Quelle: https://www.unterstrass.edu/assets/files/gymnasium/aufnahme/APD-2016-mit-Loesungen.pdf
Hier meine Interpretation zu „Flug durch Zürich“
In der Kurzgeschichte „Flug durch Zürich“ vom Autor Thomas Hürliman wird eine Frau mit einer Taube dargestellt, deren Probleme, von umliegenden Personen zwar definitiv wahrgenommen, aber dennoch schlicht und ergreifend ignoriert werden.
Mithilfe der Verwendung diverser lyrischer Mittel möchte der Autor und seine Kurzgeschichte aufzeigen, was denn neben Alltag und Glanz für weitere, normalerweise ignorierte Problematiken in unserer Umgebung herrschen und wie diese Tag für Tag von der Gesellschaft ebenso so ignoriert werden, um sich ja nicht damit beschäftigen zu müssen.
Begonnen wird mit der Beschreibung des gut beispielhaft gewählten, Ortes der aktuellen Handlung. „Zürich, hinterm Bahnhof“ so heißt es in Zeile eins. Der Ort Zürich symbolisiert für viele Menschen Wohlstand, Macht, Reichtum und vor allem Finanzmetropolismus, agierend in die ganze Welt hinaus, was durch den „Bahnhof“ verdeutlicht wird. Als nun eine junge, allerdings alt aussehende Frau auf einen Reisenden trifft und diesen anfleht, ihr und ihrer Taube doch bitte zu Hilfe zu eilen, möchte dieser nur ignorieren und schnell weiter gehen (Z.7, Z.10f). Auch weitere, am Bahnhof versammelte Leute, die sich zu einem anonymen Pulk lesender, hörender, wegschauender und halb schlafender Personen gesammelt haben, ignorieren die Frau und ihre Hilferufe nur und warten auf ihren Zug. Als das Warnsignal des einfahrenden Zuges ertönt, kann der Reisende nur fluchen (Z.19) und versucht, den in seinen Ohren boshaft schrillenden Ton vielmehr zu überhören. Als sich die Frau dem Mann erneut zuwendet und versucht, ihm nun klar zu machen, wie ernst die Lage denn tatsächlich sei (Z. 25: „Begreifst du jetzt?“), möchte der Mann zumindest Anstand zeigen und versucht, doch auch mit eigenen Augen zu sehen, was denn mit jener, vermeintlich am Himmel fliegenden Taube los sei, die aufgrund verloren gegangener Füße wohl nicht mehr landen kann. Die Suche des Mannes ist erfolglos, er sichtet keine Taube an (seinem) Himmel (Z. 29: „aber meiner ist leer“). Während das Spektakel um die Frau und ihr Problem weitergeht, kümmern sich die umstehenden Menschenmassen (die Jemands) nur um sich selbst und betreten ihren Zug. Der Reisende wird ratlos, muss ebenfalls abfahren und begibt sich somit erneut zu seinesgleichen, den Davonrollenden, Ignorierenden. Einmal noch denkt der Mann an die Frau und ihren Vogel, wie er fliegt „von Wolke zu Wolke“ (Z. 49), egal was ist, denn fliegen muss er immer weiter, sonst stirbt er abstürzend.
Deutend lässt sich feststellen, dass insgesamt aufzeigt werden soll, wie heutzutage mit Problemen umgegangen wird, wenn sie uns zu irrelevant oder schlicht zu kompliziert erscheinen. Beispielhaft könnte hier das, die Allgemeinheit betreffende, Problem der nahezu unendlich wachsenden Wirtschaftsleistung gemeint sein. Die Taube, die immer weiter fliegt und mittlerweile schon gar nicht mehr fähig zu landen ist, soll eben jenes unrealistisches Wachstum symbolisieren, das schon verdammt ist, endlich wieder einen Bezug zu realen Begebenheiten zu erhalten. Losgelöst von allen irdisch geleisteten Arbeiten, fliegt die Kurve des Marktes von einem Höchstpunkt zum nächsten (vgl. Z.49: „von Wolke zu Wolke“). Und wenn einmal auch nur ein Anzeichen von Konsolidierung spürbar ist, kommen Leute, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, diese eigentlich relevante Eindämmung des Wachstums, irrelevant und nicht spürbar erscheinen zu lassen. Da wird das Geld benutzt, um Probleme abzustoßen oder sie eben einfach ausblenden zu lassen und somit weiterhin neues Geld schaffen zu können (vgl. Z.11: „Geld geben, mich loskaufen“). Diese Leute sind übertragen auf die aktuelle Gesellschaft so gut wie alle, denen es wichtig ist, nichts Auffälliges erkennen zu können. Verglichen mit der Person, die Geld benutzt, um weiter gehen zu können, als weiter wachsen zu können, sind
vor allem Institutionen wie die EZB oder die FED zu nennen, denen es wichtig ist, für ein permanentes, stabiles und somit makelloses Wachstum an den Finanzmärkten zu sorgen. Auch gemeint sein können, sind „Leute“ wie z. B. Großkonzerne, deren Chefs und Vorstände und somit eine ganze Lobby an mächtigen Personen. Eben jenen ist es ebenfalls wichtig, ständig weitergehen zu können und sich nicht damit beschäftigen zu müssen, kleine oder auch große, aber schwierige Problematiken angehen und lösen zu müssen. Viel lieber nehmen sie Geld in die Hand, um die Probleme zu verdecken, sie auf andere zu übertragen oder sie schlichtweg abzustoßen, verbunden mit immensen negativen Folgen, für gegenseitig beteiligte Personen.
Dann gibt es da die „Jemands“, welche zwar stets da sind, eine Beschäftigung haben und sich fortbewegen, niemals allerdings Beteiligung und Hilfestellung leisten. Sie sind da, sehen und hören unbewusst vielleicht auch, ignorieren aber und geben sich keinerlei Mühe, auch nur irgendwas an doch so nah geschehenden Konfliktsituationen zu verbessern. Da gibt es Leute die Zähne zusammenbeißen, also Leute die von den Problemen wissen, sich aber nicht trauen etwas zu unternehmen und somit einfach auf eine automatische Besserung des Zustandes hoffen; da gibt es Leute die wegschauen, weil sie vom Unheil bloß verschont werden wollen und somit gar Ängste vor dem bloßen Kontakt ausbilden; da gibt es Leute die Schlaf im Gesicht tragen, also Leute die entweder bereits aktiv gegen die Problematik gekämpft haben, nun aber müde davon sind, oder eben Leute die mit ihrem ach so stressigen Alltag voller Glanz, Pracht und Macht so weit überfordert sind, dass sie schon Müdigkeit aufweisen und schon gar keine Kraft mehr besitzen, sich über Sonstiges Gedanken machen zu können. Und dann gibt es da noch Leute, die tief in den Abgrund ihrer Zeitung schauen (Z.18). Das sind Leute, die das Gefühl haben, unmittelbar in Konflikt mit dem zu kommen, was so schief auf dieser Erde läuft, dennoch aber noch so mittelbar wie es nur geht, damit in Verbindung kommen, was denn tatsächlich geschieht. Sie schauen nicht nur in ihre Zeitung, sie durchschauen sie förmlich. Nicht nur dass sie vermeintlich unwichtiges einfach überfliegen und lieber schnell zur nächsten, positiven Nachricht gehen; auch, dass sie Inhalte gar nicht wahrnehmen sondern lediglich den Anschein vermitteln wollen, Beteiligung zu zeigen. Sie stellen ihren Fokus von den dargestellten Problemen, vielmehr auf die Sinnesleeren, unwichtigen Dinge.
Und während all dem gibt es da eine Frau, eine Rebellin, eine Sehende, eine Hörende und eine Verstehende, für alle anderen den Anschein machend, doch schier verrückt zu sein, die versucht ihr letztes Päckchen Kraft (Z.34: „die Ermattete“), gebündelt mit einem Willen der Überzeugung, dafür herzugeben wenigstens den einen oder anderen Passanten davon zu überzeugen, dass dieses vorgeschriebene, expandierende Wachstum, dargestellt durch denn immer aufwändigeren Flug der Taube langfristig zu nichts gutem führen kann.
Im Moment geht es der Taube zwar gut, denn sie ist fähig zu fliegen, doch auf Dauer kann auch sie nicht überleben, da ihr schlicht die Füße als Möglichkeit zur Energieerneuerung fehlen. Übertragen beschreibt dies eine Wirtschaft, die aktuell zwar einen makellosen Anschein macht, zu vergleichen mit einem allgemeinen Frieden (vgl. Taube als Symbol) – auf die Dauer der Langfristigkeit allerdings zum zugrunde Gehen verdammt ist, da nichts und niemand unendlich sein kann und der Wirtschaft schlicht eine reale, solide Basis der Wirtschaftlichkeit fehlt. Die Möglichkeit der Endlosigkeit des Friedens, des Wachstums wird ausgeschlossen und die Katastrophe ist letztlich die einzig und allein verbleibende Möglichkeit, verbunden mit einem unumgänglichen Tod. Denn wenn eine Taube aus mehreren Metern Höhe versucht zu landen, selbst allerdings keine Füße dafür besitzt, ist sie gezwungen, beim schließlich vorprogrammierten unverschmerzbaren Aufprall der Landung, einfach zu verenden. Eine Taube ohne Füße, brutal bearbeitet, und verendend.
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