Eigentlich tue ich den Leuten unrecht. Die Bockwurst und auch der Kaffee waren astrein, und ich weiß wirklich nicht, ob die Lösung der anderen, neueren Raststätten mit ihren gastronomischen Filialen der großen Fastfood-Anbieter und ihrem vorgefertigten Einheitsessen wirklich ein Fortschritt sind. Zuhause gehe ich auch nicht in solche Läden… Außerdem haben die das mit den fotografierten Speisen erfunden, braucht man eben keine Sprachkenntnisse mehr… Aber interessant! Sprachkenntnisse zwar überflüssig aber wie sieht es denn mit den Kenntnissen über unsere Leitkultur aus? Im Prinzip hätte ich doch gar keine Bockwurst essen dürfen! Karfreitag! Okay, das Abendmahl gestern in der 'Mühle' war für einen Gründonnerstag grenzwertig aber immerhin Abendmahl…, heute nun absolute Abstinenz Herr Hallstein! Schöne Aussichten.
Bruno ist froh, das ihm so wichtige Fragen einfallen, lenken sie doch ein wenig von der zulässigen Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h ab und unterdrücken die aufkommende Müdigkeit. Nach dem Abzweig Wittstock ist damit endlich Schluss und er kann auch mal auf die Tube drücken, so als freier Bürger. Die Verkehrsdichte hat deutlich abgenommen, es sind doch viele weiter Richtung Rostock gefahren. Die Sonne teilt sich den blauen Himmel mit dicken weißen Wolken und ein zunehmender Wind sorgt dafür, dass beide abwechselnd die Oberhand gewinnen, mal Wolke, mal Sonne. Das ist für Bruno nun auch wieder etwas lästig, da er dauernd die Sonnenbrille auf- und wieder absetzen muss, naja, es gibt Schlimmeres. Zum Beispiel, dass die Sendeleistung seines geliebten Berliner Stammsenders nun nicht mehr ausreicht, und der automatische Suchlauf nach einigen Sekunden bei einem Radiokanal aus Mecklenburg-Vorpommern hängen bleibt. Die Moderatorin schafft es innerhalb von zwanzig Minuten gefühlte zehnmal zu erklären, dass dieser Sender der beste in McPomm sei und die abwechslungsreichste Musik der Welt spiele, also Oldies und Pop, auch mal was auf Deutsch, ziemlich genau das, was schätzungsweise siebenhundert andere Sender auch bringen. Es fehlt auch nicht an Meldungen über Blitzer und das derzeitige Wetter. Bruno schaltet um auf CD und ist überrascht, dass er immer noch die alte Hubert-von-Goisern-Platte drin hat, bestimmt schon länger als drei Jahre. Da hat er jetzt aber auch keine Lust drauf, und so stellt er das Radio ganz aus. Am Abzweig Schwerin verlässt er die A24 und fährt auf die A14 Richtung Wismar. Jetzt ist er fast völlig allein auf der Straße, muss allerdings wieder eine vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit beachten. Erst ab Schwerin hat er freie Fahrt und fliegt mit über 180 km/h über das graue Band.
Fahr 'n, fahr 'n, fahr' n, auf der Autobahn.
Vor uns liegt ein weites TalDie Sonne scheint mit GlitzerstrahlDie Fahrbahn ist ein graues BandWeiße Streifen, grüner RandJetzt schalten wir das Radio anAus dem Lautsprecher klingt es dann:Wir fahren auf der Autobahn . . .
Kraftwerk, ob es die überhaupt noch gibt? Müsste ich mal recherchieren. Sowas habe ich noch nie in den letzten zwanzig Jahren im Radio gehört. Ist doch auch ein Oldie aber wahrscheinlich zu avantgardistisch, kein Mainstream… Naja, über Geschmack lässt sich trefflich streiten, besonders Musikgeschmack…
Am Autobahnkreuz Wismar wechselt er auf die A20 und fährt nun Richtung Lübeck. Die Ostsee liegt zur rechten Hand und der Wind macht sich immer stärker bemerkbar. Bruno muss sich wegen der seitlichen Böen konzentrieren, auch weil der Verkehr hier wieder wesentlich dichter ist. Kurz vor Lübeck muss er ohnehin runter vom Gaspedal, wieder mal Begrenzung, diesmal100 km/h. Nach weiteren zehn Minuten hat er endlich die letzte Autobahnetappe erreicht, er wechselt auf die A1 Richtung Puttgarden. Auf der rechten Seite sind kurz die Kirchtürme der Stadt Lübeck zu sehen. Bruno erinnert an einige berufliche Aufenthalte in dieser Stadt, die mit ihrer imponierenden hanseatischen Kulisse über mehr Authentizität und Wohlfühlpotential verfügt, als so manche ihrer gelobten und berühmteren Schwestern aus den Reisekatalogen. Bruno war jedenfalls immer sehr gerne hier und hätte sich sogar vorstellen können, hier zu leben.
Er ist gut in der Zeit und rollt jetzt mit dem Verkehr mit, bleibt ihm auch gar nichts weiter übrig, die drei Spuren sind voll. Erst nachdem sich ein Großteil der Autos Richtung Travemünde verabschiedet hat, entspannt sich die Verkehrslage etwas, allerdings stehen auch nur noch zwei Fahrstreifen zur Verfügung. Bruno versucht es noch einmal mit dem Radio und findet prompt den besten Sender der Region, mit der größten Musikvielfalt, Oldies, Pop, auch mal was auf Deutsch, nicht zu vergessen, mit den meisten Blitzern.
Igitt, welch ein Satz, 'Bei uns hören Sie die meisten Blitzer'…, wenn das die Brüder Mann erleben müssten…, dazu ein Auslösegeräusch, das mich an meine erste Spiegelreflexkamera von 1970 erinnert. Ob die hier wirklich so alte Kameras bei der Geschwindigkeitsüberwachung einsetzen? Dann würde der Satz ja wieder Sinn machen, bei uns hören Sie die Blitzer, leider nicht alle aber die meisten…
Bruno verlässt die Autobahn bei der Ausfahrt Scharbeutz und biegt dann in die schmale Kreisstraße ein, die ihn direkt nach Lütjenbrook führt. Etwa zwei Kilometer nach dem Ortseingang liegt auf der linken Seite das Haus seines Cousins, etwas abseits und von einer mindestens zwei Meter hohen Lorbeerhecke umrahmt. Bruno beschließt aber, erst mal sein Quartier aufzusuchen, um seine Koffer auszupacken und sich etwas frisch zu machen. Im Vorbeifahren kann er erkennen, dass ein grüner Golf in der Auffahrt steht. Das Kennzeichen kommt ihm bekannt vor. Er ist sich sicher, dass er diese Nummer schon mal gesehen hat, aber eigentlich kann das auch nicht sein, Ostholsteiner in Berlin, wohl eher selten. Er wohnt wie immer bei Trude Langfeld, einer älteren Dame, die seit dem Tod ihres Mannes vor einigen Jahren in dem für sie viel zu großen Haus zwei Gästezimmer vermietet, die ehemaligen Kinderzimmer. Frau Langfeld ist eine sehr aufgeschlossene Frau, die an fast allem interessiert ist, was um sie herum passiert, und obwohl sie schon über achtzig ist, steht sie noch voll im Leben. Sogar einen Computer hat sie sich vor zwei Jahren zugelegt und war sehr dankbar, dass Bruno ihr damals bei der Inbetriebnahme geholfen hat. Auch die ersten Schritte hat sie bei ihm gelernt und war sehr stolz, als sie die erste E-Mail verschickt hat, natürlich an Bruno. Die Begrüßung fällt sehr herzlich aus, Frau Langfeld freut sich wirklich. Bei der kurzen Umarmung spürt Bruno den mageren Körper der zierlichen Frau, die aber gar nicht zerbrechlich wirkt, eher drahtig.
"Ich habe gerade frischen Kaffee bereitet. Wie wär 's mit einer Tasse?"
"Sehr gerne, Frau Langfeld, Kaffee kann ich jetzt gut gebrauchen. So eine Autofahrt strengt doch an, da merkt man, dass man nicht mehr fünfzig ist."
"Och, Sie Jungspund, was soll ich denn sagen? Ich fahre schon seit Jahren nicht mehr selber Auto. Die Augen, wissen Sie? Ich habe einmal fast ein Schulkind angefahren. War Schietwetter und die Kleine hatte auch dunkle Plünnen an, aber ich hätte mir ewig Vorwürfe gemacht. Da bin ich am nächsten Tag zum Bürgermeister und habe meine Pappe offiziell zurückgegeben. Paar Tage später kam er nochmal mit Blumen und hat einen jungen Mann mitgebracht. Der musste dann Fotos für unser Käseblatt machen, von mir und dem BM Maas, wie ich ihm den Führerschein übergebe. Ich glaube ja, der wollte ein bisschen Reklame für sich machen, war damals kurz vor der Wahl. Ich will ja nichts gegen Ihren Cousin sagen, aber die sind doch alle so. Lassen sich gerne ablichten, wenn ein Kindergarten eröffnet wird, so als hätten sie ihn persönlich bezahlt und gebaut, oder wenn die Sparkasse einen ganzen Baum gespendet hat, dann zeigen sie sich alle gerne mit einem Spaten und tun so, als würden sie das zarte Bäumchen im Gegenwert von 19,95€ gerade einpflanzen. Dabei siehst du ganz genau, der und der haben noch nie einen Spaten in der Hand gehabt, und der Spaten selbst ist so blank, der hat noch nie einen Krümel Erde gesehen, da kannst du von essen. Ist doch wahr. "
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