„Das System funktioniert nun mal über das Geld“, meinte Helmut, der inzwischen ein gut verdienender Versicherungsagent geworden war. „Ihr müsst doch zugeben, dass es Spaß macht, ein Bundesligaspiel oder ein Länderspiel mit lauter Spitzenspielern im Fernsehen anzuschauen. Je mehr Spitzenspieler ein Verein einkaufen kann, umso mehr kann er in der Tabelle nach vorn kommen, umso mehr Zuschauer wird er auf der Tribüne haben und umso mehr Geld bekommt er von den Fernsehanstalten für die Übertragungsrechte. Der Verein verdient, das Fernsehen verdient. Viele Zeitungen werden nur wegen ihres Sportteils gekauft. Früher durften wir Westfernsehen nicht gucken, wir wurden bestraft, wenn wir erwischt wurden. Heute können wir weltweit alles sehen und ihr müsst zugeben, dass es schöner ist, Arsenal London gegen Real Madrid spielen zu sehen, als früher zwei Mannschaften aus der DDR-Liga. Mir ist es ganz egal, wie viel ein Transfer gekostet hat und wie viel ein Mittelstürmer verdient. Ich will erstklassigen Fußball sehen.
„Du hast gut reden", warf ein anderer Sportkamerad gutmütig ein. „Du verkaufst den Leuten Versicherungen, die sie nicht brauchen und lebst ganz gut dabei. Früher brauchten wir keine Versicherungen von großen Konzernen zu kaufen. Wir alle waren bestens abgesichert durch den sozialistischen Staat und die Volksgemeinschaft. Ein Arztbesuch kostete kaum etwas, der Krankenhausaufenthalt war kostenlos und für unser Alter war auch gesorgt. Lebensmittel, Kleidung, Strom und Heizung kosteten fast nichts und wir hatten von Allem reichlich."
„Ja, aber wie wurde man von den Ärzten behandelt" erscholl ein Zwischenruf, „dass man nicht stramm stehen musste, war alles."
Ein Anderer rief, „aber die Ärzte verdienten kaum mehr als ein Hilfsarbeiter in der Fabrik oder ein Bauer in der LPG. Das war doch gerecht."
Ralf Baumann sagte, „Leute, Ihr habt ja alle Recht. Die Sache ist kompliziert, und wir werden noch oft darüber nachdenken und diskutieren müssen. Aber Eines wissen wir doch alle: der Sozialismus funktionierte nur mit Zwang und Kontrolle. Und das auch nur eine Weile. Deshalb wollten wir ja alle raus aus dem System. Und jetzt müssen wir damit fertig werden."
Sie saßen noch eine Stunde zusammen bei Small Talk und Witze erzählen. Ralf Baumann unterhielt sich, angeregt durch die vorhergehende Diskussion, mit seinem Freund Gerd über die „alten Zeiten" in der Gesellschaft für Sport und Technik. Sie waren sich darüber einig, dass diese Organisation eine vormilitärische Einrichtung war, mit ihren Einrichtungen für Fliegen, Seefahrt, Motorfahrzeuge, Funkmeldewesen etc., ebenso wie die Hitlerjugend im Dritten Reich mit ihrer Flieger-HJ, Marine-HJ, Reiter- und Motorrad-HJ. Die DDR-Führung hatte nun mal die fixe Idee, dass die Bundesrepublik Deutschland, der Klassenfeind, nur darauf wartete, wann der richtige Moment für einen militärischen Überfall auf die friedliebende DDR gekommen war. Im Einklang mit „den Freunden", der Sowjetunion, musste man ständig aufrüsten und die Bevölkerung auf den entscheidenden Kampf vorbereiten. Schließlich meinte Gerd versöhnlich, „immerhin haben wir dort unsere Frauen kennengelernt."
Als das letzte Bierglas geleert war, klopfte Ralf Baumann mit den Knöcheln auf den Tisch und verabschiedete sich von der Runde. Sein Freund, Gerd, ging mit ihm.
Der war früher bei der Volkspolizei gewesen Nach der Wende wurden Kommissionen gebildet, die die einzelnen Beamten der „Vopo“ hinsichtlich ihrer DDR-Vergangenheit überprüften. Wenn sich keine negativen Erkenntnisse ergaben, wurde man in die Städtische-, Landes- oder Bundespolizei übernommen. Sein Freund war jetzt bei der städtischen Verkehrspolizei. Er hatte Glück gehabt, weil er als Volkspolizist nur eine untergeordnete Position hatte und niemals gezwungen war, an Maßnahmen gegen „Volksfeinde", Republikflüchtlinge oder Ähnlichem teilzunehmen. Wenn seine Einheit in der Nähe der „Mauer"oder der DDR - Grenze stationiert gewesen wäre, hätte er womöglich auf flüchtende Menschen schießen müssen. Was hätte er machen können, es gab schließlich den Schießbefehl. Die DDR war nach den Jahren ständig zunehmender "Republikflucht" mit Hilfe der Grenzbefestigungen, durch Stacheldraht und elektrische Zäune hermetisch abgeschlossen worden. Niemand sollte die DDR, das Arbeiter-und Bauernparadies, verlassen. Wenn man die Grenze gewaltsam überqueren wollte, konnte man bei dem Versuch erschossen werden. Bei erfolgreicher Republikflucht wurden die zurück-gebliebenen Angehörigen durch die Stasi schikaniert und nach dem Muster der Sippenhaft bestraft.
Nach der Wende musste der Staat, wohl oder übel alle Menschen in der ehemaligen DDR daraufhin überprüfen, ob sie das damalige Regime aktiv unterstützt und dabei anderen Menschen geschadet hatten. Die Problematik bestand darin, dass sich die meisten Verdächtigen auf die Gesetze der DDR berufen konnten oder auf einen Befehlsnotstand. Welche Maßstäbe sollte man anlegen?
Zunächst wurden einmal alle mutmaßlichen Nutznießer in Regierungsämtern, bei der Volkspolizei, der Nationalen Volksarmee, an den Hochschulen und öffentlichen Verwal-tungen suspendiert. Sie befanden sich dann in der sogenannten "Warteschleife" und mussten solange ohne Beschäftigung warten, bis sie überprüft worden waren. Hohe Funktionäre oder Stasileute hatten natürlich keine Chance auf Wiederbeschäftigung, sie warteten auf ihren Prozess. Die "kleinen Leute" wurden relativ schnell wieder eingestellt, da man sie zum Wiederaufbau einer funktionierenden Verwaltung einfach brauchte. Wie sollte dieses neue Staatsgebiet mit 17 Millionen Menschen funktionieren, wenn man die tüchtigen Leute alle ausschloss?
So blieb Ralf Baumann in seinem Betrieb, wenn auch nicht mehr als stellvertretender Hauptbuchhalter und sein Freund Gerd blieb bei der Polizei.
Da die Nacht zwar frisch, aber nicht kalt war, ließen sie sich Zeit mit dem Nachhause gehen und sprachen noch über Dies und Das. Gerd meinte, dass ihr Freund Martin das einzig Richtige gemacht habe. Er war als gelernter Bäckermeister in einer Großbäckerei tätig gewesen. Jetzt hatte er sich selbständig gemacht. Der Geschäftsführer der Großbäckerei, die in eine GmbH umgewandelt worden war, hatte ihm einen Laden in einem großen Wohngebiet vermietet, er hatte einen Gesellen, einen ehemaligen Arbeitskollegen, der entlassen worden war, sowie eine Verkäuferin, eine Freundin seiner Frau, eingestellt und der Laden lief gut.
Aber da war auch noch Dieter, der Rechnungsführer und Kassierer des Sportvereins. Jeder wusste, dass Dieter ein „IM“, ein informeller Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes, der Stasi, gewesen war. Sein Sohn war noch vor dem Mauerbau 1961 aus der DDR ausgereist und hatte sich in Frankfurt (Main) niedergelassen. Er war ein guter Facharbeiter und arbeitete als Dreher in der Schraubenfabrik. Sein Sohn war also "rüber gemacht", wie es im Volksmund hieß. Deshalb wurde Dieter beschuldigt, "Westkontakte" zu haben, etwas sehr Schlimmes in den Augen der Stasi. Sein Sohn hielt sich beim Klassenfeind auf, in der revanchistischen BRD. Eines Abends wurde er in seiner Stammkneipe von einem Herrn im Ledermantel angesprochen. Der sagte ihm, man wisse an oberster Stelle, dass er Kontakte zum Westen habe. Es könne nicht geduldet werden, dass Leute wie er an leitender Stelle in einem Sportverein tätig seien und auch die Tätigkeit seiner Frau beim Ordnungsamt der Stadt sei unhaltbar. Ob seine Tochter wohl auch demnächst in den Westen abhauen würde? Sie habe ja schließlich durch ihr Studium dem Arbeiter-und Bauernstaat lange genug auf der Tasche gelegen. Der Herr mit den korrekten Manieren hatte sich dann verabschiedet, ihn aber für den nächsten Morgen in die Stasihauptstelle vorgeladen. Dort hatte man ihm nahegelegt, sich durch seine Unterschrift als IM zu verpflichten und regelmäßig Berichte über seine Vereinskollegen an die Stasi zu übermitteln. Jeder im Verein wusste, wie gesagt, von Dieters Verbindungen zur Stasi und nahm sich entsprechend in Acht. Wenn Dieter aufkreuzte, verstummten die Gespräche oder das Thema wurde gewechselt. Allerdings war es selten genug, dass man über einen Stasispitzel Bescheid wusste. Die Methoden dieser "Horch und Guck"-Behörde waren im Allgemeinen sehr subtil und man wusste nicht, wer im Bekanntenkreis vielleicht ein Spitzel war, der es an die Stasi meldete, wenn man etwa abfällig von der Partei oder der Staatsführung sprach oder wenn jemand Westkontakte hatte. Selbst in den Familien gab es Spitzel und auch Kinder wurden in der FDJ dazu angehalten, innerhalb ihrer Familien wachsam zu sein und auf Staatsfeinde aufzupassen.
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