»Schafft er es?«, fragten die beiden Mädchen.
»Oh ja. Eines Tages fährt ein saranisches Schiff auf dem Weg nach Hause an der Insel vorbei, und Phelan sieht seine Gelegenheit gekommen. Mit der Hilfe der Enkeltochter der Priesterin kann er fliehen, doch er wird entdeckt und beinahe von den Jägern wieder eingefangen. Im letzten Augenblick entkommt er zu den Saranern, und die lassen sich nicht lange bitten. Einer der Ihrigen wurde angegriffen, eine willkommene Gelegenheit, Beute zu machen, Sklaven. Sie unterwerfen das Jägervolk und nehmen es mit, trotz aller Proteste Phelans, dem als Gildaer ein solches Verhalten zutiefst widerstrebt.
Phelan erfährt von den Seefahrern, dass sie auf dem Weg zu einer von den Saranern eroberten Insel sind und damit zu Jeldrik, der dort die Anführerschaft übernommen hat. Das fremde Seefahrervolk ist nun endgültig auf dem Vormarsch, und Jeldrik hat sich vorgenommen, es noch auf dem Meer aufzuhalten. Auf dem Weg dorthin fahren Phelan und seine Retter beinahe in die feindliche Flotte hinein. Es gelingt ihnen, sie heimlich auszukundschaften und sich an ihr vorbei zu Jeldriks Insel zu schleichen.
Der junge Anführer fällt aus allen Wolken, als plötzlich der tot geglaubte Phelan vor ihm steht. Die Ereignisse in Saran hatten sie zu wirklichen Freunden werden lassen, und Jeldrik hat sich Phelans Verlust nie verziehen. Die Freude über seine Wiederkehr währt nur kurz, als Phelan ihm berichtet, wie zahlenmäßig überlegen die Feinde sind. Jeldrik ist kurz davor zu verzagen, da kommt Phelan eine Idee, wie sie die Feinde in eine Falle locken können. Völlig neue Wege müssen sie dafür beschreiten, und es braucht allen Erfindungsgeist und Kraft der beiden jungen Männer, die Saraner hinter sich zu einen und den Plan Wirklichkeit werden zu lassen. Selbst Altheas Großvater findet sich ein und kämpft mit ihnen. In den Wirren der Kämpfe gelingt es jedoch dem Jägervolk und den anderen Gefangenen auf der Insel, sich zu befreien, doch sie fallen den Saranern nicht in den Rücken, sondern greifen in die Kämpfe ein und besiegen das fremde Seefahrervolk, als die Saraner schon fast geschlagen sind.«
»Aber.. warum tun sie das? Sie hätten sich doch endgültig befreien können?« Die beiden Mädchen verstanden das nicht.
»Nun.. das ist ein berechtigte und sehr schwierige Frage. Seht mal, zum Hoheitsgebiet der Saraner zu gehören, hat nicht nur Nachteile. Es bedeutet auch Schutz, Handel, Wohlstand, all die Dinge, die ihr um euch herum als so selbstverständlich wahrnehmt. Außerdem hat Phelan als Königssohn für die Priesterin des Jägervolkes eine besondere Bedeutung. Er ist für sie unantastbar. Diesen Umstand darf man nicht verkennen. Phelan nutzt ihn, um gemeinsam mit Jeldrik ein Friedensabkommen zwischen den so unterschiedlichen Völkern zu schließen, zum Wohl für beide Seiten. Und nun sitzt er da, auf der Insel, wartet auf Neuigkeiten von Althea und Noemi und muss voller Sorge von Regnar hören, dass Althea immer noch verschwunden ist. Er kann ihr nicht helfen.«
»Und Thea?«, fragte die Älteste.
Da lächelte die Großmutter. »Das erfahrt ihr heute Abend zusammen mit den anderen. Genug getrödelt jetzt, auf an eure Aufgaben!« Energisch scheuchte die Mädchen hinaus.
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Zwischenwelt
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Wie verändert alles war! Althea hatte Mühe, überhaupt durch das Tor zu greifen, so verhärtet war die einstmals pulsierende Fläche. Dahinter erblickte sie den Wald, er war ein einziges Durcheinander aus umgestürzten Bäumen, zerfetzten Blättern, und in der Luft.. keine Musik, sondern Schreie, schmerzhafte, zu Tode erschrockene Schreie. Es war so laut, dass ihr der Schädel dröhnte und sie die Hände über den Kopf zusammenschlug und in die Knie brach. Das Tor verschloss sich wieder, und damit verstummten auch die Schreie.
Keuchend blieb Althea eine Weile am Boden hocken, bis es aufhörte, sich um sie zu drehen, und sie wieder klar sehen konnte. Was sollte sie tun? Etwas in ihr warnte sie eindringlich davor, auch nur einen Finger in die fremde Welt hinüberzustrecken. Sie hatte Angst, erkannte sie, wirklich Angst. Aber andererseits drängte es sie zu erfahren, ob dem Feenjungen Ti’Anan etwas geschehen war. Und sie wollte ihn unbedingt warnen vor der Gefahr, die so unvermittelt über ihre Welt hereingebrochen war: SEINEM Angriff, Phileas’ tödlicher Versuch, endlich der Macht hinter dem Tor habhaft zu werden.
Entschlossen rappelte Althea sich auf. Wenigstens wollte sie sehen, ob es ihrem fremden Freund gut ging. Keinen Gedanken verschwendete sie an ihre Freunde, an Noemi, die angstvoll draußen im nächtlichen Garten auf sie wartete, oder an Chaya, die sich in unruhigem Schlaf in der Hütte wand. Phelans zur Vorsicht mahnende Stimme, wie immer in ihrem Kopf, schob sie beiseite. Sie nahm allen Mut zusammen und legte ihre Hand erneut auf die silbrig schimmernde Fläche. Sofort drangen wieder diese Laute in ihr Gehirn ein und trafen sie bis ins Mark, aber diesmal war sie darauf vorbereitet. Unter Aufbietung aller Konzentration schaffte sie es, sich ein wenig davon abzuschirmen. Diesmal blieb ihr Blick klar. Vorsichtig streckte sie ihren Kopf hinüber auf die andere Seite. Ein erster, vorsichtiger Luftzug. Sie konnte atmen und sich bewegen. Das war gut.
»Ti’Anan!«, rief sie laut und zuckte erschrocken zusammen. Sie hatte vergessen, dass er ja mit den Gedanken redete und nicht mit dem Mund. Welch lauten Hall ihre Stimme hier erzeugte und wie tief sie klang! Sofort wurde es still, totenstill. Also hatte man sie gehört. ›Ti’Anan?‹, rief sie zaghaft in Gedanken und bereit, sich sofort in Sicherheit zu bringen.
Ein Summen erhob sich in der Luft. ›Wassss isssst dasss?‹, zitterte es durch die Luft, durch die Bäume, oder war es in ihren Gedanken? Es klang wie das Flüstern von tausend Stimmen. Althea sträubten sich die Haare. Alles in ihr drängte danach, schleunigst kehrtzumachen. Nur fort von hier! Doch ihr Pflichtgefühl gegenüber dem Feenjungen war stärker. Sie musste es wissen, koste es, was es wolle. ›Ti’Anan, wo bist du?‹
Etwas kam näher, sie konnte es nicht sehen, aber spüren. Es war bedrohlich und es kam.. Althea riss den Kopf nach oben. Zu spät. Eine dunkle Wolke schoss auf sie herab, sie wurde gepackt, durch das Tor gezogen und emporgerissen. Althea schrie. Tausend kleine Stiche versengten ihre Haut, sie wurde überzogen von Schmerz. Es blieb ihr keine Zeit zu reagieren, ihr Instinkt übernahm das Handeln. Sie rollte sich zu einem kleinen Ball zusammen, versuchte, möglichst viele Stellen von sich zu schützen, und holte ihr Licht. Es sprengte dieses Ding auseinander, die schmerzhaften Stiche hörten auf. Althea spürte, wie sie fiel. Sie riss die Augen auf und sah den Wald mit rasender Schnelligkeit auf sich zukommen, und sie fühlte, wie es sich über ihr wieder zusammenbraute, das, was sie angegriffen hatte. ›Nein!‹, dachte sie in Panik. Schon schlug sie durch das Geäst der Bäume und raste auf den Boden zu. »Neeiiin!!« Sie streckte die Hände aus, wusste nicht, was sie tat. Im letzten Moment wurde ihr Fall aufgehalten, und sie landete wie nach einem Sprung von einer Mauer auf dem Boden.
Althea rollte sich auf dem Boden ab und rannte. Fort, nur fort von diesem Ding! Sie rannte um ihr Leben, ignorierte den Schmerz auf ihrer Haut, die sich anfühlte, als hätte sie sich verbrannt. Dicht war der Wald, es gab keinen Pfad, keine Lichtung. Sie stolperte über Wurzeln, schlug hin, riss sich die Kleider an Dornen auf, aber sie hielt nicht inne. Sie rannte und rannte und rannte, bis ihr plötzlich aufging, dass sie gar nicht aus der Puste geriet.
Abrupt blieb sie stehen. Es war alles still bis auf das Summen in der Ferne, selbst ihr eigener Atem, den sie eigentlich überlaut hätte hören müssen, war ruhig. Wie konnte das sein?
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