Althea fiel keuchend ein ganzes Stück nach unten in weiche Kissen. Sie hatte geschwebt, erkannte sie und riss die Augen auf. Alle Wesen hatten sich geduckt und richteten sich gerade wieder auf. Drohend kam der König auf sie zu. Sie sprang von diesem kissenbestückten Podest herunter und flüchtete sich zu Ti’Anan in die äußerste Ecke des Raumes. Ein Fehler, wie sie sogleich merkte. Hier gab es weder Fenster noch andere Öffnungen. Sie saß in der Falle. Zitternd ergriff sie Ti’Anans Hand, als die Wesen sie langsam einkreisten. Er richtete sich auf und bleckte die Zähne, fauchend und bereit, sie jederzeit zu verteidigen.
›Wovor willst du uns warnen, Mensch? Oder wie nennt man dich?‹, grollte der König.
›Sie ist ein Mädchen!‹, fauchte Ti’Anan und ärgerte sich augenblicklich, denn sofort nahm ihn sein Vater ins Visier. ›Woher weißt du das? Und woher kennst du sie? Nicht wahr, MÄDCHEN, du wirst gewichtige Gründe anführen müssen, um uns zu erklären, warum ihr beide die heiligen Gebote gebrochen habt.‹
›Welche Gebote?‹, fragte Althea. ›Ich..‹
›Aber das musst du doch wissen‹, flüsterte Ti’Anan.
›Antworte, Mädchen!‹, donnerte der König, so laut, dass Althea in die Knie ging.
Mit letzter Kraft protestierte sie: ›Ich.. ich weiß nichts von irgendwelchen Geboten. Niemand weiß etwas von dieser Welt und.. und ich wollte doch nur.. ER hat euch angegriffen, ER hat versucht, eines der Tore aufzubrechen. Es war schrecklich!‹
›Wer ist ER?‹, fragte Ti’Anan verwundert.
Sie sah ihn an, nur ihn, zu bedrohlich war der Anblick der anderen. ›Phileas. Er..‹
Ein Aufschrei ging durch die Luft. Sämtliche Wächter kamen durch die Fenster hereingeschossen. Althea schrie auf und duckte sich, als der König nach ihr greifen wollte. ›Niemand erwähnt diesen Namen in meinem Reich!‹
›Nein, lasst sie in Ruhe!‹, rief Ti’Anan und warf sich schützend über sie, doch zu spät. Die Wächter drangen auf sie ein, heiße Spitzen bohrten sich in ihre Haut.
Althea wusste sich nicht mehr zu helfen. Sie holte ihr Licht, alles, was sie aufbieten konnte. Es gab so etwas wie einen lauten Schlag, und plötzlich war sie frei. Keuchend duckte sie sich, das Gewicht Ti’Anans auf sich, in Erwartung des nächsten Angriffes. Doch nichts geschah. Es war still um sie herum. Althea wagte es, die Augen aufzumachen, und fuhr zusammen. Alle um sie herum lagen regungslos am Boden, Ti’Anan, die Wesen und die Wächter in einem großen, leblosen Haufen. Sie sah auf ihre Hände herab, die immer noch leuchteten, und erschrak über die furchtbare Macht, die ihr Licht haben konnte. Waren sie tot? Doch da spürte sie, dass Ti’Anan atmete. Weiter hinten begannen sich die Wesen, die am weitesten von ihr weg gestanden hatten, wieder zu rühren.
Auch der König hob langsam den Kopf. ›Mein Sohn!‹, rief er gar nicht mehr bedrohlich, sondern angsterfüllt.
Althea konnte sich nicht bewegen. Ti’Anans Gewicht hielt sie am Boden fest, und sie rührte sich nicht aus Angst, die überall um sie herum liegenden Wächter zu verletzen. ›Ihm ist nichts geschehen‹, sagte sie. ›Er schläft nur. Ich wecke ihn auf.‹ Nur wenig Licht musste sie in ihn senden. Er wollte auffahren, aber sie hielt ihn fest. ›Nicht bewegen, sonst zerquetschst du die Wächter. Ich will nicht, dass jemand zu Schaden kommt.‹ Furchtsam erstarrte er in ihren Armen.
›Gib meinen Sohn frei‹, drohte der König, ›oder ich werde dich..‹
›Hört auf damit, sofort!‹ Plötzlich war da eine höhere, sanftere Stimme. Althea sah ein wunderschönes Wesen durch die Tür schweben. Es sah sich um, streifte die gerade Erwachten, die bewusstlosen Wächter und dann Ti’Anan, der immer noch auf ihr lag. Die Wesen verneigten sich alle vor ihr.
›Die Königin‹, erkannte Althea. Sie schloss vor Erleichterung die Augen, instinktiv ahnend, dass jetzt ihre Rettung nahte.
›Seht Ihr denn nicht, dass sie noch jung ist? Ihr ängstigt sie zu Tode, und das ist die Folge davon.‹ Althea hörte gleichermaßen Tadel an die Wesen als auch Mitleid für sie in ihrer Stimme. Wie viel mehr konnten diese gedachten Worte ausdrücken! Sie schlug die Augen auf und fand das wunderschöne Gesicht der Königin dicht vor sich. Sie lächelte ihr ermutigend zu, nicht mit dem Gesicht, sondern mit den Augen. Dennoch wusste Althea, dass es ein Lächeln war, und erwiderte es. Sie war einfach wunderschön. Ein Lichtwesen.
›Hab keine Angst. Wir sind alle etwas außer uns darüber, dass du nach diesem Angriff hier erschienen bist. Viele wurden verletzt..‹
›Das.. das habe ich gesehen, und es tut mir leid. Ich wollte nur wissen, ob es Ti’Anan gut geht und..‹ Althea schluckte. ›Oh bitte, könnt Ihr nicht die Wächter fortnehmen? Sonst zerquetsche ich noch einen von ihnen. Ich will niemandem schaden.‹
Die Königin lächelte. ›Das werde ich, wecke sie nur auf. Das kannst du doch, oder?‹
Althea sah die männlichen Wesen mit einem Rauschen zusammenfahren. ›Was meint Ihr damit, meine Gemahlin?‹, fragte der König.
Sie richtete sich auf und wandte sich zu ihnen um. ›Sie ist eine Auserwählte, seid Ihr das nicht gewahr geworden? Sonst wäre sie niemals in unsere Welt gelangt.‹
Althea schluckte. Was würden sie nun..? Da geschah etwas Unglaubliches. Alle Wesen versanken vor ihr in einer tiefen Verbeugung, auch die Königin. Ti’Anan, der sich immer noch nicht rühren konnte, starrte sie fassungslos an. Seine Angst war fort. ›Du.. eine Auserwählte? Aber.. wie ist das nur möglich!? Du bist doch viel zu jung!‹
›Ich weiß es nicht‹, gestand Althea offen und warf einen unbehaglichen Blick auf die Wesen, die immer noch in dieser Haltung verharrten. Sie warteten auf etwas, das war offensichtlich, aber auf was?
Ti’Anan spürte, dass sie unsicher war. ›Du musst ihre Ehrerweisung erwidern und sie segnen‹, wisperte er.
›Segnen? Aber wie? Wie macht man das? Und warum?‹
›Du weißt es nicht?‹, flüsterte Ti’Anan. Die Königin hob langsam den Kopf. Ti’Anan verstand es nicht. ›Aber, das musst du doch wissen!‹
›Was? Was muss ich wissen?‹, rief Althea in zunehmender Verzweiflung. Auf einmal wurde es ihr viel zu eng, der fremde Junge auf ihr liegend und die Wesen, die sie alle verstohlen und mit Unglauben ansahen.
Die Königin kam langsam auf sie zu. ›Armes Mädchen, bist du eine Waise? Hattest du niemanden, der dich lehren konnte?‹
›Nein.. ich meine ja.. oh, bitte, so nehmt doch die Wächter fort!‹
Da erhob sich auch der König. ›Wirst du unsere Fragen beantworten?‹
In Althea zog sich alles zusammen. Die Königin griff hier nicht ein, also hatte er das letzte Wort, das erkannte sie nun. Er würde sie befreien gegen die Preisgabe von Dingen, um die sie kaum wusste. In ihr regte sich Widerstand. ›Wenn Ihr mir auch meine beantwortet‹, erwiderte sie, nicht gewillt, sich einfach so überrumpeln zu lassen.
Sie konnte spüren, dass es dem König und den anderen Wesen missfiel. ›Wie du willst. Wecke die Wächter auf. Ich werde sie hinausschicken.‹ Und das tat er. Es brauchte zwar mehr als einen Befehl, dass die verwirrten, zornigen Wächter folgten, aber irgendwann lag sie allein mit dem Feenjungen. Endlich konnten sie sich rühren. Er sprang sofort auf und brachte sich mit gebleckten Zähnen in sichere Entfernung zu ihr.
Es tat Althea weh. Ihr einziger Verbündeter hatte sich von ihr abgewandt. Sie erhob sich langsam. ›Es tut mir leid. Ich wusste mir nicht mehr zu helfen‹, sagte sie an ihn gerichtet. Sie sah unauffällig zu den Öffnungen in der Wand hinüber, fieberhaft nach einer Möglichkeit zur Flucht suchend.
Die Königin hielt ihren Gemahl mit einem Schwenk ihrer lichten Hand zurück. ›Hab keine Angst‹, sagte sie. ›Wie kommt es, dass du überlebt hast? Haben sie dich versteckt, bevor sie getötet wurden? Oder wurdest du als kleines Mädchen fortgebracht?‹
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