»Und was..?«
»Was erlebt sie dort?« Die Großmutter lachte. »Ihr greift der Erzählung vor. Phelans Befürchtungen sind also wahr geworden. Doch das weiß er zu dem Zeitpunkt noch nicht, denn Regnar ist noch nicht zurück. Phelans Plan, den Lockvogel für den Diener zu spielen, ist nicht aufgegangen. Nur wenn sie ihn rechtzeitig finden, gibt es noch Hoffnung für Jeldriks Schwester Jorid, die mit jedem Atemzug um ihr Leben ringt. Phelans kleine Heilerin lebt mit Jorid im Verborgenen und pflegt sie. Gemeinsam mit Jeldrik findet Phelan heraus, dass Jorids Krankheit etwas mit den Männern des Gesetzeshüters zu tun haben muss. Sie beschließen, den wohl wichtigsten Mann des Volkes ins Vertrauen zu ziehen, doch dazu muss Phelans Priesterin ihn erst prüfen, ob er nicht selbst der Diener. Sie hat furchtbare Angst davor, und über der grausamen Wahl, sie entweder zu zwingen oder Jorid sterben zu lassen, entdeckt Phelan, dass er ganz andere Gefühle für sie hegt als für eine Sklavin und Schutzbefohlene. Das bekommt natürlich auch Bajan mit, und er warnt Phelan eindringlich, sich mit ihr einzulassen. Als Priesterin gelten für sie äußerst strenge Regeln und noch strengere Strafen, aber Phelan bestreitet vehement, etwas für sie zu empfinden.
Es ist die Zeit der großen Clansversammlung im Herbst, wenn alles zusammenkommt, was Rang und Namen hat, als sie ihren Plan in die Tat umsetzen. Der Gesetzeshüter, erst denkbar ungehalten über ihr Misstrauen und die Tatsache, dass eine Priesterin des feindlichen Volkes ihn prüfen muss, erkennt sehr schnell den Ernst der Lage und verspricht, den Verräter unter seinen Männern ausfindig zu machen, was ihm auch gelingt. Doch der Diener entkommt und lauert nun im Verborgenen. Er greift Phelan an und verletzt ihn, und als die kleine Heilerin Phelan versorgt, geschieht das, was Bajan befürchtet hat: Die beiden kommen zusammen, und sie ist es, die den ersten Schritt tut.«
»Sie verlieben sich ineinander«, sagte die Älteste mit einem verträumten Lächeln.
»Nein.« Das knappe Wort aus dem Mund ihrer Großmutter ließ ihr Lächeln sofort wieder schwinden. »So wird es den Kindern erzählt, aber das ist nicht der wahre Grund. Die Priesterin sieht ihren eigenen Tod voraus. Nach dem Brauch ihres Volkes kann sie nur in die nächste Welt hinübergehen, wenn sie vorher das Ritual der Vereinigung mit dem ihr bestimmten Königssohn vollzogen hat, und da der weit entfernt war, wählt sie den einzigen anderen Königssohn in ihrer Nähe.«
»Phelan! Ja, natürlich! Aber weiß er das?«, fragte das jüngere Mädchen.
Die Großmutter schüttelte den Kopf. »Zunächst nicht. Er völlig verwirrt, als er erkennt, dass die kleine Priesterin ihn nur für ein Ritual gebraucht hat, doch er kommt nicht mehr dazu, sie genauer nach dem Sinn und Zweck zu fragen. Mitten in der Clansversammlung erscheint Jeldriks Onkel nach langen Jahren der Seefahrerschaft mit der Nachricht, dass ein unbekanntes Seefahrervolk auf den Weg in saranische Gewässer ist, sie anzugreifen, und gleichzeitig ereilt sie die Botschaft, dass die Bergstämme eine Siedlung angegriffen und alle Frauen und Kinder entführt haben. Plötzlich sind die Saraner von allen Seiten bedroht, denn das feindliche Seefahrervolk ist nicht auf Beute aus, sondern es tötet alle, derer es habhaft werden kann, außer einer einzigen Person: den Schmied. Das lässt für die Saraner nur einen Schluss zu: Sie rüsten, wofür und gegen wen, das entzieht sich ihrer Kenntnis, aber es ist klar, sie müssen die Feinde aufhalten.
In der ganzen Aufregung ist Regnars Rückkehr der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Der alte Seeräuber musste in Temora feststellen, dass Althea verschwunden ist und selbst mit Gewalt nicht aus Noemi herauszubringen war, wohin. Nun will er sich denjenigen greifen, der als einziger noch wissen kann, was Althea getan hat, und damit führt er den Diener direkt zu Phelan und dem Versteck der beiden jungen Frauen.«
»Sie werden überfallen?«, flüsterte das jüngere Mädchen atemlos.
Das ältere Mädchen nickte. »Phelans Priesterin wird von dem Diener getötet und Phelan verwundet, bevor es gelingt, ihn zu überwältigen.«
»Als die ethenischen Sklaven die tote Priesterin finden, sind sie außer sich vor Zorn, erst recht, als sich herausstellt, dass sie nicht mehr unberührt ist. Die Sklaven verdächtigen Phelan, sie geschändet zu haben, und ihr Zorn steigert sich in einen handfesten Aufstand. Es gibt Verletzte und gar Tote, und es bleibt Bajan nichts anderes übrig, als Phelan aus Saran fortzubringen. Er schickt ihn und Jeldrik mit dessen Onkel fort, über die See hin zu einer weit entfernten, von den Saranern eroberten Insel, um die feindlichen Seefahrer aufzuhalten. Doch unterwegs zieht ein schwerer Sturm auf, und Phelan geht über Bord. Tage-, wenn nicht sogar wochenlang treibt er auf dem Meer. Dem Tode nahe, sieht er, wie Althea ihn vergebens um Hilfe ruft. Das soll für lange Zeit das Letzte sein, was er von ihr sieht und hört.«
Die Großmutter tat so, als wolle sie die Erzählung hier beenden, und sie lachte, als die beiden Mädchen zum Protest anhoben. »Also schön. Nicht nur Phelan sieht, dass Althea in Gefahr ist, auch Currann hat einen entscheidenden Traum von ihr. In Branndar ist Currann durch Siris abweisende Haltung mittlerweile derart grimmig und wortkarg geworden, dass er ernsthaft den Zusammenhalt der Kameraden gefährdet. Doch da greifen die Bergstämme, die zuvor Saran heimgesucht haben, in einer nie gekannten Stärke an. Die Kameraden überleben nur knapp, und Siri, der plötzlich klar wird, dass sie Currann noch nie seinen Schutz wirklich vergolten hat, greift selbst zu den Waffen, um ihnen beizustehen.«
»Führt sie ein Schwert?«, fragte das jüngere Mädchen fasziniert.
»Nein, sie ist doch eine Schützin, erinnerst du dich nicht?«, sagte das ältere Mädchen.
»Ja, so ist es«, nickte die Großmutter. »Currann wird schwer verwundet, und da begreift Siri, was er ihr wirklich bedeutet. Sie beschließt, sich ihm zu öffnen, und endlich finden sie zusammen und werden ein Paar.
Unter dem Beutegut der Bergstämme finden die Kameraden zwei überlebende saranische Kinder. Von ihnen erfährt Currann, dass sein Bruder am Leben ist und sie nun geradezu im Wettstreit mit ihrem ehemaligen Heerführer und Mentor Bajan stehen, die Grenzen zu sichern. Das ist für Currann natürlich ein doppelter Sieg, und nach dieser Zeit der Unsicherheit brechen für Branndar und für die Kameraden bessere Zeiten an. In der Siedlung werden sie nun endlich als Retter und Beschützer geachtet, alles wächst und gedeiht, und kein Lohn könnte für Currann schöner sein, als Siri ihm einen Sohn und damit dem Reich einen Thronfolger schenkt.
Doch da wird Curranns Ziehsohn, Siris ältestes Kind, plötzlich todkrank. Nichts scheint zu helfen, und als sie ihm schon die letzte Salbung geben wollen, beschließt Currann, Althea um Hilfe anzurufen. Es gelingt ihm, Verbindung mit ihr aufzunehmen, und er sieht sie verletzt und hilflos in einem fremdartigen Wald umherirren. Sie findet nicht zurück, und nun versucht sie mit Curranns Hilfe einen Weg in ihre Welt. Es gelingt ihm, ihr den Weg zu weisen und ein wenig von ihrem Licht mitzunehmen zu seinem todkranken Ziehsohn, der daraufhin überlebt. Ich sehe schon, ihr glaubt das nicht so wirklich«, sagte die Großmutter zu den beiden zweifelnd dreinblickenden Mädchen. »Erinnert euch, wen eine Druidai berührt, mit dem schafft sie eine dauerhafte Verbindung. Wen sie einmal damit berührt hat, der bleibt auch über weite Entfernungen immer mit ihr verbunden, auch und gerade im Geiste.«
»Ja, und sie träumt immer, wenn jemandem etwas Schlimmes passiert«, sagte das ältere Mädchen zu dem jüngeren. Dieses nickte zögerlich.
»So ist es. Nun aber wieder zu Phelan. Im Gegensatz zu seinem Bruder konnte dieser Althea nicht helfen. Er wird auf einer weit entfernten Insel an Land gespült. Auf ihr lebt ein primitives Jägervolk, das von einer alten machtbesessenen Priesterin beherrscht wird. Die Enkeltochter der Priesterin pflegt Phelan gesund, und von ihr erfährt er auch, was es mit der alten Frau auf sich hat: Sie verbirgt ihr Volk vor Fremden, denn auch sie hat Träume von Tod und Verderben und hofft so, dem entkommen zu können. Alle Fremden, die von Stürmen dort angespült werden, hindert sie daran, wieder fortzugehen. Phelan begreift, dass er in noch größerer Gefahr ist als zuvor auf dem Meer. Das Jägervolk nimmt ihn zwar auf, aber er entdeckt auf der Insel ein weiteres, von einem Todesring umgebenes Tor gibt. Alle Fremden liegen im Todesring, geopfert dem Wahn der Priesterin, die um jeden Preis wissen will, was sich dahinter verbirgt. Mit einer List versucht sie, auch Phelan dort hineinzutreiben, aber er entkommt dank seines besonderen Wissens dieser Falle und erreicht, dass das Jägervolk das wahre Machtstreben der Priesterin erkennt und sich von ihr lossagt und stattdessen ihre Enkeltochter zur Priesterin machen. Nur, gehen lassen sie Phelan deswegen noch lange nicht, zu groß ist die Furcht vor Entdeckung. Also ist auch Phelan gezwungen, zu List und Betrug zu greifen. Scheinbar willig lässt er sich in das Volk aufnehmen, und heimlich baut er an einem kleinen Boot, um von der Insel zu fliehen.«
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