„Wau! Ich soll einen Außeneinsatz haben?“, unterbrach Ali wieder. „Ich, Ali Ibrahim Ahmed. Ich kann´s kaum glauben.“
Ali war ganz aus dem Häuschen.
„Wieso dürfen wir nie jemand etwas erzählen?“, jammerte er. „Darf ich´s nicht wenigstens meinen Brüdern sagen? Die wären so stolz auf mich.“
„Nein, verdammt noch mal“, schimpfte Jerry. Ihm ging Ali mit seinen Vorstellungen auf die Nerven. „Alles was wir besprechen ist TOP SECRET. Auf gar keinen Fall wird -“
„Jerry, reg dich doch nicht auf“, unterbrach ihn Jeff und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Merkst du nicht, dass dich Ali nur ärgern will? Schau doch wie er guckt.“
Ali konnte nur mit Mühe ein Grinsen unterdrücken. Er hatte wieder einmal nicht widerstehen können, den ernsten Jerry aus dem Takt zu bringen.
„Irgendwann kriegst du Ärger, Ali“, schimpfte Jerry.
„Aber ganz ehrlich“, sagte nun Chang. „So ein Spaziergang im Weltall würde mir auch Spaß machen.“
„Ihr seid wohl beide nicht ganz bei Trost“, regte sich jetzt Jerry wegen Chang auf. „Einen Außeneinsatz gibt es nur im Notfall. Und ich hoffe, dass der nie eintreten wird.“
„Jetzt fehlst nur noch du und Jeff“, sagte Frank. „Da bin ich gespannt, welche Rosinen ihr euch aufgehoben habt.“
Jerry reagierte nicht auf den Seitenhieb. Er hatte es erwartet, dass Frank irgendwann mehr zu sagen haben wollte.
„Einige Dinge waren von Anfang an festgelegt“, antwortete er ruhig. „Ich bin nun mal für das Programmieren zuständig. Ich schreibe Applikationen, ohne die wir keinen Deut von der Erde abheben werden. Mit Jeff zusammen achte ich auf den Zeitplan und kümmere mich um die Technik. Ich muss die Bedienung der Bordcomputer und anderer Instrumente lernen. Später werde ich euch in weitere Aufgaben einweisen. Ist jemand in der Lage und möchte mit mir tauschen?“
„Lieber nicht“, sagte Ali. „Hört sich nach viel Arbeit an.“
„Das ist es auch“, bestätigte Jerry. „Und keiner von euch kann mir wirklich helfen. Oder kennt sich jemand mit Java, Python, Ada oder C aus?“
„Von Java hab ich schon mal was gehört“, sagte Ali und versuchte dabei ernst zu bleiben.
„Du meinst bestimmt die Insel“, stichelte Chang.
Es stellte sich heraus, dass keiner der Jungs auch nur eine einzige Programmiersprache beherrschte. Jerry spürte die Gunst der Situation und legte nach.
„Und Jeff schlägt sich seit einem Jahr mit der Weltraumphysik herum – während ihr auch auf diesem Gebiet eher Anfänger seid. Deshalb wird er demnächst auch das erste Referat halten. Dann seht ihr, wie ein Referat ablaufen kann. Marco ist im Oktober dran. Danach kommen Frank, Chang und zum Schluss wird uns Ali was über Raumanzüge erzählen.“
„Nächste Woche beginnt doch schon die Schule“, protestierte Ali. „Wir werden kaum Zeit haben.“
„Gerade du musst meckern“, stoppte ihn Chang. „Du hast doch die meiste Zeit für die Vorbereitung.“
„Bestimmt hast du nicht ganz bedacht, dass wir uns immer zu zweit vorbereiten“, merkte nun Frank AN. „Wenn du mit Chang gut kooperierst, dann wird das nur die halbe Arbeit sein.“
„Das stimmt“, bestätigte Jerry. „Ich werde Jeff bei seinem Referat auch helfen. Noch Fragen?“
„Wann sind die genauen Termine?“, wollte Chang wissen.
„Jeff kann sie euch gleich mitteilen. Und dann ist Schluss für heute. Wenn jemand Probleme mit der Materialbeschaffung für sein Referat hat, dann gibt er Bescheid. Ich oder Frank werden euch dann unterstützen.“
„Ich möchte noch ankündigen, dass wir am Sonntag gegen die Junioren aus Orange City spielen“, sagte Ali rasch. „Kommt ihr vorbei zum Anspornen?“
„Gerne. Um wie viel Uhr geht´s los?“, fragte Jeff.
„Anpfiff ist um drei“, antwortete Ali.
„Wir gehen zusammen hin, oder Jerry?“, schlug Jeff vor.
„Ja klar“, sagte Jerry.
„Kommst du auch Frank?“, fragte Ali. „Es ist das Eröffnungsspiel der neuen Saison.“
„Diesen Sonntag um drei sagtest du?“ Frank dachte kurz nach. „Ich glaube, ich werde erst zur zweiten Halbzeit kommen. Ich muss vorher noch was Dringendes erledigen.“
Marco saß die ganze Zeit abwesend auf dem Fußball. Frank stand auf und kickte ihm den Ball unterm Po weg. Marco plumpste erschrocken auf den Rasen. Er wollte sich das nicht gefallen lassen, sprang überraschend flink auf und rannte Frank hinterher.
„Dann wollen wir mal sehen, ob du fit für dein Spiel am Sonntag bist“, rief Frank und schoss Ali mit einer gekonnten Flanke an. Mit einem Mal waren alle in Bewegung, Frank rief Jeff und Marco zu sich, um eine Mannschaft gegen Jerry, Ali und Chang zu bilden.
***
Es war Sonntag und das gemeinsame Mittagessen bei Familie Strela beendet. Jerry und Jeff saßen auf ihren Zimmern. Beide waren beschäftigt und dachten gar nicht an Alis Fußballspiel, das in Kürze beginnen sollte. Jeff schmökerte in einem Wälzer mit dem Titel `Die Geheimnisse des Universums´. Ein Geschenk von seinem Bruder. Jerry selbst suchte konzentriert nach einem Fehler in seinem Programmcode. Beiläufig schaute Jeff auf die Uhr, da fiel ihm plötzlich Alis Einladung beim letzten Treffen ein. Er schlug das Buch zu und stürmte in Jerrys Zimmer.
„Jerry, es ist schon vierzehn Uhr. Wir kommen zu spät zum Anpfiff“, rief er gleich in der Tür.
„Das hat mir noch gefehlt“, schimpfte Jerry ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen. „Verdammtes Fußballspiel. Ich würde lieber den Algorithmus hier korrigieren, statt zweiundzwanzig Idioten beim Hecheln hinter einem Ball zuzuschauen.“
„Was ist denn los?“, wunderte sich Jeff.
Genervt schaute Jerry seinen Bruder an. Gerade jetzt hatte er das Gefühl, einer Lösung sehr nahe zu sein.
„Fahr schon los, Jeff“, antwortete er stur. „Ich komme gleich nach, sobald ich das hier fertig hab.“
„Gut, dann geh ich alleine“, sagte Jeff enttäuscht.
Jerry war im Grunde kein Anhänger derber Sprüche. Aber wenn er wirklich einmal schlechte Laune hatte, dann war es ratsam, das Weite zu suchen.
Jeff holte sein Fahrrad aus der Garage, setzte sich Kopfhörer auf und trat in die Pedale.
`Wenn ich mich beeile, dann schaff ich es vielleicht gerade so bis zum Anpfiff und kann noch Musik hören´, dachte er. Erst vor drei Tagen hatte er sich neue Lieder runtergeladen.
Rasch durchquerte er sein Viertel und bog nach rechts auf die Hauptstraße zum Fußballstadion ab. Einige Meter hinter der Kreuzung stand am Straßenrand eine schwarze Limousine. Jeff blickte nach hinten, ob Autos kommen. Die Straße war frei und er machte einen Schlenker nach links, um die Limousine zu umfahren. Doch gerade in dem Augenblick setzte sich das Fahrzeug in Bewegung. Mit einem Ruck versuchte Jeff auszuweichen – aber es reichte nicht. Er wurde erfasst und auf die Gegenfahrbahn geschleudert. Jeff landete genau in der Spur von einem Autobus, der aus entgegengesetzter Richtung kam. Der Busfahrer trat auf die Bremse, dass die Reifen quietschten. Aber das tonnenschwere Ungetüm hatte viel Schwung, rutschte trotzig weiter und begrub Jeff mit seinem Fahrrad unter sich.
Auf dem weißen Kissen bewegte sich Jeffs Kopf langsam hin und her. Benommen versuchte er die Augen zu öffnen. Die Augenlider zitterten zwar leicht, aber dann sank er wieder in den Tiefschlaf. Ein paarmal geschah es so, während er allmählich aus der Narkose aufwachte. Endlich drangen die ersten Lichtstrahlen bis in sein Bewusstsein. Wie durch einen Nebel nahm er seine Umgebung wahr.
`Ich bin in einem hellen Zimmer. Liege in einem Bett. Aber, was mach ich hier?´
Draußen wurde es dunkel, gedämpftes Licht beleuchtete die Wände. Am Bettende nahm Jeff Umrisse von Menschen wahr.
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