Als Karl entlassen wurde, war der Sozialarbeiter im Urlaub, von den Gutmenschen, die ja helfen wollten, hat er keinen vor dem Gefängnistor gesehen. Letztlich war alles nur dummes Gequatsche. Wenn bestimmte Normen nicht erfüllt werden, kann es keine Resozialisierung geben.
Die warme Dusche war ein Genuss, die saubere Unterwäsche und zeitgemäße Garderobe machten aus ihm einen neuen Menschen. Die junge Frau mit dem roten Pulli war ihm bei der Auswahl der Klamotten behilflich. Sie war nett zu ihm, Karl meinte etwas zu nett. Er staunte über die Fülle an Kleidung, Decken und Schlafsäcken, die alle geordnet in den Regalen lagen. Zusätzliche gab es jede Menge an Körperpflegeartikeln.
„Sie sind gut versorgt“, sagte Karl und wandte sich an die junge Frau.
„Das sind alles Spenden, wenn Sie einen Obdachlosen sehen, erkennen Sie ihn an der grauen Gesichtsfarbe, an seinen schlechten Zähnen, an seinen Körperausdünstungen und an seiner Alkoholfahne. Sie gehen nicht mehr in Lumpen, wie in früheren Zeiten. Die Armut versteckt sich hinter einer Fassade.“
Karl hörte interessiert zu. Hier sprach jemand, der die Probleme der Menschen am Rand der Gesellschaft kannte. Keine Salon Sozia, die sich gerne reden hörte. Er war überrascht, von den Ansichten der jungen Frau.
„Ihr Beitrag, Ihre Arbeit für die Armen, finde ich großartig, aber er geht an den Ursachen vorbei.“
„Sie haben Recht, aber sagen Sie mir, wie Sie das ändern würden. Wie Sie das Übel an den Wurzeln fassen wollen.“
Sie schaute ihn herausfordernd an und wusste doch, dass er keine Lösung anbieten konnte.
Der Warteraum hatte sich geleert. Karl und die Mitarbeiterin waren alleine. Er wollte Gerade gehen als die Bürotür aufging und der Streetworker auf sie zuging. Sein kleiner schmächtiger Körper steckte in einem überlangen Pullover, der ihm bis an die Knie reichte. Die starken Gläser seiner runden Brille vergrößerten die Augen, was seinem Aussehen keine Sympathie verschaffte. Er trug eine abgewetzte Jeans. Er sah aus, wie ein Demonstrant der APO Bewegung der sechziger Jahre. Er wandte sich an Karl.
„Sie sind ja immer noch hier. Denken Sie daran, das Männerheim nimmt nach 19 Uhr keine Leute mehr auf und wenn Sie die Zeit verpassen, müssen Sie wieder auf einer Bank nächtigen.“
Während er sprach sah er seine Mitarbeiterin an, um sich das Gesagte von ihr bestätigen zu lassen. Karl fragte: „Meinen Sie, dass es immer eine Parkbank sein muss?“
Er dankte der Frau und verließ das Büro. Der Regen hatte aufgehört, die Sonne kam ab und an durch, um am Ende des Tages doch noch einen freundlichen Eindruck zu hinterlassen. Was gab es doch für saublöde Menschen in diesem Beruf. Mit vernünftigen Vorstellungen kamen sie von den Schulen. Sie, diese sozialen Flickschuster der Gesellschaft, machten sich keine Illusionen mehr, betrachteten ihre Arbeit als reinen Broterwerb, nach Möglichkeit mit den Vorzügen des öffentlichen Dienstes und eines sicheren Arbeitsplatzes. Dieser Rasputin war ein Beispiel eines schwierigen Berufsstandes.
Karl musste sehr weit laufen. Das ´Gästehaus´ der Stadt lag weit draußen, so wie die Gefängnisse, Irrenhäuser und Friedhöfe dort angesiedelt waren. Der rote Klinkerbau hatte einige Jahrzehnte auf dem Buckel, er war alt, abgenutzt und hässlich. Ursprünglich war er für die Ausbildung und Unterbringung der preußischen Kadetten gebaut. Als man keine Helden mehr brauchte, wurde daraus ein Militärkrankenhaus für Langzeitpatienten, um schließlich Männern, verschuldet oder unverschuldet, eine Bleibe zu geben.
Über dem Eingang war noch der preußische Adler in Stein zu erkennen, dem allerdings der rechte Flügel abhandengekommen war. Als Karl an seinem Zuhause ankam, fand er eine lange Menschenschlange vor, die sich kaum bewegte. Vor ihm stand Jemand, der aus einem Flachmann immer wieder einen kräftigen Schluck nahm, sich den Mund abwischte und sich eine selbstgedrehte Zigarette anzündete. Als er merkte, dass er nicht mehr der Letzte in der Schlange war, drehte er sich um, schaute Karl aus listigen Augen an und meinte: „Bruder wo kommst du her? Du siehst ja noch ganz passabel aus.“
„Ich komme aus dem Knast und du musst wissen, dort wäscht man sich jeden Tag“, sagte Karl.
Der Angesprochene lachte und meinte: „Schön, wie du das gesagt hast, aber weißt du, der Dreck auf der Haut hält warm und schützt meinen inneren sauberen Kern.“
Er lachte und zeigte seine blendend weißen Zähne. Karl musste auch lachen. Er hatte das Gefühl, dieser Mensch hat noch nicht oft hier gestanden. Sein Äußeres hatte schon etwas gelitten aber sonst war nichts Auffälliges an ihm zu bemerken.
„Ich trinke meinen Flachmann leer, weil ich in so ein elegantes Haus keinen Alkohol mitbringen darf. Wenn du die Suiten siehst, wirst du das verstehen.“
Vorne am Eingang entstand ein heftiger Disput, der in eine handgreifliche Auseinandersetzung auszuarten drohte. Ein bulliger, über und über Tätowierter, wollte seine Schnapsflasche, die er in der Innentasche seiner Jacke versteckt hatte, mit in die Herberge nehmen. Er wurde von zwei autorisierten, großen Männern kurzerhand verjagt.
„Hast du das gesehen?“, fragte der Vordermann und schaute Karl über die Schulter an.
„Ich habe es gesehen.“
„Man kann besoffen sein, das spielt keine Rolle, man darf eben keinen Alkohol mitbringen“, sagte sein Vordermann.
Nach und nach kamen beide an der ´Himmelspforte´ an. Ein beleibter Glatzkopf hinter einem Schalter fragte nach dem Ausweis und verlangte 2DM. Karl hatte kein Geld und auch keinen Ausweis. Er griff in seine Brusttasche und reichte dem Dicken seinen Entlassungsschein. Der schaute kurz auf das Datum der Entlassung. Die Rückseite bekam einen Stempel, ein Datum und die Unterschrift des Pförtners. Wer sich duschen oder seine Kleider in Ordnung bringen wollte, der musste in den Keller. Die Anderen bekamen Zimmer zugewiesen, die für zwei Personen gedacht waren. Sie waren etwa so groß, wie eine Gefängniszelle, mit zwei Stockbetten, einem Schrank, Tisch und zwei Stühlen ausgestattet. Die sanitären Einrichtungen befanden sich auf dem Flur. Es gab einen großen Speiseraum, der einen Fernseher auf einer hohen Holzkonstruktion hatte und auch als Aufenthaltsraum diente. Wer Geld hatte, konnte eine warme Mahlzeit bekommen, wer nichts hatte, bekam nichts. Dauergäste lebten von der Stütze, ihre Lebenserwartung lag statistisch unter der Norm. Viele hatten jahrelang unter freiem Himmel gelebt, was nur mit Alkohol zu ertragen war.
Karl hatte sich zu einem Gespräch beim Sozialarbeiter des Hauses eintragen lassen. Er begutachtete sein Bett und wollte gerade sein Zimmer verlassen, als die Tür aufging und der Leidensgenosse, den er draußen kennen gelernt hatte, das Zimmer betrat.
„Was für eine Überraschung“, sagte Karl und war froh, jemanden im Zimmer zu haben, den er schon etwas kannte. Der kam auf ihn zu, gab ihm die Hand und stellte sich vor: „Otto Krämer, ehemaliger Bankmensch, verheiratet, zwei Kinder, geschieden und mittellos.“
Er verbeugte sich leicht, wobei er das Gesagte mit Ironie und spöttischem Unterton belegte. Karl war nicht weniger ironisch, auch er verbeugte sich und bemerkte: „Karl Hent, ehemaliger kaufmännischer Angestellter, ledig, Knastbruder und kein Geld.“
„Da haben sich ja zwei komische Vögel getroffen“, sagte Otto Krämer, warf seine Plastiktüte aufs Bett, setzte sich auf einen Stuhl und überschaute mit düsterer Miene seine momentane Situation.
„Komisch mag ja richtig sein, aber Vögel, ich weiß nicht.“
Karl glaubte jemanden gefunden zu haben, der auf seiner Wellenlänge lag. Otto war ein Skeptiker und in seinem Verhalten eher vorsichtig. Er war schon einige Male hier gewesen und bestohlen worden. Otto wusste auch, dass sich in Häusern wie diesen der Kaffeesatz der Gesellschaft finden ließ. Wer das, was man hier fand, seinen Lebensmittelpunkt nannte, hatte kaum eine Möglichkeit aus diesen Verhältnissen auszusteigen.
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