Das muss man auch erst lernen, auf diesen Scrapper-Pads2 zu fahren, man rutscht leicht weg, und wenn sie ausgefahren sind oder tiefgründig weich, dann musst du in der Spur bleiben, auch wenn sie durch tiefste Pfützen führt ... Mag sein, denken wir, jetzt möchten wir aber erstmal ankommen. Später erfahren wir am eigenen Leibe, dass unsere Fahrerin recht hat ...
Dann taucht aus der Finsternis ein weißes Dreieck auf, schält sich heraus, entpuppt sich als langgestrecktes flaches Haus, beleuchtet, hinter Drahtzäunen.
Die Fahrt war ermüdend und aufregend zugleich: Träumten oder wachten wir? Geschah etwas mit uns oder waren wir selbst die Handelnden? Es dauerte alles so lange, und doch sind wir jetzt plötzlich da! Überraschung, Erstaunen, auch ein leiser und innerer Jubel erfüllen uns. Gespannt und abgespannt zugleich steigen wir aus in die afrikanische Nacht. Hundegebell, Grillenkonzert, fremde Vogellaute und ein großer, großer Himmel mit Sternen, wie wir sie in dieser Klarheit nie sahen.
Dennoch macht es einige Mühe, etwas Munterkeit für die Begrüßung zusammen zu kratzen. „Ich bin Peter!“, bringe ich lächelnd heraus, und Hinrich antwortet mit einem norddeutschen „Jo“, wortkarg und trocken nach Art der Familie. Aber es ist ja auch schon 5 Uhr morgens.
Heiß brennt die Sonne, als wir nach kurzem Schlaf ins Freie treten. Schnell wird uns klar, dass wir Hüte tragen müssen, und wir suchen den Schatten, treten heraus aus der blendend hellen Luft, über die sich der makellos blaue Himmel streckt. Sonntagsruhe liegt über der Farm – aber das bedeutet nicht, dass es still wäre. Durchdringendes Pfeifen der Singzikaden liegt in der Luft, auch Grillenmusik mischt sich dazwischen, und hin und wieder das grobschlächtige, stoßartige Alarmgeschrei der Sandhühner im nahen Busch rundum, dieses heisere Stakkato, das allmählich verebbt und wieder versinkt im fast schmerzhaft hohen Dauerton der Zikaden.
Auch die kräftigen „Irish Terrier“ unserer Gastgeber sorgen für akustische Abwechslung, wenn irgendetwas Fremdes sich regt oder unsere Kinder ihrem Verhau zu nahe kommen. Oder auf der dreihundert Meter entfernt liegenden Locasi, wo die Familien der schwarzen Farmarbeiter wohnen, schreit ein Donkie, wie der Esel hier genannt wird. Sein heiseres Quietschen, mit mechanischer Genauigkeit mehrmals wiederholt, hat wenig Ähnlichkeit mit dem Wohlklang eines „I – A“, erinnert mich eher an die harte Arbeit eines schlecht geölten Windrades, das hier überall im Farmgebiet das Wasser aus der Tiefe holt.
Die beiden Gästezimmer bilden den rückwärtigen Teil der Farmgarage. Die Türen führen direkt ins Freie, in den Hof zwischen der äußeren und inneren Umzäunung. Da steht auch ein kleines Klo-häuschen mit Wasserspülung, ein kleiner Frosch hat sich ins Keramikbecken verirrt und sorgt für Aufregung bei den ohnehin aufgeregten Kindern.
Dünnen Schatten finden wir unter einer mächtigen Weißdornakazie, deren altersschwere Äste durch Eisenringe und Stangen gestützt werden. Die eindrucksvollen vier bis fünf Zentimeter langen weißlichen Dornen geben fast mehr Schatten als die winzigen Fiederblättchen.
Wir haben Angst um die nackten Füße unserer Kinder, und so beginnt hier schon Immes nervenaufreibender Kampf um das Schuhe anziehen. Mal ist der Boden zum Verbrennen heiß, mal liegen auf ihm Dornen oder „Pieker“ oder die Fliesen im Innern der Häuser sind zu kalt, mal empfiehlt es sich als Schutz gegen Schlangen und Skorpione – ein Grund fürs Schuhe tragen findet sich immer für mitteleuropäische Eltern.
Es ist fast unerträglich heiß, etwa 40 Grad Celsius. Aber leichte, möglichst baumwollene T-Shirts sollen wir trotzdem tragen, die Verdunstungskälte auf der Haut birgt Erkältungsgefahren.
Aber wir können baden. Hinter dem weiß getünchten Farmhaus steht auf einer Anhöhe ein Betonring, etwa 1.80 Meter hoch und vier Meter im Durchmesser. Hier hinein wird das Grundwasser gepumpt, das die Windräder fördern, und von hier fließt es wieder hinab zu den Wasserhähnen des Farmhauses. Wir packen unsere Badesachen und gehen eine kurze Strecke durch die Sonne, durchqueren die innere Umzäunung, an den Zitrusbäumen vorbei, an dem kreisrund gemauerten Kühler, an der Küche des Farmhauses, wo zwei schwarze „Weiber“ arbeiten, schließen wieder sorgfältig zwei Zauntore hinter uns und ersteigen so das doppelt gesicherte Wasserreservoir.
Es ist kurz vorher gerade gereinigt worden. Nur auf dem Boden ist es noch etwas glatt von Algenbewuchs. In dem klaren Wasser schwimmen zahlreiche Kaulquappen, schwarz und silbrig gesprenkelt, in allen Größen, und zwischen schillernden, treibenden Käferleichen huschen Wasserläufer hin und her.
Erschrockene Vögel steigen auf aus dem trockenen Gebüsch ringsum, als unsere drei Kinder mit ihren lustigroten Schwimmärmeln das herrlich frische Wasser erobern. Die Sehnsucht nach Wasser, und wie sie sich erfüllt!
Aber genauso faszinierend ist der Rundblick von hier oben! Eingetaucht drehe ich mich langsam auf einem Bein, während die Sonne mein Haarpolster aufheizt, und genieße das 360-Grad-Panorama. Das Land ist eine Ebene, besonders im Osten und Norden gleitet der Blick über endlosen Busch und findet keine Grenze. Irgendwo dort, vielleicht 40 Kilometer entfernt, liegt der nächste Ort, Otjiwarongo. In unmittelbarer Nähe des Farmhauses erkennen wir die Viehkräle, eine kreisrunde Viehtränke, Vorratsgebäude mit Windmotor, landwirtschaftliche Maschinen, Wellblechdächer und dünne Rauchsäulen: die Locasi oder auch „Werft“ mit den wenig ursprünglichen „Pontoks“, wie die Behausungen der Schwarzen überall genannt werden. Und dazwischen immer wieder die unvermeidlichen Termitenhügel, oft regelrechte Dome aus Sand, zwei bis vier Meter hoch, je nach Bodenbeschaffenheit mal kalkig-weiß oder lehmig-beige oder sandig-rot.
Im Westen fällt unser Blick auf eine Bergkette. Die Grenze der 9000 Hektar großen Farm führt oben auf dem Grat entlang, alles ist mit Busch bewachsen, nur selten sehen wir nackte Felswände hervorglänzen.
Im Anschluss daran steht im Süden ein markanter Kegelberg, der Paresis, der wie ein Markenzeichen die Farm beherrscht, und durch den freibleibenden Einschnitt in der Südwestecke führt die Farmpad in Richtung Süden – der nächste Nachbar, hinter den Bergen, wohnt 15 Kilometer entfernt.
Vom Paresis-Berg führt ein schmaler, holperiger Weg auf uns zu, auf das gerodete Schussfeld rund um den äußeren Zaun, auf das Haupttor und zeigt mit fast barocker Symmetrie durch die Pforte der inneren Umzäunung durch den Garten genau auf die Mitte des langgestreckten, flachdachigen, blechgedeckten Farmhauses, dorthin, wo sich die Haustür befindet, die bei jedem Öffnen zweistimmig klingelt.
Der Garten des inneren Kreises ist durch Zäune aufgeteilt. Links und rechts liegen Zitrus- und Gemüsegärten mit dem Hundezwinger, aber vor der schmucklosen Hausfront blüht um einen grünen Rasen herum Hibiscus und Bougainvillea, und es duftet nach Oleander und Apfelsinenblüten.
Unter dem Wohngebäude einer größeren Farm haben wir uns mehr vorgestellt, etwas mehr Pracht am Bau, vielleicht ein bisschen „vom Winde verweht“ – aber unsere Gastgeber wohnen sehr einfach. Es ist nicht nur das Farmhaus, das sie vor 13 Jahren übernommen haben, als sie ihren landwirtschaftlichen Betrieb in der Bundesrepublik an die ansiedlungswillige Großindustrie verkauft hatten. Auch die Einrichtung, die Küche zum Beispiel, verrät keine großen Bedürfnisse.
Aber was reden wir! Wir Bundesdeutschen wissen nicht, welche Folgen eine Bevölkerungsdichte von einer Person pro Quadratkilometer hat! Mehr Menschen, mehr Kaufkraft, mehr Werbung – und schon reicht der abgestoßene Milchtopf nicht mehr, schon fühlt man sich unwohl auf dem ewig knitterigen Läufer, schon meint man mithalten zu müssen mit den ewig konsumierenden, renommierenden Nachbarn, die man täglich sehen muss.
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