1 ...7 8 9 11 12 13 ...47 Althea merkte auf: ›Die Seelenhälften! Ja, natürlich! Die Temorer glauben noch heute daran, dass zwei Seelen auf der ewigen Suche nacheinander sind.‹
Ti’Anan schnaubte nur. ›Sie wissen nichts! Schließlich denken sie auch, wir seien Götter. Alle Lebewesen denken das, aber sie irren sich.‹
›Sei nicht so hochnäsig!‹, begehrte Althea auf. Sie war erbost darüber, dass er einfach so über sie urteilte. ›Woher sollen sie es schließlich wissen?‹
Er fühlte sich sofort angegriffen und bleckte die Zähne. ›Sie bräuchten nur nachzudenken. Es ist logisch! Sie sind dumm!‹
›Nein, sind sie nicht!‹ Althea sprang auf. Sie fühlte sich verletzt, dass er die Menschen so herabsetzte. ›Logik kannst du nur anwenden, wenn du alle Fakten kennst‹, warf sie ihm einen Lehrsatz ihres Vaters an den Kopf.
›Aber wie können sie denn so dumm sein zu glauben, dass dies die Welt der Götter ist? Das, das dort, ist göttlich!‹, fauchte er und zeigte auf die riesige, senkrecht stehende Säule, die den See in Bewegung hielt. ›Finden zwei Seelen zusammen, dann gehen sie ein in das Göttliche. Sieh, dort hinten, dort ist es gleich soweit!‹
Althea sperrte Mund, Augen, Ohren und ihre Sinne weit auf, als sich aus dem Meer zwei Gestalten herauszuschälen begannen. Unendlich mühsam schoben sie sich in die Höhe, doch dann streckten sie ihre Hände nacheinander aus. Als sie sich berührten, stiegen sie rasch empor, verschmolzen miteinander und stoben in einem Funkenregen auseinander. Die Musik schwoll an, sie lockte, das erkannte Althea nun, die Funken zu der Säule. Sie sah zu, wie sie sich in ihr auflösten und verschwanden. Eine Weile brauchte sie, um sich aus dem Bann des Anblicks zu befreien, doch dann sah sie den Feenjungen. Sie spürte den überheblichen Triumph des vermeintlich höheren Wissens in seinen Augen und seinen Gedanken, und das stachelte ihren Widerstand an.
›Ach, und woher willst du wissen, dass dies das Göttliche ist? Woher willst du wissen, dass dies nicht das Tor in eine weitere Welt ist, in der andere Wesen sitzen, die genauso spöttisch auf euch zeigen? Jemand sagte mir einmal, dass alles, was die Menschen nicht kennen, ihnen Angst macht und dass viele dazu neigen, es als göttlich oder teuflisch zu benennen, um damit leben zu können. Ich glaube, ihr wisst es auch nicht. Ihr seid nicht besser als alle anderen und..‹
›Wie kannst du es wagen!‹ Ti’Anan sprang sie an, fauchend und mit spitzen Krallen, doch bevor Althea sich wehren konnte, wurde er von unsichtbarer Hand zurückgerissen.
›Ti’Anan!‹, donnerte die mächtige Stimme des Königs, und da schwebte er auch schon heran, zusammen mit der Königin und den anderen Wesen, die Althea schon bei sich im Raum gesehen hatte.
›Vater, ich..‹
Der Feenjunge wurde von unsichtbaren Händen emporgezogen, bis er ganz dicht vor ihm schwebte. Der Zorn seines Vaters umloderte ihn. ›Sie hat dir eine Frage gestellt und dich um Antwort gebeten. Eine höchst philosophische Frage sogar, so, wie sie sich unseren Gelehrten schon seit Anbeginn unserer Zeit stellt. Sie ist nur allzu berechtigt, denn die Wahrheit ist, Mädchen, wir wissen es nicht. Wir kennen..‹
›Aber Vater!‹ Ti’Anan verschlug es die Sprache, dass er solch wichtige Geheimnisse einfach mit einem fremden Wesen teilte.
›Nur weil du mit deinem Schicksal haderst, kannst du das nicht an anderen auslassen und voller Hochmut auf sie herabblicken‹, grollte der König. ›Du wirst dich bei ihr entschuldigen, und dann wirst du in den Palast gehen und dich nicht von der Stelle rühren, hast du verstanden?‹
›Nein, das werde ich nicht!‹, fauchte Ti’Anan, riss sich los und rannte, sobald er zu Boden gestürzt war, in den Wald davon. Althea sah ihm unbehaglich, aber auch ein wenig traurig hinterher.
Der König rief jemanden, eine Art Diener. ›Fangt ihn ein und sperrt ihn weg, bis er sich wieder besonnen hat. Er wird sich bei dir entschuldigen, Mädchen.‹
›Mein Name ist Althea‹, sagte sie. ›Das bedeutet: Die Heilende.‹
Die Königin lachte, es war wie ein warmer Hauch. ›Ein treffender Name, wahrlich. Sag, Althea, wer hat dich gelehrt? Du bist sehr klug.‹
›Mein Vater‹, antwortete Althea, sich wieder auf den Felsen setzend, weil sie nicht wusste, wohin sie sich wenden sollte. Alle Wesen um sie herum schwebten zu Boden und ließen sich ebenfalls nieder, und die Königin kam zu ihr. Dabei streifte ihr Gewand Althea ein wenig. Es verursachte ihr eine Gänsehaut. Zu gerne hätte sie gefühlt, woraus diese Wesen bestanden.
Die Königin lächelte, als sie ihren Blick bemerkte. ›Keine Sorge, wir sind richtige Wesen, keine Geister.‹
Althea nickte. ›Ja, das ist mir schon klar. Sonst hättet Ihr nicht bei dem Angriff verletzt werden können.‹
›Du ziehst wirklich sehr folgerichtige Schlüsse‹, meinte eines der anderen Wesen anerkennend. ›Haben wir das vorhin richtig gehört, dein Vater hat dich das gelehrt? Ist er ein Druidai?‹
›Mein Vater?!‹ Althea musste lachen, obwohl ihr traurig zumute wurde. ›Nein, er ist weit davon entfernt. Er ist Gelehrter, aber nur Gelehrter, kein Priester. Jedweder Glaube geht ihm völlig ab.‹
›Tatsächlich?‹, wunderte sich der König. ›Du sagst, die Druidai sind schon lange tot. Wie lange? Gib uns ein anderes Zeitmaß.‹
Althea zögerte nicht, ihnen von ihren Erkenntnissen zu berichten. Ti’Anans Bestrafung und ihre offene Neugier ließen sie ruhig werden. Sie überlegte, wie sie das am besten erklären sollte. ›Wir glauben, einen Vergleich gefunden zu haben, nur klingt es so.. so unglaublich‹, begann sie.
›Sag es uns! Was habt ihr herausgefunden?‹, fragte die Königin. Althea konnte die gespannte Erwartung um sich herum spüren. Es war, als warteten sie auf etwas, und als sie ihnen von ihrem Vergleich erzählte, fuhren sie alle auf.
›Hoheit, das bestätigt unsere Theorie!‹
›In der Tat, das tut es.‹ Alle Wesen wirkten zutiefst beunruhigt.
›Du bringst uns Antwort auf eine lang gestellte Frage‹, sagte die Königin. ›Die Frage, ob in jeder Welt das gleiche Maß an Zeit existiert oder nicht.‹
›Sie ist überall verschieden? Aber.. dann habt Ihr wirklich miterlebt, wie.. ER Euch angegriffen hat!‹ Dieser Gedanke erschloss sich Althea erst jetzt. ›Oh bitte, so erzählt doch. Was hat dies alles mit den Druidai zu tun?‹
Die Königin war es, die Altheas Bitte erfüllte. Alle anderen tauschten noch erregte Gedanken über die neuen Erkenntnisse aus. ›Du weißt es wirklich nicht, nicht wahr? Nun, seit Anbeginn der Zeit kamen Lichttag für Lichttag die Auserwählten durch die vielen, vielen Tore hierher, um mit uns das Ritual der Einheit zu vollziehen. Ihre Kinder sind es, die durch ihren Gesang und ihre Kraft die Quelle in Bewegung halten. Jedes Lebewesen hat seinen Anteil daran. Die von den Menschen abstammenden Wesen machen den Gesang, den wir leider nicht hören, aber spüren können. Andere wiederum halten durch ihre Kräfte die Quelle in Bewegung. Ohne sie stünde die Quelle still, und die Seelen würden aufhören zu wandern.‹
›Sie würden nicht mehr wandern? Aber, dann wären sie ja.. weder lebendig noch tot!‹, rief Althea. Ihr kam ein schrecklicher Verdacht. ›Ist es das, was ER will? Die Herrschaft über die Quelle und die Seelen aller Völker?‹
Die Königin ergriff ihre Hand. Es fühlte sich merkwürdig an, flüssig und fest zugleich. Als Althea ihre Hand drücken wollte, fühlte sie keine Haut, keine Knochen, einfach nichts. ›Was ER will, liegt im Dunkeln. Es kam schon früher vor, dass Wesen, die nicht auserwählt waren, versucht haben, die Tore zu überwinden. Aber noch nie hat jemand dabei so viel Heimtücke und böse Macht entfaltet wie ER. SEIN und der Angriff SEINER Getreuen auf die heilige Stätte der Druidai kostete fast alle Druidai, viele der Wächter und einige unserer Brüder und Schwestern das Leben. Nur ein Mensch kann zu so etwas abgrundtief Bösem fähig sein.‹
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