Im Lande der Pravin war Tlaloc, der Kompaniechef der nehatanischen Truppenteile, ebenfalls an so einem Punkt. Allerdings war die Sache anders. Mixtli, der ehemalige Feldmarschall der nehatanischen Armee, hatte sich gar mit seiner gesamten verfügbaren Einheit den Pravin unterworfen. Er war einen Pakt eingegangen. Das Ziel war der Aufbau eines neuen Staates und damit sowohl der Widerstand gegen die Nehataner als auch gegen den Rest der Pravin. Zwei Fürstentümer, die es bereits einmal gegeben hatte, wollte man wiederaufleben lassen. Man musste das natürlich differenziert sehen. Für die Pravin, die sich gegen ihren König auflehnten, war es leichter dies zu rechtfertigen. Sie wollten nur das zurück, was man ihnen genommen hatte. Die Zeit bevor der König in allen Städten der Pravin Stadthalter eingesetzt hatte. Sie wollten ihre alte Ordnung zurück. Mixtli hingegen sah nur seinen eigenen Vorteil. Er, der nun der Fürst von Lios war, hatte keine höherwertigen politischen oder militärischen Ziele. Er sah nur die Macht. Und Tlaloc kämpfte in keiner Weise mit seinem Gewissen. Er wusste, dass das Unrecht war und er stellte sich, zumindest innerlich, bereits gegen Mixtli. Und den Männern ging es ähnlich. Keiner wollte gegen die eigene Armee kämpfen.
Es dauerte gut eine halbe Stunde. Dann standen die Freiwilligen vor ihm. Tlaloc saß stumm am Tisch und schaute die fünf Männer an, die sich bereit erklärt hatten die Truppen von Chantico zu warnen. Es war nicht klar, ob ihnen die Flucht gelingen würde, denn die Pravin waren natürlich darauf bedacht, dass kein Soldat der Nehataner die Stadt verließ.
Dann jedoch brach Tlaloc das Schweigen: «Ihr tut das Richtige, Soldaten!»
Einer der Männer nickte: «Es ist unsere Pflicht!»
«Ja, das ist es», sagte Tlaloc: «Weil wir auf König und Vaterland unseren Schwur geleistet haben. Nicht auf einen Feldmarschall! Dennoch kann ich von niemandem erwarten diese gefährliche Mission zu beginnen!»
«Natürlich könnt Ihr!», erwiderte einer der Soldaten: «Weil Ihr im Auftrag des Königs befehlt. Mixtli hingegen ...»
Tlaloc unterbrach ihn: «Ich möchte diesen Namen gar nicht hören. Und nun geht. Wir haben nur diese eine Chance. Ein letztes Mal werden Männer losgehen um die letzten Ernten in den umliegenden Höfen zur Stadt zu bringen. Mischt euch unter die Arbeiter. Und dann, wenn sich die Gelegenheit gibt, verschwindet ihr. Ich hätte euch ja gerne heute Nacht losgeschickt. Im Schutze der Dunkelheit. Aber die Chance dann die Stadt zu verlassen ist geringer. Die Tore werden gut bewacht.»
«Wir werden unser Bestes tun!», sagte der verantwortliche Gruppenführer und schaute dann jeden seiner Männer an: «Zieht euch um. Bald geht es los!»
Die Sonne knallte unaufhörlich auf den großen Hof des fürstlichen Hauses von Lios. Mixtli hatte sich ein Schattenplätzchen ausgesucht und es sich dort mit Wein gemütlich gemacht. Vielleicht würde er irgendwann einmal die Aufgabe als militärischer Führer vermissen. Aber im Moment genoss er sein Leben, so wie es war. Vor allem aber genoss er den Anblick des jungen Mädchens, das neben ihm stand. In der Hand ein Krug Wein, um jederzeit bereit zu sein ihm nachzuschenken. Mixtli wusste, dass er sie früher zur Frau machen würde, als es die Natur vorgesehen hatte. Noch nicht jetzt. Er wusste nicht, wie die Pravin auf seine Neigung reagieren würden. Und er wollte sich hier keine Chancen verbauen.
«Herr!», riss ihn plötzlich eine Stimme aus den Gedanken. Er drehte sich um und sah einen Burschen.
«Was gibt es?», fragte Mixtli genervt.
«Hauptmann Lelex möchte Euch sehen. Es geht um einige Nehataner. Sie versuchten zu fliehen!»
«Zu fliehen?», fragte er überrascht: «Fahnenflüchtige?» Das Wort ging ihm relativ leicht über die Lippen in Anbetracht der Tatsache, dass eigentlich er der Fahnenflüchtige war und er seine Männer praktisch zur Fahnenflucht gezwungen hatte.
«Schaut es Euch selbst an. Der Hauptmann hält sie gefangen!»
Keine halbe Stunde später war Mixtli in den Kerkerräumen der Stadt Lios. Für ihn war die Lage klar. Die Männer hatten nicht nur fliehen wollen, sondern wollten auch Chantico warnen.
Hauptmann Lelex, Führer der Garnison in Lios, ging an den drei Männern vorbei. Alle drei waren kräftige, dunkelhäutige Nehataner. Im Zweikampf waren sie alle im Grunde jedem Pravin überlegen. Aber nun knieten sie auf dem kalten Boden des Kerkers, den Blick gesenkt.
«Sie verdienen den Tod!», sagte Mixtli.
Lelex blieb stumm. Er wusste, dass er sie hängen musste um die anderen Nehataner in Schach zu halten. Um ihnen zu zeigen wer hier das Sagen hatte. Aber er wusste auch, dass es für die Soldaten des Nachbarlandes nicht einfach war. Und er hatte längst erkannt, dass die Loyalität der nehatanischen Kriegern mehr ihrem Land und ihrem König galt als ihrem Feldmarschall. Vielleicht war es besser sie alle einzusperren. Vor allem aber wusste er, dass er einen entscheidenden Fehler gemacht hatte. Die Soldaten hatten nichts von ihrem Verrat. Lediglich Mixtli profitierte davon. Die Männer hingegen kämpften plötzlich ohne Grund auf der anderen Seite. Zumindest sollten sie das.
«Was ist nun?», fragte Mixtli ungeduldig.
Die Härte, die der ehemalige Feldmarschall gegenüber seinen Männern ausstrahlte, erschreckte Lelex. Aber er hatte diesen Pfad betreten und musste ihn nun auch weitergehen. Deshalb nickte er: «Ja, wir werden sie hängen lassen. Heute noch. Auf dem großen Platz. Alle sollen es sehen!»
«Gut!», sagte Mixtli und schaute sich jeden der Männer genau an: «Ihr sollt dafür büßen, dass Ihr mich verraten habt!»
«Es ist kein Verrat einen Verräter zu verraten», sagte einer der Männer und spuckte verächtlich aus.
Mixtli gab ihm eine Ohrfeige. So stark, dass der Mann nach hinten stürzte: «Bevor ihr sie umbringt, foltert sie. Ich will wissen, ob es noch mehr Verräter gibt!»
5
Königspalast Hingston,
Königliche Gemächer
König Leopold hatte nur einen Wunsch. Endlich aufstehen zu können, sprechen zu können, selbst essen zu können und vor allem selbst auf die Toilette gehen zu können. Es war erniedrigend. Er war nicht in der Lage auch nur einen Finger zu rühren. Er konnte jedoch froh sein, dass die Lähmung seines Körpers bestimmte Tätigkeiten nicht einschränkte. So zum Beispiel der Schluckreflex. Sonst wäre er längst verhungert.
Für ihn war es ein Lichtblick, dass es seine eigene Tochter war, die ihm den Brei aus klein zerhacktem Fleisch und Gemüse in den Mund schob. Löffel für Löffel schob sie das Mus in seinen Rachen. Man musste vorsichtig vorgehen, denn es gab insgesamt zwei Reflexe, die dicht beieinanderlagen. Der Schluckreflex und der Würgereflex.
«Die Wahl für das Götteropfer!», meinte Katharina: »Sie steht bald bevor. Es sind nur noch wenige Tage. Ende dieser Woche ist es soweit! Und viele denken, dass ich gewinnen werde!»
«Ja, das wirst du!», dachte sich König Leopold: «Weil du die Schönste und Bezauberndste bist, die man sich vorstellen kann!»
«Ich wünsche mir so sehr, dass du wieder gesund wirst, bevor ich irgendeine Reise antreten muss!», sagte die Prinzessin weiter. In der Hoffnung, dass ihr Vater sie hörte: «Ich würde dich gerne noch einmal in den Arm nehmen. Ich möchte, dass du mich drückst!»
«Er versteht Euch!», sagte plötzlich der Arzt, der die ganze Zeit danebengestanden war: «Bei den Göttern, er versteht Euch, Prinzessin. Seht!»
«Was meint Ihr?», fragte Katharina überrascht. Aber dann sah sie es auch. Eine Träne rann an der Wange ihres Vaters entlang.
«Ich glaube nicht, dass das ein Zufall ist!», sagte der Medicus aufgeregt. Für ihn war es das klare Zeichen dafür, dass der König jedes Wort verstand: «Ihr wisst, königliche Hoheit, was das heißen würde? Das er jedes Wort versteht!»
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