Also zog Bernd erwartungsvoll in das katholische Internat Heilig Kreuz ein und wurde dem Schlafsaal Nr. 4 zugewiesen, in dem etwa zwanzig Zöglinge auf ordentlich an den Wänden und in der Mitte eines Saales im 2. Stock aufgereihten Betten lebten. Über die linke Seite erstreckte sich eine Waschrinne aus Zinkblech über der zahllose Wasserhähne gereiht waren, die kaltes Wasser spendeten. Die Wände waren kahl und hoch. Geheizt wurde nicht. Tageslicht konnte bezogen werden, wenn jemand die Tür des Schlafsaals, die auf den Flur führte, auf dem sich Fenster aneinanderreihten, aufzog. Aber es gab einen Lichtschalter, der abends um neun ausgeknippst wurde und nicht mehr berührt werden durfte. Es wurde für das Studium gelebt. Vormittags wurde instruiert und gelehrt. Nachmittags suchten sie die Studierzimmer auf und machten ihre Hausaufgaben. Abends waren zwei Freizeitstunden erlaubt, die in den Studierzimmern mit Schach und etwa Gitarrespielen verbracht wurden. Und mit Lesen. Jeden Sonntag Nachmittag war Freigang für zwei Stunden, der in dem Städtchen verbracht werden konnte und den Bernd zu kleinen Spaziergängen nutzte, da er für andere Dinge, etwa eine Tüte Eiscreme, über kein Geld verfügte.
„Eines Tages,“ sagte sein Bettnachbar, ein erstaunlich hässlicher Knabe, dem eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Glöckner von Notre Dame nicht abgesprochen werden konnte, „eines Tages werde ich reich sein. Deshalb bin ich hier.“ „Ich bin reich,“ sagte Bernd, „ich besitze ein Fahrrad. Das ich aber nicht mitnehmen durfte, weil das Auto zu klein war.“ „Ich besitze kein Fahrrad,“ sagte der Knabe, der Horst hieß. „Ich werde ein Fahrrad haben. Später. Ich werde mir ein Fahrrad kaufen.“ Horst und Bernd hatten Gemeinsamkeiten. Zahlreiche Gemeinsamkeiten. Horst bekam nie Besuch von seiner Mutter, die nur ein paar Kilometer entfernt in dem nächsten Ort wohnte, aber zu arm war, die Reise zu bezahlen. „Sie ist arm und kann grad die dreihundert Mark im Monat aufbringen, die unsere Unterbringung hier kostet.“ Entschuldigte er sie wiederholt. „Sie kann mir auch kein Taschengeld geben.“ „Ich bekomme auch kein Taschengeld. Mein Vater denkt, ich veruntreue und vergeude sein Geld. Er ist Musiker. Erster Oboist beim Bayrischen Symphonieorchester in München. Er spielt auch Englisch Horn. Er verdient viertausend Mark im Monat, hab ich mal gehört. Und er braucht nur jeden zweiten Tag ins Orchester zum Üben zu gehen. Schlecht, wenn man mit ihm wohnen muß. Weil er ständig zu Hause ist. Allerdings reist er oft. Mit dem Orchester. Edinburgh, der Pabst. Was auch immer. Meine Stiefmutter ist eine Schmarotzerin. Sieht aber gut aus. Würde ich ficken. Wenn ich schon ficken könnte. Meine Mutter ist Klavierlehrerin. In Elmshorn. Wo mein Fahrrad steht. Hat jetzt, oder wird jetzt, heiraten. Paul. Mein neuer Stiefvater. Der Opa hat all die Schuhsohlen gemacht und ist dann gestorben.“
Auch Bernd wurde nicht besucht und verbrachte die erste Weihnacht als einziger im Internat, weil sein Vater Gustav mit seiner Mutter Annemarie zum Skilaufen fahren wollte, wie er ihm sagte, als man ihn an das Telefon im Zimmer des Pater Direktors gerufen hatte. Horst fuhr mit der Bahn nach hause und aß Lebkuchen. Horst hatte keine Freunde im Internat, weil er zu hässlich war. Bernd hatte auch keine Freunde im Internat, weil er Preuße war. Der einzige unter dreihundert Zöglingen, von denen die Hälfte im Internat wohnte. Wie Horst bekam auch Bernd keine Fresspakete zugesandt, von denen alle anderen lebten und gediehen. Fresspakete von zu hause waren erforderlich. Alle bekamen wöchentlich Dauerwürste und andere Leckereien wie Kekse, auch frisches Brot und Butter und Speck, was alles in den Schubladen unter der Tafel im Speisesaal sorgsam gehortet wurde. Horst und Bernd bekamen nur das Internatsessen. „Ich bekomme nur das Internatsessen. Alle anderen bekommen Fresspakete.“ beschwerte Bernd sich bei Papi, nachdem der Pater Direktor ihn telefonieren ließ und taktvoll das Zimmer verlassen hatte und Tante Annemarie nachdem “Was willst du denn jetzt schon wieder,“ den Hörer weitergereicht hatte. „Du wirst ausreichend ernährt,“ sagte sein Vater am anderen Ende der Leitung. „Ich kenne den Speiseplan. Es gibt fast jeden Tag Fleisch.“ „Schon, aber das ist immer fett. Das kann man nicht schlucken. Ich kann das nicht schlucken. Das ist alles Schwarte.“ Aber es kam kein Fresspaket und Papi verbot sich ungerechtfertigte Beschuldigungen und verwies auf den Speiseplan, auf dem Braten stand. Er riet, Bernd sollte gefälligst an seinem schlechten Charakter arbeiten, der ihn wohl seitens seiner Mutter erblich belasten würde.
Horst kam auf die Idee, des Nachts in den dann unbeaufsichtigten Speisesaal einzudringen und haarfeine Scheiben von den in allen Schubladen liegenden Hartwürsten abzutrennen. Im oberen Bereich der Trennmauer zum Kreuzgang gab es ein kleines Fenster, das erreicht werden könnte, wenn einer auf den anderen stieg und der untere sich auf die Zehenspitzen stellte. dann wäre es zu entriegeln und sie könnten in der Nacht von außen, dem Kreuzgang aus, auf die gleiche Weise einsteigen. Jedenfalls der, der oben sein würde. An einem schönen, sonnigen Tag, als alle nach dem Mittagessen hinuntereilten, sich auf den Sportanlagen zu wärmen und auch die Köchinnen sich vor die Tür stellten, ergab sich endlich die Gelegenheit, das Fenster zum Kreuzgang zu entriegeln, was Bernd bei dem ersten Versuch misslang, beim zweiten jedoch vorzüglich glückte. Das Fenster konnte mithin vom Kreuzgang aus aufgestoßen werden. Etwa kurz nach Mitternacht, als alle schliefen, oder so taten, als ob alle schliefen, stahlen sie sich aus dem Schlafsaal über den breiten Gang mit den Fenstern und tasteten sich zu dem ebenfalls breiten Portal, dessen Treppe nach unten in den Kreutzgang führte. In der Finsternis bemerkten sie rechtzeitig huschende Gestalten, die den Gang querten um einen anderen Schlafsaal zu erreichen, wohl Saal Nummer 3 und von deren Tätigkeit sie bereits wiederholt Kenntnis erhalten hatten, in der Art, dass sie, und weitere, mit nassen Handtüchern verdroschen wurden, während sie schliefen. Das war das beliebte Hobby der Leute die in Schlafsaal 8 lebten, acht an der Zahl waren und sich nachts an die Betten der Schlafenden in anderen Sälen heranschlichen, um zugleich mit den Handtüchern, in die auch schon mal ein Laib Seife eingewickelt wurde, zuzuschlagen und hernach rasch in der Finsternis den eigenen Saal aufzusuchen, sich schlafend zu stellen, wenn der Nachtpater, so er alarmiert wurde, herbeieilte, die Missetäter zu ermitteln. Im Schlafsaal 8 lebten die auffälligen Studenten.
Sie schlichen um den Kreuzgang herum und Bernd stieg im trüben Schein des Mondlichtes über Horsts Kopf in den Speisesaal ein und schnitt von zwei Dutzend Würsten jeweils eine hauchdünne Scheibe ab, die sie gemeinsam genüsslich am Ende des Kreuzganges verzehrten. Diese Art von Genußmittelbeschaffung wiederholten sie viermal. Dann gab es einen Aufruhr, fehlende Wurstteile wurden gemeldet, das entriegelte Fenster wurde entdeckt, der an der Wand lehnende Stuhl erkannt. Eine Untersuchung wurde eingeleitet, verlief ergebnislos und Bernds anderer Schlafnachbar begann ihn zu erpressen, gab dies jedoch nach einigen Tagen auf, da er wohl wusste, dass
Bernd zu den Armen gehörte und kein Taschengeld besaß und gab sich schließlich, gegen das Versprechen Stillschweigen auf Ewig zu bewahren, damit zufrieden, dass Bernd immer am Sonnabend seine Schuhe auf Hochglanz zu putzen begann.
Bernd lernte und war nicht der Schlechteste. In Englisch war er weit und uneinholbar vor den Anderen, die ihm beim Französisch gleichsam weit voraus waren. In Sport war er sehr gut und auch in Deutsch und Grammatik, Erdkunde war sein Fach. Mathematik bekam ihm nicht sehr. Religion reizte ihn zu Widerspruch und Forderung nach Beweisen. Fast alle Fächer wurden von Patern unterrichtet. Aber es gab auch drei oder vier zivile Lehrer, die mit Anzug bekleidet, jedoch ebenso sicher im Glauben waren. Aus einer musikalischen Familie stammend, gelang es ihm nicht, sich sicher auf der Gitarre zu bewegen. Horst und Bernd wurden erwischt, als sie Rache nehmend den Schlafsaal 8 mit nassen Handtüchern aufmischten, verwarnt und in den Saal 8, zu den Schwererziehbaren verlegt. Nach einer wüsten Balgerei auf dem Flur im ersten Stock mitten in der Nacht mit Handtüchern, in die Seifenlaibe eingedreht waren und in der die Achter auf die Siebener oder Sechser trafen, die weit in der Überzahl waren, wurden beide erneut gerügt und erneut ernsthaft verwarnt in Form und Maßgabe, dass man androhte, sich ihrer unter Umständen zu entledigen. Sie gingen brav und obligatorisch in das gewaltige Kirchenschiff, das in Glasvitrinen an den Wänden Skelette feilbot und immer klamm und kalt war. Auf den Holzbrettern entwickelte Bernd Doppelknie die hübsch waren, aber nicht so recht zu einem durchschnittlichen Knie zu passen schienen, jedoch dem unvoreingenommenen Betrachter als Ausdruck tiefen Glaubens durchgehen mochten. Dann kam wieder der Mai und mit ihm die Marienandacht, die täglich um fünf Uhr in der Nacht abgehalten wurde und nicht versäumt werden durfte. So knieten sie denn jeden Morgen auf den Brettern, die hart wie Stein waren und lauschten eine Stunde oder eineinhalb Stunden dem einen und dem anderen der ihnen bekannten Pater oder Pfarrer und bemühten sich, die zelebrierten Riten zu verinnerlichen. Zweimal gelang es Bernd, sich vor Beginn hinfort zu stehlen und die Stunde in seinem Blechschrank auf dem Flur stehend, zu verbringen. Beim dritten Mal wurde er entdeckt oder von neidischem Geist verraten und bekam seine dritte Rüge.
Читать дальше