Was für ein Zufall, ein Wink des Schicksals, der ihr diese Kostbarkeit in die Hände gespielt hatte.
Sie war mit ihren Eltern in Kalatharan gewesen, einer abstoßenden, hässlichen, stinkenden Stadt mit abstoßenden, hässlichen, stinkenden Menschen. Es war ihr erster Besuch gewesen, in diesem, ihr fehlten die Worte diese Abscheulichkeit zu beschreiben, und bei den Elementen, hoffentlich ihr letzter.
Ein ungebildeter, stinkender Mann hatte es dabeigehabt, ein fahrender Händler. Sie hätte nie mit ihm gesprochen, doch er hatte sich aufgedrängt, auf typisch kalatharanisch, primitive Weise. Zumindest ging Ilahja davon aus, dass dieses Verhalten typisch war für die Einwohner dieser Stadt.
Im Nachhinein war sie ihm dafür dankbar, sehr sogar. Sicher, sein Geruch hatte Übelkeit in ihr hervorgerufen, aber es war es wert gewesen, hundertfach.
Sie schritt durch Myragon, eine Stadt deren Schönheit ihr erst heute bewusst wurde. Die ganze Stadt lag unter einer Kuppel aus Wassermagie, die ihre Einwohner vor der sengenden Sonne schützte.
Vor langer Zeit war dies eine reiche Stadt gewesen, umgeben von Wiesen und Weiden, Auen und Wäldern. Diese Stadt kannte Ilahja nur aus Geschichten. Denn im Jahre 0 rebellierten größenwahnsinnige Menschen des barlonischen Imperiums gegen einen Gott, dessen Namen niemand mehr kennt. Mit Hilfe anderer Götter, Priestern, Magiern, einem Heer und irgendwelchen Helden besiegten sie diesen Gott. Leider nicht bevor der die Rotation der Welt derart verlangsamt hatte, dass eine Seite nun immer zur Sonne zeigte.
So erzählte es zumindest die Legende. Ilahja hatte wenig mit den Göttern am Hut, wie die meisten Myragonen. Sie waren ein gebildetes Volk, der Magie und Wissenschaft verschrieben.
Unleugbar war allerdings die Tatsache, dass die wundervolle Stadt Myragon nun Nahe des Tagpols lag, wo es am heißesten war. Außerhalb der Stadt gab es keinerlei Leben, nur Wüste.
Da allein der magische Schild die Sonne davon abhielt alles zu verbrennen und Nahrung auch nur mit Hilfe von Magie erschaffen werden konnte, war jeder Einwohner Myragons ein Magier.
Sie musterte die Menschen, die an ihr vorbeischritten. Sie alle waren gepflegt, wohlriechend, gesittet. Die Kleidung aus magischer Seide glänzte im, durch den Schild gedämpften, Sonnenlicht. Jede Robe, jedes Kleid, jede Hose, jedes Hemd bestand aus dieser speziellen Seide, was jedem Myragonen einen Glanz verlieh.
Ilahja war so glücklich hier geboren zu sein und nicht in Kalatharan.
Endlich hatte sie ihr Zimmer erreicht und versteckte schnell ihren Schatz. Es war noch Wachzeit, viel zu gefährlich, sie musste sich bis zur Schlafzeit gedulden.
Ungeduldig, fast schon panisch hatte sie das Schlafmahl herbeigesehnt. Ungebührlich schnell hatte sie aufgegessen, was ihr einen tadelnden Blick der Mutter eingebracht hatte.
Nun saß Ilahja auf ihrem Bett und schlug mit rasendem Herzen die erste Seite auf. Das durch den Schild bläulich gefärbte Sonnenlicht erhellte die erste Seite:
‚Die Kunst der Balrass-Beschwörung.‘
Die Handschrift war hässlich, passend zu der primitiven Sprache in der sie verfasst war – Die Sprache der Kalatharaner, die eigentlich keine Sprache war, sondern ein Dialekt des Solit.
In der ersten Schule, die lediglich 8 Jahre dauerte, lernte jeder Myragone die Sprache Kalatharans. Sie hatte es gehasst, nichts Schönes war daran. Aber leider verband Myragon nur eine einzige beständige Elementarader mit dem Rest der Welt. Und diese eine Ader führte eben ins Herz der Abscheulichkeit.
Doch diese Widerwärtigkeit hatte schnell ihren Geist verlassen und sie begann wieder die Worte aufzusaugen, die verbotenen Worte, die dieser Welt vor 2000 Jahren so viel Leid gebracht hatten.
Magie muss Grenzen haben, verkündete heute jeder myragonische Magier. Ilahja teilte diese Ansicht nicht. Nicht die Magie war gefährlich, nur der, der sie zum Schlechten anwendete. Vielleicht konnte man auch mit der Balrass-Beschwörung Gutes tun? Warum nicht?
Der Geist der jungen Magierin raste wahnsinnig schnell und doch viel zu langsam durch völlig neue Gebiete, wie ein Tier, dem man die Freiheit geschenkt hatte.
Die Stille der Schlafzeit erlaubte es ihr, sich ungestört dem Bann des Buches zu ergeben und erst das Rufen ihrer Mutter zum ersten Mahl des Tages, riss sie zurück in die Realität und sie bemerkte, nachdem sie das Buch wieder versteckt hatte, wie unglaublich müde sie nun war.
Der Wächter
Im Jahr nach dem Tod des Einen 9334
Der Alltag hatte Yorin wieder und er genoss ihn. Die Schlafzeit durfte er wieder im Haus verbringen, doch wenn er es wollte, durfte er auch bei seinem Schriikar bleiben. Wenn er es wollte, durfte er sogar den ganzen Tag im Stall verbringen, außer natürlich Vaters Freund war da. Dann musste er mit diesem Schwertkampf üben.
Der Junge mochte den Freund seines Vaters nicht, er hatte eine hässliche Narbe im Gesicht, die von der Augenbraue über sein komplett graues Auge, bis zum Mund hinunterführte. Die Lippe war völlig vernarbt. Er sprach sehr unverständlich und ständig lief ihm Speichel aus dem Loch, wo ein Stück Lippe fehlte.
Aber am schlimmsten an ihm, fand Yorin, war seine Art. Er brüllte den Jungen ständig an, wenn diesem das Holzschwert mal wieder zu schwer wurde oder er nicht so stand, wie der andere es haben wollte.
Nach jeder Übungsstunde gab Vater seinem Freund viel Essen mit, weshalb Yorin und seine Eltern viel weniger zu essen hatten als früher. Der Junge mochte den sabbernden Narben-Mann nicht, ganz und gar nicht.
Yorin hatten damit begonnen eine Sprache für sich und Wind, wie er seinen Schriikar getauft hatte, zu entwickeln. Sie begannen mit einfachen Worten und Yorin merkte bald, dass Wind viel schlauer war als der blöde Hund vom Nachbarsjungen Fohl. Fohl gab immer mit den Kunststückchen an, die sein Köter konnte. Warte nur, dachte Yorin, du wirst Augen machen.
Der Junge konnte sich gar nicht mehr daran erinnern, warum er anfangs Angst vor seinem Schriikar gehabt hatte, er war nun sein bester Freund, dessen war er sich sicher.
Der Wanderer
Nachdem ich geweint, gelacht, geflucht und gewimmert habe, habe ich mich wieder gefangen.
Die letzten Stunden habe ich damit verbracht, das nötigste zum Überleben zu sammeln: Wasser, Nahrung und Feuerholz, um Tiere während der Schlafzeit fernzuhalten.
Das dumme am Feuerholz ist nur, dass ich nicht gut darin bin dieses ohne Feuerzeug zu entzünden. Die fast vollständig verblasste Erinnerung an mein Überlebenstraining im Kloster leistet nur geringe Dienste.
Ich schlage die Augen auf. Der sorgfältig gestapelte Haufen Holz liegt vor mir, freudig drauf wartend angezündet zu werden.
„Bist du glatt beim Feuer machen eingepennt – Du Held.“
Ich bemerke, dass ich mich an die Selbstgespräche gewöhne und entscheide, dass dies in meiner Situation mehr als normal sei.
Während des Schlafes ist mir eine Idee gekommen. Ich tränke ein Tuch in Wasser, binde es mir vor den Mund und nähere mich der fröhlich strahlenden Rüstung. Mein nie gebrauchtes Kampfmesser steckt noch in der Scheide an der Oberschenkelpanzerung.
Ich ziehe es schnell und leise heraus, als ob die Rüstung aufwachen und mich angreifen könnte.
Mit dem Messer trenne ich die Innenseite der Rüstung auf. Ich nehme die Batterie aus Ihrem Fach und reiße mit einem kräftigen Ruck an den Kupferleitungen einen großen Teil des Innenlebens meiner Panzerung heraus.
Mit meiner Beute in Händen entferne ich mich schnell von dem strahlenden Biest, bevor mir die Eier rösten.
Das wäre ein Gag: Ich suche mir eine schöne Frau und Gründe eine Familie. Soll sich doch in 5000 Jahren ein anderer um die Welt kümmern.
Wie mit einem Dolch gestoßen, drängen Bilder in meinen Geist. Ich sehe meine Mutter, von Balrass zerrissen, meinen Vater, meine kleine Schwester, die weinend neben ihren Kadavern kniet.
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