Nur zu den Männern, die sie auf dem Bett fixieren konnte, hatte sie eine längere Beziehung, wenn es auch nie zu einer körperlichen Vereinigung kam. Unter den zugefügten Schmerzen fiel es allen Männern sehr schwer, eine gewisse Standhaftigkeit zu erreichen.
Die Übergriffe in der Klinik blieben nicht immer verborgen, aber es wurde nichts dagegen unternommen. Zum einen fielen die meisten Verletzungen an den Patienten nicht auf, da es täglich vorkam, dass sich Patienten selbst verletzten. Zum anderen waren andere Pfleger durch die dominante Art von Andrea Schneider so eingeschüchtert, dass sie schnell alle Missstände aus ihrem Gedächtnis strichen. Schließlich wollte keiner seinen Arbeitsplatz verlieren. Der Chefarzt war in gewisser Weise auf sie angewiesen, sodass auch er alle Augen zudrückte, inklusive der schmerzenden Hühneraugen an den Zehen. Er drückte nicht nur die Augen zu, er hielt auch immer nach Bekanntwerden eines Vorfalles die Luft an. Er ging den Weg des geringsten Widerstandes und sagte nichts dazu.
Andrea Schneider schmiss den Laden, wie sie bei jeder Gelegenheit selbst betonte. So war die Klinik ihr Herrscherreich.
Nur einmal gab es ernsthafte Probleme, als ein Vater an seiner suizidgefährdeten, minderjährigen Tochter Hämatome entdeckte und Aufklärung verlangte. Andrea spritzte ihr so viel Beruhigungsmittel, dass das Mädchen kaum die Augen aufhalten konnte, geschweige denn sich artikulieren konnte. Ein schwaches Lallen war alles, was aus ihr herauskam. Doch der Vater ließ nicht locker und wollte wissen, woher die Verletzungen gekommen seien. Der Chefarzt erklärte, dass es schon mal vorkommen könne, dass sich Patienten selbst verletzen würden. Schließlich könne man sie ja nicht Tag und Nacht anbinden. Eine kostenfreie Behandlung über den kassenärztlichen Satz hinaus beruhigten den Vater dann doch und er beließ es mit der Drohung: „Wenn ich allerdings noch ein einziges Mal solche Blutergüsse bei meiner Tochter feststelle, wird mein Anwalt mit Ihnen reden.“
Andrea wurde daraufhin zum Chef gerufen.
„Machen Sie die Tür zu!“, schnauzte er sie an.
Etwas leiser stellte er ihr Fragen.
„Was war das? Woher sind die Hämatome bei dem Mädchen?“
„Nun, Sie hat sich in die Hose gemacht und ich kann dann die Sauerei wegwischen. Das alles bei der knappen Zeit, die uns zu Verfügung steht. Gewehrt hat sie sich dagegen. Und da musste ich eben etwas fester zupacken.“
„Frau Schneider, das Mädchen hatte Quetschungen der Schamlippen und einen Riss im Anus. Gott sei Dank hat dies der Vater nicht mitbekommen. Der hat nur die Hämatome im oberen Brustbereich und an den Beinen gesehen!“
„Na ja. Es kann schon sein, dass ich etwas zu hart mit der Göre umgesprungen bin. Soll nicht wieder vorkommen, bei ihr.“
„Das sollte überhaupt nicht vorkommen! Nicht bei ihr und nicht bei anderen!“
„Aber Chef, Sie wissen doch selbst, wie es hier zugeht. Da ist nicht alles heile Welt.“
Der Chef rang nach Luft und lief rot im Gesicht an. Es fehlten ihm weitere Worte und so zeigte er lediglich auf die Tür. Andrea grinste und verließ das Büro.
4. Ein gefälschter Einlieferungsschein .
Die kleine Svenja Martin lag auf der Liege im Untergeschoss der Klinik und war mit Händen und Füßen am Eisenrohr der Liege mit breitem Gewebeband mit Klettverschluss fixiert. Hier war es im Sommer angenehm kühl und im Winter angenehm warm, vorausgesetzt, man hatte normale Kleidung an.
Es war Sommer und trotzdem fror sie in ihrem kurzen Kleidchen, was ihre Mutter bei einem Secondhandladen kostengünstig erstanden hatte. Sie war in einer Aufwachphase und der Entzug des Mittels, welches ihr der Mann gespritzt hatte, setzte ein und bewirkte ein unkontrollierbares, leichtes Zittern am ganzen Körper. Es war dunkel im Raum und lange Zeit hatte sie Angst, einen Ton von sich zu geben. Sie wollte Hände und Füße bewegen, konnte es aber nicht. Panik breitete sich aus und ihr Herz klopfte heftig. Dann rief sie um Hilfe. Zunächst leise. Dann immer lauter. Sie ahnte nicht, dass man sie hier unten nicht hören konnte.
Ihr Entführer hatte sie noch am Vormittag mit dem Wagen zur Seitenstraße der Klinik gebracht. Dann hatte er sie die Stufen zu einem Kellerabgang an der Nordseite des Hauptgebäudes hinuntergetragen.
Die schwere Eisentür war immer verschlossen, hatte aber ein normales BKS-Schloss. Vor Wochen schon hatte er den Schlüssel vom Brett aus dem kleinen Raum hinter dem Empfang der Klinik entnommen und einen Zweitschlüssel beim Schlüsseldienst im Einkaufszentrum anfertigen lassen.
Er kam nun die Treppe heruntergelaufen und ging in den hinteren Raum, in dem das Mädchen noch immer um Hilfe rief.
Er schloss hinter sich die Tür und schaltete das helle Neonlicht ein.
Sofort schrie Svenja aus Leibeskräften.
„Sei still. Es hört dich sowieso keiner.“
Ein unbeschreibliches Lustgefühl stieg in ihm empor. Die Macht, über das Mädchen verfügen zu können, ließ sein Herz rasen. Gerne hätte er sich nun an der Kleinen vergangen, doch es gab Ärger im Haus. Ein Patient war verschwunden und niemand wusste, wie das geschehen konnte.
Man suchte nach ihm im ganzen Haus. So blieb ihm nichts anderes übrig, als Svenja Martin noch einmal schlafen zu legen.
Er deckte ihren Kopf mit einem Tuch ab, damit sie nicht sehen konnte, dass er eine Spritze mit einer gelben Flüssigkeit aufzog und spritze ihr das Schlafmittel in die Armvene.
Svenja schloss die Augen und war in wenigen Sekunden eingeschlafen.
Dann löste er das Klettband an Armen und Beinen, zog dem Mädchen Schuhe und Kleid aus und stülpte ihr ein weißes Nachthemd aus der Klinik über. Dieses war dem Mädchen viel zu groß. In der Hektik hatte er aber nur ein Erwachsenenhemd gefunden.
Er fuhr die Liege den langen Gang entlang, bis zur Stirnseite, wo sich die Fahrstühle befanden. Er drückte den Knopf und holte den Fahrstuhl in den Keller. Dann schob er das Mädchen hinein und fuhr in den 2. Stock, den Gang entlang in eines der hinteren Zimmer.
Dort stellte er das Bett ab, fixierte das Mädchen wieder an den Händen und Beinen und füllte einen Blankoeinlieferungsschein aus.
Name: Estefania Musli
Alter: 9 Jahre
Geburtsort: Antalya
Schwere Schizophrenie mit anhaltenden Halluzinationen und einer starken Fehlinterpretation des normalen Erlebens, bis hin zu Sinnestäuschungen. Motorische Unruhe, verbunden mit aggressiver Verhaltensweise.
Ist für sich und andere als gefährdend einzustufen. Verletzungsgefahr.
Gerade als er den Bericht an das Fußende angehängt hatte, ging die Tür auf und ein Kollege erschien.
„Hier bist du! Wir suchen schon die ganze Zeit nach dem verschwundenen Alten!“
„Wie? Welcher Alte?“
„Na der, der gestern Nacht verschwunden ist.“
Mit Blick auf das schlafende Mädchen sah er seinen Kollegen an.
„Wer ist das denn?“
„Na, lies doch auf dem Einlieferungsschein. Sie heißt Estefania Musli und ist gestern spät eingeliefert worden. Anscheinend geht von ihr eine Gefahr aus.“
„Quatsch. Die ist doch erst neun oder zehn Jahre alt.“
„Trotzdem wollte sie sich anscheinend umbringen. Sie muss auf jeden Fall fixiert bleiben.“
„Gut. Komm jetzt. Wir müssen nachsehen, ob sich der Alte nicht hier irgendwo versteckt. Das gibt es doch nicht, dass hier einer verschwindet. Da kommt doch niemand an der Wache am Eingang vorbei!“
„Ja, das ist schon seltsam. Die Ausgangstür kann nur mit einem elektrischen Öffner von innen geöffnet werden.“
Er biss sich bei diesen Worten auf die Unterlippe. Hatte er vergessen, die Außentür im Keller abzuschließen? Es musste wohl so gewesen sein, denn durch den Haupteingang hätte der Alte wohl wirklich nicht entkommen können.
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