12. Mai: Chef war da. Seine anfängliche Freundlichkeit war wie weggeblasen. Soll endlich eine Position beziehen. Werde als aktiver Manager bezahlt und nicht für die Nachbildung der Benchmark in meinem Portfolio, als Überschussrendite- bzw. Alpha-Generator, nicht als Benchmark-Replikator. Werde somit zum aktionistischen Handeln aufgefordert, obwohl ich mich noch im rational abwägenden Schwebezustand befinde. Auch komme ich mir manchmal vor wie Don Quijotes Rosinante, die selbst schärfste Sporen und auch alles gute Zureden nicht davon abhalten, vor dem kleinsten Wall erst einmal ins Nachdenken zu verfallen darüber, welche Unendlichkeit an neuen Hindernissen wohl noch auf sie warten mögen. Muss jetzt ganz stark sein und jegliche Scheu ablegen. Position beziehen ist die Devise – doch welche nur?
13. Mai: Vielen Dank mein Lieber für Dein aufmunternden Worte. Derweil auf interessante Trade-Idee gestossen. Bin begeistert. Zinssenkungserwartungen des Marktes sind völlig übertrieben. Gemäss meiner Konjunkturanalyse und genauster Exegese der Zentralbankkommunikation wird es keine weitere Zinssenkung geben. Darauf lässt sich vortrefflich wetten.
26. Mai: Trade-Idee präsentabel hergerichtet und an der letzten Anlagesitzung vorgestellt. Kollegen skeptisch, Chef kritisch. Mein Konjunkturbild sei eine Karikatur desjenigen unserer volkswirtschaftlichen Abteilung, und somit implizit der Realität. Habe zudem vergessen Trade auf Direktionalität zu prüfen und Umsetzungsalternativen aufzuzeigen. Überarbeitung und Wiedervorlage im Rahmen der nächsten Trade-Sitzung eingefordert. Trage Bürde ritterlich.
Mai bis Juni: Konnte Direktionalität exakt nachweisen und konjunkturelle Argumentationslinie stärker herausarbeiten. Profitiere dabei vom radikalen Schwenk unserer Volkswirte, die ihre Sichtweise diametral umgeworfen haben. Du glaubst es nicht, wie flattrig sie im Ausblick sind. Erinnern mich stark an ein Fähnchen im Wind. Sind somit jetzt im Einklang mit meiner Konjunkturprognose. Diverse Umsetzungsmöglichkeiten für das Eingehen einer Short-Position am kurzen Ende beleuchtet und in die Präsentation einfliessen lassen.
7. Juni: Trade erneut bei Anlagesitzung vorgestellt. Konnte nach intensiver Diskussion Kollegen und Chef überzeugen. Werde Trade auf derivativen Weg umsetzen und zwar – verzeih mir den technischen Ausdruck – über eine Pay Position im OIS-Kontrakte für den August-Sitzungstermin der Zentralbank, also 5. August bis 6. September. Bin durch die Diskussion und Überzeugungsarbeit völlig ausgelaugt, jedoch glücklich mich durchgesetzt zu haben.
8. Juni: Warum ich Dir nicht schreibe? Kollegentypologie erarbeitet. Erhoffe mir daraus ein tieferes Verständnis für die unterschiedlichen Lösungskonzepte des Problems: wie generiere ich eine Überrendite, wie generiere ich Alpha. Konnte insgesamt 5 Typen klar herauskristallisieren. Fundamentalist stützt gesamte Handelsaktivität, auf die Entwicklung von Fundamental- bzw. Konjunkturdaten ab – reiner Top-Down-Ansatz. „Alter Hase“ kennt sich aus in der Welt und an den Märkten, hat bereits alles gesehen und erlebt. Handel erfolgt intuitiv, am Gespür für den Markt ausgerichtet. „Roboter“ handelt rein quantitativ basiert und steuert sein Portfolio stur nach Signalen, die ihm ein modellgestütztes Handelstool sendet. „Contrarian“ pflegt das Partisanentum einer Minderheitenposition („only dead fish swim with the tide“) und wettet strikt gegen den Trend. „Zocker“ ist ein Spiegelbild davon, dass entwicklungspsychologischer Umstände, die dazu führen, dass Jugendliche erst dann richtig Spass haben, wenn sie Risiken eingehen, bei manchem bis ins Erwachsenenalter anhalten. Fröhliche no-risk-no-fun-Mentalität bestimmt seine Portfolioausrichtung und sein Anlageverhalten.
14. Juni: Oh weh, Wouter, Arbeitsmarktbericht fällt überraschend schwach aus. Deutlicher Beschäftigungsabbau, kräftiger Anstieg der Arbeitslosenrate. Zu allem Übel revidieren zahlreiche Konjunkturauguren ihre Zinserwartungen und rechnen neu noch deutlicher mit Zinssenkungen. Muss massive Verluste auf meiner Short-Position hinnehmen. Trade durchbricht rasant mein Stopp Loss-Niveau. Kann Chef unter Aufbietung all meiner Überredungs- und Überzeugungskünste – Zahlen sind ein statistisch nicht signifikanter Ausreisser aufgrund ungebührender Berücksichtigung saisonaler Einflüsse – überzeugen, Position trotzdem laufen zu lassen.
15. Juni: Markt bleibt in Rally-Laune. Meine Short-Position rutscht weiter in den Verlustbereich. Liege bereits 20 BP unter der Stop Loss-Marke. Konnten den ganzen Tag den Blick nicht vom Trade lassen – die Faszination des Schrecklichen ist ja oft grösser als die Anziehungskraft gebirgsbachklarer Schönheit. Chef ist zum Glück auf Geschäftsreise.
18. Juni: Ablenkung gesucht. Mit Susi vor dem Fernseher gesessen und Loriot-Sketche angesehen. Bin nervliches Elend. „Auf die Frage von Herrn Hallmackenreuther, ob eine Schlaf-Sitz-Garnitur mit versenkbaren Rückenpolstern, eine Couch-Dreh-Kombination oder das klassische Horizontal-Ensemble bevorzugt würde, antwortete Loriot dem ambitionierten Bettenverkäufer: „Wir schlafen im Liegen.“ Die Glücklichen. Kann seit Tagen nicht mehr schlafen.
Ende Juni: Bin untröstlich. Der von Dir vorgeschlagene Kurzurlaub brachte auch keine Zerstreuung. Täglich dreimal einen Markt-Update abgerufen. Täglich den Trade im Sinn gehabt. Täglich Gegenparteien mein Leid geplagt und über Auswege aus dem Dilemma diskutiert. Von Entspannung konnte keine Rede sein. Selbst Susis tröstende Worte konnten nicht beruhigen.
3. Juli: Auf Susis Initiative zum Stressabbau beim Fitness-Studio angemeldet. Gleich im Spinning gewesen. Bin begeistert. Adrenalin-Kick versetzte mich in einen Glücksrausch, der den Mittags-Blues und die Alltagssorgen – zumindest kurzzeitig – vergessen liess. Noch immer höre ich den Trainer die fetzige Musik übertönend schreien: „Jetzt rein in die Steigung, Druck, Druck, Druck..“ und, als ich – dem Kollaps nah – das Ende der Stunde herbeisehnte, aufmuntern zurufen: „..never give up…never surrender…it’s now or never…“ Mann, Wouter, war das schön! Interessante Diskussion mit Kollegen gehabt. Mit Erstaunen wahrgenommen, dass Rückgriff auf Extremsportarten zur Stressbewältigung weit verbreitet ist. Kollegen entpuppen sich überraschend als Adrenalin-Junkies, die Stress im Berufsalltag mit Stress im Sport bekämpfen. Ob Big-Wave- oder Kite-Surfing, Bouldern oder Eisklettern, (Kick-)Boxen, Paragliding, Paintball, Marathon, Triathlon oder gar Iron-Man – wahrhaftig die Kerle beschreiten prächtige Wege zum Stressabbau. Wie machst Du das eigentlich?
26. Juli: Lieber Wouter, glückliche Änderung der Situation: Unerwartet feste Konjunktur-, v.a. Inflationszahlen haben meine Trade-Position ins Plus drehen lassen. Chef lobt mein Stehvermögen und Durchhaltewillen. Spricht mir Mut zu, meinen Einsatz zu Verdoppeln und das Exposure auszubauen. Erzählt ausführlich aus seiner Zeit als Junior-Trader an der Wall Street. Er konnte damals mit einer „If-in-trouble-double“-Strategie eine grosse Überschussrendite erwirtschaften.
27. Juli: Hab’s getan. Scheu abgelegt. Verdoppelt – nothing ventured, nothing gained, gell Wouter?. Gehöre nicht zu denjenigen, die nach kurzen Handauflegen sich ein Urteil erlauben. In diesem Fall ist jetzt jedoch klar: Zentralbank behält Leitzins bei der nächsten Sitzung Anfang August unverändert. Zudem werden Märkte auf kommenden Zinsanhebungen vorbereitet. Zinserwartungen dürften daraufhin massiv korrigieren, mein Trade massiv gewinnen, meine Wertschätzung beim Chef und unter meinen Kollegen massiv ansteigen. Freu mich!
5. August: Katastrophe: Zentralbank senkt – völlig überraschend – Leitzins um 25 BP. Muss kräftigen Verlust realisieren. Chef gesehen. Er mich nicht. Schlimmes Zeichen. Was man für ein Kind ist, was man nach so einem Blick geizt. Zur Ablenkung „Asterix“- Heft in die Hand genommen. Ein frisch von den Galliern verprügelter römischer Legionär sagt: „Vae victis“ – wehe den Besiegten. Sein genauso niedergeschlagener Kamerad fragt: „Was sagt er?“. Der Begleittext spottet dazu: „Die Römer sind mir ihrem Latein am Ende. Ich auch.
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