspreise. Die betrieblichen Buchhaltungen und Kostenrechnungen arbeiten ausschließlich mit diesen Planzahlen und können das Unternehmensergebnis am Jahresende nur als Differenz zwischen Soll-und Ist-Größen ermitteln.
Die Fachleute für das betriebliche Rechnungswesen, die an den Universitäten der DDR ausgebildet wurden, lernten in dem Fachbereich "Rechnungsführung und Statistik" zunächst einmal, warum der Sozialismus die bessere Gesellschaftsordnung ist, dann erfuhren sie, warum die zentrale Planwirtschaft der freien Marktwirtschaft überlegen ist und dass die Planwirtschaft der Bevölkerung ein besseres Leben geben kann, schließlich lernten sie auch noch, wie man mit den Instrumenten des Rechnungswesens und der Statistik dafür sorgen kann, dass die staatlichen Wirtschaftspläne erfüllt oder möglichst übererfüllt würden.
Aus dieser Schule kam Ralf Baumann, der stellvertretende Hauptbuchhalter.
Ralf Baumann hatte nach seinem Studium in verschiedenen Betrieben im Bereich des Rechnungswesens gearbeitet und es schließlich im VEB Schraubenfabrik Clara Zetkin, der wiederum zum Kombinat „Schrauben und Fittings“ gehörte, zum stellvertretenden Hauptbuchhalter gebracht.
In dem VEB fühlte er sich wohl. Er hatte nette Kollegen und unproblematische Mitarbeiter. Zwar war ihm, als kritischem Geist, klar, dass ein VEB, also ein „Volkseigener Betrieb“ keineswegs dem Volk gehörte. Ausschließlich die SED, die Staatspartei, bestimmte über Wohl und Wehe aller Betriebe in der DDR.
Ihm war schon lange aufgefallen, dass die Namen umso mehr von schönen Adjektiven verbrämt waren, je weniger sie von diesen Eigenschaften wirklich erfüllt waren. Das fing schon mit der Deutschen Demokratischen Republik an. Demokratisch war sein Land bestimmt nicht. Auch die Jugendorganisation hieß ja FDJ, Freie Deutsche Jugend, aber die Mitgliedschaft war keinesfalls freiwillig, sie war für jeden jungen Menschen praktisch Pflicht, wenn er nicht von Allem ausgeschlossen sein wollte und auf seine weiteren Ausbildungschancen wie z.B. Universitätszugang verzichten wollte.
So verbrachte Ralf Baumann seine Zeit in der FDJ, hielt seinen Mund und machte mit. Natürlich machte es auch Spaß mit dazuzugehören, kein Außenseiter zu sein. Alle seine Schul-freunde waren natürlich auch in der FDJ. Am Vormittag war man in der Schule zusammen, an Nachmittagen trat man häufig gemeinsam zum Dienst bei der FDJ an. Die verschiedenen Gruppen hatten einen strammen "Gruppenleiter", der die Autorität der SED hinter sich hatte. Aber die Heimabende mit Singen und Spielen, die Freizeitaktivitäten, die Geländespiele, waren doch sehr schön.
Am 9.November 1989 war dann die Mauer gefallen und am 3.Oktober 1990 war die DDR der Bundesrepublik Deutschland beigetreten. Alle Menschen der ehemaligen DDR verloren zunächst den Boden unter den Füßen. Vor allem wurde die berufliche Existenz für fast Jeden in Frage gestellt. Der größte Teil der Menschen war in einem volkseigenen Betrieb beschäftigt gewesen. Was würde nun aus diesen, meist in der Substanz veralteten und ausschließlich für das sozialistische Lager produzierenden Betrieben, werden?
Ralf Baumann blieb nach der sogenannten Wende zunächst auf seinem Posten, da seine Kenntnis aller betrieblichen Bereiche bei der Aufstellung der D-Mark-Eröffnungsbilanz dringend benötigt wurde, zumal der Hauptbuchhalter, als Parteimensch, auf Veranlassung der Treuhandanstalt sofort entlassen worden war.
Die DM-Eröffnungsbilanz wurde durch ein spezielles Gesetz eingeführt. Die letzte Bilanz der volkseigenen Betriebe war natürlich nach den Gesetzen der DDR aufgestellt worden. Die Bewertung der Vermögensgegenstände und Schulden der Betriebe waren in den Bilanzen in Mark der DDR aufgeführt und ergaben sich aus der 40-jährigen Bewertungspraxis der sozialistischen Planwirtschaft. Wollte man wissen, inwieweit diese Bewertungen den Bilanzgesetzen der Bundesrepublik Deutschland, der die DDR ja beigetreten war, entsprachen, so musste man jeden einzelnen Bilanzposten auf der Aktivseite und der Passivseite der Bilanz neu bewerten und zwar nach den Regeln des westdeutschen Handelsgesetzbuches. Aufgrund dieser Neubewertung ergab sich die DM-Eröffnungsbilanz zum 1.7.1990. Auf dieser Bilanz aufbauend, sollten dann die jeweiligen Jahresbilanzen fortgeführt werden.
Zunächst aber ergab sich für die meisten ehemaligen volkseigenen Betriebe ein Schock: viele Betriebe waren aufgrund der neuen realistischen Bewertung total überschuldet. So war es auch bei den Schraubenwerken, bei denen Ralf Baumann als stellvertretender Hauptbuchhalter beschäftigt war. Er hatte den westdeutschen Wirtschafts-prüfern, die mit der Erstellung und Testierung der DM-Eröffnungsbilanzen beauftragt waren, durch seine Kenntnis der DDR-Bilanzen wertvolle Dienste geleistet.
Auf der Basis der DM-Eröffnungsbilanz konnte die Treuhandanstalt nun über das weitere Schicksal der Unternehmen entscheiden. Viele Betriebe wurden liquidiert, weil nach den vorliegenden Zahlen und den Berechnungen der Treuhandanstalt keine Aussicht für das Unternehmen bestand, in absehbarer Zeit wettbewerbsfähig zu werden. Andere Unternehmen wurden als "privatisierungsfähig" eingestuft und damit in die Gruppe von Unternehmen eingereiht, für die der deutsche Staat alle erdenklichen Mittel bereitgestellt hatte, um das Unternehmen und damit die Arbeitsplätze wettbewerbsfähig zu machen und damit zu erhalten. Die Treuhandanstalt wandelte die meisten dieser Unternehmen in eine GmbH um und begann damit, den sogenannten "Privatisierer" zu suchen.
Im Laufe der Bemühungen zur Privatisierung der Schraubenfabrik, die inzwischen auch in eine GmbH umgewandelt worden war, wurden auch die verschiedenen Bereiche des Rechnungswesens neu besetzt .Die Wahl für den Posten des Hauptbuchhalters fiel nicht auf Ralf Baumann. So kam es, dass er schließlich in der Kontokorrentbuchhaltung für die Führung der Lieferantenkonten verantwortlich war. Für ihn als bilanzsicherer Buchhalter und Fachmann für die Kostenrechnung war diese einfache Tätigkeit eigentlich eine Beleidigung, andererseits musste er froh sein, dass er nicht zu den vielen Entlassenen gehörte.
Über seinen Tisch liefen alle eingehenden Rechnungen über gelieferte Roh-Hilfs-und Betriebsstoffe, die für die Produktion eingekauft werden mussten. Aber auch die Rechnungen über die Lieferung oder den Bau von Anlagegegenständen, also die Rechnungen von Baufirmen über den Bau von Betriebsgebäuden, die Rechnungen über die Lieferung von Maschinen und maschinellen Anlagen sowie von Dienstleistungen, wie zum Beispiel Beratungen und Gutachten.
Die eingehende Post wurde in der Poststelle geöffnet und mit dem Eingangsstempel versehen. Er versah alle Rechnungen zuerst mit dem Stempel „sachlich und rechnerisch richtig“, dann brachte er den Kontierungsstempel an und trug die Kontierung ein, das heißt er legte fest, auf welche Konten und Kostenstellen die Rechnung zu buchen war. Bevor er die Rechnung über seinen PC in das System der Finanzbuchhaltung eingeben konnte, prüfte er alle Angaben, die in der Rechnung enthalten waren, auf ihre formelle und rechnerische Richtigkeit.
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