Aber es war ihm nicht wichtig. Im Gegenteil: Er spürte, dass er etwas Zeit für sich brauchte. „Lass dir Zeit!“, meinte er mit halblauter Stimme. „Lass` dir nur Zeit!“, murmelte er verwirrt vor sich hin. Dann stand er da und starrte mit leerem Blick an die Wand. Schließlich senkte er die Augen und entdeckte das Kästchen mit dem Ring in seiner Hand. Er betrachtete es eine ganze Weile nachdenklich.
„Ich bin so weit!“, rief sie vergnügt aus dem Bad.
Da steckte er das Kästchen in seine Jackentasche. „Prima!“, antwortete er ihr und zwang sich zu einem fröhlichen Klang. Dann spürte er, wie sein Herz schmerzte und er kämpfte mit sich, damit sie es nicht merken sollte. Er wollte ihr nicht schon wieder den Spaß verderben.
8
„Komm, hab dich doch nicht so! Sei doch keine Spielverderberin!“, rief Josie Olivia zu. „Du verdirbst mir ja die ganze Geburtstagsfeier mit deiner albernen Abnehmerei und Gewichthalterei. Heute wird nicht auf das Gewicht geachtet, sondern gefeiert!“
Die anderen Gäste stimmten bestätigend zu.
„Das kannst du echt nicht bringen, Olivia! Bei jedem Spiel verweigerst du dich!“, meinte Tom, Josies Freund.
„Ja, du machst ja den ganzen Spaß kaputt!“, rief Andy, Josies Bruder. „Du hast noch kein einziges Spiel mitgemacht. Man fragt sich, warum du überhaupt gekommen bist, wenn du dich an nichts beteiligen willst!“
Olivia wand sich verlegen hin und her.
„Lasst sie doch!“, half ihr Paul. „Ihr wisst doch, wie wichtig ihr Gewicht für ihre Modelkarriere ist! Nur wenn du da ganz dünn bist, hast du eine Chance!“
„Was is´n das für ein Traumjob, wo man nichts zu fressen kriegt!“, warf Jack lachend ein, dem man ansah, dass er nicht bereit war, für irgendetwas ein Essen stehen zu lassen.
Olivia sah von einem zum anderen und überlegte, was sie tun sollte. Sie sah sich einem ohrenbetäubenden Stimmengewirr ausgelassener, junger Leute gegenüber, alle sahen sie auffordernd an, riefen ihr etwas zu.
„O.K., O.K., O.K.!“, meinte sie schließlich. „Dann will ich mal nicht so sein!“
Eine Sekunde schwiegen alle vor Überraschung, dann johlten die Partygäste begeistert und feuerten Olivia an.
Man musste Schokoteilchen in die Luft werfen und mit dem Mund auffangen. Wer am meisten auffangen konnte, war der Sieger dieses Spiels.
Olivia warf ein Stück Schokolade hoch und scheiterte damit, es aufzufangen und zu essen. Sie machte eine Geste des Bedauerns.
„Betrug!“, rief Tom laut. „Betrug, Betrug, Betrug!“
Die Anderen stimmten in Toms Ausruf ein.
„Betrug, Betrug, Betrug!“, schallte es Olivia entgegen.
„Also das kannst du echt nicht bringen, Olivia! Das war zu billig und zu offensichtlich!“, meinte Josie beleidigt.
Die Anderen stimmten wieder zu.
„Fang noch mal von vorne an und mach es dieses Mal richtig!“, riet ihr Jack.
„Lasst sie doch!“, versuchte Paul wieder, ihr zu helfen.
Aber Olivia winkte ab. „O.K., O.K., O.K., ich versuche mein Bestes! Ich verspreche es!“
Die Partygäste applaudierten.
Olivia begann und es gelang ihr, das Schokoteilchen aufzufangen. Sie schluckte es schnell hinunter, bevor sie es sich anders überlegen konnte.
Ein Riesenjubel setzte ein. „Eins!“, zählte Josie laut.
Olivia versuchte es erneut und wieder gelang es ihr.
„Zwei!“, riefen alle im Chor.
Auch Olivias nächster Versuch gelang.
„Drei!“
Nun folgte Versuch auf Versuch und es gelang Olivia jedes Mal, das Schokoteilchen aufzufangen. Sie verschlang das Teil immer wieder so schnell sie konnte, damit sie es sich nicht anders überlegte und so wieder der Buhmann sein würde.
„Fünfzehn!“, meinte schließlich Josie. „Du kannst aufhören, du bist die Siegerin!“
Frenetischer Jubel setzte ein. Die Jungen packten Olivia, hoben sie hoch und trugen sie durch das Zimmer. Olivia ließ es mit gequältem Lächeln geschehen.
Es folgte noch eine Reihe von Spielen, bevor man sich schließlich zum Abendessen setzte und ein Fondue genoss. Danach unterhielten sich die Partygäste noch eine Weile, bevor alle nach Hause gingen.
Als Olivia ihre Wohnungstür hinter sich geschlossen hatte, spurtete sie zur Toilette und kitzelte sich so lange mit dem Finger im Rachen, bis sie sich übergab.
9
„Also gehen wir nochmals die wesentlichen Punkte des Vertrags durch!“, meinte Mrs Allen, die Personalsekretärin der Agentur routinemäßig und warf nebenbei einen Blick auf ihre Armbanduhr. „Wir, also „New Models“, wir sind deine Mutteragentur. Alle Jobs, die du abschließt, laufen über uns. Wenn du Jobs annimmst, ohne uns einzuschalten, fliegst du nicht nur sofort raus, sondern musst auch noch eine Konventionalstrafe an uns zahlen. Dazu kommt bei jedem Fremdengagement eine Beteiligung von 50% der Summe!“
„O.K.!“ Olivia hörte aufmerksam zu und versuchte Mrs Allen zu folgen, die die Grundbedingungen des Vertrags herunterratterte.
„Wir, als deine Mutteragentur, können dich jedoch jederzeit an eine andere Agentur ausleihen. Das ist ja schließlich in deinem Sinne, denn du willst ja möglichst viele Jobs.“
Olivia nickte.
„Du stehst der Agentur an 365 Tagen im Jahr Tag und Nacht zur Verfügung. Wenn ein Kunde dich buchen will, stehst du zur Verfügung, außer du bist bereits bei einem anderen Job im Einsatz. Das ist ja auch in deinem Sinne.“
Wieder nickte Olivia.
„Die Agentur erhält bei jedem „Booking“ 40% deiner Gage. Nur wenn du einen Exklusivvertrag mit einer Firma erhältst, wenn du zum Beispiel das Gesicht einer Kampagne einer Mode- oder einer Kosmetikfirma oder was weiß ich wirst, nehmen wir 50% deiner Kommission. Wenn du eine Celebrity wirst, also das Gesicht der Firma, dann erhalten wir 60% deiner Gage. Das ist ja auch in Ordnung, schließlich haben wir ja deinen Erfolg gemacht!“
„Klar!“, stimmte Olivia begeistert zu. Sie war vollkommen aufgeregt und wünschte nur, dass es endlich losgehen sollte.
„Dazu kommen natürlich noch die Anteile an den Nutzungsrechten!“
„Nutzungsrechte?“
„Na ja, das Buyout. Wir machen alles, was mit dir und um dich herum gemacht wird, zu Geld. Das ist ein Business und kein privates Hobby. Das ist dir doch klar!“
„Völlig klar!“, bemühte sich Olivia möglichst schnell beizupflichten.
„Na ja, und alles was von dir produziert wird, unterliegt natürlich auch dem Copyright. Und dieses Copyright erhält die Agentur durch diesen Vertrag. Das ist doch selbstverständlich, oder?“, fragte Mrs Allen mit vorwurfsvoller Stimme.
„Selbstverständlich!“, stimmte Olivia schnell zu.
Mrs Allen warf ihr einen prüfenden Blick zu. „Nun gut!“, begann sie erneut. „Du kannst den Vertrag mit nach Hause nehmen und bringst ihn dann halt wieder, wenn du ihn genau durchgelesen hast.“ Sie machte eine Pause und beobachtete Olivias Reaktion. „Sobald du unterschrieben hast, schaut dich Claudia, unsere Stylemanagerin an, um herauszufinden, wie wir dich am besten vermarkten können.“
„Wie schnell kann das gehen?“, wollte Olivia begierig wissen.
„Moment!“ Mrs Allen drückte auf die Tasten der Telefonanlage.
„Claudia.“
„Hier Jeannie! Wann hast du den nächsten Termin frei? Wie, du bist grade frei. So ein Glück. Kann ich dir dann jemanden schicken? O.K.!“ Sie legte auf. „Claudia hat zufällig gerade einen Termin frei. Du müsstest aber vorher unterschreiben, damit wir die Sache nicht umsonst durchziehen!“
„Ja, ja, ja!“, rief Olivia begeistert und unterzeichnete den Vertrag.
„Ach und ich habe da noch eine Idee!“
„Ja was denn?“
„Wie wär`s wenn wir dich „O“ nennen, als Künstlername, meine ich?“
„O?“
„Ja, „O“ für Olivia!“, meinte Mrs Allen. „Das klingt geheimnisvoller als Olivia, das verspricht irgendetwas, das macht sich gut!“
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