Auch wenn die Entscheidungsfindung im Unternehmen tatsächlich meist unbürokratisch war, legte ich Wert darauf, im Protokoll die Gründe für Entscheidungen zu vermerken. Der Blick von Paola zu Zoltan machte mich jedoch stutzig und ich beschloss, hier bei Gelegenheit nachzufragen. Doch leider vergaß ich es in den nächsten Tagen und erst viel später sollte ich wieder unangenehm an dieses Versäumnis erinnert werden.
Am nächsten Tag bekam ich ein Memo von Zoltan, in der er seine generellen Bedenken gegen das Große Rettungsprojekt äußerte:
„Ich möchte nicht verhehlen, dass wir uns meines Erachtens bei diesem Projekt verheben werden. Es ist allerdings schon raus an die Öffentlichkeit und nicht mehr zu ändern. Aber wir können das Beste daraus machen und es mehr als PR-Projekt laufen lassen, um es dann intern wieder etwas versanden zu lassen, es extern aber wach halten und so unser Image pflegen.“
Er begründete seine Meinung mit Argumenten über die Größe der Aufgabe und die Uneinsichtigkeit der Menschen, die ihre Probleme mangels eigener Initiative und mangels eigener Fähigkeiten meist selbst verschulden würden. Dies brachte mich innerlich stark auf und der Gedanke, hier nur ein reines Fassadenprojekt zu betreiben, war unerträglich. Umgehend verfasste ich eine kategorisch ablehnende Antwort an Zoltan, der sich in der Besprechung eher zurückhaltend verhalten hatte. Aber das hatte ich schon öfter bei ihm erlebt. Man wusste nicht immer, was er dachte. Es begleitete mich noch den ganzen Abend und meine Wut verging erst, als ich einschlief. Am nächsten Morgen hatte ich den Vorfall vergessen, was sich später leider rächen sollte.
Die wirtschaftliche Reaktion
1. August 2022, Berlin, Dr. Sigurd Eru
Nach der internen Konferenz, ging ich direkt in mein Büro zurück. Ich war verwundert über Rods lockere und charismatische Regie. Gerade einmal vier der Teilnehmer waren in den Wochen vor der Bekanntgabe des großen Vorhabens eingeweiht gewesen. Die übrigen 24 Führungskräfte hatten erst vorgestern davon erfahren. Sie hatten seitdem Zeit gehabt, das Thema im kleinen Kreis ihrer Familie oder ihres Arbeitsteams zu besprechen, doch zu diesem Zeitpunkt war die Weltöffentlichkeit bereits davon beherrscht. Es gab kaum noch ein anderes Gesprächsthema. Und dabei fing alles erst richtig an.
Auch mein Ressort von den Finanzen bis zur Börse würde von der neuen Strategie nicht unbehelligt bleiben. In der Verbindung mit Rod war ich als Juniorpartner ausgezeichnet gefahren und damit zum zweitreichsten Menschen der Welt aufgestiegen. Ich bewunderte Rods Tatkraft, seine Ideen und seine visionäre Art, die mir in dieser Größenordnung als kühler Rechner oft fehlte. Und das führte zwangsläufig auch zu Zweifeln. Packten wir hier ein Projekt an, das selbst für uns ein paar Nummern zu groß war? Dennoch hatte ich mich schon vor Wochen, als Rod mit der Überlegung zu mir kam, für seine Idee entschieden, denn Rod war einzigartig und die CUE AG war es auch. Wir stellten ein weltweites Kraft- und Machtzentrum ohnegleichen dar und angesichts der vielen Ungereimtheiten in der Politik und bei den verschiedenen Hilfsorganisationen würde niemand anderes als wir den innovativsten und erfolgreichsten Weg finden. Wir hatten einfach mehr Aktionsspielraum. Und noch etwas zählte: Auch Rod vertraute mir uneingeschränkt.
Ich wäre jedoch nicht Dr. Sigurd Eru gewesen, wenn ich die Gelegenheit auch dieser Aktion nicht genutzt hätte, etwas Kleingeld für unseren guten Zweck zu verdienen. Auch wenn ich das Ganze nicht ganz so groß angelegt hatte wie vor fünf Jahren beim Elixier, als wir die Übernahme von SIEMENS und noch einiges mehr finanzierten, so hatte ich doch auch diesmal ein hübsches Sümmchen angepeilt, eine kleine Vorabdividende sozusagen. Ich war an diesem Tag noch mit Boris, dem Leiter Investor Relations und Börsenaktivitäten, verabredet. Über ihn und zusätzliche andere Agenten hatte ich bei einigen Unternehmen teils auf Baisse, teils auf Hausse spekuliert.
Da ich die Rede von Rod vorher kannte, wusste ich: Börsianer werden daraus den Schluss ziehen, dass weniger Gewinne oder der Verkauf von Beteiligungen aus einer solchen Politik folgen könnten oder würden. Das geäußerte Interesse der Auswirkung auf einige Branchen würde auch Auswirkungen auf Aktienkurse haben. Die Öffentlichkeit wusste kaum etwas von unserem Plan A. Boris, wie immer in schwarzem Bankeranzug, mit blütenweißem Hemd und unauffälliger Krawatte, kam pünktlich und brachte Zahlen mit, die er auf meinem großen schwarzen Holzschreibtisch ausbreitete. Die Kurse vieler Firmen im Consumerbereich waren wie erwartet gesunken, der Energiesektor war dafür gestiegen. In anderen Bereichen, die Rod mit seinen präzise formulierten Bemerkungen bei der Pressekonferenz als Einstiegskandidaten bezeichnet hatte, waren höhere Kurssteigerungen erfolgt.
„Sind Sie zufrieden Chef?“ fragte er und drehte nervös am Armband seiner Uhr. „Ich verstand letzte Woche die Hintergründe nicht, als Sie mir Kauf- und Verkaufsorders gaben. Ich möchte mal vorsichtig formulieren, dass wir so um die 300 Mio. € verdienen. Und wahrscheinlich haben Sie noch über andere Kanäle agiert, nicht wahr?“
Ich gab ihm keine intimen Details, das gehörte sich unter Fachleuten nicht, und wir gingen in weitere Einzelheiten. Einige unserer Tochterunternehmen hatten Fragen gestellt, die Boris nun nach bestem Gewissen beantworten sollte. Doch er, der bei der gerade beendeten Konferenz dabei gewesen war, wusste nun, dass es noch keine klare Welt-Strategie gab. Nur das interne Vorhaben, Plan A zu forcieren.
Nachdem er gegangen war, stellte ich folgende Kalkulation an:
Das Fest hat nach dem Budget – Abrechnung von Paola wird noch kommen – knapp 12 Mio. € gekostet. Spenden für die wohltätigen Organisationen sind in Höhe von überschlägig 6 Mio. € eingegangen, was nur einen Durchlaufposten darstellt, eine kurze Liquidität sozusagen. Unser Gewinn aus den Börsenspekulation beträgt geschätzte 650 Mio. €, wovon wir 50 Prozent schon am heutigen Tage durch Gewinnmitnahmen realisiert hatten.
„Damit lässt sich schon wieder etwas anfangen in Sachen Rettung der Welt. Die beiden Schecks für Clinton und Gorbatschow von je 5 Mio. € stellen dagegen nur Kleingeld dar“ , sagte ich mir innerlich. „ Eigentlich könnten wir öfter ein solches Fest veranstalten und Strategien verkünden“ , überlegte ich weiter. Demnächst würde es sicher noch mehr Gelegenheiten geben, der Öffentlichkeit und damit der Börse Strategien mitzuteilen. Das könnte ich weiter nutzen. Wie schön, dass wir selbst nicht an der Börse notiert waren, was mich in Versuchung hätte bringen können. Aber Insidergeschäfte waren verboten, was natürlich auch für unsere eigenen börsennotierten Töchter wie beispielsweise SIEMENS galt.
Ich ging an diesem Abend zufrieden nach Hause und genoss ein kleines Essen mit meiner Frau, die noch immer noch vom Fest schwärmte. Sie äußerte einige Ideen und Vorschläge für die Rettung der Welt, die ich sofort in das Raster einer Balanced Scorecard zu bringen versuchte, was mit dem guten Rotwein in meinem Glas nicht so einfach war…
„Wieso kann nicht überall das Schulniveau auf europäisches Niveau gebracht werden?“ fragte sie. Das klang zwar gut, ließ sich allerdings nicht wirklich in ein richtiges Ziel verwandeln.
2017, Im Norden von Kisumu (Kenia)
Sie waren in der Nacht geflohen, als die Bewaffneten kamen und von jeder Familie im Dorf Nahrung forderten. Manga hatte nichts geben können, so dass sie ihren Mann Magoma mit einem Knüppel auf den Kopf schlugen bis er leblos liegen blieb. Sie warf sich über ihn und konnte keinen Herzschlag und keinen Atem mehr spüren, während die Männer schreiend und johlend weiter zur Nachbarhütte gezogen waren. Sie richtete sich auf und sah vorsichtig hinaus durch das Fensterloch, wo Feuer brannten und Dorfbewohner planlos hin und her liefen.
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