Roma sind musisch begabt. Tanzen und singen, spielen schon früh ein Instrument. Mit Musik zu sagen, was keine Worte braucht. Sich selbst zur Freude und um Geld zu verdienen für den Lebensunterhalt. Ich spielte die Geige auch für mich, in jeder freien Minute. Wusste schon bald, Musik ist mein Leben. Träumte schon als Kind, ein berühmter Geiger zu werden. In aller Welt bekannt und geliebt. Überall da, wo wir waren und noch sein werden. Andere handwerklich begabt, versiert im Schmieden und Reparieren von Kupfergeschirr. Frauen im Nähen neuer und Flicken zerrissener Kleider. Aus Karten und Handlinien die Zukunft zu lesen. Versiert im Fach alle und trotzdem verachtet.
In katholischen Ländern besuchen wir die Messe jeden Sonntag. Seit ich denken kann, ist meine Familie katholisch. Und trotzdem mögen uns Katholiken nicht. Weil wir anders sind. Fremde, die man meiden muss. Sie könnten Krankheiten übertragen, Babys stehlen. Den Teufel beschwören und Unglück bringen. So wie wir aussehen mit unserer dunklen Haut, den schwarzen Augen.
Roma existieren praktisch nur in Melderegistern. Mit blauer Tinte eingetragene Namen. Die wir buchstabieren müssen, damit sie sie schreiben können. Beamte sind vom Staat bezahlte Maschinen, kommt mir vor. Eingestellt, zu fragen nach Namen und Daten aller Bürger, die sich melden. In einer Liste registriert, im Stahlschrank sicher verschlossen. Denn Ordnung muss sein im Staat. Wir aber sind und bleiben lediglich Buchstaben in diesen Registern.
In der Gesellschaft als Menschen aus Fleisch und Blut mit Geist und Charakter nicht anerkannt. Weil wir anders sind. Anders aussehen und nicht in Häusern wohnen. Insgeheim aber wünschen, als Menschen wahrgenommen und behandelt zu werden. Jeder einzelne von uns akzeptiert, als Bürger einer Dorf- oder Stadtgemeinschaft. Da es nicht so ist, sind wir gezwungen, von Land zu Land, von Ort zu Ort zu wandern oder in Wagen zu fahren. In der stillen Hoffnung, irgendwo auf der Welt ein Mensch unter Menschen zu sein.
Bunt sind unsere Kleider, aus verschiedenen Stoffen genäht, fantasievoll bestickt, nicht nur aus Not. Denn wir lieben die Improvisation, das Fantastische. Wenn uns andere schon nicht mögen, lieben wir uns selber umso farbenprächtiger. In einigen Ländern Europas nennt man uns deshalb Zigeuner, obwohl wir Roma sind. Zigeuner mag niemand leiden, vielleicht, weil sie sich fürchten. Wie vor allen, die umherziehen. Nicht wie sie in Häusern wohnen. Mit Mauern, Zäunen oder Hecken ringsum abgegrenzte Festungen. Wir Roma hoffen, eines Tages anzukommen, wo man uns bleiben lässt. Häuser bauen, die sich nicht abkapseln. Kein Zaun, keine Hecke. Offen für Jedermann. Österreich scheint uns willkommen zu heißen.
Bei den Habsburgern wird alles geregelt und schriftlich bestätigt. Unterschrieben und gestempelt. In deutschen Landen sollt es noch genauer gewesen sein vor dem Krieg. Bis auf das Tüpfelchen auf dem i. Preußisch korrekt heißt es im anderen Europa und rümpft die Nase. «Leben und leben lassen» die Devise südlich der Alpen.
Immer noch hängen Kaiserfotos an den Wänden der Amtsstuben. Wie vor 1918 hinter jedem Schreibtisch in Büros öffentlicher Verwaltung und Privatunternehmen. Zuhause bei Beamten und Militärs. Sogar in einer Backstube hatte ich eines entdeckt. Als ich mich für eine Lehrstelle bewarb. Aber rausgeworfen wurde vom Gesellen. Preußen waren viel gründlicher als Österreicher. Revoltierten schon vor Kriegsende, sodass ihr Kaiser Hals über Kopf nach Holland floh. Die Bilder seiner Majestät auf der Müllkippe landeten. Bald nach Friedensschluss gründeten sie eine Demokratie nach westlichem Vorbild. Mit Parteien, die verschiedene Interessen vertraten. Für eine Roma-Partei fanden sich nicht genug Mitglieder. Hätten sich genug zusammengetan, wäre sie nicht zugelassen worden. Man hätte uns vorher Wohnung und Pass geben müssen.
Das österreichische Kaiserreich endete ähnlich. Obwohl Kaiser Karl I. sich weigerte, abzudanken. Führte den Titel «Kaiser von Österreich» bis zu seinem Tod 1922. Die neue Republik verwies ihn Ende November 1918 des Landes auf Lebenszeit. Auf den Straßen Österreichs abertausend Menschen. Protestierten gegen Maßnahmen der neuen Regierung. Unzureichend sei die Versorgung von Kriegerwitwen. Aber auch solche, die ihren Kaiser nicht vergessen konnten. In ihren alten Uniformen marschierten. Auf der Brust alle Orden der letzten Kriege. Mein Großvater befürchtete Schlimmes für uns. Militaristen kennten nur befehlen und gehorchen. Ihr Argument: Persönliche Freiheit provoziere nur Ungehorsam.
Vor dem Weltkrieg ging es uns sogar gut. Man ließ uns in Ruhe ziehen, wohin wir wollten. Hauptsache, wir waren friedlich und machten Musik, reparierten Geschirr und anderes. Mag sein, es lag am Erbherzog, der liebte Kultur und Kunst. Veranstaltete Konzerte mit Künstlern aus aller Welt in einem seiner berühmten Palais. Ganz Österreich schien Musik zu sein. Johann Straussʼ Operette «Der Zigeunerbaron» 1885 im Theater an der Wien uraufgeführt. Immer noch ein Kassenschlager. Es schien, als wollten alle Männer eine Zigeunerin zur Frau. Jeder Vorstadtsänger schmetterte die Arie «Mein idealer Lebenszweck ist Borstenvieh und Schweinespeck». Aber auch klassische Musik aktuell. Als ich lesen konnte, erfuhr ich aus der «Kronen-Zeitung» zum ersten Mal von «Jascha Heifetz», dem weltberühmten Geiger aus Amerika. Er kam nach Wien, um Mozart und Alban Berg zu spielen. Klassiker und Neutöner also. Kind jüdischer Eltern, in Russland geboren. Begabter noch als ich. Schon mit sechs Jahren spielte er das Violinkonzert von Felix Mendelssohn Bartoldy. 1917 wanderte er mit den Eltern nach Amerika aus. Bei ihm möchte ich gerne studieren.
Nicht lange und ich bin volljährig
Wie ich es mache, weiß ich nicht. Bald achtzehn und noch kein Mädchen umarmt. Schon gar nicht geküsst. Möchte es aber gern. Neugierig, wie sie schmecken, Lippen von Mädchen. Sehe ich Papa meine Mama küssen. Mädchen sind anders als wir Jungen. Tragen lange Kleider, keine Hosen und Hemden. Ihre Stimmen klingen heller. Kichern und lachen über alles und jedes. Reden unentwegt. Ob sie auch über mich reden? Noch aber hat mich keine angesprochen. Ich selber sah bisher keinen Anlass, eine zu fragen: wie heißt du? Einmal wollte ich es, ließ es aber, als ich sah, wie sehr sie mit sich selbst beschäftigt war.
Löste die Zöpfe, schüttelte ihren Kopf, dass die Haare flogen. Kämmte sie und flocht sie wieder zu einem Zopf. Dachte mir, warum lässt sie sie nicht locker herunter hängen. Dann gefiel sie mir viel besser. Aber deshalb heiraten muss ich sie nicht. Eine Frau muss doch mehr können als Haare flechten. Musik ihr ein und alles sein, wie Musik mein ein und alles ist. Erst, wenn ich eine solche Frau kennenlerne, kann ich sie lieben und heiraten. Ein Rôm eine Rômni. So heißen Mann und Frau in unserer Sprache.
Großvater muss viel gelesen, gehört und behalten haben. Wusste über fast alles Bescheid, auch über uns Roma. Erzählte mir eines Tages, woher wir kommen:
„Du bist einer von Millionen Roma und Sinti, die vor mehr als 600 Jahren von Indien aufbrachen. In Richtung Westen, wo das Leben leichter, das Wetter besser sei. Die Menschen gebildet und neugierig auf Unbekanntes, um es sich anzueignen. Wie die Kunst der Renaissance im 16.Jahrhundert sich die Antike zu Eigen machte. Erinnere Dich an Florenz, wo wir den David Michelangelos bewunderten. Über fünf Meter hoch die Statue. Gemeißelt aus einem einzigen Block Carrara-Marmor. Nach den Regeln antiker Bildhauer in Rom und Athen: Alles, Kopf, Arme, Schulter und Beinstellung, müssen in der Balance sein. Die Statue quasi in sich ruhen.
In Persien blieben die Roma nicht. Ihre Könige sperrten Fremde ein, machten sie zu Sklaven. Oder steckten sie in eine Uniform und schickten sie, ihre Feinde zu töten, Griechen vor allem. Afghanistan schien nur Berge, Täler und Wüste zu sein, leergefegt von Menschen. In Ägypten blieben einige. In der heutigen Türkei ließ «Suleiman der Prächtige» sie sich niederlassen. Ihre Berufe und religiösen Bräuche ausüben. Der Sultan tolerant wie kein anderer zu seiner Zeit. Drei Volksgruppen teilten sich auf dem Weg nach Europa.
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