Gerhard begann, bei seinen Schritten die Beine einzudrehen. So stolpert man über die eigenen Füße beim Zurückgehen. Ich habe nie verstanden, warum es so ist, aber viele Schüler neigen zu so etwas. Ich zog also mit dem Fuß einen Strich auf dem Lehm des Bodens. Dann wies ich ihn an, beim Laufen mit je einem Fuß auf einer Seite des Striches zu bleiben.
Ein Fuß bleibt also zunächst auf einer Seite an einer Stelle stehen, der andere wird von einer Stelle auf der anderen Seite auf eine andere auf jener versetzt. Der Abstand zum Strich sollte dabei für beide Füße gleich bleiben. Als nächste Übung kann man ein Versetzen des zuerst festen Fußes angehen. Das Ganze geht genauso, man muss nur auf der jeweiligen Seite bleiben.
Gerhard ging also immer mehr vor und zurück, während ich ihn anhielt, stärker gebeugt in den Knien zu stehen. Gerade am Anfang fällt das vielen Schülern schwer. Die Zahl der Schritte nimmt natürlich zu, nur muss man mit Einzelbewegungen anfangen.
Das Nächste sind Schritte zur Seite. Man kann den schwingenden Fuß am stehenden vorne oder hinten vorbeiziehen. Ihn direkt beim anderen abzusetzen, ist ein Fehler, weil man dadurch seine Standsicherheit gefährdet. Man steht dann nur auf einem einzigen, kleinen Punkt.
Beim vorderen Übertreten bewegt man sich im kleinen Teil eines Kreises nach vorne, beim hinteren Übertreten nach hinten. Ich rate deshalb dazu, das erste grundsätzlich beim Angriff zu benutzen, und das zweite eher bei der Verteidigung.
Auch hier ließ ich Gerhard erst die Schritte einzeln machen, um dann eine gleichmäßige Folge zu beginnen. Auf diese Weise ging er in der Hocke mal zur einen Seite, mal zu anderen.
Dann kam die Verbindung aus der geraden und der seitlichen Schrittfolge. Das geht wie beim Tanzen. Ich spielte seinen Partner. Diese Sache geht am besten mit zwei Schülern. Man hält sich bei den Händen; ein Handpaar reicht. Oft nimmt man die linken Hände, weil man in den rechten eine stumpfe Waffe oder einen Stock als Übungsschwert hält. Man kann die Übung auch ausweiten, indem man drückt oder zieht.
Tatsächlich befand ich mich am Ende mit meinem neuen Knappen in einem Tanz, zu dem Heiner ungefragt den Takt klatschte. Es kommt ganz von alleine, dass man sich bei so etwas um einander dreht. Mal hielt ich unsere Runde enger, mal weiter.
Während um uns herum die Welt in wesentlichen Teilen zugrunde ging, tanzten wir den Tanz der Ritter und Schwertkämpfer.
Es war zu Beginn des nächsten Jahres, als mir Gerhards Jugend zum Halse heraushing. Er kam gerade in das Alter, wo Jungen sich für Mädchen begeistern. Sein Verhalten in dieser Richtung fiel nicht zu knapp aus.
Wir waren öfter einmal auf dem benachbarten Hof Overdieck zu Gast. Nun war es so, dass es auf Overdieck eine Magd gab, die beachtliche Brüste vor sich her trug. Ich muss es einfach so sagen. Die Magd war glücklich verheiratet. Trotzdem blieben Gerhards Augen an ihrem Hemd hängen, als wären sie dort angeklebt.
Weiter ungewöhnlich war sein Verhalten nicht. Jungen in dem Alter können nicht anders. Tatsächlich habe ich später zwei Knappen abgelehnt, weil meine eigenen Töchter in ein heiratsfähiges Alter kamen. Die Jungen hätten sich unweigerlich in sie verliebt. Dabei will ich gegen die Jungen gar nichts sagen, nur gegen ihre Natur. Ich habe sie nach Hause geschickt, um sicheren Tränen und unnötigen Scherereien vorzubeugen.
Zum Zeitpunkt der Geschichte waren meine Mädchen aber noch Kinder. Gerhard konnte ohne den allerleisesten Hintergedanken mit ihnen spielen. Bei jener Magd dagegen wurde er zu einer rot leuchtenden Salzsäule.
Ich hätte schon längst ein Gespräch über die Frauen und die Liebe mit ihm führen sollen. Ich entschied mich daher, ihn für einige Tage auf die Burg Volmarstein mitzunehmen.
„Warum gerade nach Volmarstein?“, fragte er mit sehr stark schwankender Stimme. Sein Stimmbruch fiel ebenfalls so aus, dass es mir in den Ohren wehtat.
„Weil dort meine eigene Liebe wartet“, sagte ich, und ließ ihn mit dieser vieldeutigen Antwort in der Gegend stehen.
Etwas später ritten wir los. Gerhard besaß nun ein eigenes Pferd. Die Stute meiner Frau hatte im Jahr zuvor ein Fohlen bekommen, und nach Rücksprache mit Gerhards Eltern hatten wir es ihm zusammen zu Nikolaus geschenkt. Mag sein, dass das Geschenk recht groß war, aber es was auch wichtig, dass er ein eigenes Reittier bekam. Außerdem nötigten wir seinen Eltern die Kosten für zusätzliches Futter auf.
Jedenfalls gab es keine Probleme damit, Volmarstein innerhalb eines Nachmittages zu erreichen. Die Burg lag auf einem steilen Berg am jenseitigen Ruhrufer. Wir wechselten bereits bei Witten die Seiten, denn direkt gegenüber von Volmarstein lagen Graf Adolfs Männer bei Wetter in festen Stellungen.
Noch wussten sie nicht so richtig, wie sie Graf Heinrich einschätzen sollten, den Herren auf Volmarstein. Er war nur ein kleiner Graf, der kaum mehr besaß als seine Burg und ein paar Gehöfte im Umkreis. Während der ganzen Geschichte mit Friederich vom Isenberg hatte er versucht, sich aus Allem herauszuhalten.
Trotzdem war der Anstieg auf seine Burg steil, und seine Befestigungen waren stark. Einfach vorbeilaufen konnte man an ihnen nicht. Außerdem unterstand er dem Namen nach unmittelbar dem Kölner Bischof. Ein Angriff auf ihn ohne echten Grund hätte dessen Männer auf den Plan gerufen.
Für den ganzen Ärger zwischen Altena-Mark und Isenberg war Volmarstein ein einzelner Bergrücken, über den man nur stolpern konnte.
Am späten Nachmittag trafen wir ein.
Der Berg erhob sich schroff zwischen der Ruhr und einem kleinen Seitental. Durch das Seitental führte ein Weg hinauf. Oben befanden sich auf einem Sattel eine Kirche und ein paar Häuser. Nach links stieg der Weg weiter steil an. Früher einmal musste es hier viele Bäume gegeben haben. Jetzt war alles abgeholzt. In den Grund des Hangs waren unregelmäßig einige Schanzen gezogen. Zwischen ihnen ritten wir hinauf, bis wir an einem engen Tor an einer steilen Abbruchkante ankamen.
Der Wind pfiff singend um unsere Ohren und durch die alten Mauern um uns. Gerhard wirkte wie üblich eingeschüchtert.
Ich winkte der Torwache. „Heda! Herr Tobias von Hamme und sein Knappe erbitten Einlass!“
Mit lautem Knarren öffnete sich das Tor. Die Angeln hatten auch schon bessere Tage erlebt. Ich sprang ab und nahm mein Pferd beim Zügel, um mir in dem schmalen Durchgang nicht den Kopf zu stoßen. Gerhard machte es mir nach.
Eine Torwache zur Linken verneigte sich stumm vor mir.
„Was ist das für ein Ort?“, fragte Gerhard. „Warum spricht hier niemand? Warum folgt man mit solcher Selbstverständlichkeit Euren Wünschen?“
„Man kennt mich. Ein so seltener Gast bin ich hier auch wieder nicht.“
Die Wache schloss das erste Tor hinter uns, und führte uns durch eine schmale Gasse und ein weiteres. Dann lief sie zu einem Haus an der Seite, um uns zu melden.
„Mir ist unheimlich hier“, sagte Gerhard, und fröstelte.
„Du hast kalte Ohren vom Wind“, meinte ich. Zerrissene Wolkenfetzen jagten über den Himmel.
Ein kleines Mädchen tobte spielend über den Hof.
„Hallo, Hollentraud!“, rief ich.
Das Mädchen hüpfte auf uns zu.
„Hallo, Onkel Tobias!“, rief es zurück.
„Das ist die Tochter des Burgherren“, erklärte ich, während das siebenjährige Kind mit Kennermiene unsere Pferde tätschelte. „Wo sind denn deine Eltern?“
„Mama und Papa sprechen über neue Teppiche“, sagte sie leichthin. „Sie sind im oberen Kaminzimmer im Haupthaus.“
Ich nickte und klopfte Gerhard auf die Schulter, damit er mir folgte. Wir gingen zu einem steinernen Wohnhaus, wo man uns schon angekündigt hatte. Der Koch kam uns entgegen und wies mit dem Daumen hinter sich.
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