Olud hörte den mahnenden Pfiff der Großen Mutter und wandte sich um. Zum ersten Mal seit Langem fuhr sein muskulöser Schwanz vergnügt von einer Seite zur anderen. Olud-Sha, Beobachter der Raan – das hatte Klang. All die Jahre hatte er den mehr oder weniger verborgenen Spott der Weibchen ertragen müssen, selbst die anderen Männchen hielten sich für etwas Besseres. Gelegentlich erhielt Olud auch Bisse und Schläge. Natürlich nur, wenn die Große Mutter dies nicht bemerken konnte, und im Vertrauen darauf, dass Olud noch immer genug Stolz besaß, nicht bei seiner Mentorin Schutz zu suchen. Olud hatte all das erduldet, in der Hoffnung, sich eines Tages beweisen zu können. Nun schien der ersehnte Augenblick gekommen. Vielleicht würde man sogar einmal im Buch der Bücher über ihn lesen können? Die Weibchen würden nicht mehr die Schnauze kräuseln, wenn er in ihre Nähe kam, sie würden um ihn buhlen…
„Olud!?“
Er seufzte leise. Vor der Brunst kam die Erfüllung der Aufgabe. Er würde sie gut erfüllen, so wahr er nun der Beobachter war.
Kapitel 2 Die Sorge eines Kaisers
Das Arbeitszimmer maß rund zwanzig mal zwanzig Meter im Quadrat und war einer der bescheidenen Räume im Palast. Ihre Imperialität, Kaiser Donderem-Vob, wäre auch mit einem kleineren zufrieden gewesen, aber die Größe des Arbeitszimmers hatte praktische Gründe, denn auch das Imperium war groß. Ein guter Teil des Bodens war mit winzigen Farbsteinen ausgelegt, welche die Karte des Reiches bildeten. So konnte der Imperator gleichermaßen seine Schritte über die Karte führen, wie er auch die Geschicke der Provinzen lenkte.
Der Boden des Raumes war in blauem Marmor gehalten, ebenso die Decke. Für den Kaiser symbolisierten sie die Unendlichkeit des Meeres und des Himmels. Die Wände waren schmucklos und wirkten in ihrem strahlenden Weiß nüchtern. An einer Seite bot ein riesiges Fenster einen grandiosen Ausblick auf die Stadt, an der gegenüberliegenden Wand befand sich das überlebensgroße Wappen des Imperiums, das geflügelte Einhorn.
Donderem-Vob war nun 68 Jahre alt und noch immer von beeindruckender Gestalt. Zwar war die Kraft seiner Muskeln weitestgehend gewichen, und sein Leib hatte sich etwas gerundet, aber man sah ihm noch immer den kampferprobten Veteran vieler Schlachten an. Der Beiname Vob verriet die vornehme Herkunft, und die Narben den Körpers zeigten, dass der Imperator seine Männer in vorderster Linie geführt hatte.
„Die Zeit, da ich Rüstung und Schwert führte, ist vorbei, Densen“, brummte der Imperator missmutig und schritt über das Mosaik der Karte. „Heute kämpfe ich nicht mehr gegen Walven und Abtrünnige, sondern gegen den Senat.“ Donderem-Vob hob den Blick und sah zu dem großen Fenster hinüber, durch das man das Senatsgebäude sehen konnte. „Und noch immer habe ich den Feind vor Augen.“
Der Mann, mit dem der Kaiser des Imperiums sprach, lehnte leger an einer der Säulen, die sich entlang der Fensterwand erhoben. Er war schlank und groß wie der Imperator, aber deutlich jünger. Densen Jolas trug die graue Kniehose und den schwarzen Wams der imperialen Garde, der Leibwache des Herrschers. Auf der linken Brustseite war das imperiale Wappen eingesteckt, das einzige Zeichen von Densens hohem Rang als Kommandeur der Leibwache. Obwohl er entspannt wirkte, spürte man die Bereitschaft, sofort auf ein Anzeichen von Gefahr zu reagieren. Der abgenutzte Griff des Schwertes an seiner Seite verriet, dass er dies auch oft getan hatte. Densen hatte mittelbraunes Haar, welches ebenso kurz geschnitten war, wie der Vollbart, der sein Gesicht einrahmte. An seiner linken Schläfe schimmerte das Haar silbrig, Folge einer Verletzung, die er einst erlitten. Auf den ersten Blick konnte man Densen Jolas für einen jungen Mann halten, bis man in seine grauen Augen blickte. Augen, die verrieten, dass ihr Besitzer schon viel erlebt hatte.
Donderem-Vob warf Densen einen kurzen Blick zu. „Ja, verdammt, Densen, du hast gut Lachen. Du kannst dich einem Feind mit der Klinge stellen, ich hingegen muss mit Worten kämpfen. Glaube mir, Densen, manchmal sehne ich mich in jene Zeit zurück, wo die Kraft des Armes und die Schnelligkeit kalten Stahls die Entscheidung herbeiführten.“
Densen lächelte verständnisvoll. „Der Senat ist nicht Euer Feind, Eure Imperialität.“
„Verrenk dir nicht die Zunge, Densen.“ Donderem lachte leise auf. „Wir haben Seite an Seite gekämpft. Damals warst du noch ein blutjunger Lanzenreiter in meiner Schwadron. Wenn wir unter uns sind, so kannst du offen reden, wie es sich für Lanzer gehört.“ Der Kaiser musterte die Karte und seufzte leise. Der in Riemensandalen steckende Fuß tippte gegen eine der Landmarken. „Der Horvalt-Pass. Verdammt, Densen, ich kann mich noch gut erinnern, wie die Walven dort über uns herfielen.“
„Wir haben es ihnen gezeigt“, erwiderte Densen Jolas mit sanftem Lächeln.
„Ja, Densen, das haben wir. Das haben wir wirklich.“ Erneut seufzte der Imperator und schritt dann zu seinem Schreibtisch hinüber. „Seitdem herrscht Ruhe, Densen, und ich sage dir, es ist eine trügerische Ruhe. Ich spüre es in meinen alten Knochen, dass sich etwas zusammenbraut. Die Berggrenze ist unruhig.“
„Die Berggrenze ist immer unruhig.“
Donderem stimmte in Densens Lachen ein. „Ja, das stimmt. Du musst es besser wissen, als ich. Dein Bruder Svenem dient ja dort, mit unserem alten Regiment.“
Donderem-Vob hatte das Imperium von seinem Vater geerbt. Es war kein leichtes Erbe, war es nie gewesen. Donderem hatte es früh übernehmen müssen, als sein Vater einem Reitunfall zum Opfer fiel. Ausgerechnet eines der letzten frei lebenden Einhörner war ihm zum Verhängnis geworden. Der damalige Kaiser hatte es auf einem Jagdausflug entdeckt, eigenhändig eingefangen und es selbst zureiten wollen. Als das Tier ihn dabei abwarf, hatte das lange Stirnhorn den Leib des Regenten aufgeschlitzt. Er war verblutet, ohne dass Hilfe möglich gewesen wäre. Donderem war dabei gewesen und er hatte verboten, das Einhorn zu töten. „Es hat nur um seine Freiheit gekämpft“, hatte er gesagt, „und jeder von uns hätte das ebenso getan.“
Diese Worte hatten dem jungen Regenten den Respekt seiner Männer und einen ungewöhnlichen Weggefährten eingebracht. Einhörner verfügten über besondere geistige Fähigkeiten und konnten die Empfindungen eines anderen Lebewesens deuten. Wild lebende Exemplare vermochten sogar Gefühle zu projizieren. Sie machten sich dies zunutze, indem sie die Empfindungen eines Feindes erkennen und rechtzeitig darauf reagieren konnten oder indem sie ein Gefühl der Furcht in den Gegner projizierten, welches diesen verwirrte und hemmte. Das Einhorn, das Donderems Vater unabsichtlich getötet hatte, rettete, in den späteren Kämpfen um das Imperium, immer wieder das Leben des Sohnes. Sturmwind hatte der Imperator sein Einhorn getauft und sie waren auch heute noch unzertrennlich. In den letzten Jahren waren die Ritte des Kaisers selten geworden, aber jeden Tag ging er hinaus, in den imperialen Park, und besuchte den Gefährten.
Donderem-Vob wies auf einen Beistelltisch aus seltenen Hölzern. „Schenk uns etwas Wein in die Gläser, Densen, und lass uns ein wenig nachdenken. Nach all dem Geschwätz mit dem Senat brauche ich die klaren Gedanken eines Kriegers.“ Donderem sah zu, wie sein Leibwächter und Freund einschenkte, und prostete ihm zu. „Auf vergangene, gemeinsame Ritte, mein Freund. Lanze und Horn zum Sturm!“
„Lanze und Horn zum Sturm!“, stimmte Densen Jolas in das Motto der Lanzenreiter ein.
Donderem leckte sich genüsslich über die Lippen. „Ein alter Wein und eine junge Frau. Ich sage dir, Densen, mein Freund, das hält einen alten Krieger jung.“
Densen verzichtete auf eine Erwiderung und lächelte höflich. Sein Verhältnis zu der jungen Hochgeborenen Vesana, seit nunmehr drei Jahren die Gemahlin des Kaisers, war von Unbehagen geprägt, dass er in ihrer Nähe empfand. Er konnte den Grund dafür nicht nennen. Es war ein unbestimmtes Gefühl, der Instinkt eines Kriegers, der die Gefahr witterte, bevor er sie sah. Aber Donderem, der 68-jährige Imperator, genoss die Liebe Vesanas und erwiderte sie aufrichtig. Der Kaiser empfand Glück in den Armen seiner Frau, und Densen fühlte sich nicht berufen, über die Gefühle anderer zu urteilen. Natürlich hatte er sich heimlich, seiner Aufgabe als Kommandeur der Leibwache entsprechend, ein wenig umgehört. Vesana-Vobs Ruf war ohne jeden Makel. Densen gestand sich zögernd ein, sich mit Menschen wohl weniger auszukennen, als mit Einhörnern oder Walven.
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