Letztendlich kam ich gestern Abend, gegen 20.30 Uhr in Dortmund an und suchte von da an gut 30 Minuten nach meiner Unterkunft, dem A&O Hostel. Als ich diese schließlich fand und meine Zimmerschlüssel erhielt, fiel mir tatsächlich ein Stein vom Herzen.
Heute früh, Hemd an, Hose an, Anzugschuhe an – ab ging es zum Frühstück. Diverse Leute schauten mir interessiert nach, begutachteten meinen erhabenen Kleidungsstil und gewährten mir am Buffett sogar Vortritt, junge als auch sehr alte Leute. Anscheinend hatte sie mein wohlhabend erscheinendes Äußeres beeinflusst. Und letztlich auch am Bahnhof (nun natürlich auch mit Jackett) gehörte ich mit zu den paar Leuten, welche ab und an angesprochen wurden, um ein paar Cents zu erbetteln. Ich zog also mein Portmonee aus der Tasche und gab dem Mann mein ohnehin störendes Kleingeld, welches ich am Fahrkartenautomat ein paar Minuten vorher erhalten hatte. Ich bat ihn, das Geld doch bitte sinnvoll zu investieren und es für ja keinen Scheiß auszugeben. Er versicherte mir dies und bedanke sich recht herzlich.
Schließlich im Zug, der Fahrkartenkontrolleur bat um meinen Preisnachweis, woraufhin ich ihm meine vorhin stolz erstandene Fahrkarte präsentierte, welche wohl bereits entwertet war. Und nicht nur das, es war der falsche Tarif! Statt Verbund hätte wohl DB der richtige sein sollen, ich saß also streng genommen falsch hier. Nichtsdestotrotz verließ er mich einem „Nein, kein Problem, Sie steigen ja eh in Hamm aus - alles gut“. Wieder einmal verhalf mir mein Äußeres, anscheinend ordentlich wirkendes, Aussehen zu diversen Vorteile oder einfach nur den ein oder anderen Ignoranzvorfall.
An der Stelle möchte ich nun ein bereits gestern entstandenes Resultat meinerseits einfügen:
„ Tag für Tag ist unser Leben reines Schauspiel. Und die Leute, die die Kunst des Schauspiels am besten beherrschen, sind letztendlich auch die Erfolgreichsten.“
- Jon Keno -
Im Laufe des gestrigen Tages ist mir einfach bewusst geworden, wie viel Irrealität in dieser eigentlich so real erscheinenden Welt doch steckt. Die Vorstände, die Geschäftsführer, die Redner, die Helfer, die Übertragung der Vorstände auf die Leinwände, ja die Zuschauer selbst – alle mussten schauspielern. Und zwar gut. Gut, um nicht durchzufallen. Durchzufallen, durch die Prüfung des Lebens. Denn stellt man sich vor, einer der Vorstände hätte plötzlich angefangen zu lachen, weil er den aktuellen Redner einfach nur zum Schlapplachen findet (was durchaus der Fall hätte sein können, bei dem Niveau des einen oder anderen, der dort so die Bühne betrat). Oder noch schlimmer, einer der Vorstände hätte plötzlich angefangen zu weinen, weil vor Kurzem seine Mutter verstorben ist und er einfach nicht anders konnte, als nun daran zu denken. In beiden Situationen hätten die Menschen um ihn herum (vor allem diejenigen, die überredet werden sollen, weiterhin seine Aktien zu kaufen) ihn nicht mehr ernst nehmen können. Ich meine, welche professionell ausgebildete Führungskraft zeigt offen seine Emotionen, wenn er/sie vor einer öffentlichen Menge spricht? Und jetzt kommt der springende Punkt. Wenn wir hier von einer professionell ausgebildeten Führungskraft sprechen, dann meinen wir Leute, die es zu etwas gebracht haben. Und weshalb haben diese Leute es zu etwas gebracht?
Entweder weil sie sich in ihrem Fach einfach besonders gut auskennen und sich damit der Masse abheben – oder einfach weil es verdammt gute Schauspieler sind. In diversen Praxisbüchern lernt man, dass erfolgreiches Auftreten bedeutet, sein Inneres (Gefühle) mit dem Äußeren (sachliches Ziel) in Einklang zu bringen und das Ganze authentisch zu vermitteln. Dem Ganzen kann ich nur halb zustimmen, wobei solche Fähigkeit natürlich einen ehrlichen Verkäufer auszeichnen würde. Nun allerdings werden die meisten Leute nicht erfolgreich weil sie ehrlich sind, sondern weil sie es eben nicht sind. So ist es doch. Also sind es eben jene Schauspieler, die vor allem gut darin sind, ihr Äußeres möglichst gut in Schale zu werfen, sich und ihr Produkt möglichst toll zu bepreisen und letztendlich einfach gut aussehen. Worauf will ich hinaus? Ich weiß es nicht, auf jeden Fall ist mir klar geworden, dass nichts auf dieser Welt wirklich echt ist, vieles gar nicht echt sein kann und letztlich die Leute es am einfachsten haben, die die besten Schauspieler sind. Leider.
6. Wachstum, Ignoranz und Vogelfüße
So, 11.10.15
Dieser Beitrag dient dazu, einen anderen, meiner persönlichen Arbeit zuzuschreibenden, Artikel zu publizieren. Er behandelt die Themen Wirtschaft, Wachstum, Ignoranz und abgerissene Vogelfüße.
Aber zurück zum Anfang – Stuttgart, den X. Oktober 2015 – eine Deutschlehrerin gibt ihrer zehnten Klasse des Gymnasiums eine nicht sehr ungewöhnliche Aufgabe mit ins Wochenende: „Lest die Kurzgeschichte nochmal gründlich und schreibt schließlich eine Interpretation dazu!“ - für die Schüler schnell verständlich, dennoch mit viel Arbeit verbunden. Sie packen ihr Zeug und verschwinden in die Pause. Alles ist geklärt, die Geschichte ist ja bereits gelesen, mehrmals und in der Klasse, interpretiert wurde ebenfalls, seitenweise Musterlösungen und Randnotizen wurden ausgeteilt – nun muss eben nur noch ausformuliert werden. Für viele ein Berg Arbeit, den man sich nicht mal zu besteigen im Stande fühlt. „Flug durch Zürich“ nennt sich die Story. Geschrieben von Thomas Hürlimann. Hm, und jetzt? In der Geschichte geht es um eine verwirrt scheinende Frau, die einen wenig interessierten Mann auf das Schicksal ihrer Taube anspricht. Sie meint, ihrer Taube würden die Beine fehlen, ohne Beine kann die Taube nicht landen und somit braucht sie dringend Hilfe dieses Mannes. Dieser begreift nicht, will weiter, lässt sich schließlich doch aber in all den geistlichen Wirrwarr verwickeln. Die Geschichte ist kurz, eben eine typische Kurzgeschichte. Verstehen kann man sie erst nach mehrmaligem Lesen, wenn überhaupt. Deshalb lest am besten vorher – anschließend viel Spaß und ein Stück weit auch Erfolg an meiner Interpretation des Ganzen.
Zürich, hinterm Bahnhof, ein Morgen im Februar. Die junge Frau zeigt in die Luft, weinend, sie haben ihr, sagt sie, die Füsse ausgerissen. Ihr? die Füsse?
Ja, sagt sie schniefend, dort, dort oben, dort fliegt sie, wo, was, ich verstehe kein Wort, bin verkatert, will weiter, bloss weg hier, aber die Frau, mich einholend, packt mich am Ärmel. Sie ist bleich, schmal, fast noch ein Kind. Hilf mir, sagt sie, so hilf mir doch, siehst du, dort stirbt sie, hoch in der Luft. Ich riskiere ein Grinsen. Du Arsch, schreit sie, meiner Taube fehlen die Füsse, ohne Füsse kann sie nicht landen, kapiert. Ein Reflex: Meine Hand greift zum Gesäss, kontrolliert das Portemonnaie. Oder will ich ihr Geld geben, mich loskaufen? Die Frau sieht plötzlich alt aus, ein keifendes Weib, trotzdem tut sie mir Leid in ihren abgewetzten, löchrig dünnen Jeansklamotten, das T-Shirt voller Rotz, am Hals ein paar Stiche, Schwären, sie ist alt, ein altes Kind. Hilfst du mir? betteln die grossen, nassen Augen. Auf der Tramhaltestelle stehen die Jemands in einer Reihe. Jemand beisst die Zähne zusammen, jemand hört hin, jemand sieht weg, jemand trägt Schlaf im Gesicht, und jemand blickt in den Abgrund seiner Zeitung, jetzt eine Klingel, schrill naht das Tram, pass doch auf, Idiot, meine Nerven. Meine Nerven! Die Jemands drängen sich zum Pulk, und der Mann, der die Zeitung gelesen hat, klemmt sich den Abgrund unter den Arm, sauber gefaltet. Die Kindfrau glotzt vor sich hin, dann zeigt sie ein scheues Lächeln, und dann, als wolle sie mir eine verbotene Ware verkaufen, tut sich ihre Hand langsam auf. Stoff? Nein, auf ihrem Handteller liegen zwei Vogelfüsse, graudünne Läufe mit vier Zehen. Begreifst du jetzt, fragt sie leise, fast flüsternd, glaubst du mir? Verkehr, es ist kalt, bitterkalt, aber dort oben erscheint nun die Sonne, ein Teich aus Licht, aus Eis, auch der Himmel friert zu. Vielleicht, denke ich, hat sie tatsächlich Recht, verschatte die Augen, suche den Himmel ab, aber meiner ist leer. Ich lüpfe die Achseln. Nichts, sage ich. Aber die Füsse, sagt sie, hier sind die Füsse! Soviel hätte ich verstanden, sage ich, die Taube habe ihre Füsse verloren, so dass sie nun fliegen müsse, immerzu fliegen, kreisen und steigen, ja! schreit sie, ja, und wieder starrt sie nach oben, verzweifelt, entsetzt, nur sie, die Ermattete, hat die Augen, um den sterbenden Vogel zu sehen und das Grauen um ihn herum, Himmelsfetzen, Häuserzeilen, Kamine, Antennen. Verschwunden, sagt sie plötzlich, fort, und schliesst, als möchte sie den Vogel liebkosen, ihre Hand. Wieder haben die Jemands unsere Insel erobert. Wieder blickt jemand in die Zeitung, riecht jemand nach Unglück, drängen sich alle zum Pulk, lautlos, und jemand, der seine Mappe umklammert, hat seinen Gummischuh als erster auf dem Trittgitter. Was soll ich ihr sagen? Sie wird sich, sobald es geht, in die nächste Spritze stürzen, aber den zum Fliegen verdammten Vogel lässt sie nicht aus den Augen, heute nicht, morgen nicht, sie gehören zusammen, die sterbende Taube und das Mädchen, ein Flug, ein Tanz durch die Stadt. Als das nächste Tram naht, trete ich unter meinesgleichen, die Türen flappen zu, wir rollen davon. Jemand hört hin, jemand sieht weg. Hin und wieder flackert die Sonne durch die Scheiben, und irgendwo da oben fliegt dieser Vogel, der sich ein Mädchen hinterherzieht, von Wolke zu Wolke, durch den Nebel, in die Sonne.
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