„O.K, O.K., O.K.!“, rief Olivia begeistert. „“O“ für Olivia, das ist prima!“
10
Wenige Augenblicke später befand sie sich im Checkroom der Agentur. Dort wurde sie von Claudia, der Chefstylistin und einigen Assistentinnen empfangen.
„Wie heißt du?“, wollte Claudia wissen.
„Olivia!“
„Oh, ein guter Name, für das Geschäft meine ich. Den können wir lassen, damit können wir dich in der Szene etablieren!“
„Mrs Allen meint, ich solle mich „O“ nennen, das sei geheimnisvoller!“
„“O“ für Olivia!“, wiederholte sie prüfend. „Irgendwie siehst du mehr nach „Sandra“ aus, dynamisch und sportlich.“ Sie machte eine Pause und musterte Olivia. „Aber Mrs Allen hat einen guten Riecher, also machen wir es so, wie sie will. „O“ für Olivia, klingen tut es gut. Mal seh`n, was du draus machst.“
Olivia atmete auf und lächelte.
„Dann legen wir mal los!“
„Zieh dich aus und stell dich gerade hin!“, meinte eine Assistentin.
Olivia hatte sich in Windeseile ausgezogen.
„Gutes Tempo!“, grinste die Assistentin und begann ihre Maße zu nehmen, während ein anderes Mädchen alles aufnotierte.
„Wir brauchen das noch für dein Book, deine Mappe. Wir werden von dir zusätzlich zu deiner Sedcard ein Portfolio anlegen, digital und als echten Ordner. Manche Kunden sind noch ziemlich altmodisch!“, erklärte Claudia.
„Weiß Bescheid!“
Nun betrachtete Claudia sie eine Weile. „Für ein Lolitamodel bist du nicht zierlich genug, für ein Wäschemodel zu muskulös. Da hast du wohl zu viel Sport getrieben!“
„Bestimmt nicht! Ich jogge nur manchmal. Mit Muskeln oder so hab ich noch nie etwas gemacht!“
„Dann ist das einfach Genetik.“ Claudia dachte nach. „Das ist nicht so gut!“
Olivia fiel die Kinnlade vor Schreck nach unten.
„Du bist zwar als Sportmodel zu gebrauchen …“
Olivia atmete auf.
„… aber für alle anderen Jobs nicht so richtig!“
Olivia sackte wieder in sich zusammen.
„Und Sportmodels werden nicht so oft gefragt!“, ergänzte Claudia.
Olivia wurde es richtig schlecht.
„Und der Künstlername „O“ für ein Sportmodel?“ Sie überlegte.
„Nicht?“, fragte Olivia ängstlich.
Claudia trat zu ihr hin und besah sich ihre Hände. „Deine Hände sind nicht schön genug für ein Handmodel, deine Beine sind nicht lang und nicht schön genug für ein Beinmodel, dein Po ist nicht knackig genug für ein Unterwäschemodel. Deine Brüste sind ein bisschen zu klein für ein BH-Model. Für eine Bigbeauty oder ein Oversizemodel bist du wiederum zu dünn. Tja, das passt alles nicht so recht!“
„Aber, aber bisher haben immer alle gesagt, dass ich die Schönste sei!“, stammelte Olivia hilflos.
„Du bist ein schönes Mädchen, zweifellos!“, bestätigte Claudia.
Olivia richtete sich freudig auf.
„Aber alle Models sind schön und das heißt noch nicht, dass du ein Model bist!“
Olivia sackte wieder in sich zusammen und seufzte, aber es kam noch schlimmer.
„Für die Teenies bist du zu alt und als „Classic Model“, also für die älteren Kunden, bist du noch zu jung!“ Sie presste nachdenklich die Lippen zusammen.
Nachdem ihre Maße genommen worden waren, wurde sie vor einen Kleiderständer geführt.
„Probiere mal alle Kleider auf diesem Ständer durch!“, meinte Claudia.
Olivia stutze zunächst, aber dann probierte sie ein Kostüm nach dem anderen.
Claudia und ihre Assistentinnen besprachen sich dabei. Sie ließen ihren Gedanken freien Lauf und diskutierten laut durcheinander.
„Das steht ihr am besten!“
„Ja, das Aerobicoutfit stand ihr bisher am besten, das ist ihr Typ!“
„Es stand ihr nicht nur am besten, es stand ihr eigentlich als einziges. Das ist ihr Ding!“
Alle waren sich einig. „Alles Andere ist nichts!“
Olivia schüttelte ungläubig den Kopf. „Das kann doch nicht wahr sein. Ihr müsst euch irren!“, rief sie verzweifelt.
Die Frauen sahen sie schweigend und mit bösen Blicken an. Wie konnte sie es wagen, ihrem Urteil zu widersprechen.
Sie biss sich auf die Lippen. Dann musste sie sich an einen Spiegel setzen, an dem verschiedene Frisuren an ihr ausprobiert wurden.
„Nein, nein, nein, nicht die damenhafte, nur die nicht!“, stellte Claudia fest.
„Der Pferdeschwanz sieht gut aus!“, meinte eine der Assistentinnen.
„Das Mädchen, das mit Pferdeschwanz joggt. Nike!“, phantasierte eine Assistentin.
„Oder reitet!“, brummelte ein anderes Mädchen lakonisch und alle lachten.
Auch bei den Make-ups waren sich alle einig, dass Olivia am besten ein möglichst natürliches Make-up stand.
Zum Abschluss musste Olivia noch posieren, man nannte ihr eine Situation, die sie darstellen und spielen musste.
„Lauf dabei auch auf und ab. Catwalk, Baby, Catwalk!“, befahl Claudia.
Das Urteil fiel ebenso eindeutig aus, wie alle vorherigen.
„Du bist ein Fitnessmodel!“, teilte Claudia mit und alle stimmten zu. „Du kannst am besten Fitness- und Sportsachen präsentieren. Und so werden wir dich hauptsächlich anbieten und in unsere Kartei aufnehmen!“
Olivia war schon alles recht. Sie nickte nur und war froh, dass sie überhaupt für etwas taugte.
„Natürlich musst du auch jeden anderen Job annehmen!“
„Natürlich!“, versprach sie ohne Zögern.
„Du musst keine Angst haben, dass wir dich verramschen. Wir schicken dich schon nicht auf jede Autohauseröffnung!“
Olivia atmete auf, ohne zu begreifen, was Claudia meinte.
Die Assistentinnen kicherten.
„Wir werden schon auf dein Image achten: Wir schicken dich auf die besten Castings für Pret-a-porter-Schauen, auf Catwalks, zu Film- und Fotoschauen und zu Fotostrecken von Zeitschriften!“
„Das ist toll!“, frohlockte Olivia.
„Für die Autohauseröffnung hast du noch Zeit, wenn du kein „New Model“ mehr bist!“
„Das stimmt!“, bestätigte Olivia, ohne zu begreifen, was gemeint war.
Die Assistentinnen grinsten.
„Dann ist alles klar!“, schloss Claudia die Sichtung. „Du hast deine „Sedcard“, wir haben dein File. Jetzt heißt es für dich nur, am Handy sitzen und auf deine Jobs warten!“
„Ja, ja, danke!“ Olivias Herz hüpfte vor Glück.
11
„Hallo Olivia! Alles klar?“, fragte ein junger Mann namens Fred, der ein Arbeitskollege von ihr war und setzte sich neben sie in die Café-Ecke, in der sie ihren Lunch einnahm.
„Hallo!“, antwortete Olivia kühl, denn sie hatte Fred bisher als nicht besonders aufmerksam oder freundlich erlebt.
Fred packte sein Brot und sein Getränk aus und stellte es auf den Tisch. „Hab gehört, du willst in die Modelbranche? Ist ja irre?“
„Amie!“, fuhr es Olivia durch den Kopf. „Der kann man ja wirklich nichts erzählen, sonst wissen es gleich alle!“
Sie setzte ein Lächeln auf. „Ach weißt du, das ist nur so eine Spinnerei!“
„Es hieß, du hättest ein Angebot von einer Modelagentur!“
„Ja, aber das heißt noch nichts! Das ist erst mal nur ein Nebenjob. Wahrscheinlich wird nichts daraus. Jedenfalls habe ich noch nicht gekündigt.“
„Nein, nein, nein!“, unterbrach er sie. „Du solltest nicht so bescheiden sein. Ich glaube, dass du das wirklich schaffen kannst. Ehrlich!“
Sie sah ihn überrascht an. Sie hatte eher erwartet, dass er sich über sie lustig machen würde, so wie sie ihn kannte.
„Meinst du wirklich?“
„Aber ja doch!“, nickte er wild mit dem Kopf. „Ich würde es nicht sagen, wenn ich es nicht ernst meinte!“
Sie lächelte geschmeichelt. „Danke!“
„Ich finde wirklich, dass du das Zeug zum Model hast, Olivia!“, begann er wieder.
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