Damit hängte er ein.
Wagner war nun nicht mehr abgeneigt, einen solch kleinen Fall, den sie unter ihrer Würde empfand, anzunehmen. Sie freute sich auf Deutschland, obwohl sie keinerlei Verwandte hier hatte, seit ihre Großmutter vor fast zehn Jahren verstarb.
„Nervenheilanstalt! Donald, Donald, woher hast du nur diesen Begriff? Das sagte man noch kurz nach dem Krieg. Heute ist es wohl eher ein psychiatrisches Krankenhaus. Na gut! Mache ich eben in Deutschland ein wenig Urlaub.“
Wagner hatte, ohne es zu bemerken, leise vor sich hin gesprochen. Zwei ihrer Mitarbeiter schauten sie verwundert an. Sie musste sich erklären.
„Jungs, der Boss hat mir einen ungemein wichtigen Fall in Deutschland übertragen. Es geht dabei um eine wahnsinnige Summe. Ihr müsst also für eine Weile ohne mich hier auskommen.“
Sie sah in fragende Gesichter und ein Kollege hakte nach.
„Sagtest du nicht etwas von Urlaub machen?“
„Mal sehen. Es könnte ja so weit kommen.“
Doch da irrte sich Lindsay Wagner. Es sollte nicht so weit kommen.
Hauptkommissar Sebastian Weller vom Kommissariat 11, Abteilung Organisiertes Verbrechen, saß am PC und arbeitete liegengebliebene Akten auf. Es war gerade kein aktueller Fall in Arbeit und so wollte er etwas Ordnung schaffen. Seine Kollegin Ursula Brandfeld, den Namen hatte sie von der Oma, die darauf bestanden hatte, dem Kind einen Namen aus der mütterlichen Seite der Vorfahren zu geben, ging im Nebenbüro ans piepende Telefon. Sie machte sich ein paar Notizen und stellte sich in die geöffnete Verbindungstür.
„Das war ein Anruf aus der Uniklinik. Heute früh hat ´ne Streife einen alten Mann aufgelesen. Orientierungslos, verwirrt. Den sollten wir uns mal ansehen.“
Weller sah weiter auf den Monitor und zog eine Grimasse.
„Scheiße, das wollte ich nicht löschen!“
„Drück die Pfeiltaste, oben in der Befehlszeile. Die nach links zeigt. Dann erscheint es wieder.“
Wellers Gesicht hellte sich auf.
„Prima! Da ist es ja wieder. Wenn ich dich nicht hätte!“
„Das zeigst du mir aber nicht allzu oft.“
Weller hob den Kopf.
„Nicht so laut! Muss doch nicht jeder mitkriegen!“
„Was? Das mit uns beiden? Das wissen doch mittlerweile alle im Haus.“
Sie hatten eine lockere Beziehung. Beide sahen dies so. Ab und zu fanden sie sich im Bett wieder, doch ein Paar waren sie nicht. Darauf legten beide großen Wert.
Weller lenkte ab.
„Was war mit dem Anruf?“
„Du gehst mir aus dem Weg! Lenk nicht vom Thema ab!“
„Uschi! Thema Anruf!“
„Wir sollten uns den Alten mal ansehen.“
„Sagt wer?“
„Der Chefarzt.“
„Und was stimmt mit dem nicht?“
„Mit dem Arzt? Mit dem scheint alles zu stimmen. Hatte eine jugendliche, sehr erotische Stimme.“
Weller war genervt und wurde um eine Spur lauter.
„Mit dem Alten!“
„Der kann sich nicht richtig artikulieren, ist aber offensichtlich über einen längeren Zeitpunkt gequält worden.“
„Du meinst misshandelt.“
„Nee. Der Arzt sagte ausdrücklich gequält!“
„Wieso?“
„Sein Körper weist jede Menge Narben auf, sagt er, der Arzt.“
„Gut. Fahren wir hin. In der Kantine gibt es heute sowieso nichts Essbares.“
„Dass du auch immer nur ans Essen denkst!“
„Nicht nur. Da war doch noch was! Wir können uns den Alten doch noch in einer halben Stunde anschauen. Möchtest du nicht die Tür abschließen?“
„Spinner! Träum weiter.“
„Hey, wie redest du denn mit deinem Vorgesetzten?“
Auf dem Flur und der Treppe stellten sie ihre Unterhaltung ein. Es gab zu viele Ohren, die gierig mithören konnten.
So kamen sie zwanzig Minuten später in der Klinik an.
Der Arzt empfing sie und schüttelte die Hände.
Durch ein Fenster konnte man vom Flur aus den Alten auf dem Bett liegen sehen.
„Also, das ist unglaublich. Der Mann muss über Jahre systematisch gefoltert worden sein. Ich habe ihn gründlich untersucht. Musste ihn aber zuvor ruhigstellen, da er sich heftig gewehrt hatte.“
„Was genau ist ihm geschehen?“
„Knochenbrüche, die schon Jahre zurückliegen und verheilt sind, sind noch das Harmloseste. Er hat auch zwei Schussverletzungen, die allerdings auch schon Jahre zurückliegen. Aber jetzt kommt es: man hat ihn geblendet, das bedeutet, man hat seine Augenlieder festgeklebt und ihn über einen längeren Zeitraum mit einer sehr hellen Lichtquelle angestrahlt. Das ist ungemein schmerzhaft. Er ist fast blind. Taub ist er auch, da seine Gehörgänge verletzt wurden. Sein Penis ist gezeichnet, man hat ihm wohl einen Gegenstand in den Harnleiter geschoben und ihn dabei erheblich verletzt, außerdem sind seine Hoden verhärtet. Zumindest ist ein Hoden abgestorben und hat sich verkapselt. Das ist sehr wahrscheinlich durch eine Quetschung geschehen. Vernarbte Striemen, die von Schlägen herrühren, hat er am ganzen Körper sowie alte und neue Narben und Hämatome im Lendenbereich und an den Beinen.“
„Mein Gott!“
Uschi wurde kalkweiß im Gesicht. Sie würgte und hielt sich die Hand vor den Mund.
Sie lief schnell den Gang entlang, um die Toilette aufzusuchen.
Auch dem Hauptkommissar war es flau im Magen.
„Wer tut sowas einem alten Mann an?“
„So alt wie er ausschaut, ist er noch nicht. Ich schätze ihn auf höchstens fünfzig bis fünfundfünfzig. Aber durch sein verwahrlostes Äußeres wirkt er wesentlich älter.“
Durch das Fenster auf den Schlafenden blickend, murmelte Weller Fragen vor sich hin.
„Wer hat dir das angetan? Und warum? Wo hat man dich gefangen gehalten? Wie lange schon?“
Zu dem Arzt gewandt wiederholte er seine Frage: „Wie lange kann er so behandelt worden sein?“
„Kann man schlecht sagen. Ich bin Arzt und kein forensischer Ermittler. Aber den Narben nach zu urteilen waren es mehrere Jahre. Ich schätze, mindestens drei oder vier. Eher sogar fünf oder sechs. Allerdings sind die Schussverletzungen noch älter. Die kann ich jedoch nicht datieren.“
„Und er hat kein Wort gesprochen?“
„Nein. Ihre Kollegen von der Polizei haben ihn aufgelesen, als er heute Nacht über die Autobahn ging. Auch denen gegenüber hat er nur unverständliche Laute geäußert.“
„Gut. Ich werde trotzdem nochmal mit denen reden. Ich schicke ihnen einen Fotografen vorbei, der soll Aufnahmen von ihm machen. Und sie stellen mir bitte eine Liste der Verletzungen zusammen.“
„Ist gut. Ach ... da wäre noch ein Detail. Er hat mehrere Einstiche in Venen an den Beinen und Armen. Die sind alle gut getroffen, nur sind die Spritzen in der letzten Zeit etwas zu schnell abgedrückt worden und um die Einstichstellen ist das Gewebe stark gedehnt, sodass sich Hautverfärbungen gebildet haben, die sich nur langsam zurückbilden.“
„Sie meinen, das lässt den Schluss zu, er ist kürzlich von einem Arzt behandelt worden?“
„Wenn, dann von einem rabiaten Kollegen. Das könnte auch der Grund sein, weshalb er sich gegen Menschen in weißen Kitteln so vehement gewehrt hat.“
„Danke Doc.“
Weller warf nachdenklich noch einen Blick auf den Patienten, der jetzt ruhig schlief und verabschiedete sich von dem Arzt.
Dann suchte er seine Kollegin. Auf dem Flur der Klinik begegneten sie sich.
Brandfeld hatte sich ausgekotzt und es ging ihr schon wieder besser.
Lindsay Wagner steuerte ihren Mietwagen mit NL als Landeskennzeichen über Eindhoven und Köln nach Frankfurt. Sie hätte auch fliegen können, hätte aber dann einen weiteren Wagen in Deutschland mieten müssen. Außerdem fuhr sie gerne und gerne schnell. So trat sie das Gaspedal des Audi Q5 bis zum Bodenblech durch. Das konnte sie in den Vereinigten Staaten kaum machen. Für die Strecke von 450 km brauchte sie dann doch noch etwas über vier Stunden, da es einen großen Stau vor Köln gegeben hatte.
Читать дальше