Perfekte Atmosphäre
Nachdem er zunächst mit kleineren Erfindungen viel Geld gemacht hatte, stellte er rasch umfangreichere Mittel für größere Dinge zur Verfügung. So soll die Entwicklung des CO 2-Elixiers damals mehr als eine Milliarde gekostet haben. Dabei war es sicher ein Glücksfall, dass er neben dem begnadeten Erfinder und Tüftler David Brown, auch ein kongeniales Pendant im Finanzbereich als Partner gewinnen konnte. Dr. Sigurd Eru hielt das Geld zusammen und baute eine perfekte Atmosphäre der Kosten-Nutzen-Rechnung auf. Mit dem Resultat, dass die Mitarbeiter allesamt Fans ihres obersten Chefs sind, auch wenn es wie überall das eine oder andere Hemmnis gibt. Doch hier bilden stabile Unternehmenswerte den zentralen Kitt: Innovation, Nutzenversprechen, Integrität, Wertschätzung, Fehlertoleranz und Vertrauen.
Wo ist der Haken?
Seit Gründung der CUE AG vor fast 30 Jahren ging es also ständig aufwärts. Finanziell und menschlich. Ganz ohne betriebsbedingte Kündigungen, mit überdurchschnittlichen Gehältern und stattlichen Erfolgsbeteiligungen. Was dennoch die Frage nach dem berühmten Haken offen lässt. Und, ob die alte Marx’sche These vom Profit durch Ausbeutung hier eventuell nicht gilt. „Tut sie nicht“, pariert Roderich S. Cue diesen Verdacht, indem er elegant auf John Rawls und Adam Smith verweist, der die unsichtbare Hand des Marktes als Lenkstange zum Allgemeinwohl ansieht, und sie damit in Cues Auslegungen gleichzeitig zum Anwalt ihrer Probleme macht. Was uns zum aktuellen Projekt des Milliardärs zurückbringt: Der Rettung der Welt.
Herkules würdige Aufgabe
Fest steht: Da tun sich tatsächlich Chancen auf. Denn niemand sonst verfügt über ähnlich märchenhafte Finanzmittel wie Roderich S. Cue. Sein Vermögen wird auf über 500 Milliarden Euro geschätzt, was fast das fünffache Vermögen des nächstfolgenden Reichen ausmacht, in deren Spitzengruppe sich beispielsweise auch Bill Gates seit 25 Jahren befindet. Dabei verfügt Cue über Willenskraft und offenbar auch ganz konkrete Ziele, die er uns allerdings erst noch nennen will. Vielleicht schon bald, auf der Zukunftskonferenz, zu der er die wichtigsten Experten und Wissenschaftler, aber auch einfache Menschen aus allen Bevölkerungsschichten, Kontinenten und Kulturen dieser Welt versammeln will. Hoffen wir es und wünschen wir Roderich S. Cue in seiner zweiten Lebenshälfte viel Glück für sein Vorhaben – ganz im Interesse der Menschheit. Es ist eine Herkules würdige Aufgabe, bei der wir ihn sehr genau beobachten werden. Sein Name ist Programm: R.S.Cue, mit dem Buchstaben seines zweiten Vornamens, heißt im Englischen „Rettung“.
Mehr Informationen zum Thema finden Sie auf der speziellen Website www.weltrettung-vision.de
Interne Weichenstellungen
1. August 2022, Berlin, Roderich Cue
Gezeichnet war der Artikel mit Tanja Konnerth. Er umrahmte ein großes Bild, das mich auf der Pressekonferenz mit dem zusammenfassenden Schaubild der Weltprobleme und meiner Bildercollage zeigte. Ich überflog ihn, bevor ich ihn ganz las.
„Paola, da haben Sie einen guten Text aus dem großen Berg herausgezogen“ sagte ich. „Er bringt das auf den Punkt, was unser Unternehmen ausmacht und schafft Vertrauen in unser Vorhaben.“
Meine PR-Chefin schaute mich zufrieden aus ihren großen, braunen Augen an.
„Wenngleich dabei auch klar wird, dass wir von den Inhalten unseres Projekts bisher so gut wie nichts gesagt haben“ fuhr ich fort. „Da wird man uns jetzt auf den Fersen bleiben, aber das ist okay. Die Nebenschauplätze, die auf der Konferenz auftauchten, all das mit den Kollateralschäden unserer Erfindungen wurde hier weggelassen. Dennoch ist er nicht unkritisch, wenn man zwischen den Zeilen liest. Wer ist die Autorin?“
„Die Kameras haben sie festgehalten“ antwortete sie und reichte mir ein Bild herüber, auf dem die schwarzhaarige Schönheit mit der pinkfarbenen Bluse zu sehen war, an die ich mich gut erinnerte.
„Zoltan hat mir ihr gesprochen, wie ich schon feststellen konnte. Wer sonst noch, müssten wir klären können. Eine Umfrage an die eingeladenen Mitarbeiter per E-mail und wir wissen es spätestens morgen.“
Ich winkte ab. Die Mitarbeiter hatten ihr Bestes gegeben und sollten jetzt nicht auch noch Detektiv spielen müssen. Zumal die von der Autorin Befragten sich offenbar alle positiv über mich und das Unternehmen ausgesprochen haben. Was zu der Frage führte, was die Mitarbeiter in ihrer Gesamtheit über das Projekt dachten. Ein Thema, das heute Nachmittag noch besprochen werden sollte. Innerlich machte ich mir dennoch eine Notiz.
'Tanja Konnerth, eine mutige und kompetente Frau, die mit einem Leitartikel in der weltweiten Ausgabe der Financial Times einiges drauf haben musste.'
Ich mochte es, wenn Frauen Intellekt zeigten, was bei Gabriela leider nicht ganz so ausgeprägt war. Und ich mochte starke Frauen, was ich besonders bei Judith sehr vermisst hatte, als ich sie näher kennen lernte.
Nach dem Mittagessen im Kasino der 3. Etage begann im mittleren Konferenzraum VENUS 1 die große Konferenz der erweiterten Führung. Teilnehmer waren über den Vorstand hinaus zunächst die drei Koordinatoren, Miriam für die Länder, Bernard für die Branchen und unsere Ärztin Carina für die Gesundheit. Die wichtigsten weiteren Führungskräfte in den Vorstandsressorts wurden hierzu nach Bedarf hinzu gezogen, was heute die komplette zweite Ebene inklusive des Betriebsrats betraf. Meng Li führte auf einem Bildschirm für alle sichtbar das Protokoll. Damit wir uns gegenseitig sehen konnten, war der Tisch statt im Oval als ausladendes U ausgerichtet worden. Die Tagesordnung umfasste zwei Hauptpunkte, die eng zusammen hingen: Den Inhalt meiner Ansprache und die weitere Vorgehensweise bei dem Projekt, insbesondere der angekündigten Mitarbeiterabstimmung und der Modalitäten dafür.
Die kurzen Einführungs-Statements der Teilnehmer komprimierte Li im Protokoll, ohne Nennung von Namen:
Bin stolz darauf, in dieser Firma zu arbeiten.
Packen wir es an.
Ist das nicht ein bisschen zu groß für uns?
Ich hätte da auch schon einige Ideen beizutragen.
Viele Fragen sind für mich offen.
Das macht ja noch mehr Spaß.
Das sind unglaubliche Perspektiven.
Wenn nicht wir, wer denn sonst?
Meine Mitarbeiter sind ganz aus dem Häuschen.
Das Fest hat mir gut gefallen. Idee und Organisation bestens. Lob an die Verantwortliche.
So ganz habe ich noch nicht verstanden, wie wir das durchziehen können.
Die Abstimmung der Mitarbeiter wird sicher interessant. Ich prognostiziere einen Erfolg.
Bei so schwammigen Aufgaben sind klare Ziele und Strategien umso wichtiger.
Wir müssen den Mitarbeitern aber vor der Abstimmung deutlicher sagen, welche Konsequenzen die beiden Alternativen haben.
Dann können wir was Produktives mit dem geparkten Geld machen.
Eine produktive Nutzung für unsere hohe Liquidität. Zinsen verdienen befriedigt mich nicht richtig.
Es gibt noch so viele Erfindungen, die die Welt braucht.
Im Geiste teilte ich die offenen Fragen in zwei Klassen: wie wollten wir konkret weitermachen und wie sollte die Abstimmung vorbereitet und durchgeführt werden, was den zweiten Punkt der Tagesordnung betraf.
Zoltan eröffnete die Diskussion des ersten Punktes mit einer Frage. „Unser Chef hat doch sicher schon einen konkreten Plan, den er zwar nicht der Öffentlichkeit gesagt hat, aber den wir hier doch wissen dürfen, oder?“
„Ich möchte mich da eher auf Siggis kurzes Statement beziehen“, antwortete ich, ohne, dass eine Pause entstehen konnte. „Bei dieser großen und wirklich noch nicht fassbaren Aufgabe, mit so vielen vernetzten Problemen, müssen wir eine fundierte Strategie festlegen. Die existiert auch in meinem Kopf noch nicht. Ich bin in erster Linie Ingenieur. Niemand auf dem Planeten mit Verantwortung und mit den Mitteln zum Einsatz hat bislang ein durchgängiges Konzept für so etwas.“
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