1 ...6 7 8 10 11 12 ...47 ›Es tut mir leid, wirklich. Ich habe nicht daran gedacht, was dies alles für dich bedeuten muss. Ich kann dich verstehen, denn mir geht es genauso. Ich bin das letzte Kind des Königs mit einer Auserwählten.‹
›Mit einer Auserwählten? Aber wie ist das möglich?‹
›Na, wie schon, sie vereinigen sich, und dann bringt sie nach einiger Zeit ein Kind zur Welt, wie sonst?‹ Er konnte nicht glauben, dass sie so ahnungslos war. ›Tun das die Menschen nicht? Sich vereinigen?‹
Althea schnaubte, sie ahnte sehr wohl die Gedanken, die er sie nicht hören ließ. ›Natürlich tun sie es, das war es nicht, was ich meinte. Ich habe dir doch erzählt, dass die Druidai schon sehr lange tot sind. Wenn deine Mutter eine Auserwählte ist, dann..‹, sie schluckte, ›dann musst du uralt sein!‹
›Uralt?‹ Er schüttelte den Kopf. ›Du musst dich irren. Ich bin wirklich der jüngste Nachfahre des Königs mit einer Auserwählten. Bei Weitem der Jüngste. An meine älteren Halbgeschwister kann ich mich kaum erinnern.‹
Althea sprang auf. Sie überlegte fieberhaft. Irgendetwas war hier im Gange, etwas, das sie nicht greifen konnte. Aber was? Sie beschloss, einfach zu raten: ›Ti’Anan, kannst du dich an den letzten Angriff von.. IHM erinnern?‹ Gerade noch rechtzeitig verkniff sie sich den Namen.
›Oh, davon weiß ich nur aus Erzählungen der anderen. Ich wurde kurz danach geboren. Ich weiß noch, dass sie mir erzählt haben, wie mein Vater viele eigenhändig aus den Trümmern des Palastes holte. Es war furcht.. Althea? Was hast du?‹ Sie hatte die Augen aufgerissen und starrte ihn entgeistert an. Er stand auf und ging langsam auf sie zu. ›Alles in Ordnung?‹
›Das ist es! Deine Welt hat.. sie ist..‹ Wie sollte sie das erklären? Sie brauchte etwas, womit sie ihm das begreiflich machen konnte, etwas, das sie beide kannten. Da fiel ihr etwas ein. Er selbst hatte davon gesprochen. ›Weißt du um die Zeit, in der eine Menschenfrau ein Kind austrägt?‹
›Ähm‹, die spitzen Ohren bogen sich ein wenig nach außen, ›jaahh, so ungefähr weiß ich es. Warum fragst du?‹
›In meiner Welt dauert es in etwa ein dreiviertel Jahr, bis es ausgetragen ist.‹
›Bei uns dauert es eine Lichtzeit.. ein dreiviertel..‹ Ti’Anan verstummte. Seine hellen Haare sträubten sich schon wieder, und er fauchte. Althea nickte. Er hatte es gleich begriffen. ›Viele Hundert.. Jahre?!? So lange?‹
›So lange. All das Wissen der Druidai ging verloren, bis auf die Geschichte derjenigen, die den Verräter einließ: Asklepia. Sie machte eine Prophezeiung, bevor sie starb: Dass die Gabe wieder in Erscheinung treten würde, wenn eine dunkle Zeit anbrechen würde. Und es ist eine dunkle Zeit angebrochen, wie du siehst.‹
›Asklepia..‹
›Du erinnerst dich an etwas?‹
›Aber natürlich! Meine Mutter brachte sie hierher. Sie waren die letzte der Auserwählten, die das Tor durchschritten, bevor wir den Bann darüber legten. Asklepia war tot. Sie wurde mit allen Ehren dem Licht übergeben.
›Deine Mutter..‹ Althea starrte ihn sprachlos an. ›Oh bitte, erzähl! Erzähle mir alles, was du..‹ Sie verstummte.
Ti’Anan wies ihre Gedanken plötzlich ab und hob lauschend den Kopf. Dachte er, sie würden belauscht? Althea sah ihn fragend an. Er schüttelte den Kopf und zog sie mit sich. Kein Wort dachte er, als er sie zu einem Fenster führte und auf den Sims kletterte. Er war vollkommen still, und Althea unterdrückte jede Frage, jeden Gedanken und jede Regung.
Es war nicht weit nach unten. In den Felsen gelegen, hatte der Palast so viele Vorsprünge und Ecken, dass Althea mühelos herunterklettern konnte. Wieder fragte sie sich, warum er nicht seine Flügel benutzte. Vielleicht konnten die anderen es spüren? Er kletterte nicht auf direktem Wege nach unten, sondern dorthin, wo die Felsen in einen sehr dicht bepflanzten Teil des Gartens mündeten. Dort liefen sie auf den Wald zu, sich immer in der Deckung der Büsche haltend.
Kaum im Wald angekommen, wollte Althea etwas fragen, aber er schüttelte warnend den Kopf. Noch nicht. Sie begannen zu laufen, immer in Richtung des Lichts. Schon nach den ersten Schritten musste sie feststellen, dass sie viel schneller war als er. Sie erinnerte sich, wie er auf ihrer Seite des Tores zusammengebrochen war. Sie wartete, bis er sie eingeholt hatte, und sprang dann langsamer hinter ihm her. Es war ihm unangenehm, das konnte sie sehen, aber er sagte immer noch nichts, während er beinahe zornig vor ihr her rannte.
Das Licht wurde immer heller, und der Gesang begann sie einzuhüllen und beinahe zu tragen. Es war wunderschön. Am liebsten wäre Althea stehen geblieben und hätte sich mit geschlossenen Augen diesem Erlebnis hingegeben, aber Ti’Anan strebte zügig weiter. Althea folgte ihm durch den Wald, bis sie an einer Felsengruppe angelangt waren und er erneut zu klettern begann. Verwundert folgte sie ihm hinauf, bis er ihr die Hand entgegenstreckte und sie über eine Felsenkante zog.
›Sieh!‹, war alles, was er sagte, und mehr brauchte es auch nicht. Althea nahm mit allen Sinnen diesen Anblick in sich auf. Sie standen unmittelbar über dem Seeufer. Warme Luft blies ihr entgegen, aber es war das Licht selbst, das sie bis ins Innerste wärmte. Die Musik war an diesem Ort beinahe unerträglich schön. Althea musste sich ein wenig gegen sie abschirmen, um sie wirklich genießen zu können. Danach gab es kein Halten mehr, sie schloss die Augen und badete mit allen Sinnen in den Dingen, die auf sie einströmten. Ohne dass sie es bemerkte, begann sie sich im Takt der Musik zu wiegen und zu summen.
Ti’Anan musste sie festhalten, sonst wäre sie kopfüber in den See gestürzt. ›Althea, komm zu dir!‹, rief er.
Sie machte widerwillig, fast benommen, die Augen auf und sah auf diesen wunderbaren Ort hinab. ›Was ist das, Ti’Anan?‹
›Das ist das Meer der Seelen.‹
›Das Meer der Seelen‹, flüsterte Althea verzückt und wollte wieder einen Schritt vor.
Er packte ihre Hand, zog sie ein Stück zurück und zwang sie, sich auf den Felsen zu setzen. ›Althea, sieht mich an. Nun mach schon!‹ Als sie es nicht tat, packte er hart ihr Kinn und zwang sie dazu. Seine goldenen Augen zerschlugen den Bann, der auf ihr lag. Sie schrak zusammen. ›Jetzt bist du wieder bei mir‹, lächelte er.
Plötzlich konnte sie wieder denken. ›Pst! Sei leise!‹
›Nein, das brauchen wir nicht. Das Seeufer ist der einzige Ort, wo wir uns unterhalten können, ohne gehört zu werden. Die Musik übertönt es. Vorhin, da sind wir gerade rechtzeitig gegangen. Sie waren dabei, wieder wach zu werden. Althea, was ist?‹, fragte Ti’Anan besorgt.
Jetzt, wo sie ihn wieder ansah, musste sie mit einem Mal ein Schaudern unterdrücken. ›Es ist wunderschön, aber auch.. es graut mir davor. Es hat sehr viel Macht.‹
›Du bist sehr klug‹, nickte Ti’Anan anerkennend. ›Es gab schon andere, die sich bei diesem Anblick dort hineingestürzt haben, ohne innezuhalten.‹
Aus den Augenwinkeln warf Althea einen vorsichtigen Blick auf das wogende Meer. Nun, da ihr Blick und ihre Sinne durch seine Warnung geschärft waren, konnte sie die verführerischen Dinge beiseitedrängen und andere Details wahrnehmen. Ihr stockte der Atem. ›Aber, das sind ja.. Körper!‹ Sie sah Umrisse von Händen, Füßen, Krallen und Klauen, menschliche und fremde.
›Es sind die Abbilder des letzten Lebens, das die Seelen geführt haben‹, erklärte Ti’Anan, sie genau beobachtend und sich für alle Fälle bereithaltend. ›Sie kommen nach ihrem Tod hierher, alle Wesen von jeder Welt.‹
Althea riss den Kopf herum. ›Von jeder Welt?!‹
Er wollte schon wieder etwas Spöttisches über ihre Unwissenheit sagen, bezwang sich aber: ›Ja, eure ist nicht die Einzige. Es gibt viele, sehr viele sogar. Die Seelen, die du dort siehst, sind nicht vollständig, sie sind nur eine Hälfte eines Ganzen.‹
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