Meine Tochter Beryll reckte energisch ihr Kinn.
„Aber Papa, die Gender-Thematik wird doch schon seit Jahrzehnten diskutiert. Solltest Du das bei Deiner Technik noch nicht mitbekommen haben? Die phallischen Konstruktionen der Männer ragen doch in den Himmel!“
Marcus, vom Wesen her zurückhaltender, schloss sich seiner Schwester an.
„In meinem Studium höre ich das auch die ganze Zeit. Es sind ja zunehmend mehr Frauen, die Kommunikationswissenschaft studieren.“
Dabei zog er seine Augenbrauen hoch, was die Narbe neben seinem linken Auge, die von einem Sturz in der Kindheit herrührte, betonte.
Einige konkrete Handlungsanregungen gingen über die Benennung der Themen, die wir gemeinsam diskutierten, hinaus:
Selbst Vorbild sein
Brainwashing für die Menschheit
Aber auch Sachthemen wie das Fördern von Privatinitiativen, die sich beispielsweise die lokale Energieerzeugung teilen und dafür vielleicht nur kleine Geldbeträge benötigen, beschäftigten uns. Das Prinzip „kleine Beträge – große Wirkung“ war durchaus faszinierend. Ich erkannte darin das physikalische Gesetz der Hebelwirkung.
Jenny, Paolas Assistentin, kam auf einen unserer Hauptwerte zu sprechen, die Fehlertoleranz.
„Gab es denn überhaupt Fehler, Jenny?“ fragte ich.
Nach einer kurzen Pause antwortete sie.
„Nichts läuft immer ganz glatt, aber eines möchte ich doch ansprechen. Die Gespräche der Journalisten mit einigen Mitarbeitern sind leider ausgeufert.“
„Zeitlich oder inhaltlich?“
„Nun, ich denke, einigen Mitarbeitern wurde dadurch die Freude an dem Fest etwas vergällt. Manche der Journalisten hingen an ihnen wie Kletten. Ich habe um sechs Uhr morgens noch einen von ihnen freundlich hinaus komplimentieren müssen.“
Sie strich ihr Kleid glatt und schaute wieder zu mir.
„Das ist wirklich dumm gelaufen“, sagte ich. „Dennoch – unsere Mitarbeiter waren insgesamt sehr verantwortungsvoll und haben die Journalisten gut betreut. Was können wir tun, Jenny?“
„Ich schlage vor, dass wir allen Mitarbeitern, die hier waren, eine Video-Botschaft schicken, in der Sie nochmals für das Kommen und den Einsatz danken und noch ein paar persönliche Informationen geben, von denen sie stolz erzählen können.“
„Das ist eine gute Idee, Jenny. Verfassen Sie bis morgen einen solchen Kurztext. Ich spreche ihn auf und werde ihn um einige Ideen ergänzen.“
Später präsentierte meine Sekretärin Meng Li mir die Liste der 355 persönlichen Geschenke, die sie mit zwei Hilfskräften ausgepackt und geordnet hatte.
„41 Bibeln der verschiedensten Herkunft, 19 Korane und neunmal die Bhagavad Gita“, las sie sachlich vor. „Memoiren von Mohammed, Franz von Assisi, Edison, Benjamin Franklin, Albert Einstein, Albert Schweizer, Michael Gorbatschow, George Washington, Buddha, Gandhi, Hesses Siddharta, Goethes Faust, einiges ist doppelt.“
Die Aufzählung der Geschenke über die Bücher hinaus war kürzer. Gemälde, Fotos von Weltwundern, zwei Spielzeugautos, drei kleine Flugzeuge, auch kleine Schiffe und Segelboote fehlen nicht. Dazu kamen Tarotkarten und ein Hammer sowie ein paar Geldscheine.
„Meist gab es dabei eine kurze Notiz zur Erklärung des Mitbringsels“, führte sie weiter aus.
Meng las mir einige Erklärungen zu den Mitbringseln vor und wir schmunzelten beide, lachten oder schauten uns ernst und bedeutungsvoll an. Ihre mandelförmigen Augen unter der schwarzen Pagenfrisur waren ebenso hübsch wie Gabrielas Augen letzte Nacht. Ich genoss es, so entspannt mit ihr zusammen zu sitzen, schon lange gab es dafür keine Gelegenheit mehr.
„Und was haben Sie, Meng, mir persönlich mitgebracht oder würden Sie mir mitbringen, wenn Ihre engagierte Arbeit Ihnen die Zeit dafür gelassen hätte?“
„Ich habe darüber nachgedacht, Herr Cue“, sagte sie nach einer kurzen Weile. „Die Aufgabenstellung in Ihren Einladungen war ein Geschenk mit Symbolcharakter für das Wichtigste im Leben aus der Schenkersicht. Ich hätte Ihnen ein Werk über Buddha geschenkt. Aber Sie wissen ja genug darüber und zwei solche Bücher sind auch dabei. Was wollen Sie mit drei?“
An diesem Abend ging ich früh zu Bett und als ich am nächsten Morgen um 7.45 Uhr, nach dem Jogging um den See und meiner Meditation während des kurzen Fluges im Helikopter, auf dem Gebäude der Unternehmenszentrale landete, fühlte ich mich ausgeruht und voller Tatendrang. Ich ließ meinen Blick über das Panorama mit den roten Ziegeldächern und den Hochhäusern des Berliner Zentrums schweifen. Die Sonne schien auch heute und sandte ihre Energie von bis zu 1.000 Watt pro Quadratmeter.
Ich ging die Treppe hinunter in mein Büro und begrüßte Meng Li im Vorzimmer. Kaum hatte ich am Eichentisch Platz genommen und den großen Bildschirm des Computers eingeschaltet, erschien Paola mit ihren wie immer aufgetürmten Haaren. In den Händen trug sie einen Stapel Papiere, das meiste davon waren Zeitungen.
„Guten Morgen, Rod“, begrüßte sie mich. „Ist alles schon im Netzwerk, auch die Videoausschnitte der Fernsehsender. Ich habe alles nach meiner persönlichen Wichtigkeit sortiert. Im Grunde können wir damit zufrieden sein. Aber es gibt auch Ausreißer. Die TV-Anstalten haben zumeist die positive Seite gesehen und beleuchtet, vor allem die Perspektiven. Einige Journalisten haben darüber hinaus auch mögliche Hintergründe analysiert. Hier ist der Leitartikel von der Dame, die nach der Ausbeutung gefragt hat. Sicher erinnerst Du Dich noch.“
Sie reichte mir den Ausschnitt über den Schreibtisch. Er war in der internationalen Ausgabe der Financial Times erschienen. Ich begann zu lesen. Der Titel lautete:
Alles Geld zum Wohl der Menschheit
1. August 2022,
Boss der CUE AG wird 50 – und zum selbsternannten Weltretter
Es war ein Geburtstag mit Paukenschlag. 50 Jahre Roderich S. Cue – und die Welt soll künftig anders ticken. Warum? Weil der reichste Mann der Welt sein gesamtes Vermögen in die Rettung der Welt stecken will. Und was wie ein PR-Gag daherkommt, scheint ein wirklich ernst gemeintes Vorhaben zu sein.
Nachdem Roderich S. Cue in seiner Geburtstagsansprache zunächst alle Weltprobleme aufgelistet hatte, wurde eines klar: Die neun Hauptproblemfelder dieser Welt sind nur am Stück lösbar. Und das ab sofort von ihm persönlich, oder besser gesagt von ihm und seinem Geld. Was bleibt ist die Frage, wie das gehen soll, wenn die Politik der Nationalstaaten sich schon so schwer damit tut, einzelne Probleme wirksam anzugehen. Und überhaupt: Darf ein privater, dem Profit verpflichteter Unternehmer das anpacken, was diktatorische und demokratische Politiker samt Weltreligionen nicht schaffen? Was die weisen und großen Denker der Menschheit bislang ohne großen Erfolg beschworen haben? Und können wir uns davon überhaupt gerechte Lösungen erhoffen? Besonders nachdem die Politiker zuletzt Anfang des Jahrhunderts mit den Millennium-Zielen verkündet haben, dass das Ende der Armut möglich sei. Mit dem Ergebnis, dass die Situation auf der ganzen Welt seitdem nur unwesentlich besser geworden ist.
Keine kleinen Projekte
Roderich S. Cue ist engagiert und gewinnend. Und nur zu gerne möchte man seiner Botschaft glauben, besonders weil er das biblische Alter von 130 Jahren anstrebt. Und weil er sich nie mit kleinen Projekten abgegeben hat. Es ist durchaus legitim zu fragen, was heute wäre, wenn Cue vor fünf Jahren nicht das Kohlendioxydproblem gelöst hätte und so die Welt vor dem Klimawandel bewahrte. Und seitdem sich sein Sprachchip in allen Handys, Personalcomputern, im Auto und unzähligen elektrischen Geräten befindet, gibt es wohl keinen Menschen auf der Welt, der nicht täglich mit seinen Produkten in Berührung kommt. Sein Mundreinigungsgerät hat allen Benutzern die Lebensdauer der Zähne verlängert, auch wenn die Zahnärzte in der Folge weniger Geschäfte machten und sogar Praxen schließen mussten. Aber so ist das nun einmal in der Welt eines Milliardärs - wo Licht ist, ist auch Schatten.
Читать дальше