„Ach, ich wollte nur einmal vorbeischauen. Habt ihr übrigens von Adolfs neustem Streich gehört?"
„Was denn nun schon wieder? Wechselt Harpen die Seiten? Oder Laer? Wir haben hier nur darauf gewartet.“
„Nein, da wartet man bei uns auch noch darauf. Das tut man bei Allen, die daran glauben, dass die Treue zur richtigen Sache sich nicht kaufen lässt. Und das ist genau das, was ich sagen wollte.“ Er schüttelte sich wie eine nasser Hund. „Adolf hat klammheimlich angefangen, sein eigenes Geld schlagen zu lassen.“
„Wie das? Etwa den Adolf-Deut? Oder den Altena-Schilling oder gleich den Hammer Gulden? Dann bekäme ich wenigstens auch meinen Anteil.“
„Nein, besser! Er nimmt allen Ernstes englische Münzen als Vorlage. Deren Nachprägung kann ihm niemand verbieten, und es sind eine Menge englischer Händler auf dem Rhein unterwegs. Die nehmen sie an und in ihrer Heimat für gutes Geld.“
Ich verstand ihn nicht recht und begann mit Mutmaßungen. „Das ist doch Blödsinn. Falschmünzerei wird ihm kaum etwas anderes einbringen als den Zorn der Geschädigten.“
„Oh, es ist keine Falschmünzerei. Er benutzt echtes, gutes Silber.“
„Aus seinen zahlreichen Silberminen im Sauerland?“ Die Sache kam mir immer seltsamer vor. Es gab in Westfalen kaum Silber. Ernsthafte Vorkommen lagen nur weit im Süden oder im Osten des Reiches.
„Jeder weiß, dass er die nicht hat, auch er selbst. Deshalb hat er sich etwas ganz besonderes einfallen lassen.“ Um die Spannung zu erhöhen, blickte er lange zu Gerhard und mir, wie wir dumm glotzend in dem muffigen Eingangsraum neben der Treppe standen. Ein Stockwerk höher hätten wir uns auch setzen können.
„Er prägt auf die Münzen einfach Angaben, die nicht ihrem Gewicht entsprechen“, erklärte Heiner feierlich.
„Was ist denn das für dummes Zeug? Silber bleibt Silber. Es ist so viel Wert, wie Silber eben wert ist. Die Zahlen und Schriften sagen doch nur, dass es von dem Prägemeister in seiner Reinheit beglaubigt ist. Für das Prägerecht zahlt man allgemein, um die Münzen unter die Leute bringen zu dürfen.“
„Eben. Nur können einem westfälischen Grafen von der englischen Krone eben keine Strafen auferlegt werden.“
„Also mischt er doch irgendwelchen Mist in das Metall?“
„Viel besser. Er hat mehrere Pfeile im Köcher. Zum einen prägt er Münzen, die dieselbe Prägung haben, wie das Original. Er benutzt nur weniger Metall dazu. Gleichzeitig prägt er Münzen, auf die weitere Zahlen aufgedruckt sind, die im Verhältnis aber wieder dem Gewicht der ersten entsprechen. Von der zweiten Sorte bringt er mehr in Umlauf. Wenn jemand über deren Gewicht schimpft, kann er sagen, dass er dazu Vergleichsmünzen mit entsprechendem Gewicht hat. Wenn jemand auch über die schimpft, beruft er sich wieder auf das stimmige Verhältnis.
Da dreht man sich im Kreise bei. Natürlich ist es alles ein Haufen dummer Tricks. Und mit diesen Tricks kommt er zu mehr Geld.“
„Ist das nicht Betrug?“
„Eigentlich ja. Nur müssen die Leute es erstmal verstehen; und es gibt genug Dummköpfe, die sich hereinlegen lassen. Gleichzeitig gibt es niemanden, der ihn verfolgt. So sammelt er Geld für Baumaßnahmen, und, um Leute anzuwerben.“
Ich ballte die Faust. „Dann müssen die Getreuen des Isenbergs umso stärker zusammenhalten.“
„Wohl wahr.“ Heiner spielte mit seinem Hut herum und probierte, ob ein neben uns liegender Helm diesen halten konnte. Es ging. „Ich glaube auch wirklich, dass wir die besseren und treueren Leute haben. Treue ist wichtig. Sie sollte nur nicht blind sein. Jeder Herr hat Fehler. Ist er gut, dann wird er es dir danken, wenn du sie ihm nennst. Ist er schlecht, dann suche dir einen neuen Herren! Man kann nur eben nicht alles ohne Ausrüstung machen. Wie sieht es denn also mit der bei uns aus?“
„Ich fürchte, schlecht.“ Ich atmete durch und schaute in die Luft. „Auch deshalb wechseln ja so viele Häuser innerhalb nur weniger Jahre. In Altena wird der meiste Draht weit und breit hergestellt, und aus diesem Draht kann man Kettenhemden fertigen. Je mehr Zeit vergeht, desto besser sind also Adolfs Männer ausgerüstet.“
„Dann lasst uns etwas unternehmen, solange noch Zeit ist!“, mischte sich Gerhard in das Gespräch ein. Er hatte sich als Jugendlicher offensichtlich von der ersten Idee anstecken lassen, die des Weges kam.
„Ganz so einfach ist es nicht“, meinte ich. „Um etwas zu unternehmen, muss man etwas oder jemanden haben, mit dem man etwas unternehmen kann.“
„Wir sind doch hier!“
„Ja, ein Ritter, ein beginnender Knappe und ein Heiner von Horst.“ Ich sah zu meinem Freund, der angefangen hatte, zu prüfen, ob er seinen Hut bis über die Sichtschlitze des Helmes ziehen konnte. „Der Junge muss noch viel lernen, bevor ich ihn in den Kampf schicken kann. Das gleiche gilt für große Teile unserer restlichen Freunde.“
„Nun, dann fangen wir doch an!“, rief Heiner unvermittelt in den Raum.
„Was?“
„Na, was muss er denn als Nächstes lernen?“
„Reiten lernt er besser bei dir als bei mir. Also muss er hier als Nächstes das Laufen lernen.“
„Ich kann laufen!“
Tatsächlich habe ich in meinem Leben schon viel gesehen, aber noch keinen Knappen, der am Anfang seines Weges laufen konnte. Dabei sind die Beine fast wichtiger als die Arme beim Schwertkampf.
Während ich Gerhard also berichtigte und die Dinge erklärte, gingen wir nach draußen, hinaus aus der staubigen, dunklen Kammer.
Vor meinem Turm geht ein kleiner Weg einen aufgeschütteten Hügel hinab auf einen Innenhof. An diesem Innenhof grenzen ein Wohnhaus, ein Stall, eine Scheune und ein großes Backhaus, dass man auch als Brau- oder Badehaus nutzen kann. Das Gehöft ist von einem mannshohen Holzzaun umgeben, um den wiederum ein kleiner Wassergraben aus dem Maarbach abgeleitet ist.
Auf der Innenseite des Grabens sind Heckenrosen angepflanzt, ebenso wie an dem Hügel. An der Außenseite habe ich stattdessen Holunderbüsche gesetzt. Der Turm hat keinen eigenen Graben, weil die Gebäude schon standen, als mein Großvater den Außengraben gezogen hat. Ein weiterer Innengraben hätte uns den Großteil des Hofes gekostet.
Der Turm ist eine Rückzugsmöglichkeit, falls jemand den Zaun überwindet, was einem hartnäckigen Heer leider noch möglich war. Der Turm steht auf einem festen Fundament aus Feldsteinen; ohne Keller. Seine Bohlen sind viel zu dick, als dass man sie einfach anzünden könnte. Auf einer Seite steht er nahe genug am Graben, als dass man mit einem Eimer und einem Seil Wasser aus diesem schöpfen kann. Über der Tür ist ein Erker, um sie zu verteidigen. Der Turm hat unten nur kleine Scharten als Fenster. Man hat eine gute Reichweite aus seinen oberen Stockwerken. Sein einziger Nachteil besteht darin, dass in Friedenszeiten niemand auf einem Hof so eine Anlage braucht. Ich nutze ihn dann mehr schlecht als recht als Speicher.
Von eben dieser Anlage fort traten wir nun auf den Innenhof.
„Wir waren beim Thema Laufen“, sagte ich. „Zunächst einmal üben wir es ohne Rüstung. Später wirst du ein Kettenhemd dazu tragen, um dich an das Gewicht zu gewöhnen. Wegen dem Helm brauchst du kein derartiges Gewese zu machen; an den gewöhnt man sich viel schneller. Zum Üben brauchst du auch keine Unterfütterung. Die ist nur für den Fall, dass dich jemand hauen will. Das Gewicht kommt vom Eisen, von dieser Kleidung kommt mehr die Wärme.“
Gerhard hörte mir zu, während ich merkte, dass ich abschweifte. Also suchten wir uns eine freie Fläche, an der er bei Schritten nach hinten nicht stolpern konnte. Es war nicht so einfach wie bei Übungen, bei denen man auf einem Bein balanciert.
Ich ließ ihn zunächst einzelne Schritte vor und zurück machen. Bei dieser Schrittfolge ist es wesentlich, dass ein Bein wie am Boden festgenagelt stehen bleibt. Die Ferse darf sich heben, die Fußballen aber nicht. Überhaupt ist beim Laufen das Stehen auf den Ballen wichtiger, und man sollte immer ein wenig eingedrückt in den Knien bleiben. Um dies zu üben, braucht man nicht unbedingt nur Sprünge zu wiederholen. Es hilft auch, bergauf zu laufen, oder bei alltäglichen Verrichtungen einfach häufiger in die Hocke zu gehen.
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