Opportunistisches Interesse ist stärker als der Wille, die zehn Gebote überhaupt ernst zu nehmen. Hohe geistige Kraft ist nötig, wenn Moral gewinnen soll. Anthropologische Invarianten, der Mensch ist wie er ist, mit Nestbau und Fürsorge für den Nachwuchs, haben es immer in sich. Solche Verhaltensweisen sind, kurz gesagt, ewige Schemata und folgenreich. Die Bereitschaft zur Aggressivität kommt der Verteidigung des ewigen Wasserlochs zugute mit allem was dazugehört. Das wären die Bedürfnisse der Horde und der Gruppe, die im Konkurrenzverhältnis zu anderen stehen. Später sind es ganze Kontinente, die überfallen werden und man spricht von Weltkriegen. Aggressivität als präventive, und das heißt auch als willkürlich einsetzbare Möglichkeit, „wir mussten da rein gehen“, eröffnet dann die Loslösung von der Notwendigkeit, sich zu verteidigen und das bedeutet, man landet beim Überfall. Dieser wird kulturfähig, ein bitterer Gedanke, so als wäre er ein positives agonales Element unseres Fortschritts. Da diese Art der Aggression älter als jede Zivilisation ist, entbehrt sie jeder Kultur. Wenn das Mobbing aufkommt, fließen beide, Natur und Kultur, zusammen. Mobbing hat sehr viel mehr von unserer Kultur, als wir wahrhaben wollen.
Aggressivität kommt uns da auch noch beispielhaft für die Ambiguität, die Doppeldeutigkeit bestimmter Phänomene unserer Kultur entgegen. Sobald sie in der Kultur auftaucht, wird sie nämlich doppelwertig. Für Jagd und Verteidigung sorgt die « natürliche » Aggression, in der kulturellen Entwicklung ist es die agonale Aggression, die Wettkampf-Antriebskraft, die die Dinge vorwärts treibt. Es gibt Psychologen, die annehmen, man könne Aggressivität ummünzen, aus dem Rohen etwas Feines machen. Das ist beim Mobbing in der Regel nicht möglich, es besteht nur aus Gemeinheit. Zwar gibt es Situationen, in denen so mancher sagt, hier ist Mobbing die letzte Rettung und das Opfer ist mir egal. Mobbing ist aber eher mit einer Plage zu vergleichen. Einem Heuschreckenschwarm kann man nichts Gutes abgewinnen, noch der Pest und der Cholera.
Wo Natur sich durch kontinuierliche Mutation, Selektion und Anpassung auf dem Niveau ihres Optimums hält oder dieses als Fossil immer schon durchhält, folgt sie einem Prozess-Mechanismus, während die Kultur sich durch die Wahl zwischen Alternativen selbst gestaltet. Für ihre Plastizität gibt es immer ein plus ultra, ein Darüberhinaus, das jetzt aber eine praktische Welt betrifft, die von einer geistig-moralischen Instanz gesteuert wird. Wer wird erster im Dreisprung und wer wird Abteilungsleiter. Weil uns diese Dinge so wichtig sind, gibt es Mobbing. Weil sie nicht aufgrund von Mechanismen entschieden und erledigt werden, gibt es ebenfalls Mobbing.
Entscheiden zu wollen und zu können, was gut und was böse ist, fällt dem Mensch so schwer, weil sich immer konkurrierende Gründe aufdrängen, die Dinge im Lichte eines Opportunismus zu beurteilen. Mein Haus ist meine Burg, sagen die Engländer. Da stellt sich die Frage nicht, ob es gut oder schlecht ist, wie man Außen- und Kolonialpolitik betrieben hat und immer noch betreibt. 2016 wurde die Labour-Abgeordnete Jo Cox von Thomas Mair erschossen. Sie war gegen den Brexit. Sein Schlachtruf: Britain First. Der Mensch will sich Gutes tun, nicht nur heute, und dieses Programm, die entsprechenden Handlungsschemata, sind uralt, stammen aus der biologischen Evolution. Was sich von alters her bewährt hat, der Opportunismus aller Lebewesen, der Individuen und der Gruppen, ist daher unwiderstehlich. Moral ist dagegen ein Kulturpflänzchen aus neuester Zeit, das in der Natur keinen Tag überleben würde. Den jesuanisch denkenden Löwen, der auch noch die andere Wange hinhält, gibt es nicht, hat es nicht gegeben. Wohl aber das Kuckucksei. Immer steht der Mensch also bereit, diese Kultur zu verraten, weil der Eigengewinn zählt. Mobbing ist eine Form, die Urwaldinstinkte ungebrochen in unsere Wohnzimmer hereinzunehmen. So gesehen ist es pure Schamlosigkeit, sich als Verwilderter, als Mobbing-Schurke unter den Gesitteten zu bewegen, so als gehörte ihm die Welt.
Mobbing ist, und das ist traurig aber wahr, in seinen vollendeten Formen ein astreines Kind der Kultur, die ja immer in Spuren von Natur verunreinigt ist. Da gibt es abgefeimtes Auskalkulieren, aber auch eine emotionale Basis von Trieb und Motiv. Allein der Qualitätsbegriff, den jedes Mobbing-Opfer für diese Taktik bereit hält, nämlich « gemein », gibt einen entscheidenden Hinweis. Gemeinheit kommt in der Natur nicht vor. Wenn da lebendig gefressen wird, bei den wilden Tieren wie bei der Gottesanbeterin, dann kann das nicht « gemein » sein, weil Tiere keine Moral haben, auch keine Gebote. Dafür haben sie Verhaltensweisen, mit denen sie an ihrer Umwelt angepasst sind. Wenn sich da im Urwald Vorläufer unserer Gebote, fünf an der Zahl, herausbildeten, dann beziehen sie sich darauf, die Horde intern stabil zu halten und in ihrem Habitat , ihrer Umwelt, überlebensfähig zu halten im Lichte einer frühen Kulturentwicklung. Es ging schon damals darum, Artgenossen nicht zu töten. Es ging um zuverlässige Verständigung, Fragen des Eigentums und sexueller Partnerbeziehungen, um Respekt vor den Alten. Der Humanethologe (Forscher des menschlichen Verhaltens) Irenäus Eibl-Eibesfeldt spricht von « moral-analogem Verhalten bei Tieren ». Was da in einer ersten regulierten Welt als Möglichkeit aber immer mit entsteht, ist das von den Regeln abweichende Verhalten. Wer alternativ handeln kann, entdeckt das Mobbing. Es sind immer die informellen Strategien, die sich am Regulären entlang bewegen. Sobald Verhalten genormt ist und eingeordnet werden kann, von Hammurapi, dem babylonischen König im 3. Jahrtausend v. Chr. kanonisiert und in Stein gemeißelt, sind damit Anhaltspunkte festgeschrieben, um die herum Mobbing möglich ist. Konfuzius, der chinesische Denker und Erzieher aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. sieht die chaotischen Kriegsverhältnisse seiner Zeit um Macht und Vorherrschaft. Er macht die menschliche Ordnung zu seinem zentralen Thema. Mit einem verfeinerten Regelwerk für die Untertanen und einer anspruchsvollen, abgestuften Erziehung einer Elite und ihrer gestaffelten Kompetenz gibt es kaum Alternativen für eigenwilliges, auch mobbendes Verhalten. Sonst gilt ja, wo das « Gute » ist, ist auch immer schon die Phantasie. Wer nicht so handeln will, wie vorgeschrieben, muss an die Möglichkeiten denken, es anders zu machen. Der griechische Philosoph Aristoteles spricht in diesem Zusammenhang davon, dass die falschen Wege immer zahlreich sind, während es für das richtige Ziel nur einen richtigen Weg gebe. Alle Wege führen nach Rom ist da schon Ideologie. Das Falsche und Böse machen einen starken Gebrauch von der Phantasie, die ja auch ohne Moral auskommt. Sie ist verantwortlich für die erstaunliche Buntheit, ja, Entfesselung auf diesem Gebiet.
Die Einzelfälle der Mobbingaktionen sind unendlich an der Zahl und so, trotz der großen Zahl an Veröffentlichungen zu diesem Thema, nicht darstellbar. Wer von ihnen zu einer Typologie voranschreitet, kann aber seine gewonnenen Typen am ausgesuchten Einzelfall exemplarisch darlegen und somit wenigstens einen Überblick gewinnen. Ganz allgemein für Mobbing ist, dass jemand diskriminiert und aus einer Gruppe ausgeschlossen bzw. an einem Eintritt gehindert werden soll. Er soll seine Stelle aufgeben. Er soll als Konkurrent ausgeschaltet werden. Er soll isoliert werden, indem seine Sozialkontakte gekappt werden. Er soll gequält werden. Er soll zur Verzweiflung getrieben werden, damit das alles erreicht wird.
Fragt man nach der Motivation der Täter, stößt man ebenfalls auf Typen. Ein allgemeiner Oberbegriff ist « Opportunismus », der Eigennutz, der vor asozialem und moralfreiem Handeln nicht zurückschreckt. Opportunismus findet sich beim Einzelnen wie bei Gruppen und Parteien. Die Devise lautet immer « Du oder ich ». Wem gehört das Wasserloch. Das war vor einer Million Jahren noch wörtlich so, heute hat es eine metaphorische Bedeutung, die jeder versteht. Was ich haben muss, muss ich haben. Ein Grund für Mobbing kann etwas anspruchsvoller sein, erst einmal im Vorfeld eine Gruppe zu stabilisieren. Wird jemand, der nach Mottenpulver riecht oder Segelohren hat, mobbend drangsaliert, heißt das, jeder in unserer Gruppe ist nicht so wie der, und wir sind sowieso in jeder Beziehung unanfechtbar anders. Was wir Urteil und Vorurteil nennen, sind Begriffe, die Folgen haben können, die dazu aufrufen.
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