Schließlich ist die Frage nach dem Ort, an dem mit Vorliebe und Hingabe gemobbt wird, sehr ergiebig. Jeder kennt die Typologie, die vom Kindergarten bis zum Tennisclub, zur politischen Partei und zum Großraumbüro reicht. Das sind relativ intime Zirkel und erinnern an das Mythologische, an die Schlange, an Eva. Mobbing kann leicht ein Einschnitt in das Leben des Betroffenen sein. Obwohl unter Umständen äußerst schmerzhaft, nehmen wir ihn hin; denn wir kennen dieses Schema. Unsere Kultur hat es so wichtig genommen, es uns schon gleich zu lehren. Es genügte ein verleumderisches, heimtückisches Wispern und aus einem glücklichen Leben ohne Verantwortung wurde doch sehr abrupt, eben wie Mobbing so läuft, eine Ackerbau- und Viehzucht-Existenz. Bis heute ist das stehende und schmückende Eigenschaftswort erhalten geblieben, recht karg: „im Schweiße deines Angesichts.“ Das schlimmste, könnte man meinen, haben wir also schon hinter uns. Wer mit Mobbing nicht fertig wird, könnte ja immerhin noch Spargelstecher werden, bevor er vollends die Fassung verliert, oder, so der philosophische Standpunkt, „seinen Garten kultivieren“ (Voltaire).
Wo ein Ort ist, ist auch Ausgrenzung möglich, da findet sie statt. Deswegen heißt unser Sehnsuchtsland auch „Utopie“, Nirgendort. Wem aber Ausgrenzung egal ist, denkt an Eskapismus. Strandwächter auf den Malediven, Studentenkeller und Barkeeper. Kräftigung des Selbstbewusstseins durch Sport. Alles noch im bürgerlichen Rahmen, allerdings ohne sich auf ehrgeizige Ziele festzulegen.
1.2.2 Mobbing und die Nähe zum Mord
Noch heute ist es in bestimmten Weltgegenden wie dem Vorderen Orient möglich, dem Nachbarn, auch einer anderen Population, das Wasser abzugraben. Mit Folgen, die dessen Leben bedrohen und seine Aggressivität stimulieren. Vor 5000 Jahren, als Schlamm und Wasser zwischen Euphrat und Tigris, im Zweistromland, kostbar für den Getreideanbau waren, muss es häufig vorgekommen sein, dass Wasser gestohlen wurde und der Bestohlene verhungern musste. Das hat den Herrscher Hammurapi veranlasst, diese chaotischen Verhältnisse unter Kontrolle zu bringen. Wasserdiebstahl und vieles andere wurde als Mord definiert, auf ihm stand die Todesstrafe. Damit niemand sagen konnte, er habe von nichts gewusst, ließ er dieses und einige andere Gesetze in Keilschrift in Stein hauen und auf dem Marktplatz in der Form einer Stele aufstellen. Was nicht dabei vermerkt war, gehörte aber doch dazu: Da ist Heimtücke am Werk, wenn der Getreidebauer zum Verbrecher wird. Es gibt einen egoistischen, niedrigen Beweggrund und das Opfer ist arglos, wenn es passiert. Er hätte die bessere Lösung suchen müssen, und das wär die Verhandlung mit den Nachbarn gewesen und der Aufbau entsprechender sozialer Binnenstrukturen. Eindeutig erkennbar musste aber sein, dass es mit Vorsatz geschah, wenn auf Mobbing mit Todesfolge erkannt werden sollte. Auch Mobbing geschieht nicht aus Versehen.
Wie könnte also der Kernsatz lauten? Mit einer vorsätzlichen Handlung zu meinen Gunsten verschaffe ich mir einen Nutzen, der mir nicht zusteht und einem anderen schadet. Führt die Handlung zum Tod eines anderen, vorsätzlich und mit Folgehandlungen im Sinne eines Komplotts, handelt es sich um Mord. Ist es noch kein Mord, könnte es aber immer noch Mobbing sein; denn die weiteren Merkmale von Mord sind auch die von Mobbing. Heimtücke, das heißt das Opfer ist arglos und auch wehrlos. Wer ermordet wird, erwartet in der Regel keinen Angriff, so auch nicht der Gemobbte. Wer gemobbt wird, ist ebenfalls in der Regel wehrlos wie das junge Mädchen abends auf dem Nachhauseweg.
Mit ihrer operationalen Definition, wie funktioniert Mord und wie Mobbing, das heißt, welche Merkmale müssen zusammentreffen, um von Mobbing oder Mord sprechen zu können, liegen beide dicht beieinander. Aber auch mit ihren weiteren Wesensbestimmungen. In einem Merkmal unterscheiden sie sich ganz eindeutig. Der Mörder setzt eine Mordwaffe ein oder wird grob körperlich aktiv. Der Mobber benutzt auch dann, wenn er morden will, die psychologischen und psychosozialen Instrumente. Als am Hof Wilhelm II vor dem ersten Weltkrieg das Gerücht nicht mehr unterdrückt werden konnte und das auch noch nachdrücklich am Leben gehalten wurde, der Minister Philipp Graf Eulenburg sei homosexuell und damit die ganze Entourage des kaiserlichen Hofes diskreditiert, sah sich dieser zwar gesellschaftlich erledigt, widerstand aber dem Mobbingdruck, der sich aufgebaut hatte. Gesellschaftliche Isolation hatte in vielen Fällen und vielen Gesellschaften Selbstmord zur Folge. Es war die kollektive Ächtung, die als Mobbing funktioniert, aber auch der vehemente Druck, wenn einzelne Personen aus dem diplomatischen Bekanntenkreis an das Opfer herantraten, um auch noch schriftlich in ausführlichen Briefen die Notwendigkeit darlegten, Konsequenzen müssten gezogen werden. Wohl dem, der die Alternative eines Rückzugs hat und schließlich den Preis, sein Milieu oder seine Umgebung aufzugeben, zu zahlen bereit ist. Innere Unabhängigkeit ist dann lebensrettend, wenn, wie in diesem wie in vielen anderen Fällen, ein alternativer Lebensraum gegeben ist. Flucht scheint bei Mobbing sehr oft die letzte Rettung zu sein.
Die hier vorliegende Betrachtung dessen, was Mobbing ist und kann, folgt der kulturhistorischen Methode. Vorausgeschickt werden die Gedanken, die als Systematik das Phänomen selbst erst einmal erhellen. Mobbing hat sich als eine anthropologische Invariante im Sinne einer Konstanten der Evolution erwiesen, die aber sehr variabel in ihren Ausgestaltungen ist. Es haftet ihm eine Zwangsläufigkeit an, da sie das Konfliktverhalten des Menschen individuell und in Gruppen begleitet. Um Mobbing nicht zu praktizieren, scheint ein Extraaufwand an Energie notwendig zu sein. Insofern ist es eine Versuchung, aus variablen Motiven heraus. Mobbing ist ein Phantasieprodukt der Kultur des Menschen, geradezu ein negatives Kunststück. Er kalkuliert sein Sozialverhalten und den Vorteil. In ihm drückt sich ein Rest der Amoralität aus, die ein Kennzeichen der Natur ist. „Mobbing ist Missbrauch, der lebenslanges Leid verursachen und lebensbedrohlich sein kann“, so in einem Beitrag in der britischen Zeitschrift Attitude.
Mobbing ist eine „niedrige“ (engl. Mob = Pöbel, Gesindel) Methode, Konflikte herbeizuführen und höchst einseitig zu lösen. Sie ist häufig anzutreffen, und sie ist wirksam. Ursprünglich war der Begriff auf den Konkurrenzkampf am Arbeitsplatz bezogen. Wer den Arbeitsplatz hat, soll ihn verlieren, vor allem, wenn er von einem der eigenen Leute besetzt werden soll. Längst aber wird mit diesem Begriff soziales Verhalten gemeint, das von Heimtücke und Bosheit geschmückt wird. Einfach so, weil sich der Schwache dem Starken auf diese Weise überlegen fühlen kann und ihm ein süßes Machtgefühl beschert. Mobbing ist auch eine simple Möglichkeit für den Schwachen, mitzureden, sich durchzusetzen, wo er sonst, im fairen Kompetenzstreit, kaum eine Chance hätte. In einem Jugendbuch war die Rede von einem Boxkampf, bei dem der Schwächere mit Metall im Handschuh den Kampf gewann. Oder weil es angenehme Begleit-Emotionen gibt, wenn es gelingt, Handlungen im egoistischen Sinn durchzusetzen, deren Erfolg man nicht verdient hat oder den man kaum erhoffen konnte.
2.1 Von den „internen Regeln“ zu System und Gesetz
Die in der von Ali Baba eroberten Räuberhöhle entwickelten räuberischen Techniken, das Leben zu sichern und zu gestalten, sind natürlich völlig in Ordnung. Sie funktionieren aber nur dann, wenn die Räuber eingebettet sind in eine verlässliche Umwelt, die ehrlich ist und die sich deswegen auch räuberisch ausbeuten lässt. Die Outlaws und ihre Führungsfiguren sind so gesehen „Diebe im Gesetz“, weil nur intern ihre eigenen Regeln gelten sollen. Falls es auch der gesamten Umwelt einfallen sollte, dem Charme des Räuberlebens anheimzufallen, wenn also alle Räuber sind im Land, wendet sich das Blatt. So, wenn beinahe alle noch nebenbei einem Staatssicherheits-Ministerium dienen würden oder alle, wie in Orwells „Animal Farm“, zu rosa Schweinchen mutieren. So etwas hat es tatsächlich in der Kulturgeschichte gegeben und wird weiter unten dargelegt. Wenn alle mobben, wird Mobben Standard und niemand kann einen Anlass sehen, sich grundsätzlich über Mobbing zu beschweren. Warum leben wir aber nicht in diesem Gesellschaftsmodell, das täglich und intensiv die Kreativität des Einzelnen im Sinne der Heimtücke stimuliert? Die Menschheit hat es längst durchgespielt und dann verworfen. Als im 3. Jahrtausend vor Chr. der epische Held Gilgamesch, König von Uruk im Zweistromland, des Mordens überdrüssig wurde, das sein Geschäft als kriegerischer Held war, wurde er zum kulturellen Helden, zum „cultural heroe“, der sich um höherwertige Themen wie Wissen und Nachdenklichkeit und geordnete Verhältnisse kümmerte.
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