* * *
Er wusste Bescheid. Die Angaben waren präzise. Wie immer. Die Frau musste eliminiert werden, und zwar möglichst bald. Bevor alles aufflog. Sie hatten sich jetzt endgültig dafür entschieden, es wie einen Raubmord aussehen zu lassen und nicht wie eine Beziehungstat. Denn die Frau hatte gar keine Beziehung. Wieso eigentlich nicht? Sah doch gut aus. Er betrachtete ihr Foto. Halblange, glatte, braune Haare. Bisschen dünn vielleicht. Bisschen blass. Jedenfalls für seinen Geschmack. Um den Mund herum ein etwas verkniffener Zug, so kam es ihm vor. Aber ansonsten nicht schlecht. Eigentlich schade um sie.
Er hatte freie Hand: erwürgen oder erschlagen, das war ihnen egal. Bloß spontan sollte es aussehen, keinesfalls wie eine geplante, professionelle Tat. Frau überrascht Einbrecher in ihrer Wohnung, der bringt sie um. Der Klassiker also. Das haute keinen vom Hocker, das fiel nicht weiter auf, schon gar nicht in einer Großstadt wie Hamburg. Er hatte sich für erwürgen entschieden. Das war persönlicher. Er war heute in der Stadt angekommen, hatte ein Zimmer in einer billigen Absteige auf St. Pauli genommen. Morgen würde er die Frau an ihrem Arbeitsplatz aufsuchen, würde sich einen persönlichen Eindruck verschaffen, würde sozusagen Witterung aufnehmen. Er würde ihr folgen. Würde sie langsam einkreisen, das Netz allmählich enger ziehen. Sie würde davon nichts merken.
Er schätzte, die Angelegenheit bald erledigen zu können, vielleicht schon in den nächsten Tagen. Es dürfte keine Probleme geben. Er hatte schon wesentlich schwierigere Klienten gehabt. Hatte schon Leibwächter und Alarmanlagen ausschalten müssen. Hatte sich den Weg frei schießen müssen. War verwundet worden. Und jetzt das: eine Bibliothekarin. Eigentlich lächerlich. Viel zu einfach für Ex-Feldwebel Sergej Dubajew. Aber er war Profi, und er tat, wofür er bezahlt wurde. Der Kunde war schließlich König.
Jetzt hatte er Hunger. Er verließ die Absteige, schlenderte über die Reeperbahn, Richtung Große Freiheit. In einem Schnellimbiss gönnte er sich ein halbes Hähnchen mit Pommes Frites, dazu eine Sprite. Alkohol war, wenn er einen Auftrag hatte, tabu. Der benebelte bloß die Birne, beeinträchtigte das Wahrnehmungs- und Reaktionsvermögen. Sex nicht. Der war gut, entspannte Körper und Geist und machte den Kopf frei. Hier war das Angebot auf dem Kiez reichlich. Er nahm eine Schwarze mit dicken Titten und drallem Arsch. Sie war gut.
* * *
„Eine Kopfschmerztablette?“
„Bitte?“
„Ob Sie vielleicht eine Kopfschmerztablette hätten?“
Lenz war so vertieft in seine Arbeit gewesen, dass er gar nicht bemerkt hatte, dass Angelika Maiwald offenbar schon eine ganze Weile neben seinem Schreibtisch gestanden hatte und ihn etwas gefragt hatte. Angelika Maiwald aus der Kinderbuchabteilung. Sechsunddreißig Jahre alt, ledig, sehr apart, zierlich, grüne Augen, brünett, Hornbrille. Immer sehr geschmackvoll gekleidet. Immer sehr gut riechend. Lenz mochte sich nicht recht eingestehen, dass er eine heimliche Schwäche für sie hatte. Abgesehen davon, dass er keinerlei Bedarf nach einer Beziehung hatte: Er hätte sich bei ihr auch null Chancen ausgerechnet.
Und nicht nur er. Angelika Maiwald galt im Kollegenkreis als unnahbar, und auch Lenz selber hatte diesen Eindruck von ihr. Über ihr Privatleben war nur bekannt, dass sie alleinstehend war und von Männern offenbar nichts wissen wollte. Warum, wusste man nicht. Das einzige männliche Wesen in ihrem Leben war ein Kater.
Jetzt fasste sie etwas theatralisch mit ihrer rechten Hand an ihre rechte Schläfe, zog dabei die Stirn in Falten, um die Dringlichkeit ihres Ansinnens zu unterstreichen.
„Äh, ich glaube ...“, stammelte Lenz. Er fasste in seine Hosentaschen, dann in seine Sakko-Taschen. Ein völlig blödsinniges Unterfangen, denn er wusste genau, dass er keine Tabletten dabei hatte. Er selber hatte äußerst selten Kopfschmerzen. Er zog die Schreibtischschublade heraus, guckte hinein. Genauso blödsinnig. „Also, ich weiß nicht, irgendwo ...“
„Schon gut, macht nichts. Danke.“
Und schon war Angelika Maiwald wieder verschwunden. Mist. Wie konnte ihm das bloß passieren? Eine Kollegin bat ihn um Hilfe und er musste passen. Nicht irgendeine Kollegin: Angelika Maiwald! Unverzeihlich. Und dazu höchst ungewöhnlich für ihn. Als Kavalier alter Schule hatte er schließlich auch immer Feuer dabei, obwohl er selber Nichtraucher war.
Er bedauerte diesen Fauxpas außerordentlich. Denn so viel gestand er sich doch ein: Zwar wollte er nichts von Angelika Maiwald, wirklich nicht, aber die wenigen Male, die er direkt mit ihr zu tun gehabt hatte, hatte er ihre Nähe als außerordentlich angenehm empfunden. Jetzt eben auch wieder. Sie hätte ruhig länger bleiben können. Lenz dachte angestrengt nach, ließ die Runde der Kolleginnen und Kollegen in seinem Kopf Revue passieren. Wer könnte helfen? Blum aus der Filmabteilung vielleicht? Lieber nicht. Der machte bestimmt wieder bloß irgendwelche blöden Bemerkungen. Und konnte dann doch nicht helfen. Schimoniak aus der Musikabteilung? Bloß nicht! Der quatschte ihn wieder so zu, dass der halbe Tag dabei draufging. Aber Frau Bobenstein-Hallerbeck! Das war die Lösung! Frau Bobenstein-Hallerbeck von „Geografie, Geschichte, Gesellschaft“. Die klagte immer über Kopfschmerzen. War wetterfühlig, hatte Heuschnupfen außerdem zig verschiedene Allergien. Die hatte sicher was dabei. Lenz flitzte los.
* * *
Angelika Maiwald hatte schlecht geschlafen. Genau genommen hatte sie fast gar nicht geschlafen Warum, wusste sie nicht. Es gab dafür keinen erkennbaren Grund. War es der plötzliche Wetterumschwung? War Vollmond? Oder hatte sie einfach zu viel Kaffee getrunken? Sie hatte keine Ahnung. Vielleicht wusste Herr Müller-Lüdenscheidt mehr. Er hatte ihr besorgt hinterher geblickt, als sie ihre Wohnung verlassen hatte. Herr Müller-Lüdenscheidt war ihr Kater. Sie hatte ihn vor vier Jahren aus dem Tierheim geholt, und er war für sie eines der wichtigsten Lebewesen auf dieser Erde. Und eines der klügsten. Eine Leben ohne Herrn Müller-Lüdenscheidt war für Angelika Maiwald unvorstellbar. Auf der Fahrt mit der U-Bahn zum Hauptbahnhof waren die Kopfschmerzen gekommen. Ganz plötzlich. Jetzt verstand sie, was ihr Herr Müller-Lüdenscheidt mit seinem Blick hatte sagen wollen! Nämlich: Mädchen, du hast schlecht geschlafen. Du weißt, wie das dann immer bei dir ist. Du bekommst Kopfschmerzen. Du kriegst schlechte Laune. Du wirst unausstehlich. Dir ist alles zu viel. Du bringst nichts zustande. Dein Tag ist gelaufen. Bleib also am besten zu Hause. Wenn nicht, dann nimm wenigstens Kopfschmerztabletten mit.
Das hatte man nun davon, wenn man nicht auf Herrn Müller-Lüdenscheidt hörte. Von den Kolleginnen in ihrer Abteilung konnte ihr niemand helfen. Angelika Maiwald ging zu Lenz. Der kramte aufgeregt in seinen Hosentaschen, stammelte irgendwas und musste dann ebenfalls passen. Sie hatte eigentlich nichts anderes erwartet von diesem komischen Sonderling. Aber zum Glück gab es ja noch Bobi. Das gute, alte Bobensteinchen, auf das immer Verlass war. So auch diesmal: Angelika Maiwald hatte die Auswahl zwischen mehreren Sorten von Tabletten und entschied sich für ein mittelstarkes Medikament. Bobi gab ihr ein Glas Wasser, zeigte Anteilnahme und hatte einige mitfühlende Worte parat.
Ach ja, das liebe Bobensteinchen. Sie war Angelika Maiwalds Lieblingskollegin. Hatte selber mehr als genug Probleme. Mann weg. Tochter an der Nadel. Übergewicht. Zu allem Überfluss auch noch ein Autounfall, der einen komplizierten Beinbruch zur Folge hatte. Der Knochen musste genagelt werden, und obwohl der Unfall schon drei Jahre zurücklag, konnte der Nagel erst kürzlich entfernt werden. Jetzt humpelte Bobi und hoffte, dass das eine vorübergehende Erscheinung war. Sie hatte es also wirklich nicht leicht.
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