Später wurde ich zum Ritter geschlagen. Ich ritt weiter häufig zur Isenburg, da sich dort viele Kämpfer trafen und übten. In dieser Zeit änderte sich das Verhalten des Grafen. Er wirkte immer grüblerischer und in Gedanken verloren. Die äußeren Verhältnisse beschäftigten ihn sehr. Er wurde immer wortkarger.
Trost fand er bei seiner Frau, der Herrin Sophia von Limburg. Ich will nicht zuviel sagen, aber es entstanden viele Kinder aus dieser Verbindung. Von ihnen soll später noch die Rede sein.
Schließlich traf man sich 1225 wieder einmal in Soest, der Bischof mit den Grafen und den Kaufleuten. Auch mein Herr war unter ihnen. Als er zurückkam, war es früher als erwartet, und war er sehr unruhig. Viele Ritter auf der Burg sagten damals, dass er manche Entscheidungen hin- und herwälzte. Einen Tag später schickte er mehrere seiner Kämpfer los, ohne zu sagen, wohin. Eine Reihe von Leuten war plötzlich einfach verschwunden. Uns war klar, dass es auf seinen Befehl hin geschehen war, nur nicht, was sie genau tun sollten. Der Graf selber lief auf und ab.
Ich erfuhr von einigen Reisigen später die Hergänge. Sie pressten missmutig hervor, sie hätten dem Bischof aufgelauert, um ihn gefangen zu setzen. Dann hätte man neu verhandelt. Die Männer kannten das Land, und hatten ihm im Unterholz eines zugewucherten Hohlweges eine Falle gestellt. Dort hatten sie gewartet, im Glauben, dass sie ihn ohne weitere Umstände festnehmen könnten.
Nun ist es so, dass Priester keine Waffen führen dürfen und auch gerne den Frieden predigen. Nichts dergleichen fand sich bei Herrn Engelbert. Er griff sich sofort beim ersten Zuruf eine Waffe und feuerte seine Leute gegen die klare Übermacht der Isenberger Mannen an. Er muss wirklich der Meinung gewesen sein, Gott würde ihm bei seinem Tun helfen. Doch statt eines göttlichen Eingreifens wurden nur die unsrigen immer zorniger. Bald gab ein Wort das andere unter den Rufen, und manche unserer Krieger fingen an, ebenso wütend wie wild zu werden.
Die Leibgarde Engelberts erwies sich als vernünftiger als er selbst. Als nichts mehr zu retten war, ergriffen die Leute die Flucht. Der Bischof allein hieb munter weiter um sich. Einige leicht Verletzte unter unseren Leuten begannen schließlich grimmig damit, gezielt auf ihn einzustechen. An eine Gefangennahme dachte niemand mehr. Etliche Schwertstiche fanden ihren Weg in den Leib Engelberts. Ein jeder von ihnen legte Zeugnis dafür ab, wie sehr der Kölner verhasst war unter Männern Westfalens.
Vieles ist gesungen und geschrieben worden über diese Tat und ihre Folgen. Ich möchte in diesem Buch jedoch nicht über die bekannten Teile der Geschichte schreiben, sondern darüber, was viel später durch sie geschah.
Natürlich blieb der Tod eines Bischofs kein Geheimnis. Herr Friederich geriet in Sorge, und er ließ allerlei Leute und Gerät auf die Burg schaffen, und sie auf eine Belagerung vorbereiten. Aufgeben hatte nie zu seinen Eigenheiten gehört. Auch ich gehörte zu den Verstärkungen. Nur mein alter Lehrer Konrad vom Niederenhof dachte gar nicht daran, sein eigenes Haus aufzugeben. Er hatte keine Befestigungsanlagen und nur drei starke Knechte. Was er dafür stets besaß, war ein ausgesprochener Sturkopf.
Innerhalb weniger Wochen im frühen Winter war Graf Adolf von Altena mit seinen Waffenknechten zur Stelle. Wir waren zunächst froh, dass es ausgerechnet Adolf war, der auftauchte. Er war ein Verwandter unseres eigenen Grafen, und wir erhofften von ihm ein milderes Vorgehen als von manchen Kölner Vasallen, die sonst noch hätten erscheinen können.
Bei dieser ersten Belagerung wurden unsere Annahmen dazu bestätigt. Der Niederenhof wurde entgegen aller Wahrscheinlichkeit nicht besetzt. Konrad verteidigte ihn mit einer geschüttelten Faust. Graf Adolf hätte ihn ohne nachzudenken überrennen können, errichtete sein Lager jedoch an der Ruhr. Er ließ verlautbaren, er habe Anweisung, die Isenburg zu belagern, und nicht irgendwelche Herrensitze in der Umgebung.
Die Belagerung ging ein paar Wochen, ohne, dass wirklich etwas geschah. Dann war Graf Friederich plötzlich fort. Niemand hatte etwas gemerkt. Manche der Belagerer sprachen von Geheimgängen, andere von falsch herum angenagelten Hufeisen. Einer schrie sogar lautstark, er habe im Traum den Teufel gesehen, wie er Graf Friederich einen gesattelten Hahn von der Größe eines Pferdes gegeben hätte.
Die Möglichkeit, dass ein paar der Belagerer mit oder ohne Absicht weggeschaut haben könnten, wurde erst gar nicht erörtert. Stattdessen wurde gegen Bezahlung der Besatzung freies Geleit angeboten. So kam auch ich wieder nach Hause. Wir Burgmannen hatten alle darauf gehofft, dass einige andere westfälische Grafen sich auf die Seite Friederichs stellen würden. Wir hatten lange auf Entsatz gewartet, waren aber enttäuscht worden.
So räumten wir die Burg. Sophia ging mit den Kindern zu ihren Verwandten in der Grafschaft Limburg an der Maas. Die Mauern der alten Isenburg wurden danach geschleift, so dass kaum noch etwas von ihnen stand.
Graf Friederich blieb verschwunden. Im Nachhinein erfuhr ich, dass er mit ein paar Umwegen und seinen beiden Brüdern nach Rom gezogen war, um vom Papst Vergebung zu erhalten. Die späteren Kölner Bischöfe schwiegen über dieses Kapitel ebenso wie die Päpste. Man sollte sich allerdings fragen, ob sie hätten schweigen müssen, wenn Friederich die Vergebung nicht erhalten hätte und er nicht zurück gekommen wäre?
Denn das tat er. Sein Bruder Dietrich, der Bischof von Münster, starb auf der Rückreise. Bischof Dietrich ist also letztlich für seinen Glauben an die Unschuld gestorben. Für mich klingt das wesentlich mehr nach einem Martyrium als die wilde Schlägerei, bei der Engelbert von Köln das Zeitliche segnete. Wenn irgendjemand in der ganzen Geschichte in Heiliger war, dann dieser Bruder. Nur die Kölner wollen in Engelbert unbedingt einen Heiligen sehen. Das führt nicht unbedingt dazu, dass man in Westfalen bish heute besser von ihnen denken würde.
Friederich war auf dem Weg nach Limburg, zu seiner angeheirateten Verwandtschaft. Durch Verrat gelang es dabei dem Grafen von Geldern, ihn gefangen zu nehmen. Er lieferte Friederichs Leben für Geld an die Kölner aus. Mir wird schlecht, wenn ich an die Raffgier dieses Mannes denke.
Außerdem gibt es bei allen Rechten und Gerichten einen ehernen Grundsatz, der lautet, dass niemals je Ankläger und Richter dieselbe Person sein dürfen. Nur in Köln scheint man davon noch nie etwas gehört zu haben. Man ging damals so vor, dass behauptet wurde, es säßen ja völlig verschiedene Teile der gleichen Kurie auf den Bänken.
In einem Prozess, der keiner war, wurde Graf Friederich für eine Tat verurteilt, die er nicht begangen hatte. Sehr wahrscheinlich hatte er noch nicht einmal den Auftrag zu so etwas erteilt. Die Kölner verurteilten ihn dazu, auf das Rad geflochten zu werden.
Friederich wurden sämtliche Knochen zerschlagen. Unter den Augen seiner liebenden Frau, die ihm Kraft gab, hielt er deutlich länger aus, als so manch Anderer. Schließlich starb er, der erfolglos für die Gerechtigkeit gekämpft hatte.
Nicht nur die Herrin scheint ihm Kraft gegeben zu haben, sondern auch er ihr. Nach dem Tod ihres Mannes welkte Sophia dahin, und starb wenige Monate später. Wie ich die Frau gekannt habe, hat sie vermutlich einfach viel zu wenig gegessen. Dadurch hatte sie keine Kraft mehr, als sie jene gebraucht hätte. Ihr Vater, der Herzog Walram von Limburg, schloss sich ihr an. Ich weiß nicht, was zwischen ihnen gesprochen wurde, aber er starb etwa zur gleichen Zeit.
Der Tod hatte einen Mantel der Stille über das Land ausgebreitet. Die kleinen Kinder des alten Isenbergers schwiegen, getröstet nur von Friederichs verbliebenem Bruder, der ausgerechnet Engelbert hieß, und Bischof von Osnabrück war.
In dem neuen Grafen Heinrich vom Limburg kochte die stille Wut über das Geschehen.
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