Dann schickte er, nachdem er eine Kopie in einem Ordner „unterwegs befindliche Rechnungen" abgelegt hatte, die Originalrechnung an die Abteilung, die den Eingang „sachlich richtig" zu bestätigen hatte, also an das Baubüro, die Warenannahme oder den technischen Betriebsleiter. Wenn die Rechnungen, mit den Kontroll-und Richtigkeitsvermerken und Handzeichen versehen, nach einigen Tagen wieder zurückkamen, konnte er sie verbuchen, das heißt den Rechnungsbetrag dem Lieferanten auf dessen Kontokorrentkonto gutschreiben und gleichzeitig das Sachkonto für den Waren-oder Leistungseingang belasten. Aktivierungsfähige Anschaffungen im Anlagenbereich wurden dem entsprechenden Gebäude-, Maschinen-oder sonstigen Anlagenkonto belastet. Danach wurde die Originalrechnung mit dem Prüfungsvermerk und seinem Handzeichen versehen unter laufender Nummer im Ordner "Eingangsrechnungen" abgelegt.
Als nächstes musste sich Ralf Baumann darum kümmern, dass die Rechnung bezahlt würde. Er überwachte die Fälligkeiten unter etwaiger Ausnutzung der Skontofrist, schrieb die Banküberweisung aus und legte diese der Geschäftsleitung zur Unterschrift vor. Unterschrieben wurde der Überweisungsträger vom Leiter des Rechnungswesens, einem Prokuristen und dem Geschäftsführer. In der Unterschriftsmappe musste zu den Überweisungsträgern die jeweilige Originalrechnung beigelegt werden, so dass die Zeichnungsberechtigten nochmals die sachliche Richtigkeit prüfen konnten. Der Prokurist unterschrieb als Erster rechts und legte damit fest, welche Rechnungen im Rahmen der jeweils vorhandenen Liquidität bezahlt werden konnten. Er hatte den Überblick über sämtliche Bankkonten, die zu erwartenden Geldeingänge und fälligen Verpflichtungen. Ein Mitarbeiter aus der Finanzbuchhaltung legte ihm täglich einen Liquiditätsstatus vor, der mit dem monatlichen Cashflow-Budget laufend abgestimmt wurde.
Ralf Baumann hatte zwar keinen sehr verantwortungsvollen Posten, aber doch in seinem Bereich einen vollständigen Überblick über den Geldabfluss aus dem Unternehmen an Dritte. Es wird sich zeigen, was er daraus machte.
Er verfolgte die Entwicklung sehr aufmerksam. Da er einen guten Draht zum kommissarischen Geschäftsführer hatte, war er über die Ertragslage, das heißt die laufenden hohen Verluste, informiert. Er wusste, so konnte das nicht weitergehen. Wahrscheinlich würden sie alle entlassen werden und die Treuhandanstalt würde den Betrieb liquidieren.
Als vor sechs Monaten der erste Privatisierungsinteressent von der Treuhandanstalt geschickt wurde, war ihm ziemlich schnell klar, dass dieser Herr ein Hochstapler war. Er führte große Reden, hatte von Bilanzen keine Ahnung und seine Ideen, was die Absatzmärkte betraf, hatten weder Hand noch Fuß. Auch der zweite so genannte Privatisierer wurde von der Treuhandanstalt schnell wieder weggeschickt.
Nun war also Herr Egger gekommen und hatte seit Wochen den Betrieb in allen Ecken durchleuchtet. Wenn er auch als Berater auftrat, so wurde es Ralf Baumann schnell klar, dass dieser Mann die Übernahme des Betriebs im Auge hatte. Und er konnte es Herrn Egger nicht verdenken, dass ihn die Chance, ein Großunternehmen in seinen Besitz zu bringen und über immense Fördermittel zu verfügen, außerordentlich reizte. Jeder denkende Mensch musste schnell erkennen, dass sich hier eine Lebenschance auftat, eine Chance, viel Geld in die Hand zu bekommen.
Die Treuhandanstalt hatte die Schraubenwerke Gera also in eine GmbH umgewandelt, deren alleinige Gesellschafterin und Geschäftsführerin sie war. Sie wollte das Unternehmen natürlich nicht auf die Dauer selbst führen. Das konnte sie auch gar nicht, dazu fehlte ihr das Personal mit den nötigen unternehmerischen Qualifikationen. Sie war gewissermaßen eine Holding mit tausenden von Tochtergesellschaften. Alle diese Gesellschaften waren ohne aktives Geschäft. Alle mussten saniert werden. Und es war für die Treuhandanstalt sehr schwierig, „auf die Schnelle“ einen geeigneten Bewerber für die Übernahme zu finden. Ralf Baumann war neugierig, wie es jetzt weitergehen würde.
Sie trafen sich jede Woche, samstags um 19 Uhr, im Lokal des Fußball-Clubs. Zu DDR -Zeiten hieß der Club „BSG Turbine Gera" und gehörte der DDR -Liga an. Nach der Wende änderte sich der Name mehrmals und gehörte schließlich ab 1990 der Landesliga Thüringen als BSG Gera an.
Ralf Baumann hatte in seinen jungen Jahren begeistert und mit Erfolg in der Juniorenmannschaft gespielt. Auch in der Studienzeit an der Uni Leipzig hatte er in der Universitätsmannschaft mitgespielt. Als jedoch die Examenszeit heranrückte, hörte er mit dem aktiven Sport auf, da er sich nicht verzetteln wollte. Sein Studienfach "Rechnungsführung und Statistik" beanspruchte seine ganze Kraft. Er war kein Überflieger, sondern musste mit Fleiß und Ausdauer hart arbeiten um die jeweiligen Semesterabschlüsse und Tests zu schaffen. Jetzt war er nur noch passives, aber treues und begeistertes Mitglied seines Sportvereins. Seine Passivität ging allerdings nicht so weit, dass er überhaupt keinen Sport mehr trieb. Vielmehr traf er sich mit seinen Freunden regelmäßig zum Jogging und Volleyball und hatte erst vor kurzem, als er 50 geworden war, das Deutsche Sportabzeichen erworben.
An dem runden Tisch saßen die acht Freunde und tranken Bier. Vorher hatten sie eine Kleinigkeit zu Abend gegessen, Ralf Baumann hatte sich eine Thüringer Rostbratwurst mit Sauerkraut und Kartoffelpüree genehmigt. Das war ein deftiger Genuss. Die „Thüringer Röster“ unterschieden sich von allen anderen Bratwürsten im Heiligen Römischen Reich durch ihren ganz speziellen Geschmack, der hauptsächlich von den Gewürzen Majoran und Kümmel bestimmt war. Bei jedem Stück, das er sich in den Mund schob bedauerte er die übrige Welt, die nichts von diesem herrlichen Geschmack wusste. Jetzt unterhielten Sie sich über das nächste Spiel am kommenden Sonntag und über die Chancen, die die erste Mannschaft beim Spiel gegen Hildburghausen hatte.
Neben ihm saß sein bester Freund Gerd. Dessen Frau, Gisela, war seit langer Zeit eine Busenfreundin seiner Frau Erika. Die beiden hingen als Mädchen ständig zusammen. Sie hatten sich in der Freien Deutschen Jugend (FDJ) kennengelernt und waren längere Zeit in derselben Jugendbrigade. Später waren sie dann gemeinsam in die „Gesellschaft für Sport und Technik“ eingetreten, weil sie sich beide für Bogenschießen interessierten. Dort hatten sie ihre späteren Männer kennengelernt.
Sein Freund Gerd, der wie immer das große Wort führte, war wieder mal in Rage geraten. „Was meint ihr denn, warum die Fußballvereine im Westen besser sind als unsere Vereine im Osten? Wenn wir mal ein Freundschaftsspiel gegen einen Verein aus Westdeutschland machen, verlieren wir doch immer haushoch. Und so geht es allen ostdeutschen Vereinen. Das liegt doch nur da dran, dass die Westdeutschen sich die besten Spieler aus aller Welt zusammenkaufen. Das ist doch kein Sport mehr. Nur das Geld regiert den Fußball. Ob Du in die Bundesliga oder irgendeine andere Liga schaust, Du findest in den Vereinen nur noch Ausländer: Italiener, Spanier, Jugoslawen, Schwarzafrikaner und so weiter. Die werden für viel Geld eingekauft und bekommen phantastische Gehälter. Ich finde, das ist eine Schweinerei und hat mit Sport, so wie wir ihn kennen, nichts mehr zu tun. Da kommen die reichen Kapitalisten, geben dem Verein für den Spielereinkauf Millionen und lassen sich zum Präsidenten wählen. Das ist im Westen beim Sport wie in der Politik. Nur das Geld zählt. Wer die meiste Kohle hat, gewinnt. Mir gefällt das nicht."
„Ja, Gerd“, rief Klaus von der anderen Seite des Tisches, „mir gefällt das auch nicht. Aber wir wollten ja den Kapitalismus, weil wir alle vom Sozialismus die Nase gestrichen voll hatten. Wir haben A gesagt, jetzt müssen wir auch B sagen. Was meinst Du, was aus unseren Vereinen wird, wenn wir uns nicht anpassen und bei dem Rennen mitmachen. Du siehst, unsere Spitzensportler haben zum großen Teil schon rüber gemacht. Sie verdienen in Westdeutschland, Italien oder England schon enormes Geld. Wir verlieren alle guten Leute und werden in der Bedeutungslosigkeit versinken. Ich kann es den Spitzenleuten nicht einmal übelnehmen, dass sie sich an den Meistbietenden verkaufen."
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