Als wir am Farmhaus ankommen, ist der Boden neben den Pfützen weiß. Murmelgroße Hagelkörner sind hier heruntergekommen. Der Regenlärm verebbt, aber ein mächtiges Rauschen ist noch in der Luft. Zuerst glauben wir an anhaltende Niederschläge oder Windböen in der Nähe. Aber das Rauschen steht in einem merkwürdigen Kontrast zu der Ruhe, die uns umgibt in der wieder hervorbrechenden Sonne. Von der Locasi schallen Rufe herüber.
„Das Rivier4 ist abgekommen“, sagt Jan, der Sohn der Familie, und schnappt sich sein Motorrad, und wir fahren neugierig hinterher. Zwischen der Locasi und dem neuen Feld, das im nächsten Jahr erstmalig genutzt werden soll, strömt wild gurgelndes, wirbelndes Wasser in etwa drei Meter Breite. Als wir heute Morgen hier hindurchfuhren, war es nur ein unbedeutendes Hindernis, eine kurvige schmale Kiesrinne. Jan gebärdet sich wie ein wildes Fohlen, er rauscht übermütig mit seiner Maschine quer durchs Rivier und schafft es auch so gerade eben. Hinrich sieht das nicht gern, er schimpft, macht sich Sorgen über die Unbekümmertheit seines Sohnes.
Aber es geht ja alles gut. Und der Regen hat 25 Millimeter gebracht.
Aus „Demokritos afrikanus“, Im Affenland, Berlin 1912
Ein paarmal fährt einer von uns nach Otjiwarongo. Die breite Sandpad bis zur geteerten Hauptstraße Outjo-Otjiwarongo schneidet mehrere Farmen. Aber statt der Farmtore, die doch sehr aufhalten, führt die Pad über mehrere Rolltore, das sind im Boden liegende Eisenstangen, deren Zwischenräume so groß sind, dass die Rinder keinen Halt auf ihnen finden.
Diese Farmpads, von denen wir im Laufe der Zeit doch sehr viele kennen lernten, werden regelmäßig von einem Padscrapper geglättet und befinden sich deshalb in Namibia in relativ gutem Zustand. Weltenbummlern, denen wir begegneten und die den afrikanischen Kontinent durchfahren hatten, bestätigten das immer wieder.
Otjiwarongo ist wie alle Ortschaften in Namibia eine Insel, die aus dem Busch hervorwächst und wieder in Busch übergeht, eine allmähliche Verdichtung aus Grün und Rot und Weiß ohne feste Grenzen, die besonders in der grautrockenen Winterzeit wie eine Oase wirkt. Die leichtgebauten Häuser haben in der Regel nur ein Erdgeschoß. Als Zentrum des Ortes muss wohl die ein paar hundert Meter lange Geschäftsstraße gelten: Geschäftshäuser mit flachen Dächern und Scheingiebeln, überdachten Bürgersteigen und Cola-Reklame. Sie erinnert an Ortschaften, die irgendwo an den Highways des endlosen amerikanischen Mittelwestens liegen.
Hier besorgen wir uns die notwendigen Südwester Schlapphüte. Ich sitze mit meinem fünfjährigen Sohn Finn an der Hauswand von Kaufhaus Brumme – wir trinken einen Milchmix und beobachten das Treiben auf der Straße. Oder wir kehren in einer Seitenstraße ein beim Bäcker Otto Carstensen aus Husum, der seit 1955 hier lebt. Oder wir genießen einen „Cool-drink“ auf der Terrasse vom Hamburger Hof. „Otjinassis“ ist auch da, ein weißer Diamantenschieber. Seit die großen Minengesellschaften den Diamantenhandel kontrollieren, ist es eine gefährliche Sache, Rohdiamanten bei sich zu tragen. Aber es lockt wohl gerade deshalb auch immer wieder Abenteurer an.
Eines Tages sind wir zum Telefonieren hier, denn wir müssen uns nun allmählich um unser Gepäck kümmern, und der Fernsprecher auf der Farm ist uns nicht ganz geheuer. Er ist nämlich einer Farmlinie angeschlossen, d. h. mehrere Nachbarn haben die gleiche Nummer. An dem Klingelzeichen erkennen sie, wem ein Anruf gilt, und wenn der Teilnehmer nicht gleich den Hörer abnimmt, dann klingelt es eben auch bei den anderen so lange, bis die Zentrale ein Einsehen hat ... Das Holztelefon an der Wand hat eine Kurbel, die wir etwa 10 mal drehen müssen. Erst dann wird der Hörer abgehoben und der Vermittlung die gewünschte Nummer durchgegeben. Wenn man Glück hat, kommt man durch, sagt uns Ulla, die Farmersfrau. Und: „Montags wollen alle telefonieren!“
Also benutzen wir erstmalig einen öffentlichen Fernsprecher in Otjiwarongo. Aber auch hier ist manches anders: Erst wenn sich der Angerufene meldet, dürfen die Cent-Stücke durchfallen. Das aber können wir den fremdsprachigen Aufschriften nicht sofort entnehmen. Das Ganze ist für uns sehr mühsam, und mit der Verbindung klappt es nicht. Wir beschließen, direkt bei Kühne & Nagel in Windhoek vorbeizufahren, um die Koffer des unbegleiteten Fluggepäcks zu holen und die Ankunft des Containers zu regeln, der unser Umzugsgut enthält. Dazu muss ich zunächst nach Karibib, meinem künftigen Dienst- und Wohnort, denn dort steht ein Landrover für uns bereit, den ich von meinem Vorgänger an der Privatschule Karibib für DM 7200,- gekauft habe.
Karibib! Dieser Name, der uns seit einem halben Jahr bewegt! Der aber, wie uns erst nach und nach bewusst wurde, leider nicht auf der zweiten Silbe betont wird und auch nicht mit „k“ endet! Dass auch andere bei diesem Namen falsch schalten, bewies uns gelegentlich die Post, wenn sie uns trotz fehlerhafter Anschrift erreichte, zum Beispiel: Imme und Peter Erichsen, Etoscha-Pfanne südl. Karibik, Namibia.
Aber diese kleine Gefühlsverwirrung haben wir längst verwunden. Für mich ist der Auslandsschuldienst eine Chance, den Horizont zu erweitern – beruflich, aber auch im allgemeinbildenden Sinne und vor allem menschlich. Es ist eine Bewährung, die zur Selbstfindung beiträgt und uns zeigt, wie wir mit andersartigen Belastungen fertig werden. Und wahrscheinlich hat das alles Rückwirkungen. Was taten die Handwerksburschen anderes, wenn sie auf Wanderschaft gingen? Die Erkenntnis hat zwei Wurzeln: die Begegnung und der Abstand. Mein bisheriger Abstand kann mir bei der Begegnung mit Namibia helfen. Und wenn ich heimkehre, habe ich vielleicht einen Abstand zur Bundesrepublik Deutschland gewonnen, der mein Denken verändert...
Mein offizieller Auftrag, dem deutschsprachigen Bevölkerungsteil bei der Bewahrung deutscher Sprache und deutscher Kultur zu helfen und ihr ein realistisches Bild der heutigen Bundesrepublik Deutschland zu vermitteln, bleibt davon unberührt, steht aber, wie ich bekennen muss, nicht im Vordergrund meiner Motive, Hoffnungen, Gefühle. Meiner Frau geht es ähnlich.
Überhaupt ist Südwestafrika/Namibia ein Zufallsprodukt meiner Bewerbung. Für Bombay, Hermansburg (Südafrika) und São Paulo stand ich ebenfalls in engerer Wahl.
Ausgerechnet Namibia! Nicht wenige unserer Freunde und Bekannten denken da sehr kritisch. Sie haben uns gefragt, wie wir es vor unserem Gewissen verantworten könnten, Menschen zu unterstützen, die ihrerseits das menschenverachtende Apartheidssystem tragen. Was sollten wir antworten! Wir sind voreingenommen, denn wir wollen raus. Und wir hoffen, dass wir uns nicht völlig verleugnen müssen, dass wir doch etwas bewirken können, dass die Begegnung mit dem fremden Land Einsichten bringt, die beiden Seiten helfen. Vielleicht sind wir ein kleines Steinchen in dem Mosaik der Politik, die Probleme nicht nur durch Abstand, sondern auch durch Begegnung lösen will.
Also auf nach Karibib!
Mit Ulla und Jan im Mercedes. Jan muss ohnehin nach dem 2000 Kilometer entfernten Kapstadt, um dort so eine Art Handelsschule zu besuchen, und da liegt Karibib ja fast am Weg! Wir wählen die Teerpad über Otjiwarongo, und dann geht es 200 Kilometer immer geradeaus nach Süden. Das Hochland ist wellig, so dass wir die Straße nicht immer so weit überblicken können, wie das aus manchen Teilen Australiens und den USA erzählt wird. Aber 10 Minuten kann es schon dauern, bis eines der spärlich fahrenden Autos, das wir am Horizont als Pünktchen sichten, uns wirklich begegnet.
Der endlose Busch hinter dem endlosen Zaun macht keinen sehr frischen Eindruck. Zwar zeigt er ab und zu gelbe Blüten, aber sein Grün, sofern überhaupt vorhanden, wirkt doch sehr matt und dünn. Wenig trockene Weide steht dazwischen, steiniger, staubiger Boden überall. Manchmal blühen Kräuter und sprießt wirklich grünes Gras am Rande der Straße, in einem begünstigten Sandstreifen, der das von der Fahrbahn ablaufende Wasser aufsaugen durfte. Aber das ist selten.
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