Er sah in die weit aufgerissenen Augen des Mädchens und erkannte die Panik in ihnen. Sie war steif vor Angst und rührte sich nicht.
Nun tat sie ihm doch leid. Er musste sie beruhigen.
„Hab keine Angst. Es ist gleich vorbei.“
Dann klemmte er ihren Oberkörper zwischen seine Beine und drehte die Arme nach oben. Svenja konnte sich nicht einen Zentimeter bewegen. Er klopfte mehrere Male in ihre Armbeuge, bis sich die Vene deutlich abzeichnete. Nun stach er ihr die Spritze in die Armvene und drückte den Inhalt heraus.
Es dauerte keine zehn Sekunden und Svenja war ins Reich der Träume versunken.
*
In der großen Pause nach der zweiten Stunde ging die Lehrerin ins Besprechungszimmer, wo alle Lehrer sich in den Pausen zu einem kurzen Plausch oder Erfahrungsaustausch, zum Kopieren von Unterlagen oder einfach nur auf eine Tasse Kaffee trafen.
„Hat jemand was von meiner Schülerin Svenja Martin gehört? Sie ist ohne Nachricht heute dem Unterricht ferngeblieben!“
Es kam sehr oft vor, dass Schüler und Schülerinnen dem Unterricht fernblieben. Nicht immer waren es Kinder mit Migrationshintergrund. Doch die Lehrer waren machtlos gegen das Schulschwänzen. Es ärgerte sie, dass sie nichts Wirkungsvolles dagegen unternehmen konnten. Es war im Kollegium abgesprochen, alle schwänzenden Sünder zu notieren.
Allgemeines Kopfschütteln war die Antwort auf die Frage der Lehrerin.
Ärgerlich brummte sie vor sich hin: „Na gut. Muss ich doch mal anrufen.“
Sie suchte die Handynummer des Vaters aus den Unterlagen heraus. Sehr gut konnte sie sich noch an das Gespräch bei der Einschulung erinnern, wo er darum gebeten hatte, falls etwas Unvorhersehbares oder ein Fernbleiben ohne schriftliche Erklärung von Seiten der Eltern geschehen würde, ihn sofort anzurufen.
Als er sich am Handy meldete, hatte sie schon ein ungutes Gefühl.
„Hallo Herr Martin. Ist Svenja krank? Oder fühlt sie sich heute nicht wohl? Sie ist nicht zum Unterricht erschienen.“
„Was? Nein! Nein, sie ist nicht krank. Meine Frau wollte sie wie immer zur Schule bringen. Ich bin in 10 Minuten bei Ihnen!“
Er rief seine Frau an und auch sie fiel aus allen Wolken.
„Ich hole dich bei deiner Freundin ab.“
Als sie beide 35 Minuten später an der Schule ankamen, waren schon alle anwesenden Lehrer, die keine Unterrichtsstunden hatten, im Büro des Rektors versammelt.
Die Martins stürmten in die Schule und wurden sofort ins Rektorat gebeten.
„Sie ist wirklich nicht aufgetaucht?“
„Nein. Ich habe schon alle Lehrer befragt. Wir haben schon draußen nachgeschaut. Keiner hat sie gesehen. Wir werden noch die Schüler befragen müssen, dies sollte jedoch mit äußerster Feinfühligkeit geschehen. Wir wollen keine Panik.“
In diesem Moment schwanden Marga Martin die Sinne. Ihr wurde schwarz vor Augen und sie sackte zusammen.
Christian konnte sie gerade noch auffangen, sonst wäre sie mit dem Kopf auf eine Tischkante gefallen.
„Rufen Sie sofort die Polizei! Und bitte suchen Sie alle das Gebäude und das Gelände außen noch mal ab.“
3. Andrea, die Gnadenlose .
„Was ist mit ihren Haaren los?“
„Muss sie sich wohl selber abgeschnitten haben.“
„Wer hat sie eingeliefert?“
„Der Hausarzt. Auf Anraten des Ehemannes. War wohl nicht mehr zu ertragen, zu Hause.“
Der Chefarzt im PKH machte sich ein Bild über den „Neuzugang“ von gestern Nacht.
Er schaute in das Aufnahmeprotokoll und las ihren Namen.
„Steffanie Kortmann“.
„45 Jahre alt. Verheiratet.“
„Was ist genau geschehen?“
Die leicht korpulente Krankenpflegerin gab dem Chef Antwort.
„Sie hat wohl mit allen möglichen Dingen um sich geworfen. Dabei hat sie ihren Mann mit einer Vase am Kopf verletzt. Dann ist sie mit einer Schere auf ihn losgegangen. Er sagt, er hätte sich gerade noch ins Bad retten können. Als es wieder ruhiger wurde, hat er sich herausgetraut und sie im Wohnzimmer auf dem Boden, an der Wand angelehnt sitzend, gefunden. Sie hat sich dort mit einer Schere die Haare abgeschnitten und die Pulsadern aufgetrennt. Das muss wohl äußerst schmerzhaft gewesen sein. Sie hat aber keinen Laut von sich gegeben. Der Hausarzt wohnt genau gegenüber und war schnell zur Stelle. Er hat sie verbunden und unseren Fahrdienst gerufen.“
„Was haben Sie ihr gegeben?“
„Fentanyl. 15mg.“
„Das ist zu viel! Sie wiegt höchstens 62 bis 65 Kilo! Sie hätten mich sofort rufen sollen!“
Der Arzt lief im Gesicht rot an und kochte innerlich vor Wut. Die Pflegerin hatte wieder einmal eigenmächtig gehandelt und ein Medikament verabreicht, was nicht in ihren Tätigkeitsbereich fiel und was sie schlichtweg nicht durfte.
Die kräftige Pflegerin sah der Arzt mit trotzigem Blick an. Sagte jedoch nichts dazu und schniefte kräftig durch die Nase. Es entstand eine Pause, in der der Arzt die Patientin, die in einem weißen Anstaltskleid steckte und angeschnallt wie leblos auf dem Bett lag, anschaute.
Nach einer Weile drehte er sich abrupt um.
„Warten wir, bis sie wieder ansprechbar ist. Beobachten Sie sie. Rufen Sie mich dann sofort! Ist das klar?!“
Ärgerlich und ohne eine Antwort abzuwarten, ging er schnellen Schrittes auf den Flur hinaus.
Andrea Schneider, die alle nur „Andri“ nannten, ging der Anschiss des Arztes am Arsch vorbei. Sie wusste, dass er auf ihre Hilfe angewiesen war und ihr keinerlei Schwierigkeiten bereiten würde. Sie wusste auch über Abrechnungen Bescheid, die er machte und die nicht den tatsächlichen Leistungen entsprachen. Sie wusste weiterhin, dass es hier Vorfälle gab, die keiner mitbekommen sollte.
Allerdings wusste auch der Chefarzt einiges über Andrea Schneider. So war ihm bekannt, dass sie oftmals über die Stränge schlug und Patienten nicht so behandelte, wie man es von einer Klinik erwarten würde.
Als Kind war sie selbst von der alkoholabhängigen Mutter misshandelt worden und das gab sie jetzt anderen weiter. Was ihr Stiefvater mit ihr alles angestellt hatte, wenn sie alleine waren oder wenn ihre Mutter ihren Rausch ausschlief, hatte Andrea Schneider verdrängt. Daran wollte und konnte sie sich nicht mehr erinnern. Nur, dass sie leiden musste, war in ihrem Kopf geblieben. Warum sollten sie alle es guthaben, wenn sie es früher auch nicht hatte? Schnell stellte sie fest, dass es sie erregte, wenn sie anderen Schmerzen zufügte.
Ein Psychiater stellte einst eine gespaltene Persönlichkeit bei ihr fest. Ein Teil von ihr war lieb und nett und der andere grausam schlecht. Ein Jugendgericht ordnete nach einem Übergriff auf zwei Schülerinnen, denen sie erhebliche Verletzungen durch Schläge zugefügt hatte, eine psychologische Behandlung an. In langen Sitzungen wurde sie dann nach Jahren als geheilt eingestuft. Das spielte sich alles in ihrer Jugendzeit ab. Jetzt war sie erwachsen und nur sie selbst wusste, was mit ihr los war.
Durch den Kontakt mit der Klinik, in der sie behandelt wurde, fand sie am Beruf einer Krankenpflegerin Spaß und bewarb sich bei mehreren Kliniken im Land. Sie wurde in der Uniklinik herzlich aufgenommen und wechselte zwei Jahre später in das PKH, wo sie heute noch tätig ist .
Hier konnte sie ihre sadistische Ader ausleben und es fielen ihr im Laufe der Jahre immer weiter Grausamkeiten ein, die sie sexuell erregten. Dabei war es ihr gleich, ob ihr Opfer ein Mann oder eine Frau war. Keiner, der von ihr gequälten Personen konnte sich wehren oder sich jemandem anvertrauen.
Andrea Schneider war nicht lesbisch. Das sagte sie sich selbst immer wieder. Es kam trotzdem vor, dass sie sich auszog und zu einer Patientin legte, um an ihr schmerzhafte, sexuelle Tätigkeiten auszuführen und sich zu stimulieren. Eine Beziehung mit einem Mann hätte sie schon gerne angefangen. Alle Kontakte, die sie mit Männern hatte, wurden jedoch von diesen schnell beendet. Spätestens wenn sie eine schmerzhafte Erfahrung mit ihr machten.
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