6. August: Komme mit Hilfe von Susi und Deinen tröstenden Worten langsam wieder zu mir: Wenn ich konservativ anlege, rigide Take-Profit- und Stopp-Loss-Marken beachte und nachziehe sowie konsequent Opportunitäten ausnutze, könnte ich in der Jahresschlussrechnung noch ein kleines Plus realisieren.
17 September: Wo waren wir noch bei Deiner letzten Email stehen geblieben? Genau, wollte Dir von meinem Seminarbesuch in London berichten. Gut mal rauszukommen, nach all dem Stress in jüngster Zeit. Interessanten Vortragskanon zu makroökonomischen und geopolitischen Themen sowie zu aktuellen Fragen der strategischen Asset Allokation gehört. Habe viele neue Erkenntnisse und Kontakte gewonnen. Konnte mit meinen Einwürfen – „das hat schon Keynes gesagt“, „das Fazit ändert sich, wenn sie die Unsicherheit berücksichtigen“, „Hatten sie Schwierigkeiten bei der Inversion der singulären Matrix?“ – Zeichen setzen. Zeichen setzen konnten auch die Freizeitaktivitäten im Seminarprogramm. Auf der Buckmore Park Kartbahn wurde Driftwinkel jenseits der Physik gezogen. Und schnell war klar: Beschleunigung ist, wenn die Tränen der Ergriffenheit waagerecht zum Ohr hin abfliessen. Und es floss in Strömen.
4. November: Lieber Wouter, kann Dir sagen, Rückkehr in den Büroalltag fiel anfänglich nicht leicht. Einige glückliche Trades brachten jedoch neue Sicherheit und liessen mein „Looser“-Stigma verblassen – auch beim Chef. An den Märkten und auch unter meinen Kollegen kursiert aktuell alles um die Frage, ob das unsere Hormone in Wallung versetzende Konjunkturhoch über den USA und somit an den Märkten nur vorübergehend Natur ist. Wegweisende Erkenntnisse verspricht man sich von der für morgen anstehenden Veröffentlichung des Oktober-Arbeitsmarktberichtes. Die Veröffentlichung wurde gehyped wie der Millennium-Bug oder das Ende der Welt laut Maya-Kalender, manch einer wird heute doppelt gefrühstückt haben – wer weiss, ob es morgen noch Nussnougatcreme gibt. Aber seien wir ehrlich, dass es mit der US-Konjunktur und somit den Märkten einmal wieder runter gehen wird, ist bei aller Unsicherheit von Prognosen eine bedauerliche Gewissheit. An den Märkten geht es nicht anders zu als im richtigen Leben, auf und ab eben, was aktuell indes nur diejenigen vertrösten mag, die ihre Verkäufe schon hinter sich haben. Hoffe indes auf weitere Fortsetzung der Hausse. Habe mich dementsprechend positioniert – im Fahrwasser meiner Kollegen.
5. November: Bin begeistert, ganz euphorisch! Kannte die Faust auf ausgestrecktem Arm der Black Panther-Bewegung, die Faust auf angewinkeltem Arm der SED-Parteibosse, kannte Goethes „Faust“ und kannte „Vier Fäuste für ein Halleluja“, doch was war das alles gegen die Fäuste meiner Kollegen, die nach den überraschend festen US-Arbeitsmarktzahlen im wilden Tremolo vor Freude über die aufgegangenen Wetten auf die Tische knallten. Im ganzen Handelsraum flogen die Hände zusammen wie verliebte Tauben – erst unkoordiniert, dann rhythmisch immer lauter werdend. Und schon umfassten wir wie im Rausch die Schultern des Kollegen und die Polonaise schob sich durch die Gänge des Handelsraums. Wahnsinn, Wahnsinn, einfach Wahnsinn! Wouter, es war der pure Wahnsinn – unglaublich!
2. Januar: Vielen Dank für die guten Neujahreswünsche, die ich hiermit umgehend erwidere. Altes Geschäftsjahr dank glücklichem Händchen zum Jahresschluss letztendlich doch noch knapp positiv abgeschlossen. Bonus egoistisch genutzt. Top-end Rennrad gekauft. Susi böse, da für Sie statt Klunker nur ein kleines Festessen blieb.
Ende Januar: Kurzer Ski-Urlaub konnte alles wieder komplett einrenken. Ressourcen gefüllt. Viel Research gelesen. Bin jetzt im Bilde und gut gerüstet, das neue Geschäftsjahr aggressiv anzugehen. Wie verlief Dein Jahresstart?
Jahresbeginn – Offsite, View-Sitzung, Jahresendgespräche
7. Februar: Mit Kollegen und Chef Offsite durchgeführt. Event diente in erster Linie zur Stärkung des „Teamworks“. Auch sollten neuen Kollegen, die zu Jahresbeginn zu uns gestossen sind, integriert werden. Unter Anleitung eines Coaches diverse „Teambuilding“-Spielchen gemacht. Hatte viel Spass. Tolle Truppe haben wir da beisammen. Alles mündete dann in der gemeinsamen Zubereitung einer Feuerzangenbowle, die wir zum Rühmann-Klassiker von 1944 „Feuerzangenbowle“ konsumierten. Fühlte mich in unsere Studienzeiten zurückversetzt. Während die Bowle in Strömen floss, leuchteten wir in der Geschichtsunterrichtsszene spitzbübisch mit Taschenlampen auf den Fernseher. Liessen bei jeder passenden Gelegenheit mechanische Wecker klingeln. Zündeten bei Pfeiffers Chemiestunde die Wunderkerzen an. Pfiffen wie pubertierende Buben als die Oberklasse der benachbarten Mädchenschule in den Unterricht geführt wurde. Fielen unserem Nachbarn wie Pfeiffer und Eva im grossen Finale in die Arme. Fand mich dabei in den Armen der neuen Kollegin – auch sie hiess Eva – wieder. Emotional entrückt und vom Alkohol enthemmt, küssten wir uns leidenschaftlich. Bin immer noch verwirrt. Wie konnte das passieren? Hoffe Susi erfährt nie etwas davon – erzähl ihr bloss nichts, versprich es mir! Böse ist sie schon, weil ich erst in den Morgenstunden zurückkam. Überdies fiel in meinen Erzählungen zum Offsite blöderweise allzu oft und vor allem zu euphorisch der Name „Eva“. Eskalieren sollte dies nicht. Situation könnte ansonsten schnell wie ein Billy Wilder Drehbuch eskalieren: Mit einem Erdbeben beginnen und dann langsam steigern. Aber seien wir ehrlich: Kann denn Liebe Sünde sein?
15. Februar: Optimal vorbereitet in View-Sitzung gegangen. Hauseigener Chef-Ökonom, der auch ausserhalb unseres Büroturms als Hegemon der Konjunkturauguren wahrgenommen wird, zeichnete zu Beginn ein düsteres Konjunkturbild für die Weltwirtschaft. Blieb dabei sehr technisch und verlor sich in den Verästelungen der makroökonomischen Modellwelt. Konnte mir Verweis nicht verkneifen, dass die Wirtschaft nicht wie Newtonsche Mechanik funktionert, wo die Kugel auf einer schiefen Ebene immer denselben Kräften ausgesetzt ist. In der Wirtschaft verändern sich die Kräfte und auch die Oberfläche der schiefen Ebene und dann fängt die Kugel noch an sich eigene Gedanken zu machen. Doppelte in die zunehmend bedrückte Stille im Sitzungsraum mit der Einschätzung nach, dass die modellbasierte Argumentation nur eine schlechte Karikatur der Realität sei. Umfragebasiere Frühindikatoren deuteten doch auf einen weiterhin festen Konjunkturgang hin. Geldpolitisches Doping in Form akkommodierender Geldpolitik wirke zudem konjunktureller Ermüdung entgegen. Mit dem Eingeständnis unseres Chef-Ökonoms, die ultra-expansive Geldpolitik in seinem Modellbaukasten nicht adäquat integrieren zu können, war der Moment gekommen, bei dem jeder merkt, der Konjunkturkönig hat keine Kleider an. View-Sitzung wurde kurzum abgebrochen. Neukalibrierung des Modelansatzes und Neuformulierung der makroökonomischen Ausblicks, der sich letztendlich in den jeweiligen Portfolios widerspiegeln sollte, schnellstmöglich eingefordert.
21. Februar: Hatte aufgrund hoher Arbeitsüberlastung meines Chefs verspätet das Jahresendgespräch über meine persönlichen Entwicklungsmassnahmen. Soll mich nicht auf meinen akademischen Meriten ausruhen. Getreu dem Motto „ Wenn Du glaubst etwas zu sein, hörst Du auf etwas zu werden“ – hat das nicht auch immer unser Fussball-Trainer gesagt – sei der CFA-Titel zügig anzustreben. Dies sei Usus im Asset Management. Interventionen meinerseits, dass die Prüfung für den ersten Teil bereits Ende Mai sowie der Lernstoff immens und die gleichzeitige Arbeitsbelastung hoch sei, wurden kalt abgekanzelt. Erste Teilprüfung repetiere nur das Wissen aus dem Studium. Mit einer guten Woche konzentrierter Vorbereitungszeit sei die Prüfung bravourös zu meistern. Solle mir meine Kollegen zum Vorbild nehmen. Susi wenig begeistert, dass ich in den kommenden Monaten meine Freizeit wenig mit Ihr, jedoch viel mit den Büchern verbringen werde.
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