In welcher Form haben die Finanzunternehmen bisher die Interessen der privaten Anleger wahrgenommen? In den vergangenen Jahrzehnten weitgehend durch das Unterstützen der Shareholdervalue-Philosophie. Die Vorstände der Aktiengesellschaften konnten mit Billigung und Unterstützung der Finanzindustrie und zum gemeinsamen Nutzen die Aktienkurse steigern, indem sie Wertschöpfungsanteile von den Beschäftigten zu den Aktionären verteilt, produktive Investitionsquoten gesenkt und vermehrt unproduktive Finanzgeschäfte getätigt haben. So sind bei geringem wirtschaftlichem Wachstum riesige Kursgewinne entstanden. Verminderte Steuern und Niedrigzinsen gaben den Kursen einen zusätzlichen Schub. Auf Dauer bleibt diese Entwicklung nicht ohne gesellschaftliche Konsequenzen. Ohne wirtschaftliches Wachstum lassen sich hohe Aktienrenditen nur durch weitere Umverteilung aufrechterhalten. Diese Umverteilung von den Beschäftigten zu den Aktionären ist nur noch zu Lasten der breiten Mittelschicht möglich. Das wird zu immer stärkeren sozialen Spannungen führen. Die Vorstände der Aktiengesellschaften, die eigentlich das wirtschaftliche Wachstum durch produktive Investitionen fördern sollen, werden so zu Agenten der Erosion der Mittelschicht ohne gesellschaftlichen Auftrag und Kontrolle.
Da der Staat und die Finanzunternehmen die Kontrolle nicht übernehmen können oder wollen, plädiert das Buch für eine stärkere Beteiligung der privaten Anleger an der Kontrolle ihres Kapitals. Nur wir kennen unsere Interessen, besser als jedes zwischengeschaltete Finanzunternehmen. Letztendlich sind wir die wirtschaftlichen Eigentümer des angelegten Kapitals. Daher sollten wir auch mehr Rechte bekommen, um unsere Kapitalanlagen kontrollieren zu können. Überall dort, wo Finanzunternehmen uns keine Rendite garantieren, sondern sie nur auf unser Risiko zu uns durchleiten, sollten sie auch die Rechte an uns weiterleiten. Insbesondere bei der Corporate Governance, der Kontrolle der Aktiengesellschaften, muss die Rolle der privaten Anleger gestärkt werden. In einem demokratischen Kapitalmarkt sollten die Kontrollrechte den Bürgern zustehen, die an diesem Markt teilnehmen. Die Entwicklung der Rechte der privaten Anleger hat bisher nicht mit der zunehmenden Bedeutung der Kapitalanlagen für unsere demokratischen Gesellschaften Schritt gehalten.
Letztendlich geht alles private Kapital vom Sparer aus. Dieser Sparer ist kein eindimensionales Gier- und Angstwesen, wie die alte aktive Investmenttheorie unterstellt hat. Er ist als Arbeitnehmer, Selbstständiger, Staatsbürger, Elternteil, Konsument und Steuerzahler vielfältig mit seinem gesellschaftlichen und natürlichen Umfeld vernetzt. Tatsächlich ignorieren die Angebote der Finanzunternehmen jedoch weitgehend seine Multidimensionalität. Für sein Finanzkapital bekommt er, in immer neuen Produktverpackungen, fast regelmäßig das Gleiche angeboten: den eindimensionalen globalen finanziellen Utilitarismus. Ob er damit übereinstimmt oder nicht, oder vielleicht auch nur weitgehend, aber nicht vollständig – er kann es kaum beeinflussen. Sein Humankapital, seine Arbeitskraft, setzt er als Beschäftigter auch meist utilitaristisch ein, aber der Nutzen ist nicht zwangsläufig nur finanziell definiert. Die Arbeitsinhalte stehen im Vordergrund und menschliche und soziale Mindeststandards setzen den Rahmen, wo immer er sie durchsetzen kann. Zukünftig sollte es nicht darum gehen, den Utilitarismus als Leitbild des Finanzmarkts abzuschaffen, sondern den Nutzen breiter zu definieren, indem die privaten Anleger ihre Vorstellungen durch ihre Beteiligung an der Steuerung und Kontrolle ihrer Kapitalanlagen einbringen können.
Beteiligung der Anleger stärkt die Marktwirtschaft
Private Anleger müssen unterstützt werden an der Corporate Governance teilzunehmen. Sicherstellen ließe sich dies durch entsprechende Vorschriften. Eine solche Regelung stärkt die Rechte der tatsächlichen wirtschaftlichen Eigentümer, der weltweiten Sparer. Sie entspricht den Regeln des Markts, da sich alle Anleger als wirtschaftlich Beteiligte engagieren können. Gleichzeitig verringert sie die Gefahr eines inhaltlichen Kontrollvakuums bei der Beaufsichtigung der Aktiengesellschaften. Ebenso verhindert sie das Risiko zukünftiger wirtschaftlicher Machtzusammenballungen durch die Konzentration von Aktionärsrechten bei wenigen großen Finanzunternehmen. Auch damit fördert die Regelung den Markt. Markt soll nicht nur Effizienz ermöglichen, sondern auch Freiheit und Vielfalt. Hunderte Millionen von privaten Anlegern weltweit haben vielfältige Interessen und Vorstellungen. So entsteht ein Markt der Meinungen, der die wirtschaftlichen Interessen der Gesellschaft besser repräsentiert als eine eindimensionale ökonomische Theorie. Um soziale Konflikte durch die weitere wirtschaftliche Entwicklung zu vermeiden, ist ein breiter gesellschaftlicher Konsens unabdingbar. Wir können diesen nicht einer kleinen Gruppe von Vorständen und Finanzmanagern überlassen, die vor allem an ihre nächste Bonuszahlung denken. Die privaten Anleger an der Corporate Governance zu beteiligen kann eine demokratische Marktwirtschaft nur stärken.
Der Finanzmarkt bestimmt unser Leben. [1] Täglich überfluten uns meist dramatische Nachrichten über den Finanzmarkt: Bankenkrisen, Währungsschwankungen, Staatsbankrott. Wir sind den Ereignissen ausgeliefert, können nichts ändern, nur reagieren. Meist wissen wir noch nicht einmal wie. Hilflos sehen wir uns einem Mechanismus ausgeliefert, der völlig unserer Kontrolle entzogen ist. Das öffentliche Bild des Finanzmarkts bestimmen nicht wir, sondern Zentralbanken, internationale Bankkonzerne und weltweit agierende Fondsgesellschaften.
Dieses öffentliche Bild steht in einem seltsamen Kontrast zu den wirtschaftlichen Eigentumsverhältnissen an dem Geld, das auf dem Finanzmarkt bewegt wird. Denn dieses Geld gehört uns, den Bürgern, Sparern und Anlegern weltweit. Und es ist eine gigantische Summe. Rund 164 Billionen US-Dollar beträgt das private Geldvermögen der Weltbevölkerung. [2] Es gehört nicht etwa nur den Superreichen. Ungefähr 17 Millionen Haushalte besitzen mehr als 1 Million US-Dollar Geldvermögen. [3] Die Millionärshaushalte verfügen über rund 68 Billionen der erwähnten 164 Billionen US-Dollar. [4] Der Rest des Geldes, rund 96 Billionen US-Dollar, gehört Milliarden Bürgerinnen und Bürgern weltweit. Unser Geld stellt den größten Teil des Kapitals dar, das an den internationalen Finanzmärkten angelegt wird.
Wir alle haben dieses gewaltige Kapital über Generationen angespart. Aber wir können es praktisch nicht allein investieren, wenn wir kein Haus bauen wollen oder kein eigenes Unternehmen besitzen. Um es anzulegen, benötigen wir die Hilfe der Finanzindustrie. Banken, Börsen, Versicherungen, Investmentgesellschaften, Pensionsfonds und Anlageberater – alle unterstützen uns bei der Anlage unseres Geldes. Ohne die Unterstützung eines Finanzunternehmens ist kaum noch eine Kapitalanlage denkbar. Der freundliche Finanzberater im seriösen Anzug öffnet unserem Geld die Tür zu den internationalen Finanzmärkten. Unsere bescheidenen Einzahlungen werden gemeinsam mit dem Geld anderer Kunden weitergereicht. Es geht an Unternehmen und Staaten, an Investmentfonds oder andere institutionelle Investoren. So formen sich gewaltige Finanzströme, die weltweit Investitionen ermöglichen, Aktienkurse in die Höhe treiben oder Währungen unter Druck bringen.
Ist unser Geld erst einmal Teil dieser Finanzströme, entzieht es sich weitgehend unserer Kontrolle. Die, die am Ende mit unserem Geld arbeiten, kennen uns nicht. Sie haben nie einen Vertrag mit uns geschlossen. Dabei ist es unser Geld, das ihnen von den Banken, Versicherungen und Fondsgesellschaften zur Verfügung gestellt wird. Die Märkte, die sich als anonyme Macht der Kontrolle der Politik immer mehr entzogen haben, arbeiten mit unseren Ersparnissen. Die weltweite Finanzkrise hat uns auf beeindruckende und bedrückende Weise vor Augen geführt, wie vernetzt die internationale Finanzwelt mittlerweile ist. Unser Geld spielt dabei, häufig ohne dass wir es wissen, die wichtigste Rolle. Wenn wir in der Presse von Hedgefonds auf den Niederländischen Antillen lesen, die mit ihren Spekulationen auf steigende Ölpreise setzen, denken wir spontan an millionenschwere Spekulanten, die versuchen, auf leichte und schnelle Art ihr Vermögen zu vermehren. Aber es könnte unsere eigene Altersvorsorge sein, die die Benzinpreise an der Zapfsäule hochtreibt. Wenn ein Private Equity-Fonds ein Unternehmen kauft und danach Arbeitsplätze abbaut, könnte dies mit Geld durchgeführt werden, das unsere Lebensversicherungsgesellschaft dem Fonds zur Verfügung gestellt hat. Wenn Zentralbanken und Politiker sich gegen spekulative Kräfte stemmen, die ganze Währungen und Länder in den Ruin treiben könnten, könnte es unser Geld sein, mit dem auf die Zahlungsunfähigkeit der Staaten gewettet wird.
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