Das Internat war ein uraltes Gemäuer, das zu entdecken und zu erkunden ihn ungemein reizte. Es bot meterdicke Wände. Geheimnisvolle, immer verschlossene Türen aus dickem Holz. Einen hohen Kirchturm, auf dem noch niemand war. Irgendwo Kellergewölbe die tief im Hügel versteckt lagen. Geheime Gänge. Gruselige Kavernen. Und einen großen Raum über dem Kirchenschiff, wie Bernd entdeckte, als es ihm gelungen war, über eine versteckte Sprossenleiter aus Eisen unter das Dach zu steigen. Bohlenstege führten über das Gewölbe in Richtung Turm. Im Turm führte eine Holztreppe nach ganz oben und mündete auf einen Balkon, auf den er hinaustrat um nach unten zu schauen. Unten waren viele Schüler und einige Pater. Ein Schüler zeigte mit der Hand nach oben und Bernd begann zu winken. Er bekam den allerletzten Verweis und das Versprechen, dass er von dem Internat verwiesen werden würde, sollte noch ein Vorfall passieren. Sein Vater wurde schriftlich informiert, fand jedoch keine Zeit herbeizueilen, da er in Tokyo weilte und ein Konzert gab.
Weihnachten 1958 /59 kam dann das einschneidende Erlebnis, das Bernds Leben verändern und bestimmen sollte. Als einziger Student war er im Internat verblieben und lehnte sich aus dem offenen Fenster seines Schlafsaales während er eine Zigarette, die er geschenkt bekommen hatte, rauchte und gedankenverloren nach unten schaute, wo sich eine der Nonnen, die das Essen richteten und alles sauber hielten, an einer Eichentür in der Umgrenzungsmauer, die zu den stets verschlossenen Zugängen zählte, zu schaffen machte, vermutlich um Eingang zu erhalten. Es war stockdunkel und sie leuchtete mit einer Taschenlampe. Die Zigarette war aufgeraucht und Bernd schnippte die Kippe von sich und beobachtete, wie sie gemächlich nach weit unten segelte, um schließlich die Wand direkt über dem Kopf der Nonne zu streifen und einen Funkenregen abzugeben. Es ertönte ein schriller Schrei, der in hysterisch anhaltendes Geheule nahtlos wechselte. Bernd sah für einen Augenblick im Schein der Reflektion ein blasses Gesicht heraufstarren, verzerrt vor Furcht und dann war sie verschwunden und Bernd wusste instinktiv, dass er ihr die Begegnung mit der dritten Art, die Begegnung mit dem heiligen Geist verschafft hatte, auf die sie jahrelang gewartet haben musste. Genau zum Zeitpunkt der heiligen Bescherung. Aber sie erwies sich als undankbar. Man kam Bernd holen, zerrte ihn in das Zimmer des Direktors, der die Tür sorgfältig verschloß und unverzüglich, tonlos, begann, ihn zu verprügeln. Nach der dritten Ohrfeige sprang ihm seine Uhr vom Handgelenk und schlitterte über den Boden. Nach der zehnten Ohrfeige schien er erschöpft und griff zum Hörer, Bernds Vater zu später Stunde auf den Plan zu rufen, der am nächsten Tag, dem 1. Weihnachtstag, gerade aus Tokio zurückgekehrt, wutschnaubend die Portaltreppe ins erste Geschoß leichtfüßig heraufhetzte, wo Bernd, vor dem Zimmer des Pater Direktors stehend, ihn erwarten musste. Vater Gustav lieh sich rasch das Zimmer des Direktors, der bereitwillig zustimmte und verprügelte Bernd in diesem ausgiebig und gleich hernach erneut ausgiebig, als er erfuhr, dass das goldene Armband des Direktors abgerissen und von ihm zu ersetzen war. Dann nahm er seinen missratenen Lümmel, wie der Direktor Bernd bezeichnet hatte, mit nach Unterpfaffenhofen, was keine Umstände machte, da sein Köfferchen bereits gepackt war und verbot ihm, auf der Fahrt sich zu übergeben, was ihm nur unzureichend gelang. Er versprach Bernd, noch am gleichen Abend ein Grundsatzgespräch in der Küche, sobald das Abendmahl eingenommen sein würde. Da Bernds Bereitschaft dem Glauben Glauben zu schenken, gar dienstbar zu sein, nicht übermäßig ausgeprägt, sich in engen Grenzen hielt, hatte Bernd schon zuvor geargwöhnt, dass der Platz im Internat nicht unbedingt der richtige Standort für ihn war. Zwei Jahre Internat schienen ausreichend für die Verwirklichung des künftigen Lebens und er sah hoffnungsvoll den anstehenden Änderungen in dem anstehenden Jahr entgegen, in dem ihm die Maiandachten keinesfalls fehlen würden und in dem er nicht hier in Unterpfaffenhofen würde verbleiben können.
„Fakt ist, dass du aus dem Internat geworfen wurdest. Wir müssen jetzt überlegen, wie es mit dir weitergehen soll.“ Er setzte das Bierglas bedächtig auf die Tischplatte und starrte Bernd durchdringend an.
„Er kann hier aber nicht bleiben.“ Sagte Bernds Tante Stiefmutter hilfreich und sah ihren Ehemann besorgt an. „Wir müssen einen Weg finden, dir deine Zukunft zu ebnen.“ „Hier kann er nicht bleiben,“ bekräftigte Annemarie entschlossen. „Hier kannst du nicht bleiben.“ Sagte sein Vater überflüssigerweise, denn Bernd hatte bereits verstanden, dass er hier nicht bleiben konnte. „Ja,“ sagte Bernd. „Wir müssen jetzt einen Weg finden. Was stellst du dir vor, würdest du gern werden?“ „Ich weiß nicht.“ „Du kannst nicht hierbleiben,“sagte Annemarie bestimmt. Ich will nicht hierbleiben, dachte Bernd entschlossen. „Du hast keinen Schulabschluß,“ sinnierte sein Vater. „Ich weiß,“ sagte Bernd „Ich verbitte mir deinen Zynismus. Dies ist eine ernsthafte Unterhaltung. Ich will wissen, was du werden willst.“ „Seeman?“ Fragte Bernd unsicher. „Prima. Das ist ein schöner Beruf,“ meinte sein Vater erfreut und erleichtert. „Ich will ihn hier aber nicht haben,“ Tante Annemarie war ganz versessen, Bernd umgehend loszuwerden. „Wenn er Seemann wird,“ sagte sein Vater gereizt an die Adresse seiner Ehefrau, „dann kann er eh nicht hier bleiben. Dann fährt er zur See. Auf einem Schiff. Wir haben hier kein Schiff.“
Was die Seefahrt betraf, war Bernd vorbelastet. Zweimal war er dem Tod durch Ertrinken nahe gekommen. Einmal war er während eines Enterversuches am Ende eines Taues über Bord des gestohlenen Ruderbootes grad an der tiefsten Stelle der Krückau gegangen und durch die vereinten Kräften der anderen Steppkes wieder über die Wasseroberfläche gezogen worden, nachdem seine Lederhose sich vollgesogen hatte. Ein anderes Mal hatte der Sohn der Freundin seiner Mutter, der ihn im Alter weit übertraf, vergeblich versucht, ihn am Badestrand der Krückau zu ertränken, was seine und Bernds Mutter schließlich zu verhindern vermochten, worauf ihm nahe gelegt wurde, dass man so etwas nicht machen dürfe. Andererseits wusste Bernd aber nicht, ob man auf See mehr kotzen müsste als in einem Auto oder in einem Zug. Und so stimmte er zwar nicht freudig, aber bestimmt, der Idee zu und begann Seemann zu werden.
Sein Vater bemühte sich schon am folgenden Tag, fleißig Informationen zu sammeln und kam bald zu der ernüchternden Erkenntnis, dass die Ergreifung des Seefahrtberufes umständlicher war, als in der Euphorie des ersten Gedankens hatte vermutet werden können. „Unerläßlich ist eine strotzende Gesundheit,“ sagte er, “die hast du wohl. Auch weit sehen musst du können. Hast du Probleme mit dem Sehen? Weitere Voraussetzungen sind die Fähigkeiten Lesen, Schreiben, Hören.“ „Das kann er nicht. Er hört nie, wenn ich ihm etwas sage.“ „Du kannst doch sehen?,“ Bernds Vater starrte ihn scharf an, so als ob er sich vergewissern wollte, dass Bernd Augen im Gesicht hatte, wie jedermann sonst. „Alles muß vom Amtsarzt bestätigt werden. Du brauchst einen Reisepaß. Ich werde die Termine in München machen. Damit das vorangeht. Und du die Welt sehen kannst.“
Aber voran ging es auch bei bestem Willen nicht. Bernd war jetzt endlich fünfzehn Jahre alt, und damit qualifiziert, die Seemannslaufbahn zu beginnen, aber die Untersuchungen und die Einrichtung der Termine zu den Untersuchungen würden sechs Monate in Anspruch nehmen. Mindestens. Also wurde im Familienrat beschlossen, ihm eine sinnvolle Beschäftigung zuzuweisen, damit er nicht herumlungern und seine Tante Annemarie nerven musste. Gleichwohl kam einer sinnvollen Beschäftigung der wohlverdiente Urlaub des Vaters in die Quere, der an den sonnigen Gestaden in Griechenland abgehalten werden sollte, wohin man mit dem Auto fahren würde und Bernd praktischerweise mitnahm, damit er nicht allein in der Wohnung verbleiben musste, wo er möglicherweise, da keine Kontrolle ausgeübt werden konnte, Unsinn zu betreiben in der Lage wäre. In Kuchl am Hohen Göll lud man ihn bei einem Bauern ab, den man von vorherigen Besuchen gut kannte und der versprach, Bernd sinnvoll mit Arbeit für die Dauer von drei Wochen zu versorgen und ihn bei der Ernte einzusetzen beabsichtigte, so man sich finanziell einig werden würde, was spontan erfolgte. Während Vater und Stiefmutter sich am Strand im fernen Griechenland sonnten, begann Bernd Gras mit einer Sense zu mähen und Gras mit einer Karre zu den Kühen zu schieben. Dann wurde auf großer Fläche Heu gemacht und Bernd wurde zum ersten Mal in seinem Leben richtig besoffen, da er viel von dem frischen Most trank, der frei auf der Wiese feilgeboten wurde und zu aller Belustigung über die Halme zu stolpern begann. Die Bauerstochter war eine dralle Person, die er gerne ficken wollte und die ihn neckte und auf den Heuschober lockte und sich gerne ficken lassen würde. Jedoch war Bernd die Technik, obwohl er von ihr gehört hatte, weitgehend fremd und die Annäherungsversuche verliefen möglicherweise tollpatschig und in jedem Falle ergebnislos. „Ihr Sohn hat meine Tochter sexuell belästigt.“ Sagte der Bauer laut zu seinem Vater, als sie alle vor dem Auto standen, die Rückreise anzutreten. „So?“ Sagte sein Vater und stieg ein. „Er ist zu nichts nütze,“ bekräftigte die Stiefmutter auf dem Beifahrersitz und stieg aus, den Sitz zurückzuklappen, damit Bernd hinten Platz nehmen konnte, wo eine Plastiktüte für alle Fälle bereitgelegt worden war. „Ich hoffe, du hast sie nicht geschwängert,“ sagte Bernds Vater während der Fahrt und Bernd überlegte, was er möglicherweise alles falsch gemacht haben konnte. Und was noch verbesserungswürdig zu sein hatte.
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