„Wie fühlen Sie sich?“, fragte er besorgt.
„Beschissen."
Lenz ging ins Badezimmer, füllte einen Zahnputzbecher mit Wasser, gab ihn Maiwald. Gierig trank sie. Dann begann sie zu schluchzen. Etwas unsicher und unbeholfen nahm Lenz sie in die Arme, versuchte sie zu trösten.
„Es ist vorbei, der kann Ihnen nichts mehr tun.“
Maiwald heulte los. Lenz ging zum Telefon, alarmierte Rettungsdienst und Polizei. Er durchsuchte den Angreifer, nahm ihm Revolver, Schalldämpfer und Messer ab. Mit einem Stück Wäscheleine, das er in seiner Hosentasche fand, verschnürte er ihn fachgerecht: Füße und Hände band er so zusammen, dass sich der Mann keinen Millimeter bewegen konnte, wenn er wieder zu Bewusstsein kam. Laut Pass handelte es sich um einen gewissen Sergej Dubajew, sechsunddreißig Jahre alt, geboren in Grosny, Tschtschenien, aber deutscher Staatsbürger. Ob der Pass echt war? Es klingelte an der Wohnungstür. Polizei und Rettungsdienst.
„Lenz?“
Angelika Maiwald wollte unbedingt noch etwas loswerden, bevor es in ihrer Wohnung jetzt gleich von fremden Leuten wimmeln würde.
"Ja?“
„Danke.“
„Schon gut. Gern geschehen."
* * *
Holzinger war ein misstrauischer, alter Hund. Kriminalhauptkommissar Georg Holzinger vom Hamburger Landeskriminalamt. Abteilung Staatsschutz. Mit einem Kollegen hatte er Lenz an dessen Arbeitsplatz in der Bibliothek aufgesucht. Die Maiwald war krankgeschrieben. Die Streifenbeamten hatten am Abend zuvor mehr oder weniger bloß Maiwalds und Lenz´ Personalien aufgenommen. Angelika Maiwald war nicht vernehmungsfähig gewesen, Lenz ziemlich wortkarg. Jetzt wollte es Holzinger ganz genau wissen. Lenz kam es so vor, als ob er seine Geschichte nun schon ungefähr zum zehnten Mal erzählte.
Wie ihm am Nachmittag aufgefallen war, dass ein Mann die Kollegin Maiwald beobachtete. Wie er bemerkte, dass der Mann ihr hinterher spionierte. Ihr nach Dienstschluss folgte. Wie er sich dann seinerseits an dessen Fersen heftete. Warum? Keine Ahnung, einem unguten Gefühl folgend, irgendwie.
„Bemerkte der Mann nicht, dass er verfolgt wurde?“
„Offenbar nicht.“
Wie er sah, dass der Mann vor Maiwalds Wohnung Position bezog, dort wartete, stundenlang, bis zum Anbruch der Dunkelheit. Wie er dann in die Wohnung eindrang. Wie er ihm folgte.
„Warum haben Sie nicht die Polizei gerufen?“
„Dazu war keine Zeit mehr, ich meine, er war in ihrer Wohnung ...“
„Mit dem Handy wäre das doch ganz schnell gegangen.“
„Ich habe kein Handy.“
Holzinger starrte Lenz ungläubig an.
„Und dann?“
„Was, und dann?“
„Ja, was war dann in der Wohnung?“
„Da habe ich ihn überwältigt.“
„Einfach so?“
„Ja.“
„Hm.“
Holzingers Kollege sagte die ganze Zeit nichts, machte sich aber eifrig Notizen.
„Herr Lenz ...“
Holzinger hatte jetzt den Tonfall eines gutmütigen, geduldigen Onkels, der mit einem verstockten Kind spricht, die Hoffnung aber noch nicht ganz aufgegeben hat.
„Herr Lenz. Nach allem, was wir wissen, handelt es sich bei dem Mann um einen Profikiller. Und zwar um einen aus der allerersten Liga. Einen, der europaweit arbeitet, vielleicht sogar weltweit.“
„Oh! Tatsächlich?“
„Ja, tatsächlich!“
„Meine Güte!“
„Und Sie haben den überwältigt, so mir nichts, dir nichts ...“
„Ja, nun, was soll ich sagen ...“
„Einfach so ...“
„Tja ...“
Holzinger war wirklich ein verflucht misstrauischer, alter Hund. Ein Spürhund.
„Herr Lenz ...“
Holzinger wirkte plötzlich gut gelaunt. Geradezu amüsiert.
„Meine Frage an Sie lautet nun: Wie haben Sie das gemacht? Der Mann war immerhin bewaffnet.“
Lenz wandt sich. Druckste herum. Faselte. Nun ja, er habe halt den Überraschungsmoment ausgenutzt. Schließlich habe der Mann nicht mit ihm gerechnet. Dann habe er einige Schläge und Tritte angewandt, die er mal in einem Film gesehen habe. Und Glück, ja, ein wenig Glück habe er sicher auch gehabt. Vermutlich ziemlich viel Glück sogar.
„Herr Lenz, bitte! Verkaufen Sie uns nicht für dumm!“
Also gut, nun ja, früher, da habe er mal ein wenig Kampfsport betrieben. Aber das sei wirklich schon sehr lange her. Geradezu unglaublich lange.
„Lenz?“
„Ja?“
Holzinger rückte jetzt sehr nahe an Lenz heran. Seine Augen waren nun ungefähr so durchdringend wie Röntgenstrahlen.
„Was haben Sie eigentlich gemacht, bevor Sie Bibliothekar wurden?“
„Ich? Studiert.“
„Aha.“
„Ja, an der Fachhochschule Hamburg, heute heißt sie Hochschule für angewandte Wissenschaften. Ist Voraussetzung, um Diplom-Bibliothekar zu werden.“
„Und davor? Ich meine, bevor Sie studiert haben.“
Lenz fiel auf, dass an der Wand ein Bild schief hing. Seit wann? Das musste er unbedingt in Ordnung bringen.
„Lenz! Davor!“
Der gutmütige Onkel verlor langsam die Geduld. Lenz räusperte sich.
„Nichts Besonderes. Ich war eine Weile bei der Bundeswehr.“
Holzingers Augen verengten sich zu Schlitzen.
„Wo? Welche Einheit?“
Lenz stand auf und rückte das Bild gerade. Dabei sah er, dass der Rahmen an der Oberseite staubig war. Sauerei! Die Putzfrauen machten hier wohl auch nur das Nötigste.
„Fallschirmjäger?“
Leerten wahrscheinlich gerade mal die Papierkörbe und hielten in der übrigen Zeit lieber ein gemütliches Schwätzchen.
„Kampfschwimmer?“
Qualmten womöglich sogar, obwohl Rauchen in der ganzen Bibliothek streng verboten war. Lenz musste an seinen alten Lateinlehrer denken.
„Fernspäher?“
Raucher sind Schweine hatte der immer gesagt. Und dass die Chinesen das Volk der Zukunft seien, das hatte er auch gesagt. Während der dekadente Westen dem Untergang geweiht sei. Wie früher das Alte Rom. Sittenverfall und bankrotte Staatsfinanzen allerorten. Kluger Mann, der Lateinlehrer. Prophet.
„KSK?“
Lenz sah aus dem Fenster. Er schien plötzlich sehr weit weg. Nach einer Weile nickte er. Kaum merklich. Dann drehte er sich zu Holzinger um.
„Darf ich auch mal eine Frage stellen?“
„Nur zu“, ermutigte ihn Holzinger.
„Warum interessiert sich eigentlich der Staatsschutz für diesen Fall?“ Jetzt war es Holzinger, der auf einmal sehr wortkarg wurde.
* * *
Angelika Maiwald putzte ihre Wohnung. Schrubbte den Fußboden, wischte Staub, brachte Bad und Küche auf Hochglanz. Fremde Leute waren hier gewesen, waren mit ihren Schuhen überall herum getrampelt. Jemand hatte versucht, sie umzubringen. Warum? War es ein Einbrecher? Oder ein Sittlichkeitsverbrecher? Sie hatte keine Ahnung.
Am Abend zuvor hatte der Notarzt nicht viel für sie tun können. Eine Beule am Hinterkopf. Ein blauer Fleck am Kinn. Würgemale und ein Bluterguss am Hals. Ein paar kalte Kompressen. Ein Beruhigungsmittel. Das war alles.
Mit dem Angreifer hatte er wesentlich mehr Arbeit gehabt.
Der Arzt hatte ihr zu einen paar Tagen Krankenhaus geraten. Zu psychologischer Betreuung. Sie hatte abgelehnt. Sie wollte bloß Ruhe. Heute war sie zu Hause geblieben. Morgen war sie auch noch krankgeschrieben. Vielleicht würde sie für den Rest der Woche Urlaub nehmen. Sie wollte telefonieren. Sie wusste nicht, mit wem. Sie brachte ihre Wohnung zum zweiten Mal auf Vordermann. Sie polierte die Möbel und putzte die Fenster. Sie war diese Arbeiten nicht gewohnt. Sie hatte eine Putzfrau.
Herr Müller-Lüdenscheidt beobachtete all dies mit tiefer Sorge. Merkwürde, schockierende Dinge waren geschehen. Erst war ein Mann über sein Frauchen hergefallen. Dann hatte ein anderer Mann diesen Mann verprügelt und so sein Frauchen gerettet. Dann waren viele weitere Männer in die Wohnung gekommen und hatten viel geredet. Und jetzt benahm sich sein Frauchen so, als ob es für den Deutschen Hausfrauenpreis kandidieren würde. Herrn Müller-Lüdenscheidt gefiel das alles nicht. Nein, gar nicht. Er hasste alles, was seinen geregelten Alltag durcheinanderbrachte. Es klingelte an der Wohnungstür. Holzinger und ein jüngerer Kollege.
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